Send in the Clowns

Wie traurig und verrottet muss sich das Leben anfühlen, dass ein erwachsener Mensch auf die Idee kommt, sich als Pennywise-Kopie zu verkleiden und so lange hinter einem Gebüsch oder einer Autobahn-Ausfahrt zu lauern, bis sich endlich mal jemand erschreckt, einen mit dem Telefon abfilmt und schließlich auf Youtube hochlädt? Oh flüchtiger Ruhm … Apropos Clowns: der einzig wahre Robbie W. ist zurück und demonstriert, wie die Verständigung mit der russischen Föderation immer noch am besten funktioniert. Gabriele Krone-Schmalz mag so etwas unseriös finden, bei mir aber ist die Botschaft angekommen. Ich bin damit natürlich etwas spät dran, ich weiß. Schwerwiegende persönliche Gründe (eine Erkältung, ein Friseurtermin sowie ein grundsätzlich epochales Desinteresse) hinderten mich leider daran, dem Weltgeschehen ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei war ich einst ein echter Early Adapter, was die Solokarriere von Robbie Williams angeht. Beinahe zwanzig Jahre ist es nun schon wieder her, da stand ich in einem sehr übersichtlichen Häuflein von Musikjournalisten, Britpoppern und auch einigen treuen Take-That-Fans vor der Bühne der Columbiahalle in Berlin und sah Robbie dabei zu, wie er „Life thru a lens“ vermarktete. Noch bevor „Angels“ als Single ausgekoppelt wurde. Ja, so war ditt jewesen. Es ist immer sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass man eher als alle anderen dabei war. Als erster. Nur die Nummer Eins zählt. Das gilt auch für diese lahmen Ranking-Videos der angeblich schlimmsten Gruselclown-Sichtungen. Strengt euch gefälligst etwas an, ihr Freaks! Feiert wie ein Russe! Tanzt als hättet ihr eine Gehirnerschütterung! Ende der Diskussion!

Alles dicht

Heute saß ich nach sehr langer Zeit wieder einmal in einem komplett zugesprühten S-Bahnwagen. Fenster dicht, Türen dicht, alles dicht. Der Zug als Burka. Frohsinn durchströmte mein Herz und Erinnerungen an die Bronx der frühen 80er wurden wach – bzw. an das, was ich davon damals aus dem Kino kannte, als „Beat Street“ die Hip-Hop-Kultur auch zu uns in die Karl-Marx-Allee schwappen ließ (wäre ich tatsächlich in der Bronx der frühen 80er aufgewachsen, läge mein Coolness-Faktor heute jenseits messbarer Maximalwerte). Nach dem Aussteigen konnte ich dann noch kurz einen Steppke beobachten, der sich von seinem Vater stolz vor der bunten Monster-Burka fotografieren ließ. Dann schlossen sich auch schon wieder die blickdichten Türen und der Wagen ratterte weiter. Graffiti in dieser Dimension und Konsequenz habe ich schon immer als große Kunst angesehen. Eine Kunst, die umso mehr an Wert gewinnt, je illegaler sie ausgeübt wird. Und wer wirklich konsequent ist, der besprüht keine Hinterhofwände, keine Trafos, Hauseingänge oder düstere Unterführungen. Nein, wer wirklich Eindruck hinterlassen will, der wählt sich einen nagelneuen jungfräulichen Wagen. So war es schon immer. Auf dass der Ruhm sich über jeden Bahnhof und jeden Instagram-Account verbreite! Dass so etwas heute überhaupt noch auffällt, beweist die nicht todzukriegende anarchische Kraft der Sprühkunst alter Schule, die bisher jede kommerzielle Vereinnahmung und auch die zwischenzeitliche Konkurrenz durch Banksy & Co. überlebt hat. Das kleinteilige und hässliche Getagge ist dagegen mittlerweile fast vollständig aus den öffentlichen Verkehrsmitteln verschwunden. Jugendlicher Vandalismus findet heute vorzugsweise digital statt – es sei denn, es wird gerade irgendwo Fußball gespielt. Übrig geblieben sind die Manischen, die Künstler mit verpixelten und vermummten Gesichtern, die den Zug noch immer als ihre einzig wahre Leinwand ansehen. So wie die Sprayer aus der Bronx damals. Fenster dicht, Türen dicht, alles dicht. Meinen Respekt an die Bande, die den Wagen zu verantworten hatte, in dem ich heute saß. Möge er noch lange durch die Stadt rollen!

What’s your Purpose? (Superfoods for Super people)

Wem wohl die kalten Tage nützen? Was gestern lebte, ist heut taub.
Und in den schmutzig grauen Pfützen ertrinkt der Bäume welkes Laub.
Was ist das Ziel in diesem Spiel, das der Natur seit je gefiel?

(Alexandra, Was ist das Ziel?)

Düster ist die Welt, in der wir leben. Düster, garstig und krebserregend. Schuld daran sind die Kapitalisten. Und Sophia Thomalla. Ihr Ziel ist klar: Weltherrschaft, Zerstörung der Umwelt und ganz allgemein ein umfassendes, niemals endendes Elend für alle aufrechten, friedliebenden Menschen. Hören Sie schon die Carmina Burana im Hintergrund? Die üblichen Waffen im Kampf gegen die Mächte des Bösen (Bombenanschläge, Podiumsdiskussionen, Satire-Sendungen) haben sich als wirkungslos erwiesen. Was uns jetzt noch bleibt, ist die Selbstoptimierung, die Überwindung des Systems durch Unsterblichkeit also. Seit Jahren schon experimentiere ich mit diversen Superfoods und möchte heute von den Ergebnissen berichten. Angefangen habe ich, wie die meisten Quereinsteiger der Szene, mit grünem Tee und nativem Olivenöl. Über die Jahre folgten dann Dinkelschrot, Kombucha, Algen-Smoothies, getrocknete Goji-Beeren, Chia-Samen, antarktische Krillöl-Kapseln, mit Eigenurin versetztes Craft Beer sowie Power-Müslis aus einem alten aztekischen Kaktus, dessen Name mir gerade entfallen ist. Das Ganze selbstverständlich stets begleitet von ausgiebigen Yoga-Sitzungen. Was soll ich sagen? Ich bin mittlerweile dermaßen gesund und verjüngt … Wie verjüngt, fragen Sie? Als ich das letzte Mal allein verreisen wollte, hat mich die Flughafen-Polizei beim Jugendamt abgeliefert. So verjüngt. Über solche Zwischenfälle muss ich mir nun aber auch keine Gedanken mehr machen, denn seit gestern kann ich selbst fliegen. Ich atme einfach kurz ein und stoße mich dann vom Boden ab. Dank der zahlreichen Antioxidantien, die mein Körper im Laufe der Zeit gespeichert hat, setze ich während des Fluges auch bei nassem Wetter keinen Rost an. Ich eigne mich somit als Drohne und Friedens-Engel zugleich. Sehet, ich bin gekommen, um euch folgendes zu verkünden: Goji-Beeren sind aktuell schon ab 24,90 Euro das Kilo im Angebot! Jetzt zugreifen oder verrecken!

bieber_pentagram

Auch wichtig: Justin Bieber und Bobby Liebling sind ein und dieselbe Person. So.

Dieses Gefühl zu erreichen

Sich verwirklichen – damit meine ich lediglich, dass man in dieses Wohlgefühl zurückkehrt, was man mal empfunden hat, wo einem sozusagen eine Ahnung kam:  So möcht’ ich leben! Und diese Ahnung kam einem deshalb, weil man das in so’nem Moment irgendwie plötzlich erlebt hat. Und immer wieder will man reinkriechen in dieses schöne Gefühl und will es immer wieder haben. Es wird mit der Zeit immer schwieriger …

Mhmm …

… weil man immer, immer anspruchsvoller wird, also anspruchsvoller im Sinne von allem Möglichen.

Ich schwör‘ dir, hinten raus wird’s weniger mit dem Anspruch.

Gottseidank, ich freu mich drauf!

Die Nachgeburt

Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Also wirklich, bitte verlassen Sie den Tatort, Sie behindern hier nur die Ermittlungsarbeit mit Ihrer dummen Gafferei! Oder wollen Sie wirklich live und in Echtzeit dabei zuschauen, wie ich erfolglos versuche, die neueste Veröffentlichung von Alexa Hennig von Lange zu ignorieren? Na gut. Sollten Sie sich noch an die Zeit kurz vor dem Millennium erinnern können, dann lässt der Name Alexa Dingens von Bummens vielleicht noch die ein oder andere Glocke in Ihrem Gedächtnis läuten. Das war jene sommersprossige junge Dame, die mit ihren crazy Jugendbüchern durch die Medien gereicht wurde, zeitgleich mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Ohne ein „von“ hat es die Popliteratur damals nicht gemacht. Die Rolle des tragischen Berliner Partymädchens habe ich ihr damals schon nicht abgekauft, sondern eher als mediokre Travestie empfunden. Aber so lief das in den 90ern: man kam irgendwo aus der westfälischen Provinz zum Studieren oder Arbeiten in die Techno-Hauptstadt, zog dreimal eine Nase Koks in irgendeinem Kellerclub in Mitte, drehte mal richtig frei auf dem Kopfsteinpflaster, und schon war man der Nabel der Welt – es winkten Buchverträge und Auftritte bei Harald Schmidt. Dann kam Charlotte Roche und es wurde alles noch viel schlimmer (merke: schlimmer geht immer!)

Fast 20 Jahre später haben sich die Themen der einst flippigen Autorin naturgemäß etwas verändert. Es treten auf: fünf Kinder, ein Ehemann und ein Apfelgarten in der Uckermark. Oder irgendwo da in der Nähe. Auf jeden Fall in Brandenburg, in der „Region“. Dort nisten sich schon seit Jahren die gestressten Vertreter der Berliner Kulturszene ein, kaufen alte Scheunen auf, züchten Hühner und veröffentlichen Bücher über Landflucht, übers Kuchenbacken und die eigene Familiengründung. Frau Dingens von Bummens kommt mit ihrem Beitrag zu dem Thema zwar ein wenig spät um die Ecke, aber sie war halt auch sehr beschäftigt. Mit den Kindern und so. Seltsamerweise bewirbt der Verlag nun ihr neues Buch u.a. mit der steilen Behauptung „Kinder gelten heute als Anschlag auf die gute Laune, als Sargnagel im Lebensplan.“ Seit wann das denn? Ich zumindest nehme genau das Gegenteil davon wahr. Nie wurde ein größeres Bohei um den Nachwuchs gemacht als aktuell. Kinder sind heute wieder die absolute Nummer Eins bürgerlicher Heilsversprechen. Überall türmen sich Mami-Blogs, Hashtags und ein Gebirge an Ratgeber-Literatur und Magazinen für die sendungsbewusste Vollwert-Patchwork-Familie aus der IKEA-Reklame. Und auch bei Familie Hennig von Lange muss alles raus: Die Sorgen. Die Nöte. Die Windeln. Die Spaghetti. Das Smartphone. Der Geschirrspüler. Und die Babysitterin. Ach je … Willkommen in der Villa Kunterbunt! Familien sind das neue Koks. Googeln Sie mal „nido“. Es fehlt nur noch das Mutterkreuz aus glutenfreiem Kruppstahl.

Zugegeben: ich bin auch ein klein wenig neidisch auf Menschen, die es schaffen, jeden Aspekt ihrer öden Biografie so unbekümmert und produktiv zu vermarkten. Insofern ist mir Alexa Dummdidumm von Hopsassa ein heimliches Vorbild. Ja, irgendwann werden sie dann wohl auch erscheinen – meine eigenen literarischen Ergüsse! Mindestens fünf Romane habe ich schon in der Schublade. Notizen über ein schillerndes Leben zwischen Diktatur, Alkohol, Sperma und UFO-Sichtungen. Mit heißer Hand getippt und garantiert ohne Ratschläge zur Kindererziehung. Vielleicht werden sie aber auch erst nach meinem Ableben veröffentlicht. So eilig habe ich es eigentlich nicht. Als treuer Jünger Friedrich Nietzsches vermute ich, dass auch mein Werk wohl eher für die Nachgeborenen bestimmt sein wird. Jetzt gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen!