Gottes Beuteltiere

Ich hatte gehofft, dem großen Christenschubsen zu entkommen. Am frühen Abend bin ich dann aber doch in einen Schwarm dieser frommen Rucksackträger geraten. Sie tragen immer Rucksäcke, wirklich jeder Einzelne von denen. Weshalb eigentlich? Und wer bitte soll die hässlichen Beutel alle durchsuchen? Eine viertel Million gottverdammter Rucksäcke. Haben wir mittlerweile nicht mindestens Sicherheitsstufe Zwölfeinhalb? Dunkelrot? Terror Grande? Der größte Teil des Kirchentags-Budgets wird übrigens vom Berliner Senat aus Steuergeldern finanziert. Obwohl nur ca. 16 Prozent der Hauptstädter Mitglied der Evangelischen Kirche sind, Tendenz abnehmend. Man hofft wohl darauf, dass die Rucksäcke ausreichend Zaster zurück in die Stadt tragen. Return on Investment. Dabei sind Protestanten doch für ihre Knauserigkeit bekannt, auch 500 Jahre nach Luther. Die meisten übernachten irgendwo privat oder unter einer Brücke. Zum Essen bringen sie sich Früchteriegel mit. Nicht einmal die Taschendiebe werden was davon haben.

Worst. Job. Ever.

You’re nothing but a dirty, dirty old man
You do your thinking with a one track mind
Keep talkin‘ about heaven glory
but on your face is a different story

(Nina Simone, Funkier than a Mosquito’s Tweeter)

Wenn Donald Trump versucht, als Präsident ein „Problem“ zu lösen, macht er mindestens zwölf neue auf, das ist inzwischen bekannt. Eine Frage, die mich seit seinem Wahlkampf begleitet: Ist Trump die Endstufe des republikanischen Traums? Wie lange dauert es wohl noch, bis er sie alle mit in den Abgrund reißt? Und wie tief wird dieser Abgrund eigentlich sein? Es spielt keine Rolle. Sie werden es sowieso den Demokraten und der linksliberalen Presse in die Schuhe schieben, und die wiederum den Russen. Donald Trump spielt nicht nach den Regeln, auch das ist bekannt. Trump tritt nicht in Fettnäpfchen, er legt sich in zehn Meter breite Kuhfladen, mit dem Gesicht zuerst. Wie sich das anfühlen muss, seinen Boss aus einem dieser stinkenden Haufen wieder herauszureden, konnte man in dieser Woche am Gesicht von Sarah Huckabee Sanders ablesen, der temporären Ersatz-Dampframme von Sean Spicer. Am Mittwoch – kurz nach der Entlassung des FBI-Chefs, Trumps bisher wohl größter Kuhfladen-Aktion – trat Frau Huckabee vor die amerikanische Presse und erklärte in ihrem Eröffnungs-Statement, dass heute der Geburtstag ihrer Tochter Scarlett sei und die Journalisten daher bitte „nett“ zu sein haben. Fun Fact: der Vater von Sarah Huckabee Sanders, Mike Huckabee, ist der Lieblings-Politiker von Chuck Norris. Und ja, sie hat ironischerweise einen Mr. Sanders geheiratet, und ja, sie hat gerade die Journalisten gebeten, nett zu ihr zu sein – schließlich hat doch die kleine Scarlett heute Geburtstag, verdammt noch mal! Hätte Mel Brooks in den 70er Jahren eine Science Fiction Komödie über das Weiße Haus im Jahre 2017 gedreht, hätte sie ganz genau so ausgesehen.

Nicht nur CNN bezeichnet Donald Trump mittlerweile offen als geistesgestört. Auch Sarah Huckabee Sanders wird wissen, dass ihr Präsident nicht alle Tassen im Schrank hat, und dass es eigentlich vollkommen egal ist, was sie oder ihre Kollegen da jeden Tag auf den Presse-Briefings vortanzen, da Trump sowieso nur noch per Twitter, Fox News und innerhalb seiner eigenen Echokammer kommuniziert. Als Mami Huckabee begriff, dass niemand ihrer Bitte nach Nettigkeit nachkommen würde, entgleiste ihr recht schnell die Mimik. Es würde mich nicht wundern, wenn sie an diesem Mittwoch auf Scarletts Geburtstagsparty noch ein wenig Guantanamo mit den lieben Kleinen gespielt hat. Irgendwo muss der Druck schließlich hin.

Was weg muss, muss weg

Bekanntermaßen gibt es endlos viele Gründe, sich über Berlin aufzuregen. Am schönsten echauffieren sich natürlich immer noch die Berliner selbst, allen voran die guten alten Kiez-Opas. Zu denen gehört inzwischen auch dieser Kollege von der Berliner Zeitung. „Wenn ich etwas in Berlin nicht mehr ertragen kann, dann ist es die Unsitte, mit großer Selbstverständlichkeit auf Englisch vollgerülpst zu werden“ schreibt Jochen-Martin Gutsch. Und wenn ich etwas in Berlin nicht mehr ertragen kann, dann ist es das verbitterte Gejammer dieser alternden Ost-Bohéme, die auf dem besten Wege ist, das mentale Erbe der Wilmersdorfer Witwen anzutreten. Je älter sie werden, desto mehr jammern sie: Berlin ist übergeschnappt und peinlich. Berlin ist keine Weltstadt. Berlin hat Minderwertigkeitskomplexe. Berlin ist dies, Berlin ist das. Man kann hier keinen Kaffee mehr bestellen und deutsch gesprochen wird auch nicht mehr. Coffee? Ick gloob, ick spinne! Früher war mehr Mauer und mehr Gemütlichkeit, da war die Stadt noch überschaubar und nicht diese globalisierte, babylonische Hipsterhölle mit ihren dünnbeinigen jungen Menschen und diesen ganzen komischen Kaffeesorten! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Apropos Großeltern in der Großstadt: Wissen Sie, worum uns die internationale Presse, inklusive der New York Times, ganz sicher schon bald beneiden wird? Um die original Berliner Hass-weg-Oma. Die Hass-weg-Oma ist sozusagen der verlängerte analoge Arm der Anti-Hass-Sprech-Bewegung. Dafür wird sie gleichzeitig vom Berliner Senat gelobt und von der Staatsanwaltschaft wegen Sachbeschädigung verfolgt. Crazy Shit. Coffee anyone?

Female Trouble

Es war eine dieser Dinner Parties, wie sie in fast jeder Folge stattfinden. Die Frauen kamen zusammen, begrüßten sich überschwänglich, Bussi links, Bussi rechts, sie tranken ein paar Gläser eisgekühlten Pinot Grigio und plauderten. Ein Drehbuch brauchten sie nicht, denn die Dynamik ihrer Zusammenkunft würde von ganz alleine dazu führen, dass die Stimmung nach nur wenigen Minuten dramatisch kippt. Es würde eine Konfrontation geben, keine Frage. Mindestens zwei der Frauen würden dann hysterisch herumschreien, sich gegenseitig ihre Drinks ins Gesicht kippen und wutentbrannt die Szene verlassen. Tränen, Close-Ups und … Cut!

Andy Cohen kommt in die Hölle. Zumindest wenn es nach den Tugendwächtern gediegener Unterhaltungskultur geht. Ich mag Andy Cohen, aber ich komme ja selbst auch in die Hölle. Andy ist ein kleiner Junge Ende vierzig, der sich im Süßwarenladen der US-amerikanischen Medienlandschaft reich und zufrieden gefuttert hat. Und der darüber immer noch jeden einzelnen Tag abwechselnd staunen und hysterisch kichern kann. Andy Cohen ist Produzent, TV- und Radio-Moderator, Autor und Society-Luder  – ein Hans Dampf in allen glitzernden Gassen. In New York ist er der Nachbar von Sally Field, der beste Freund von Sarah Jessica Parker und Anderson Cooper sowie überhaupt mit allem bekannt und vernetzt, was Rang, Namen und mindestens drei Platin American Express-Kärtchen besitzt. Vor allem aber ist er der Mastermind hinter den Real Housewives of (New York, Beverly Hills, Atlanta uws. – sie breiten sich aus wie Metastasen) … Dingenskirchen, einem der erfolgreichsten Reality-Trash-Programme der letzten Jahre. Das Rezept ähnelt dem vergleichbarer Formate: ein Haufen Wahnsinniger macht sich vor der Kamera zum Affen. Im Fall der Housewives-Serien ist das eine Gruppe überspannter Luxusweiber, die sich mit künstlich inszenierten Dramen gegenseitig durch die Gegend mobbt. Es ist wie auf dem Schulhof eines sozialen Problembezirkes. Nur dreißig Jahre später, mit jeder Menge Bling, Botox und Xanax. Aber es funktioniert. Einige der Housewives haben durch diese Sendung bereits sehr lukrative Medienkarrieren hingelegt. Damit ist eigentlich alles gesagt. Sollten Sie noch nichts von diesem Elend dieser faszinierenden Welt gehört haben und sich vielleicht gerade ein wenig von den französischen Präsidentschaftswahlen ablenken wollen (und auf diesem Wege gleich noch gratis ein paar Gehirnzellen verlieren wollen), dann schauen Sie doch mal hier.

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See you in Hell, Andy! (Quelle: instagram.com/bravoandy)

Was hatte ich erwartet? Nur weil Freundin X mir wieder einmal – ganz ehrlich und ganz im Vertrauen – erzählt hatte, wie kaputt das Leben von Freundin Y ist, was das für eine überspannte Ziege sei, wie die ihren Mann betrügt und er sie natürlich auch, dass sie über ihre Verhältnisse lebt, ihre Kinder nicht richtig erzieht, schwer alkoholabhängig ist und sicher bald in der Psychiatrie landen wird, heißt das noch lange nicht, dass X und Y nicht die allerbesten Freundinnen sind und immer füreinander da sein werden. Natürlich. So funktionieren Frauenfreundschaften. Zumindest einige. Glauben Sie mir, ich habe es erlebt. Die Housewives sind real und sie sind überall. Zum Wohl!

Journalismus ist Jazz und ich bin fast berühmt.

In der IMDb-Rangliste der beliebtesten Filme belegt The Shawshank Redemption regelmäßig den ersten Platz. Ich mache mir nichts aus Gefängnisdramen, darf aber anmerken, dass mein persönlicher Lieblingsfilm, The Hudsucker Proxy, nicht nur im selben Jahr wie der Spitzenreiter gedreht wurde, sondern auch mit dem selben Hauptdarsteller. Welchen Platz er in der genannten Rangliste belegt, weiß ich nicht, unter den ersten 250 scheint er jedenfalls nicht zu sein. Passend dazu eine kurze Rückblende: Vor fast genau 22 Jahren, im Sommer 1995, also ein Jahr nach Shawshank und Hudsucker, hatte mir jemand einen duften Studentenjob vermittelt: Ich saß als Nachtschicht in einem großen Trickfilm-Studio in der Kastanienallee und scannte Zeichnungen für den nächsten Benjamin-Blümchen-Film ein. Manchmal war ich dort nachts ganz allein, mit einem Generalschlüssel zu dem gesamten Studio. Ich hätte den Laden einfach ausräumen können, es gab keinen Wachschutz, niemand passte wirklich auf. Stattdessen ging ich zwischendurch öfter mal ins Schlot nebenan, um mir ein wenig Live-Jazz reinzuziehen. Ungefähr bis vier Uhr morgens, dann ging ich, ordentlich beschwingt, wieder zurück zu Benjamin Blümchen. Warum ich das erzähle? Weil diese Episode mir schließlich meinen ganz eigenen Eintrag in der Internet Movie Database beschert hat. Geben Sie dort mal meinen Namen ein, Sie werden staunen. Sicher, ich wäre lieber als Darsteller gelistet (z.B. als einer von Amy Archers moralisch abgewrackten Reporter-Kollegen), aber der Weg nach Hollywood ist lang und steinig. The Hudsucker Proxy ist – nur für den Fall, dass Sie es noch nicht wussten, meine lieben Leser – ein dramatisch unterschätztes Juwel der Coen-Brüder, ein großes Fest für alle Freunde des intelligent überdrehten Bild- und Wortwitzes, ein Geschenk für die Verehrer von Tim Robbins und Jennifer Jason Leigh und nicht zuletzt die Erklärung für die Erfindung des Hula-Hoop-Reifens! Heute soll er mir aber vor allem als Nachtrag zum Internationalen Tag der Pressefreiheit dienen. Der Journalismus ist ein ehrenhaftes und schützenswertes Geschäft. Edel und gut sind die Menschen, die in ihm arbeiten. So war es immer schon und so wird es immer bleiben. Gute Nacht, die Schreibmaschine raucht …