Nice

„Am Dienstag mussten sie die Grundschule evakuieren. Kinder bekamen Kopfweh und entzündete Augen und schmeckten Metall auf der Zunge. Ein Lehrer wälzte sich auf dem Boden und redete in fremden Sprachen. Keiner wusste, was los war. Fachleute sagten, es könne das Ventilationssystem sein, die Farbe oder der Lack, die Schaumstoffisolierung, das Essen in der Cafeteria, die Strahlen von Mikrocomputern, die Brandschutzplatten aus Asbest, der Kleber an den Versandkisten, die Dämpfe aus dem gechlorten Schwimmbecken oder vielleicht etwas, das tiefer, feinkörniger, dichter in die Grundstruktur der Dinge verwoben war.“

(Don DeLillo, Weißes Rauschen)

Alles ist vergiftet, Sie erinnern sich? Fassen Sie nichts an, atmen Sie nichts ein und bleiben Sie vorsorglich zu Hause! Die Angst vor den überall lauernden Giftstoffen mischt sich mit einer zunehmenden Terrorgefahr und den Bedrohungen durch den immer noch größten Feind unserer Zivilisation: dem Wetter! Zusammen bilden sie ein  Horrorszenario, das jeden Augenblick das öffentliche Leben lahmzulegen droht. Stellen Sie sich nur mal vor, ein islamistischer Terrorist streut bei überfrierender Nässe eine Tonne Glyphosat über den Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz – sofort bricht das totale Chaos aus, der Regierende Bürgermeister verhängt den Notstand, Berlin hat zwei Wochen lang keinen Strom, der halbe Prenzlauer Berg verhungert, die Bundeswehr rückt an und die Hauptstadt-Journalisten kriegen allesamt einen Herzinfarkt! Unsere Jugend macht sich die allgemeine Panik zunutze, denn sie ist natürlich weit weniger dumm als allgemein angenommen wird. Beinahe täglich lese ich von aufgeweckten Schülern, die mittels anonymer Drohanrufe oder Pfefferspray-Attacken ihre Schulen räumen lassen. Ist ja auch ganz praktisch, wenn gerade wieder eine Mathe-Klausur ansteht, man noch ein wenig Aufschub braucht und gleichzeitg alle auf den nächsten Anschlag warten. In Marketing-Kreisen wird immer wieder aufwändig versucht, das Kommunikations- und Konsumverhalten des Nachwuchses zu erforschen. Wofür interessieren sich die 14- bis 18-Jährigen heute, welche Medien nutzen sie und worüber reden sie? Ich sage: sie sind auf Snapchat, die kleinen Racker, und bewerten dort gegenseitig ihre neuesten Bombendrohungen: „Geht fit, Alter, gestern Hubschraubereinsatz, Gasmaske und megaviel Noicemail – NICE!“

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3 Kommentare zu „Nice

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