Die Nachgeburt

Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Also wirklich, bitte verlassen Sie den Tatort, Sie behindern hier nur die Ermittlungsarbeit mit Ihrer dummen Gafferei! Oder wollen Sie wirklich live und in Echtzeit dabei zuschauen, wie ich erfolglos versuche, die neueste Veröffentlichung von Alexa Hennig von Lange zu ignorieren? Na gut. Sollten Sie sich noch an die Zeit kurz vor dem Millennium erinnern können, dann lässt der Name Alexa Dingens von Bummens vielleicht noch die ein oder andere Glocke in Ihrem Gedächtnis läuten. Das war jene sommersprossige junge Dame, die mit ihren crazy Jugendbüchern durch die Medien gereicht wurde, zeitgleich mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Ohne ein „von“ hat es die Popliteratur damals nicht gemacht. Die Rolle des tragischen Berliner Partymädchens habe ich ihr damals schon nicht abgekauft, sondern eher als mediokre Travestie empfunden. Aber so lief das in den 90ern: man kam irgendwo aus der westfälischen Provinz zum Studieren oder Arbeiten in die Techno-Hauptstadt, zog dreimal eine Nase Koks in irgendeinem Kellerclub in Mitte, drehte mal richtig frei auf dem Kopfsteinpflaster, und schon war man der Nabel der Welt – es winkten Buchverträge und Auftritte bei Harald Schmidt. Dann kam Charlotte Roche und es wurde alles noch viel schlimmer (merke: schlimmer geht immer!)

Fast 20 Jahre später haben sich die Themen der einst flippigen Autorin naturgemäß etwas verändert. Es treten auf: fünf Kinder, ein Ehemann und ein Apfelgarten in der Uckermark. Oder irgendwo da in der Nähe. Auf jeden Fall in Brandenburg, in der „Region“. Dort nisten sich schon seit Jahren die gestressten Vertreter der Berliner Kulturszene ein, kaufen alte Scheunen auf, züchten Hühner und veröffentlichen Bücher über Landflucht, übers Kuchenbacken und die eigene Familiengründung. Frau Dingens von Bummens kommt mit ihrem Beitrag zu dem Thema zwar ein wenig spät um die Ecke, aber sie war halt auch sehr beschäftigt. Mit den Kindern und so. Seltsamerweise bewirbt der Verlag nun ihr neues Buch u.a. mit der steilen Behauptung „Kinder gelten heute als Anschlag auf die gute Laune, als Sargnagel im Lebensplan.“ Seit wann das denn? Ich zumindest nehme genau das Gegenteil davon wahr. Nie wurde ein größeres Bohei um den Nachwuchs gemacht als aktuell. Kinder sind heute wieder die absolute Nummer Eins bürgerlicher Heilsversprechen. Überall türmen sich Mami-Blogs, Hashtags und ein Gebirge an Ratgeber-Literatur und Magazinen für die sendungsbewusste Vollwert-Patchwork-Familie aus der IKEA-Reklame. Und auch bei Familie Hennig von Lange muss alles raus: Die Sorgen. Die Nöte. Die Windeln. Die Spaghetti. Das Smartphone. Der Geschirrspüler. Und die Babysitterin. Ach je … Willkommen in der Villa Kunterbunt! Familien sind das neue Koks. Googeln Sie mal „nido“. Es fehlt nur noch das Mutterkreuz aus glutenfreiem Kruppstahl.

Zugegeben: ich bin auch ein klein wenig neidisch auf Menschen, die es schaffen, jeden Aspekt ihrer öden Biografie so unbekümmert und produktiv zu vermarkten. Insofern ist mir Alexa Dummdidumm von Hopsassa ein heimliches Vorbild. Ja, irgendwann werden sie dann wohl auch erscheinen – meine eigenen literarischen Ergüsse! Mindestens fünf Romane habe ich schon in der Schublade. Notizen über ein schillerndes Leben zwischen Diktatur, Alkohol, Sperma und UFO-Sichtungen. Mit heißer Hand getippt und garantiert ohne Ratschläge zur Kindererziehung. Vielleicht werden sie aber auch erst nach meinem Ableben veröffentlicht. So eilig habe ich es eigentlich nicht. Als treuer Jünger Friedrich Nietzsches vermute ich, dass auch mein Werk wohl eher für die Nachgeborenen bestimmt sein wird. Jetzt gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen!

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5 Gedanken zu “Die Nachgeburt

  1. „Kinder sind heute wieder die absolute Nummer Eins bürgerlicher Heilsversprechen. Überall türmen sich Mami-Blogs, Hashtags und ein Gebirge an Ratgeber-Literatur und Magazinen für die sendungsbewusste Vollwert-Patchwork-Familie aus der IKEA-Reklame.“

    Genau so ist es!

    Was das Bücher schreiben angeht, hatte ich mich anfangs auch gewundert, wer mit was heutzutage alles Bücher veröffentlicht. Zum Vermarkten braucht es heute eigentlich nur zwei Dinge: einen bekannten Namen und Beziehungen (zum Verlag, den Medien, Vermögenden, der Werbeindustrie etc.). Auf die Inhalte kommt es nun wahrlich nicht mehr an. Man kauft ja auch keine Weisheiten mehr oder will tatsächlch seinen Horizont erweitern, man will nur Bestätigung für das eigene Denken und/oder ein Franchise konsumieren. Lebensratgeber- statt Philosophie-Bücher. Statt Marcuse, Fromm, Adorno, Wittgenstein und Sokrates gibt es heute Richard David Precht und Hirschhausen. Mahlzeit!

  2. nuja, kinderhaben (vor allem derer fünf) kostet zeit und lässt einen durchaus mal im gefrorenen augenblick stehenbleiben, bisse alt genug sind, sich nicht 24/7 um sie kümmern zu müssen. das buch lag vielleicht 15 jahre inner schublade und sie hat die zwischenzeitlichen veränderungen nicht wahrnehmen wollen. plus die erwähnungen epikurs und schon ist „nachgeburt“ sehr treffend.

    1. Die Kinder kamen in dem Fall aber sehr versetzt, über Jahrzehnte, soviel ich weiß (bzw. ergoogeln konnte). Dazwischen kamen auch immer wieder Bücher. Über alles und jeden Lebensabschnitt. Alles muss raus, you know. Egal, wie mittelmäßig und uninteressant. Das meine ich ja: diese verdammte Egozentrik, dieses Sendungsbewusstsein. Das aktuelle Werk von Alexa Dingsbumms lag nun bestimmt nicht seit 15 Jahren in der Schublade. Das ist schon kalkuliert. Immer vermeindlich am Puls der Zeit bzw. der zurecht konditionierten und verblödeten Leserschaft. Nervig und bewundernswert zugleich. File under: Hera Lind, Brigitte, Sex and the City, Eat-Pray-Love, http://www.leben-und-erziehen.de … Keine Ahnung … Ich habe Rotwein getrunken, Sie mögen entschuldigen. Und ja, epikur hat recht!

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