Achtung, Konterrevolution! (Let’s do the Time Warp again)

„Wenn wir vom Feind bekämpft werden, dann ist das gut; denn es ist ein Beweis, dass wir zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich gezogen haben. Wenn uns der Feind energisch entgegentritt, uns in den schwärzesten Farben malt und gar nichts bei uns gelten lässt, dann ist das noch besser; denn es zeugt davon, daß wir nicht nur zwischen uns und dem Feind eine klare Trennungslinie gezogen haben, sondern dass unsere Arbeit auch glänzende Erfolge gezeitigt hat.“
(Mao Tse Tung)

„Whatever the Thinker thinks, the Prover will prove.“
(Robert Anton Wilson)

Über den Kampf eines Berliner Innensenators gegen Hausbesetzter zu lesen, ist wie über den Nahostkonflikt zu lesen – ein Gefühl wie in einer Zeitschleife. Welches Jahrzehnt haben wir gerade? Tatsächlich habe ich bis vor kurzem nicht gewusst, dass es überhaupt noch besetzte Häuser in dieser Stadt gibt. Die Rigaer Straße 94 hatte ich dabei als gallisches Dorf inmitten der großrömischen Gentrifizierung offenbar übersehen. Friedrichshain – immerhin der Heimatbezirk meiner Jugend (danke, ich hole mir meinen Kredibilitäts-Keks dann am Ausgang ab) – sei längst eine befriedete Oase für Veganer, Skateboarder und Party-Touristen geworden, so dachte ich. Falsch gedacht. Nun gut, liebe GenossInnen, lieber schwarzer Block, liebe Freunde der Retrokultur, folgendes: Grundsätzlich stehe ich Gedanken der Autonomie, der Antiautorität und der Anarchie sehr freundlich gegenüber. Allerdings bezieht sich mein Anarchie-Verständnis eher auf ein freies Denken und weniger auf die Verteidigung maroder Bruchbuden oder das Verfassen von Gudrun-Ensslin-Gedenk-Pamphleten, mit denen ihr euren Randale-Kindergarten immer wieder als politischen Kampf zu rechtfertigen versucht. Moment, ich schau noch mal ganz schnell in den Kalender: ja, die Party ist vorbei. Schon seit 20 Jahren. Ja, ich weiß, jede Generation muss sich erst wieder neu spüren im Gummiknüppel-Hagel. Erst dann ist man ein Mann, ein richtiger Revolutionär. Frisch vermummt und rein in die Schlacht! Nieder mit den Schweinen! Leider wirkt ihr dabei aber immer mehr wie der heulende Ronaldo und immer weniger wie Che Guevara. Die Faust zum Gruß!

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7 Gedanken zu “Achtung, Konterrevolution! (Let’s do the Time Warp again)

  1. Das Haus Rigaer Straße 94 ist nicht besetzt, die Bewohner haben Mietverträge. Es gibt derzeit kein besetztes Haus in Berlin, nach der „Berliner Linie“ werden besetzte Häuser noch am gleichen Tag von der Polizei geräumt (zuletzt im September und November 2015). Leider wird in der Kuhpresse durchgehend von besetzten Häusern gesprochen, aber das ist einfach nur schlecht recherchiert.

    Quelle: http://berlin-besetzt.de/

    1. Die überraschende Nachricht lautet somit: Ich hatte doch Recht. Noch’n Keks! Die weniger überraschende Nachricht: Wikipedia lügt.

      1. Eigentlich geht es ja nur um das Erdgeschoss, dass die sozialromantisch bewegte Jugend als Treffpunkt („illegale Kneipe“) nutzt. Eigentlich nicht der Rede wert. Hausbesitzer ist eine Briefkastenfirma auf den Virgin Islands – das passt natürlich ins Feindbild des revolutionären Nachwuchses. Ein CDU-Innensenator möchte sich zwei Monate vor der Wahl in Berlin als harter Hund inszenieren – und fertig ist die Show für die Medien, die das Sommerloch füllen müssen …

      2. Eine ziemlich blutige Show mal wieder. „It’s just a jump to the left and then a step to the ri-hi-hi-hight…“

  2. Wenn ich mir dein Foto anschaue, wärst du in der Kad(t)erschmiede – Willkommen in der linken Wortspielhölle – eigentlich gar nicht groß aufgefallen. Allerdings hättest du dir beim Kreuzberger „Revolutionsbedarf“ noch ein T-Shirt mit einem schwarzen Stern kaufen müssen ;o)))

    1. Besten Dank. Ich gelte allgemein als sehr unauffällig. Auf den schwarzen Stern hat doch mittlerweile David Bowies Nachlassverwaltung das Copyright, oder? Autobiografischer Fun Fact zum revolutionären Wortspiel: Ende der 80er war ich mal auf einer Party in einem leer stehenden, so halb besetzten Haus in der Bänschstraße. Ich glaube, das war sogar noch kurz vor dem Mauerfall. Da spielten ein paar befreundete Schüler-Bands, die einen hießen „Die fähigen Kader“ (für die hatte ich noch das Logo entworfen und T-Shirts bemalt), deren größter „Hit“ ein Punksong über das SPUTNIK-Verbot war, das andere war eine Schlager-Parodie-Band, deren Name ich vergessen habe. Oldschool F-Hain Underground … Danach kamen nur noch schwäbische Plagiate!

      1. Ich habe die Besetzer-Szene nur peripher wahrgenommen, weil ein alter Freund aus Schweppenhausen in einem besetzten Haus in der Dunckerstraße gelebt hat. Die Alphatiere der Szene waren 1990 schon so nervig wie heute die Anlagebrater … – vermutlich sind es die gleichen Leute :o)))

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