Schwarz und weiß

„Na gut, dachte ich, schreib ich erst mal einen Text. Aber worüber? Ich wertete alle Wettbewerbsbeiträge der Vergangenheit aus. Ein guter Beginn war eine Landschaftsbeschreibung, wo ein Schwarm Vögel in einem schweren Metaphernsalat über den Himmel flog. Dann kamen zwei Seiten nebelhaftes Tasten, dann die Hauptfigur, die auch ein Gegenstand oder Pilz sein konnte. Der Pilz guckte aus dem Fenster und machte sich Gedanken über das, was er gesehen hatte, sowie die Unmöglichkeit, es zu reflektieren. Die Gedanken zerfallen im Pilz wie modrige Morcheln. So ähnlich. Nach etwa drei Vierteln des Textes konnte man sagen, worum es ging. Gut waren ein fehlender Vater, fehlende Liebe, fehlende Übersicht oder ein Loch in der Häuserzeile, wo vor vielen Jahren mal ein Jude drin gewohnt hatte. Der Jude hatte ein Schicksal der Verfolgung erlitten – nicht sehr originell – aber das war Vorschrift. Eine Theologie- oder Judaistikstudentin entdeckte seine Aufzeichnungen, die mit abgebrannten Streichholzstummeln auf Butterbrotpapier gekratzt waren, spürte dem Elend nach und wurde von Hooligans erschlagen. Das alles fiel mir nicht schwer, ich schrieb einen tollen Riemen, den ich an Klaus Nüchtern schickte. Das war der Juror. Nüchtern rief mich sofort zurück und sagte, er habe schon meinen Roman toll gefunden, und an diesem Texte könne man sehen, wie hervorragend ich schreiben könne, aber es sei ja wohl der komplette Stuss. Also schickte ich einen anderen Text, der ging dann.“

(Wolfgang Herrndorf, Klagenfurt)

blackandwhiteball

Ich wollte eine Geschichte über ehemalige Freunde schreiben. Natürlich hätte ich die Namen geändert, die Schauplätze variiert und verschiedene Biographien kreativ miteinander vermischt. Der Bezug wäre für die Betroffenen aber eindeutig erkennbar geblieben. Die ehemaligen Freunde in dieser Geschichte wären Autoren, Redakteure, Dramaturgen oder einfach nur Künstler gewesen, ihr Alter etwa zwischen 40 und 50. Sie alle hätten eine bohemehafte Ostberliner Jugend erlebt, deren Schwung und Lebensfreude sich jedoch im Laufe der letzten Jahre zwischen Bitterkeit und Alkoholismus immer mehr aufzulösen schien. Je älter sie wurden, desto selbstgerechter wurden sie und desto mehr fürchteten sie gleichzeitig den eigenen Bedeutungsverlust. Ja, es gab sie noch, die alten Kontakte, aber die Nestwärme lies deutlich nach. Sie waren die Kinder oder Großcousinen bedeutender Kulturschaffender oder Politiker gewesen, vielleicht sogar die Enkel von von Bertolt Brecht. Sie hatten noch immer einen Namen, auch wenn ihre Umwelt immer weniger damit anzufangen wusste. Sie versicherten sich noch immer ihrer gegenseitigen Zuneigung und Treue, neideten sich insgeheim aber jeden noch so kleinen Erfolg. Die Luft wurde dünner, das spürten sie, und sie schoben es auf den Konkurrenzkampf und die gesellschaftliche Kälte. Ihre Informationen bezogen sie aus der ZEIT, alles andere war nicht seriös. Sie legten viel Wert auf Geschmack und auf Nachhaltigkeit. Obst und Gemüse kauften sie nur aus der Region, das übrige bestellten sie im Internet. Sie hatten Familien gegründet, manchmal mehrere gleichzeitig, und sie vögelten ihre Kollegen. Sie feierten immer noch gerne. Sie trafen sich auf Ausstellungen, auf Filmfestivals oder beim Italiener. Sie soffen, klagten über Stress und schimpften auf den Kapitalismus. Sie lebten fast ausschließlich von staatlichen Subventionen und Fördergeldern, und sie schmissen das Geld zum Fenster raus. Sie recherchierten gerne im Milieu der Arbeiterklasse oder dem, was sie dafür hielten. Die einfachen Leute eben. Sie wollten zeigen, was da los war, die Spannungen, die Zwischentöne, ja, die Grautöne. Nicht immer alles schwarz und weiß, das war nicht seriös. Gefühl und Nachhaltigkeit, das war wichtig. Daraus verfassten sie ergreifende Artikel oder Treatments für Drehbücher, die sie dann bei den Fördergremien einreichten, wenn sie gerade mal wieder pleite waren. Kulturförderung war für sie existenziell. Ohne Kultur gab es kein Leben, nicht wahr? Alles andere war Barbarei. Und das modische Strickkleid gegen die Kälte gab es bei Zalando schon ab 199 Euro. Gut aussehen war immer noch wichtig. Man hatte schließlich einen Namen.

Ich habe diese Geschichte dann doch nicht geschrieben. Ich bin nicht Truman Capote (auch wenn ich mich schon oft so gefühlt habe). Eingerissene Brücken muss man nicht zusätzlich noch abbrennen. Manchmal reicht es, bestimmte Namen aus den Adresslisten zu streichen.

Abbildung: Truman Capotes legendärer Black and White Ball, 1966

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s