Kokoswasser am Ende der Welt (im Zweifelsfall asozial)

Der Ullrich-Verbrauchermarkt in Mitte wirbt damit, dass er „bei namhaften Leuten aus Politik und Wirtschaft sehr gefragt“ sei. Wegen der Nähe zum Regierungsviertel, nehme ich an. Dabei unterscheidet sich das Publikum hier gar nicht so sehr von dem seines legendären Verwandten am Bahnhof Zoo, außer vielleicht in der Anzahl der Alkis, Junkies und Schäferhunde. Die halten sich, allen Säuberungsmaßnahmen zum Trotz, bei „Ullrich am Zoo“ noch immer tapfer. In Mitte dagegen ist bereits alles clean. So „clean“ es in Berlin halt geht, Sie verstehen. Was durchaus seine Vorteile hat, denn ich gehe ja in einen Supermarkt, um mir was zum Beißen zu kaufen, nicht um gebissen zu werden. Die relative Sauberkeit erklärt sich auch dadurch, dass hier erst vor kurzem alles generalüberholt wurde. Ein zweistöckiges, blitzeblank-hippes Einkaufsparadies ist das jetzt. Sie finden hier praktisch alles. Alles außer namhaften Leuten aus Politik und Wirtschaft. Zumindest sind mir hier noch keine begegnet. Stattdessen treffe ich vor allem auf junge Touristengruppen, russische Mütterlein und neureiche Partyopfer auf der Suche nach energetischem Kokoswasser. Gleich gegenüber ist die tschechische Botschaft. Wahrscheinlich ist der Botschafter hier Stammkunde, den kenne ich allerdings nicht. Wie bekannt muss man eigentlich sein, um als „namhaft“ durchzugehen?

czech-embassy

Der Markt liegt im Hinterland der Mall Of Berlin, eingebettet in realsozialistischen Brutalismus, renovierte Gründerbauten und die neue Hauptstadt-Architektur, welche bekanntermaßen nur eine Mischung aus den beiden erstgenannten Baustilen ist. Einst lagen hier die legendärsten Techno-Clubs, dahinter das ehemalige Niemandsland des Todesstreifens, das Ende der Welt. Noch viel früher tobte hier das Leben unter Kaiser Wilhelm und kurzzeitig der Tod unter dem Führer. Heute herrscht hier ein seltsam amorpher Übergangs-Charme vor. Der gemeine Kiez-Berliner bezeichnet so etwas gerne als steril, anonym oder gentrifiziert. Mir aber gefällt diese Gegend. Ich habe jetzt öfter hier „zu tun“ und ich genieße es. Ich brauche keine authentischen Hundekacke-Hoods mit heimeligen Nachbarschafts-Cafés. Für mich kann es gar nicht anonym genug sein. Ich mag es, mich in der eigenen Stadt fremd zu fühlen. Bin ich deshalb vielleicht asozial? Im Zweifelsfall ja. Bitte diskutieren Sie in der Gruppe!

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8 Gedanken zu “Kokoswasser am Ende der Welt (im Zweifelsfall asozial)

  1. Kann gar nicht sein, daß Sie asozial sind. Schließlich teilen Sie Ihre Gedanken mit potentiell rund 7 Milliarden Menschen und ermuntern noch zur Diskussion in der Gruppe.

    Bei Ullrich am Zoo ist mir vor Jahren mal ein Mißgeschick passiert – ich kam mit nur einem sehenden Auge vom Augenarzt (aus dem anderen war gerade ein Eisenspan entfernt worden, mir ging’s nicht gut) und brauchte noch unbedingt dies und das für den heimischen Kühlschrank.
    Was ich nicht wußte: mit einem Auge ist erstmal nix mit der 3dimensionalen Sicht und so fuhr ich mit Karacho einen dieser riesigen Einkaufswagen in eine Konservendosen-Pyramide. War peinlich, der heimische Kühlschrank blieb leer und ich tat mir sehr leid.

    1. Bei Ullrich am Zoo in etwas reinzurammeln (Menschen oder Konserven), ist allerdings auch mit zwei funktionierenden Augen nicht schwer – so eng und überfüllt es dort immer ist.

      1. Keine blasse Ahnung, wie es da heute ist, ich war seitdem (war ’87 oder ’88) nicht mehr in irgendeinem Ullrich, weil: war peinlich. Die Freiheiten der Großstadt-Anonymität habe ich wohl immer noch nicht verinnerlicht…;-)…

      2. Aus Scham 30 Jahre lang einen bestimmten Supermarkt zu meiden, ist hochgradig neurotisch, und somit natürlich auch wieder sehr großstädtisch. 😉

    1. Danke für den Tipp. Ich werde nächste Woche versuchen, die tschechische Staatsbürgerschaft zu beantragen und schaue mal, wie weit ich dabei ins Innere des Gebäudes vorstoßen kann. Soweit ich das beurteilen kann, haben wir es hier mit einem prachtvollen Beispiel des späten retrofuturistischen Holztäfelismus zu tun. Nach dem Abriss von Erichs Lampenladen und dem alten Palasthotel wahrscheinlich das einzige erhaltene seiner Art.

      1. Genau so ist es!
        Die machen demnächst eine Hausmesse, zur Sicherheit im öffentlichen Raum. Zebrastreifen am richtigen Ort, etc.; sicherlich ein Anliegen, dass auch dir am Herzen liegt 😉

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