Let me be your Bierschinken (Achtung: Sexy Glamour Content!)

Halten Sie es wirklich noch für angebracht, Scherze über Donald Trumps Aussehen zu machen? Ist da noch ein Witz übrig, der nicht bereits von jedem drittklassigen Provinzkomiker der johlenden Meute zum Fraß vorgeworfen wurde? Lacht denn überhaupt noch jemand? Schauen wir mal. Ich kann es mir an dieser Stelle zumindest nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass die USA derzeit von zwei sehr gut aussehenden Staatsoberhäuptern eingezingelt sind – Enrique Peña Nieto im Süden und Justin Trudeau im Norden – und dass Trump somit wohl einfach nur der gammelige Belag in einem äußerlich noch immer attraktiven Sandwich namens Nordamerika ist. Wie war das damals in der Schule auf dem Pausenhof? Wenn einem dort die streng riechende Scheibe Bierschinken nicht gefiel, die einem die Mutter morgens fürsorglich auf Brot gelegt hatte, so gab es zwei Möglichkeiten: den Bierschinken wegwerfen oder gegen den attraktiveren Belag eines Mitschülers mit robusterem Magen eintauschen. Letztlich wird doch alles verdaut und irgendwo wieder kompostiert.

Würden Sie sich gerne von diesem Herren regieren lassen? David Gandy hat bisher keine politischen Ambitionen, bringt aber alles mit, um das nächste charismatische Staatsoberhaupt zu werden: den richtigen Namen, eine leckere Erscheinung und ein tolles Segelboot. Verlässlichen Quellen zufolge sollen auch bereits erste Gespräche mit dem chinesischen Handelsministerium zufriedenstellend verlaufen sein. Sex sells. Merken Sie sich also diesen Namen.

Am Ende musste ich weinen.

Seit einer halben Stunde muss sie aufs Klo. Entsprechend unruhig trommelt sie mit den Fingern auf den Sitzungstisch. Die Präsentation stockt. Die zwei Heinis von der Agentur suchen verzweifelt nach einer vermissten Powerpoint-Folie. Das Trommeln macht die beiden zusätzlich nervös. „Das ist uns jetzt aber wirklich peinlich, Frau Bundeskanzlerin.“ Heini Nr. 1 wischt mit schwitzigen Fingern über sein Laptop, während Heini Nr. 2 verkrampft in die Runde grinst. *Trommel-trommel-trommel* Sie seufzt. Die sind sowieso nur hier, weil ihr Chef die Empfangs-Susi der Jungen Union vögelt. Alle wissen das. Sie schaut jetzt zu Tauber rüber, der ihr das vereinbarte Zeichen gibt. Zweimal die linke Augenbraue nach oben bedeutet: Durchhalten, gleich machen wir Mittagspause. Plötzlich kommen die Heinis doch noch mal richtig in Schwung. Die vermisste Folie ist wieder aufgetaucht. Virales Marketing ist das Thema. Sie reden von Likes und Learnings, und sie präsentieren voller Stolz ein Video mit dem Titel „Sie werden nicht glauben, was dieses krebskranke Entenbaby in Sachsen-Anhalt seiner Mutter zum Geburtstag schenkte. Am Ende musste ich weinen.“ Das Entenbaby heißt Angela. „So stellen wir eine unterschwellig emotionale Bindung zur Kanzlermarke her“, erklärt der Heini Nummer eins. „Laut einer aktuellen Studie identifizieren sich 70 Prozent aller Wähler eher mit einem niedlichen Küken als mit einer politischen Botschaft. In den sozialen Netzwerken sind es sogar 80 Prozent, und bei den AfD-Followern mehr als 95 Prozent.“ Ihr schwirrt der Kopf. Ich fang auch gleich an zu heulen, denkt sie. Die Agentur-Heinis von gestern hatten wenigstens ihre Klappe gehalten, erinnert sie sich. Obwohl sie anfangs nicht gleich verstanden hatte, weshalb. Ja, weshalb hielten die eigentlich ständig bunte Bildchen in die Luft, ohne etwas zu sagen? Tauber hatte ihr schließlich erklärt, dass es sich bei der seltsamen Truppe um die derzeit angesagteste Social-Media-Agentur vom Maybachufer handelte. Deren Spezialität waren „postsprachliche“ Kampagnen, die ausschließlich aus Emojis bestehen. Um diese innovative Idee erlebbar zu machen, wurde auch die Präsentation konsequenterweise komplett mit Emojis abgehalten. Ohne Worte. Zwischenzeitlich hatte sie sich gefühlt wie beim Inklusionsfasching in einer Taubstummen-Kita. „Schauen Sie mal, Frau Merkel, wie süß es watschelt!“, ruft Heini Nr. 1 gerade und holt sie zurück in die Gegenwart. Sie gibt Tauber Zeichen. Dreimal beide Augenbrauen nach oben bedeutet: Sofort abbrechen! „Sehr schön. Vielen Dank, meine Herren!“

„OMG, Angela, OMG! Diesmal wird die Wahl auf Facebook entschieden, auf Twitter und auf BuzzFeed. Die Presse kannst du endgültig in der Pfeife rauchen. Das Kanzlerduell interessiert auch niemanden mehr. Schau mal, wie die Amis das gemacht haben. Wir müssen jetzt ganz andere Kanäle bespielen!“ „Ja ja, ich weiß. Aber doch nicht mit Entenbabies oder tanzenden Kackhaufen mit Gesichtern drauf! Apropos: Ich geh jetzt mal für kleine Mädchen. Wenn ich wiederkomme, will ich endlich ein paar vernünftige Ideen hören, Tauber! Denk doch mal über dieses Gorilla-Marketing nach.“ „Guerilla, Angela, Guerilla!“

Ende 2017: die Schwarz-Rot-Rot-Grün-Gelbe Koalition steht. Die Idee, in letzter Minute eine Gruppe von Studenten der Humboldt-Universität zu engagieren, die mit #MerkelBleibt-Schildern das Kanzleramt besetzten, hat sich ausgezahlt. Zur gleichen Zeit verhandelt Frauke Petry mit den Russen über einen Militäreinsatz zur Stürmung des Regierungsviertels. Und die Empfangs-Susi der Jungen Union ist im siebten Monat schwanger.

Gypsys, tramps and tweets

Wissen Sie, wer fast genauso gerne und viel twittert wie der aktuelle amerikanische Präsident? Cher. Ja, genau. Die gute alte „I got you babe“-, „Gypsys tramps and thieves“-, „If I could turn back time“-, mondsüchtige, großartige Cher. Als diese vor einiger Zeit mal per Twitter gefragt wurde, wie sie denn den Geburtstag ihrer Kollegin Madonna gefeiert hat, zwitscherte sie zurück: Mit einer Darmspiegelung. Natürlich war die Frage damals ironisch gemeint, die Antwort ebenso. Die beiden Diven waren viele Jahre lang nicht gut aufeinander zu sprechen, so hieß es. Nun wurden sie am Rande des gestrigen Women’s March in Washington einträchtig nebeneinander gesichtet. Und mit ihnen (also außerhalb des VIP-Zeltes) hunderttausende weiterer Frauen. Donald Trump: bringing women together since 2017. Cher twittert weiter. Donald ebenso. Zwei glitzernde siebzigjährige Exzentriker, die ganz genau verstanden haben, wie das heute funktioniert mit den Medien und der Aufmerksamkeit. Now go and hashtag THAT!

Yolocaust

„Yolocaust“ ist ein Projekt des israelischen Satirikers und Autors Shahak Shapira, das unsere Erinnerungskultur durch das Kombinieren von Selfies am Holocaust-Mahnmal in Berlin mit Bildmaterial aus Vernichtungslagern hinterfragt. Die Selfies wurden auf Facebook, Instagram, Tinder und Grindr gefunden. Kommentare, Hashtags und „Likes“ aus den Selfies wurden ebenfalls übernommen.

Da müssen Sie jetzt durch.

Nachtrag: Shahak Shapira hat sein Projekt vorerst eingestellt und die kontroversen Fotomontagen von seiner Seite gelöscht. Aus diesem Grund habe ich auch die Abbildung aus diesem Beitrag entfernt. Was bleibt, ist eine Erklärung zu dem Projekt sowie einige sehr interessante Wortmeldungen, nachzulesen auf yolocaust.de.

Karma, Karma, Karma, Karma, Karma Chameleon (you come and go)

„Ich will es so sagen: Wenn man die großen Feinde schlägt, dann rennen die anderen alle vor Angst weg. Die scheißen sich in die Hosen, die kleinen Leute, die kleinen Feinde. Das müsst ihr euch mal merken im Leben. Man muss doch dahin schlagen, wo das richtig sitzt und die entscheidende Frage damit gelöst wird!“

(aus „Erich Mielke – ein deutscher Jäger“)

Andrej Holm ist genau einen Tag älter als ich. Danke, Wikipedia, für diese Erkenntnis. Kenne ich Herrn Holm deshalb? Nein. Aber ich habe Menschen wie ihn damals erlebt. Wer sich zu jener Zeit, noch in den letzten Zuckungen der DDR, als halbwegs wacher junger Mann bewusst für eine Karriere bei der Staatssicherheit entschied – für eine Karriere als Spitzel, Denunziant, Menschenvernichter und Arschloch erster Güte also, treu dienend unter einem ebenso großen Arschloch von Chef, der keine Skrupel hatte, noch im Oktober 1989 die eigene Bevölkerung zusammenschlagen und einbunkern zu lassen, sofern sie sich nicht umstandslos zu den Segnungen des Sozialismus bekennen wollte – ja, der wusste genau, was er tat und was von ihm erwartet wurde. Wenn diesem Mann dann knapp dreißig Jahre später einer der wichtigsten Posten in einem desolat hochgemästeten Senat verweigert wird, dann ist das keine Hexenjagd, sondern einfach nur Karma. Bitch.

Siebzehn Euro fuffzich

Heute mache ich mir ein paar bunte Gedanken zu einem eher grauen Thema. Ich bezahle seit ungefähr zwei Jahren den obligatorischen „Rundfunkbeitrag“. Mehr oder weniger regelmäßig. Ja, es war ein eher ruckeliger Start mit mir und den eintreibenden Behörden, die ersten Brocken habe ich nachträglich und nur unter Androhung von Zwangsmaßnahmen überwiesen. Ab diesem Jahr aber, so lautet mein edler Vorsatz, werde ich meine 17,50 Euro nun auch brav monatlich entrichten. Was bekomme ich dafür? Nichts. Jedenfalls nichts, worum ich gebeten habe. Drei Dutzend aufgekratzte Quiz-Sendungen, depressive Kriminalbeamte, endloses Gequassel und ein Unterhaltungsprogramm weit jenseits meiner Schmerzgrenze. Kann man machen, aber weshalb soll ich das finanzieren? Sie sehen, ich bin ein GEZ-Muffel alter Schule. Da ich aber nicht hinter Gittern weitermuffeln möchte, lüge ich mir den staatlichen Zwang nun als altruistische Maßnahme zurecht. Marietta Slomka möchte anbauen? Aber sicher. Dieter Nuhr braucht neue Winterreifen? Ich verstehe. Für das Catering der nächsten Inga-Lindström-Verfilmung fehlen noch ein paar Lachsbrötchen? Kein Problem, ich überweise gerne. Und auch die WDR-Redakteurin Elke Thommessen möchte versorgt werden. Aktuell kommt sie ihrem Bildungsauftrag nach, indem sie Serdar Somuncu verklagt. Das ist sicher recht anstrengend, kostet Zeit und Nerven (und vielleicht auch das ein oder andere Lachsbrötchen). Katsching! Herrn Somuncus Reaktion darauf ist konsequent, das muss man ihm lassen: Er wird einfach Bundesanzler. File under: Der längere Hebel.

Take your broken heart, make it into art?

Das Interessante an Meryl Streeps Golden-Globe-Ansprache war für mich nicht der moralische Appell. Den darf man gerne ergreifend, authentisch oder wie auch immer finden, er war in diesem Zusammenhang aber wohl auch nicht anders zu erwarten. Hollywood ist nicht besonders begeistert von Trump, das ist keine große Neuigkeit. Obwohl vier Jahre Verzweiflung und Entrüstung in La la Land doch den ein oder anderen spannenden Filmstoff hervorbringen sollten. Meryl Streep dürfte sich zum Beispiel durch die Darstellung einer gebrochenen Hillary wohl wesentlich mehr Hoffnungen auf einen weiteren Oscar machen als durch die Rolle einer strahlenden Präsidentin (das entsprechende Drehbuch macht ganz sicher schon die Runde). Interessant an ihrer Ansprache war für mich nur der Schluss: „Take your broken heart, make into art“, ein Zitat der verstorbenen Carrie Fisher. Wird nicht genau das auch von Schriftstellern erwartet? Den eigenen Schmerz in Literatur umzuwandeln? Bei Autoren wie Karl Ove Knausgård wird die schonungslose Selbstentblätterung ja gern als große Kunst abgefeiert. Auch Blogger scheinen dann am meisten Wertschätzung zu erfahren, wenn sie möglichst viel Persönliches und Peinliches ausbreiten: gescheiterte Beziehungen, Drogensüchte, Probleme mit dem Stuhlgang. Die Leute lesen so etwas gerne. Nein, das soll kein weiterer Kommentar zum #Kiez-Gate der letzten Woche sein. Nun ja, ein ganz kleiner vielleicht, ich will mir da mal nichts vormachen. Inzwischen aber ist das Interesse daran wieder abgeflacht, die Fortsetzung bleibt aus und die Meute zieht weiter. Was in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden sollte: die erfolgreichsten Werke der Literatur sind noch immer rein fiktive Geschichten – Harry Potter, die Bibel oder auch das Kursbuch der Deutschen Bahn.