Alles dicht

Heute saß ich nach sehr langer Zeit wieder einmal in einem komplett zugesprühten S-Bahnwagen. Fenster dicht, Türen dicht, alles dicht. Der Zug als Burka. Frohsinn durchströmte mein Herz und Erinnerungen an die Bronx der frühen 80er wurden wach – bzw. an das, was ich davon damals aus dem Kino kannte, als „Beat Street“ die Hip-Hop-Kultur auch zu uns in die Karl-Marx-Allee schwappen ließ (wäre ich tatsächlich in der Bronx der frühen 80er aufgewachsen, läge mein Coolness-Faktor heute jenseits messbarer Maximalwerte). Nach dem Aussteigen konnte ich dann noch kurz einen Steppke beobachten, der sich von seinem Vater stolz vor der bunten Monster-Burka fotografieren ließ. Dann schlossen sich auch schon wieder die blickdichten Türen und der Wagen ratterte weiter. Graffiti in dieser Dimension und Konsequenz habe ich schon immer als große Kunst angesehen. Eine Kunst, die umso mehr an Wert gewinnt, je illegaler sie ausgeübt wird. Und wer wirklich konsequent ist, der besprüht keine Hinterhofwände, keine Trafos, Hauseingänge oder düstere Unterführungen. Nein, wer wirklich Eindruck hinterlassen will, der wählt sich einen nagelneuen jungfräulichen Wagen. So war es schon immer. Auf dass der Ruhm sich über jeden Bahnhof und jeden Instagram-Account verbreite! Dass so etwas heute überhaupt noch auffällt, beweist die nicht todzukriegende anarchische Kraft der Sprühkunst alter Schule, die bisher jede kommerzielle Vereinnahmung und auch die zwischenzeitliche Konkurrenz durch Banksy & Co. überlebt hat. Das kleinteilige und hässliche Getagge ist dagegen mittlerweile fast vollständig aus den öffentlichen Verkehrsmitteln verschwunden. Jugendlicher Vandalismus findet heute vorzugsweise digital statt – es sei denn, es wird gerade irgendwo Fußball gespielt. Übrig geblieben sind die Manischen, die Künstler mit verpixelten und vermummten Gesichtern, die den Zug noch immer als ihre einzig wahre Leinwand ansehen. So wie die Sprayer aus der Bronx damals. Fenster dicht, Türen dicht, alles dicht. Meinen Respekt an die Bande, die den Wagen zu verantworten hatte, in dem ich heute saß. Möge er noch lange durch die Stadt rollen!

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5 Gedanken zu “Alles dicht

  1. Woher haben die jungen Leute nur das ganze Geld für die Farbe? Ich mache mir ernsthaft Sorgen um die Drogenversorgung der Berliner Nachwuchskünstler, schließlich kann man das Taschengeld ja nur einmal ausgeben.

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