Hurrikan Hack

Es ist soweit. Ich bin einer von ihnen geworden: einer von diesen selbst ernannten Netzaktivisten und Möchtegern-Aufklärern, die mit zusammengetackerten Screenshots die „Lügenpresse“ entlarven wollen. Zumindest bin ich nahe dran. SPIEGEL Online legte mir heute morgen den famosen Klickköder „Hacker zerlegen Wahl-Software“ aus und natürlich habe ich sofort angebissen. Ach du meine Güte: Software gehackt! Und das zwei Wochen vor der Bundestagswahl! Wer war es diesmal? Putin? Ein Agent des nordkoreanischen Darknet? Oder doch nur ein zwölfjähriger Neuseeländer mit zu viel Tagesfreizeit? Nicht sehr überraschend, erweist sich die Aufregung als unbegründet, denn Frau Grubert und Frau Horchert orakeln in ihrem Beitrag eigentlich nur wortreich darüber, was alles passieren könnte, wenn etwas anderes passieren würde. Auslöser dafür ist die unglaubliche Tatsache, dass jemand herausgefunden hat, dass sich eine Software „theoretisch manipulieren“ lässt. Willkommen im Reich der Fantasie-Nachrichten! Hier braucht etwas nicht einmal mehr wahrscheinlich sein. Um darüber zu berichten, reicht es schon, wenn es nur theoretisch möglich wäre. So ist der Text dann auch ein munteres Potpourri aus Spekulationen und ängstlichem Halbwissen. Achtung: sobald eine Computer-Software ins Spiel kommt, so erfahren wir, „wird es undurchsichtig – und bedenklich“ – womit gleichzeitig die eigene journalistische Methode recht passend beschrieben wäre, meine Damen, herzlichen Glückwunsch. Mehr Boulevard gib’s nur hier.

SPIEGEL_HAck

„In der Tat ist Der Spiegel keineswegs ein Nachrichtenblatt. Der redaktionelle Inhalt besteht vielmehr aus einer Sammlung von ‚Stories‘, von Anekdoten, Briefen, Vermutungen, Interviews, Spekulationen, Klatschgeschichten und Bildern. Gelegentlich stößt der Leser auf einen Leitartikel, eine Landkarte, eine statistische Tabelle. Unter allen Mitteilungsformen kommt diejenige am seltentsten vor, nach der das Magazin benannt ist: die schlichte Nachricht.“ So schrieb Hans Magnus Enzensberger bereits 1957 in „Die Sprache des Spiegel„. 60 Jahre später bemüht man sich bei SPIEGEL Online gar nicht erst, sich wenigstens noch minimal von der Huffpost, Buzzfeed oder der BILD zu unterscheiden. Alle haben mittlerweile eine gemeinsame Zielgruppe: den Leser als größt anzunehmenden Volldeppen.

Apropos Gehacktes: Über die Aktion von Shahak Shapira und der PARTEI, durch die letzten Sonntag über 30 AfD-nahe Facebook-Gruppen gekapert wurden, ist ja ausreichend berichtet worden. Neben der administrativen Übernahme wurden seitdem auch viele andere solcher Gruppen von PARTEI-Aktivisten und -Sympathisanten zumindest „unterwandert“. Auch ich beteiligte mich an der munteren Wanderung, eine ebenso unterhaltsame wie unappetitliche Erfahrung. Fazit: Es ist tatsächlich ein Haufen von größtenteils dauerempörten, rassistischen Legasthenikern, der am 24. September die AfD zur drittstärksten Partei des Landes wählen wird. Wohlmöglich. Wenn es denn dazu käme. Also zumindest theoretisch wäre das denkbar. Danach wird es undurchsichtig – und bedenklich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s