Holladrio! (Heimatkunde und Kopfkino)

„Und wir lieben die Heimat, die schöne
und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört …“
(aus dem Gesangsbuch der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“)

„Wakanda forever!“
(Black Panther)

Die Menschen rennen durch die Stadt, vermummt und eingewickelt wie Polarforscher. Dabei halten sich die meisten von ihnen höchstens fünf Minuten am Tag im Freien auf, den Rest der Zeit verbringen sie in muffelnd überheizten Zügen und Büros, wo sie sich gegenseitig die Bazillen ins Gesicht husten. Husten ist Heimat, assoziiere ich spontan. Nein, anders: Heimat ist eine Petrischale, in der sich Bakterienkulturen ruhig und in Frieden vermehren können. Irgendwie unappetitlich, oder? Weshalb nur wird derzeit überall der Begriff der Heimat diskutiert? Ist der Leidensdruck, das Gefühl der Entwurzelung und Überfremdung hierzulande derart groß? Worin, glauben Sie, besteht in dem Zusammenhang wohl der Unterschied zwischen dem fiktiven Wakanda und dem Königreich Ur? Nun, es gab und gibt in der Menschheitsgeschichte Völker, die tatsächlich entwurzelt, verschleppt, ihrer Identität und Würde beraubt und – teilweise über Jahrhunderte hinweg – versklavt wurden. Und dann gibt es die Deutschen. Die wurden, nachdem sie im Wettbewerb der Kolonialisten und Völkermörder irgendwann den Kürzeren zogen, mit fremder Hilfe als wohlhabende Frontstaaten wieder hochgepäppelt und brauchen jetzt plötzlich ein Heimatministerium. Wozu? Als Rache für Oma Erna, die 1945 mit dem Bollerwagen aus Schlesien flüchten musste? Wahrscheinlich einfach nur als nostalgisch-identitäres Vehikel. Denn was ist der deutsche Sehnsuchtsort „Heimat“ anderes als die verlogene Erinnerung an eine Kindheit in verschiedenen Systemen, wahlweise im Schützengraben, in der Pionierorgansiation oder beim Gottesdienst im Hunsrück. Dabei duftet Mutterns Apfelkuchen tröstend aus der Ferne. Holladrio!

P.S. Ein Heimatfilm, der meine Werbung ganz sicher nicht nötig hat, ist „Black Panther“. Ich möchte ihn hier dennoch wärmstens empfehlen. Neben der politischen Dimension ist diese millionenschwere Superhelden-Saga nämlich vor allem auch ein extrem unterhaltsames und visuell überragendes Spektakel.

 

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