Dieser üble dünne, vierfach entfärbte Scheiß

„Verpisst euch doch einfach, wenn ihr dies am Bildschirm lest! Ich rede nur, wenn man mich mit beiden Händen packt. Papier aus Zellstoff, Deckel aus Pappe und Leinen, Faden aus Fadenzeugs oder – woraus wird der Einband gemacht? – aus Haaren und Gemüsefasern, mit Leim aus eingekochten Pferdehufen? Das Taschenbuch war schon Kompromiss genug. Und das ist jetzt aus mir geworden: Rücken aus Papier, Extremitäten aus Papier, das Hirn aus zerknülltem Billigpapier, letzte Zuflucht der Verleger vor ihrer Kapitulation vor dem Touchscreen, dieser üble dünne, vierfach entfärbte Scheiß, 100-prozentig säurefreier Recyclingmüll.“

(Joshua Cohen, Buch der Zahlen)

Ich lese gerade Die Brüder Karamasow, in einer alten Paperback-Ausgabe vom Grabbeltisch eines Flohmarktes. Gebrauchte Taschenbücher vom Flohmarkt sind immer eine hübsch niedrigschwellige Option, um verpasste Weltliteratur wegzulesen. Oder um überhaupt zu lesen. Den Karamasows widme ich mich auf diese Weise nun bereits im dritten Anlauf. Bisher war ich nie über die ersten hundert Seiten hinausgekommen. Ach, der alte Dostojewski und seine weltanschaulichen Kopfschmerzen … Dmitri heiratet Katerina, liebt aber Gruschenka. Iwan liebt Katerina. Aljoscha liebt alle und alle hassen den Vater. Wer hat Schuld? Ist Gott gut oder böse? Warum gibt es Gluten? Die Antwort lautet: Weizen, Weizen, Weizen! Drücken Sie mir doch bitte die Daumen, dass ich dieses Mal bis zum Ende durchhalte! Danach widme ich mich dann vielleicht auch wieder aktuelleren Werken. Über das vor kurzem auch auf deutsch erschienene Buch der Zahlen habe ich zum Beispiel schon Erstaunliches vernommen. Ein Epochenroman soll das sein, eine Sprachexplosion, ein Informations-Tsunami, das nächste große Ding, ach was: der Ulysses des digitalen Zeitalters! Was die Lautstärke angeht, scheinen einige Buchverlage heute mit den Verkäufern auf dem Hamburger Fischmarkt konkurrieren zu müssen. Genies und Sensationen gibt es dort im Sonderangebot. Ich warte dann doch lieber, bis der mächtige Epochenroman auf dem Grabbeltisch gelandet ist. Bücher halten sich schließlich auch auf billigem Papier noch etwas länger als Fisch.

Weizen

Eine etwas ruhigere Marketingstrategie fährt der Verleger Götz Kubitschek*. Er lässt ganz einfach seine Ehefrau auf YouTube die hausinternen Produkte beim einsamen Schein einer Kerze anpreisen. Den Bestseller Finis Germania erklärt Frau Kubitschek (bzw. Kositza) dort u.a. zu einem „erstklassigen, tiefschürfenden und weitblickenden Werk“ und dessen Autoren Rolf Peter Sieferle so: „Er war nicht nur nicht umstritten, ich würde sogar sagen, das, was er hier schreibt, ist unbestreitbar“. Das Ende von Deutschland ist also keine Explosion, kein Tsunami und auch kein neuer Ulysses, sondern einfach nur die reine, unbestreitbare Wahrheit. Da haben Sie’s. Finis Logika. Unbestreitbar ist zumindest der Erfolg von Kubitscheks Verlag Antaois, trotz (oder gerade wegen?) des sedierten Charmes der Verlegergattin, zu der mir gerade nur ein Wort einfällt: Reichswasserleiche. So lautete einst auch der Spitzenname der Schauspielerin Kristina Söderbaum, weil sie in den Filmen ihres Ehemanns Veit Harlan gerne mal pathetisch ins Wasser ging. Die beiden galten damals als Traumpaar des nationalsozialistischen Opferkitsches. Der blasse, vierfach entfärbte Aufguss davon verlegt heute tiefschürfende Bücher auf einer Ritterburg in Sachsen-Anhalt. Wer hat Schuld? Weizen, Weizen, Weizen! Und immer wieder: Holladrio!

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2 Kommentare zu „Dieser üble dünne, vierfach entfärbte Scheiß

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