Smile! What’s the use of crying …

… es gibt eine Idee … einen abstrakten Entwurf, aber kein wahres Ich, nur eine Erscheinung, etwas Schemenhaftes, und obwohl ich in der Lage bin, mein kaltes Starren zu verbergen, und du mir die Hand schütteln kannst und dabei Fleisch spürst, das dein Fleisch umschließt, und vielleicht sogar das Gefühl hast, unser Lebensstil sei vergleichbar: Ich bin einfach nicht da.

(Bret Easton Ellis, American Psycho)

„Lächle doch mal!“ Ich kann mich noch gut an diese dumme Aufforderung erinnern. Damals dachte ich tatsächlich, es wären nur ein paar vereinzelte Egozentriker, die sich so etwas herausnehmen. Bemitleidenswerte Gestalten, die nach einem Lach-dich-frei-Yoga-Motivations-Trommelkurs-Wochenende von ihrer frisch antrainierten Glückseligkeit dermaßen durchdrungen waren, dass sie nun unbedingt meinen Gesichtsausdruck missionieren wollten. Ein natürlich zum Scheitern verurteilter Versuch, denn sie haben damit immer genau das Gegenteil erreicht. Aber sie sind eben längst nicht allein, es werden immer mehr. Es ist eine Massenbewegung, die ihren missionarischen Eifer mittlerweile in die sozialen Medien verlagert hat. Wohin auch sonst? Dort wird man für jedes veröffentlichte Selfie, das keine perfekt im Kreis grinsende Visage zeigt, sofort ermahnt: „Guck nicht so böse!“ „Warum so ernst?“ „Lächle doch mal!“ Weshalb man nun eigentlich lächeln soll, sagen sie aber nie. Es gibt keine Begründung, außer vielleicht dem still vorausgesetzten Einverständnis darüber, dass jedes nicht lächelnde Gesicht eine elementare Bedrohung darstellt für das harmoniesüchtige Disneyland, das sie sich offenbar als Realität zurechtgelegt haben. Warum so ernst? Ich habe gar nichts gegen lächelnde oder lachende Gesichter. Nein, im Gegenteil. Wem nach Lachen zu Mute ist, der soll dies bitte unbedingt tun. Schließlich handelt es sich dabei um ein menschliches Ur-Bedürfnis, nicht wahr? Eines, mit dem aber gerade christlich geprägte Kulturen ein eher ambivalentes Verhältnis verbinden. Lachen ist hier Schuld und Befreiung zugleich. Hat Jesus vielleicht gelacht am Kreuz? Sie haben doch Der Name der Rose gelesen? Also lächeln und lachen Sie aus vollem Herzen, nur zu, ich tue es ja mitunter selbst ganz gerne (spät nachts, in meinem unterirdischen Verließ, während ich die Häute meiner filetierten Opfer zum Trocknen aufhänge). Ich kann mir allerdings auch kaum etwas schlimmeres, aufdringlicheres und faschistoideres vorstellen als die Verordnung von guter Laune. Von einem dieser verzweifelten Gebiss-Testimonials. „Lächle doch mal!“

Letzte Woche las ich über den Freitod eines Bloggers. Ich gebe ehrlich zu, dass der mir bis zu seiner Todesnachricht vollkommen unbekannt war. Nicht so dem Rest des Internets: es gab Nachrufe von Gala bis BILD und einmal quer durch die bis ins Mark erschütterte Bloggeria. In nur wenigen Minuten breitete sich sein gesamtes Leben vor mir aus. Es gab da also diesen unsagbar sympathischen und beliebten Menschen, diesen bestens vernetzten Hans Dampf in allen Gassen, diesen Kommunikator, Motivator, diesen Familienvater und stets wohlmeinenden, breit lächelnden Weltverbesserer, der das Netz am Ende dazu nutzte, einen der eitelsten und gleichzeitig ehrlichsten Selbstmorde hinzulegen, der mir bislang begegnet ist. Inklusive Twitter-Ankündigung und Abschiedsbrief auf seinem Blog (der inzwischen vom Netz genommen wurde). Es war alles eine Lüge, schrieb er dort. Das Lächeln, dieses verdammte Dauergrinsen, das er auf allen Bildern zur Schau stellte – eine Maske, dahinter der Abgrund. That’s the time you must keep on trying. Smile, what’s the use of crying, you’ll find that life is still worthwhile, if you just smile.

P.S. Beim popmusikalisch gebildeten Teil meiner Leserschaft renne ich wahrscheinlich offene Türen ein. Allen anderen sei aber hiermit dieses zeitlose Meisterwerk von Brian Wilson empfohlen – einem Mann, der schon immer seine beste Kunst an der Schnittstelle von Depression und Leichtigkeit herzustellen wusste. Ja, es ist das komplette Album. Bitte sehr:

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