TIPITIPTIPSO beim Calypso!

Der allmächtige Weltgeist hat mit seinem unvergleichlichen Sinn für Ironie dafür gesorgt, dass viele Menschen in den letzten Monaten auf Facebook zeitgleich Anti-Trump-Artikel und Anti-Freihandels-Petitionen geteilt haben. Beinah stündlich wurde ich so dazu aufgefordert, abwechselnd die transatlantische Ausbeutung oder Donald Trump zu verhindern – beides offenbar ebenbürtig finstere Bedrohungen unserer schönen Demokratie. Unbedingt unterschreiben sollte ich. Bevor es zu spät ist! Bevor es nur noch chlorgebleichten, genmanipulierten, imperialistischen Nestlé-Monsato-Nazi-Höllen-Schrott zu kaufen gibt, den uns Melania Trump, die Eva Braun der New World Order, eigenhändig auf sämtlichen Homeshopping-Kanälen anpreist, während NSA und CIA unser Gehirn auffressen! Aber „Watt nu?“ (O-Ton des chinesischen Wirtschaftsministers) … Jetzt verhindert der Trump die transatlantische Ausbeutung einfach selbst. Jetzt liegen als direkte Folge seines Wahlsieges sowohl TTIP als auch TTP auf Eis. Den Facebook-Aktivisten brummt aufgrund ihres neuen Antihelden wahrscheinlich die Rübe und ich frage mich, welche Abkürzung als nächstes dran glauben muss. Zur Entspannung empfehle ich ein Tänzchen. Das macht den Kopf frei und stärkt die Abwehrkräfte. Im allerersten Beitrag dieses Blogs hatte ich damals für solche Fälle den Fronten-Twist empfohlen. Heute packe ich noch den Weltanschauungs-Calypso oben drauf. Ay ay!

Offener Brief an Nataliya

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Ich habe Post. Aus Russland. Wie schön:

Hallo! Wie geht es Ihnen? Ich will nur Sie sagen, dass Sie mich nicht kennen.

Ja, Hallöchen! Mir geht es gut, vielen Dank. Und ich will Ihnen nur sagen, dass ich sicher mehr Menschen kenne, als Sie glauben. Vermutlich habe ich sogar schon mehr Menschen vergessen, als Sie in ihrem gesamten Leben jemals kennenlernen werden. Also bitte Vorsicht mit solchen Aussagen!

Aber ich mochte Sie zu treffen. Was denken Sie uber das? Wenn Sie Single sind und mit ernster Miene, konnen Sie mir eine E-Mail und ich werde antworten Sie.

Leider bin ich weder Single noch habe ich eine ernste Miene. Im Gegenteil: Ich bin für meine freundliche Miene sowie für meinen drolligen Frohsinn bis weit über die Grenzen dieses Landes hinaus bekannt. Kennen Sie den schon? Donald Trump, Schwarzenegger, der Papst und ein Schuljunge sitzen in einem Flugzeug. An Bord haben sie vier Fallschirme. Als der Pilot die Kontrolle über den Flieger verliert, schnappt er sich einen der Fallschirme, verabschiedet sich bei seinen Passagieren und springt. Den nächsten Fallschirm greift sich Schwarzenegger. „Meine Karriere ist noch nicht vorbei“, ruft er, „Hollywood braucht mich!“ und springt ebenfalls. Danach Trump: „Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten! Lasst mich durch!“ Und springt. Schließlich schaut der Papst den kleinen Jungen an und sagt „Nimm du den letzten Fallschirm! Ich hatte ein langes Leben und komme sowieso in den Himmel.“ „Keine Sorge, Alter“, meint der Junge „Es sind ja immer noch zwei Fallschirme übrig. Der Trump ist gerade mit meinem Schulranzen rausgesprungen!“

Ich bin auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung nur. Wenn Sie interessant, zogern Sie nicht, mir zu schreiben. Naturlich habe Ich schreibe Ihnen zuruck. Ich denke, dass es funktionieren kann. Was meinen Sie?

Ich meine, dass man nie wissen kann, ob etwas funktioniert, bevor man es nicht ausprobiert hat. Sie haben da also schon die richtige Einstellung – immer rein ins Vergnügen, hinterher ist man auf jeden Falls schlauer, nicht wahr?

Etwas uber mich. Mein Name ist Nataliya! Ich habe noch nie gewesen in der Ehe!

Meine liebe Nataliya, ich dagegen bin schon gewesen in der Ehe. Eigentlich bin ich immer noch mitten drin. Allerdings mit einem Mann. Und Amerikaner ist er außerdem auch noch. Sie sehen, es wird kompliziert mit uns beiden, Nataliya.

Ich lebe in Russland, meine Stadt genannt St. Petersburg. Es ist 800 Kilometer von Moskau entfernt.

Kenne ich. Ich war nämlich schon zu Besuch in Ihrer Heimatstadt, als sie noch Leningrad hieß. Wir waren auf Klassenfahrt dort. Im Februar. Was das bedeutet, muss ich Ihnen wohl nicht erklären. In den 80ern im Februar in Leningrad. Arschkalt, nur öligen Fisch zu futtern und endlose Vorträge über die große siegreiche Oktoberrevolution. Aber ich übertreibe ein wenig, Sie mögen mir das verzeihen, meine liebe, sehr verehrte Nataliya. Tatsächlich haben wir im damals gerade topmodernen Interhotel „Pribaltiyskaya“ gewohnt (in dem kurz nach uns übrigens auch Woody Allen mit Familie nächtigte, wie ich später erst herausfand). Unsere Lehrer hatten alle Hände voll zu tun, uns von Westkontakten fernzuhalten. Ohne Erfolg übrigens. Arschkalt war es trotzdem. Also draußen natürlich. Absolut höllenschweinescheißekalt war das! Trotz Gorbatschow. Damit meine ich den Präsidenten, nicht den Wodka.

Ich habe 35 volle Jahre!

Wirklich? Ich habe sogar noch ein paar volle Jahre mehr als Sie. Was wir aber offenbar gemeinsam haben, liebe Nataliya: uns beiden sieht man unser wahres Alter nicht an. Nach dem von Ihnen freundlicherweise angehangenen Foto zu urteilen, sehen Sie wirklich keinen Tag älter aus als 21! Ich schreibe dies Ihrer gesunden Lebensweise zu, die frische Luft und der ölige Fisch tun wahrscheinlich ein übriges.

Ich hoffe, Sie werden interessiert in meinem Brief, und vielleicht konnen wir unsere Beziehung aufzubauen. aber Wenn Sie verheiratet sind und nicht fur eine ernsthafte Beziehung suchen, antworten Sie nicht mich. Nur meine Post zu entfernen. Aber ich Ich hoffe, dass alle von Ihnen interessant sein wird, und ich hoffe, dass ich bekommen Die Antwort ist sehr schnell. Nataliya!

Jetzt habe ich Ihnen dennoch geantwortet. Ich hoffe, Sie sind mir deswegen nicht böse. Natürlich fühle ich mich durch Ihr Schreiben sehr geschmeichelt, nur leider sehe ich für uns beide keine gemeinsame Zukunft. Ich weiß aber, dass es hier in Mitteleuropa noch sehr viele einsame und verzweifelte Herren gibt, die sich auch von ein paar popeligen Internet-Trojanern und leergeräumten Konten nicht davon abhalten lassen, ihr ganz persönliches Lebensglück finden. Ich wünsche Ihnen, liebe Nataliya, also noch viel Erfolg bei der Partnersuche und verbleibe mit den weisen Worten von Lady GaGas Lieblingsdicher: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Willkommen im Panic Room, bitte nehmen Sie Platz!

Na? Ist er noch da, der Kick? Der Kitzel? Dieser gruselige Schauer, der Sie heute morgen überfiel, als Sie die frohe Kunde aus den USA ereilte? Schieben Sie noch immer Panik? Rast Ihr Herz in einem besorgniserregenden Tempo? Ist Ihr Adrenalin-Pegel auf einem neuen Rekordstand? Gehen Ihnen die Facebook-Memes aus? Sind Sie schon vollkommen durchgedreht und knabbern an der Tischkante? Geben Sie mir die Hand und atmen Sie tief durch. Eins, zwei drei … Ja, genau so. Ich habe auch nicht damit gerechnet, nein, das gebe ich ehrlich zu. Meine Eignung als politisches Orakel scheint begrenzt zu sein. Aber wissen Sie was? Es ist gut, sich der eigenen Angst und Ohnmacht zu stellen. Es kann sogar sehr heilsam sein. Und sorgen Sie sich nicht darum, ob Ihre verdammte Krankenkasse dafür die Kosten übernimmt (die wird sowieso bald abgeschafft), denn diese Therapie gibt es vollkommen gratis. Schauen Sie Ihrer Angst stattdessen direkt ins Gesicht. Donald Trump mag ein größenwahnsinniger Hallodri sein, der es meisterhaft verstanden hat, den schöngeistigen Teil der Menscheit verbal die Wände hochzutreiben. Was er aber ganz sicher nicht ist: Adolf Hitler. In New York haben nun mal alle eine große Klappe. Das brauchen sie auch, denn anders können sie dort gar nicht überleben. Weder Nine Eleven noch die strickenden Hipster aus Brooklyn haben aus der Stadt einen Streichelzoo machen können. Donald, die alte Knallcharge, he tells it like it is! Dafür lieben ihn seine Anhänger. Sehr wahrscheinlich hat er ihnen aber auch eine ganze Menge Zeug erzählt, an das er sich in in einigen Monaten nicht mehr erinnern wird. Oder erinnern will. The more you tell, the more you sell. Wollt ihr euer eigenes Casino? Mit goldenen Badewannen? Noch ein Swimming Pool auf’s Dach? Wer will den Chinesen mal so richtig in den Arsch treten? Oder der deutschen Kanzlerin? Dem Islamischen Staat? Kein Problem! Jetzt geht hier die Post ab. Oder auch nicht. Spannend wird es auf jeden Fall. Also nehmen Sie schon mal Platz. Wollen Sie Popcorn? Mittlere Größe? XXL? Jetzt seien Sie mal nicht so bescheiden! Sie Loser!

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Steht nicht auf Verlierer: Amerikas künftige First Lady.

 

Hatte ich etwa ein Messer in Sibirien?

What’s the matter with your life?
Is the poverty bringing you down?
Is the mailman jerking you ‚round?
Did he put your million dollar check
In someone else’s box?

(Prince, Pop Life)

Es gibt diese Szene in der ersten „Jack Reacher“-Verfilmung, in der Werner Herzog als sadistischer Gangsterboss einen seiner Lakaien dazu zwingt, sich die eigenen Finger abzubeißen. Eine seltsam beeindruckende Szene ist das. Es geht um einen Loyalitätsbeweis dem Boss gegenüber, und natürlich geht es um Bestrafung. Dazu wispert The Mighty Herzog einen dramatischen Monolog über seine harten Jahre in einem sibirischen Gulag. Er habe dort nur überlebt, in dem er seine eigenen Hände qualvoll verstümmelte. Während er diese Geschichte erzählt, steht im Hintergrund ein weiterer Befehlsempfänger mit einer Knarre bereit, um die Dringlichkeit des Ganzen zu untermauern. Als der wimmernde Lakai schließlich begreift, was von ihm erwartet wird, als ihm die Aussichtslosigkeit seiner Lage bewusst wird und er seinen Boss um ein Messer bittet, erwidert dieser nur kühl: „Hatte ich etwa ein Messer in Sibirien?“ Was folgt, ist klar. Unter lautem Geschrei versucht der arme Kerl, sich die Finger abzuknabbern. Am Ende wird er trotzdem erschossen.

Was lernen wir daraus? Vorsicht ist geboten bei der Wahl der Arbeitsstelle! Ich selbst war noch nie in Sibirien, geschweige denn in einem Gulag, und habe bis jetzt auch noch alle meine Finger. Ich tippe diesen Text zwischen zwei Projekten, einem gut bezahlten und einem eher unbezahlten. Ich teile mir meine Zeit selbst ein. Niemand redet mir rein und niemand hält mir eine Knarre an den Kopf. Ich komme, ich gehe, ich arbeite, wann es mir beliebt. Weil ich es kann. Weil ich mir das nun mal herausnehme. Weil ich das schon immer so gemacht habe. Das ist kein Luxus, das ist meine Entscheidung. Das Geld kommt, das Geld geht, und dann kommt es wieder. Es ist nur Geld. Wenn ich genug habe, verteile ich etwas. Wenn nicht, wird später gezahlt. Das gilt für den Online-Versand ebenso wie für das Finanzamt. Mit Arbeit wird sowieso niemand reich. Reich wird man, indem man das Geld für sich arbeiten lässt, das sollte doch bekannt sein. Weshalb schreibe ich das? Ich habe es endgültig satt, mir das Gejammer anderer Menschen über ihre ach so grimmige Arbeitswelt anzuhören. Oder darüber zu lesen. Darüber, wie furchtbar gestresst sie sind. Darüber, dass die Arbeit sie auffrisst, dass sie gemobbt werden, dass sie sich ungerecht behandelt fühlen, dass der Arbeitsmarkt immer brutaler wird, man aber nichts dagegen tun kann, weil: wir sitzen ja alle im selben Boot … Bringt euch um! Ich meine das ganz ehrlich und unironisch. Bringt euch um! Oder kündigt. Nein, entschuldigt bitte, kündigen wäre natürlich zu viel verlangt. Also Selbstmord. Es ist November, das liegt gerade wieder im Trend. Fenster auf und raus. Bitte sehr. Nur geht mir bitte nicht mehr auf die Nerven mit eurem Selbstmitleid und dem endlosen Gesabbel darüber, wer an all dem Schuld hat. Der Chef, die Firma, der Markt, der Staat, das System, die Mutti und der Papa, der Freihandel und die UFOs – die „da oben“ sind ja grundsätzlich immer schuld. Sicher, ihr wisst es nicht besser, ihr wurdet so erzogen, konditioniert und klein gehalten, mit einem unbezwingbaren Glauben an das Böse und an die Übermacht der Anderen. Ihr hängt euch Tarantino-Poster ins Zimmer, bloggt über die Revolution und seid doch bis ins Knochenmark zerfressen von kleinbürgerlichen Existenzängsten, Sozialneid und Paranoia. Ich war wirklich sehr geduldig, viele Jahre lang, aber jetzt habe ich genug. Jetzt habe ich es satt, euer Opfergeheul. Ich habe eure permanent behauptete Ausweglosigkeit satt, diese ewige pseudoapokalyptische Eierschaukelei, diesen ganzen verdammten Kindergarten. Ich sitze nicht in eurem Boot. Ich höre nicht mehr hin, ich klicke nicht mehr drauf. Eher kaue ich mir jeden Finger einzeln ab.