Am Ende musste ich weinen.

Seit einer halben Stunde muss sie aufs Klo. Entsprechend unruhig trommelt sie mit den Fingern auf den Sitzungstisch. Die Präsentation stockt. Die zwei Heinis von der Agentur suchen verzweifelt nach einer vermissten Powerpoint-Folie. Das Trommeln macht die beiden zusätzlich nervös. „Das ist uns jetzt aber wirklich peinlich, Frau Bundeskanzlerin.“ Heini Nr. 1 wischt mit schwitzigen Fingern über sein Laptop, während Heini Nr. 2 verkrampft in die Runde grinst. *Trommel-trommel-trommel* Sie seufzt. Die sind sowieso nur hier, weil ihr Chef die Empfangs-Susi der Jungen Union vögelt. Alle wissen das. Sie schaut jetzt zu Tauber rüber, der ihr das vereinbarte Zeichen gibt. Zweimal die linke Augenbraue nach oben bedeutet: Durchhalten, gleich machen wir Mittagspause. Plötzlich kommen die Heinis doch noch mal richtig in Schwung. Die vermisste Folie ist wieder aufgetaucht. Virales Marketing ist das Thema. Sie reden von Likes und Learnings, und sie präsentieren voller Stolz ein Video mit dem Titel „Sie werden nicht glauben, was dieses krebskranke Entenbaby in Sachsen-Anhalt seiner Mutter zum Geburtstag schenkte. Am Ende musste ich weinen.“ Das Entenbaby heißt Angela. „So stellen wir eine unterschwellig emotionale Bindung zur Kanzlermarke her“, erklärt der Heini Nummer eins. „Laut einer aktuellen Studie identifizieren sich 70 Prozent aller Wähler eher mit einem niedlichen Küken als mit einer politischen Botschaft. In den sozialen Netzwerken sind es sogar 80 Prozent, und bei den AfD-Followern mehr als 95 Prozent.“ Ihr schwirrt der Kopf. Ich fang auch gleich an zu heulen, denkt sie. Die Agentur-Heinis von gestern hatten wenigstens ihre Klappe gehalten, erinnert sie sich. Obwohl sie anfangs nicht gleich verstanden hatte, weshalb. Ja, weshalb hielten die eigentlich ständig bunte Bildchen in die Luft, ohne etwas zu sagen? Tauber hatte ihr schließlich erklärt, dass es sich bei der seltsamen Truppe um die derzeit angesagteste Social-Media-Agentur vom Maybachufer handelte. Deren Spezialität waren „postsprachliche“ Kampagnen, die ausschließlich aus Emojis bestehen. Um diese innovative Idee erlebbar zu machen, wurde auch die Präsentation konsequenterweise komplett mit Emojis abgehalten. Ohne Worte. Zwischenzeitlich hatte sie sich gefühlt wie beim Inklusionsfasching in einer Taubstummen-Kita. „Schauen Sie mal, Frau Merkel, wie süß es watschelt!“, ruft Heini Nr. 1 gerade und holt sie zurück in die Gegenwart. Sie gibt Tauber Zeichen. Dreimal beide Augenbrauen nach oben bedeutet: Sofort abbrechen! „Sehr schön. Vielen Dank, meine Herren!“

„OMG, Angela, OMG! Diesmal wird die Wahl auf Facebook entschieden, auf Twitter und auf BuzzFeed. Die Presse kannst du endgültig in der Pfeife rauchen. Das Kanzlerduell interessiert auch niemanden mehr. Schau mal, wie die Amis das gemacht haben. Wir müssen jetzt ganz andere Kanäle bespielen!“ „Ja ja, ich weiß. Aber doch nicht mit Entenbabies oder tanzenden Kackhaufen mit Gesichtern drauf! Apropos: Ich geh jetzt mal für kleine Mädchen. Wenn ich wiederkomme, will ich endlich ein paar vernünftige Ideen hören, Tauber! Denk doch mal über dieses Gorilla-Marketing nach.“ „Guerilla, Angela, Guerilla!“

Ende 2017: die Schwarz-Rot-Rot-Grün-Gelbe Koalition steht. Die Idee, in letzter Minute eine Gruppe von Studenten der Humboldt-Universität zu engagieren, die mit #MerkelBleibt-Schildern das Kanzleramt besetzten, hat sich ausgezahlt. Zur gleichen Zeit verhandelt Frauke Petry mit den Russen über einen Militäreinsatz zur Stürmung des Regierungsviertels. Und die Empfangs-Susi der Jungen Union ist im siebten Monat schwanger.

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