It’s the terror of knowing what this world is about

Das Thema muss noch sacken, hatten sie ihm gesagt, das braucht noch Zeit. Vielleicht nach dem nächsten Anschlag, hatten sie gesagt, diese Sesselpuper in Köln! Jetzt kann er sich des inneren Jubels nicht länger erwehren. Live-Stream, seit 20 Minuten. Und es geht gerade erst richtig los. Von wegen sacken lassen! Hatte er es ihnen nicht gesagt? Seit Monaten liegt er denen beim Sender jetzt schon in den Ohren. Fünf verschiedene Drehbuch-Entwürfe über deutsche IS-Heimkehrer gammeln auf seinem Schreibtisch vor sich hin. Das müssen wir machen, hatte er ihnen immer wieder vorgebetet. Worauf wartet ihr denn noch, worauf? Jetzt müssen wir das machen, Leute, noch in diesem Quartal! Noch vorm Sommer. Wenigstens dieses Jahr noch. Bevor die Gelder wieder weg sind. Bevor RTL das macht, mit der Verres und dem Schweighöfer oder irgendeiner dieser alten Quotenschlunzen! Dann ist der Stoff verbrannt. Wir können das doch besser mit dem Terror und der Angst, mit den Menschen und den Emotionen. Wir sind doch der WDR. Ja, natürlich können wir das alles noch biegen. Ja klar, ich rede mit den Autoren. Das kriegen wir auch noch ergreifender hin, das schleifen wir noch. Mit ein wenig mehr Fokus auf die Ehe der Eltern und das soziale Umfeld. Vielleicht noch ein bißchen Recherche im Milieu? Ist das im Budget? Direkt bei den Hartzern? Plattenbau? Zu abgedroschen? Besser im Eigenheim? Schwuler Bruder? Vergewaltigte Schwester? Drogen? Irgendwie aktueller? Politischer? Mit Bezug auf Erdogan? Böhmermann? NATO? Lindenstraße? Hanni und Nanni? Kein Problem. Aber mit Feingefühl, ganz sensibel, die Balance halten, ja, wir sind doch der WDR. Wir holen die Leute dort ab, wo sie sind, ganz authentisch, in ihrem Alltag, ja natürlich. Mann, das wird gut!

Dem Redakteur ist nach Feiern zu Mute. Er ruft jetzt mal den Alex an, dessen Buch liegt ganz oben auf seinem Stapel. So eine arme Sau, der hat seit zwei Jahren keine Förderung mehr bekommen für sein Geschreibsel, ist bestimmt schon wieder mit der Miete im Rückstand. Der hat Druck, der kommt nicht mal mehr als dritter Schreiber von links bei den Daily Soaps unter, der hat Schulden von hier bis nach Mexiko, der ist flexibel, der schreibt alles rein in sein scheiß Drehbuch. Wie schaut’s aus, Alex, noch kurz zu Johnny ins Sorsi e Morsi … Eher nicht? Dann vielleicht noch bei mir zu Hause? Dann sprechen wir das noch mal schnell durch. Der Ansatz ist gut, hab ich dir ja schon gesagt, aber … Nein, keine Angst, es bleibt natürlich dein Buch, ist doch ganz klar. Wir reden hier über minimale Anpassungen, es geht nur noch um Nuancen. Kannst du gleich noch ein paar Bier mitbringen, vom Späti? Bist du so nett? Oder einen Roten, jetzt nicht den allerbilligsten vielleicht. Und Zigaretten? Ja, das wird gut. Das geht jetzt erst richtig los. Das müssen wir jetzt machen. Endlich. Diesmal ist der Samstag Abend drin, das sag ich dir. 20.15 Uhr, im ERSTEN! Diesmal schieben die uns nicht in den Dienstag oder Mittwoch, kurz nach Mitternacht, wenn nur noch deine Mutter einschaltet, um zu sehen, was du da die letzten Jahre eigentlich getrieben hast. Prime Time, Baby! Rezensionen im Feuilleton, Deutscher Fernsehpreis! Wie klingt das, Alex? Die Füße des Redakteurs fangen an zu wippen. Den Live-Stream lässt er nebenher weiterlaufen.

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