Gedicht von der Erhaltung der Energie

Es ist das Wetter, sagt die Omi. Es ist der Moslem, sagt der Nachbar. Es ist der Fremde, sagt der Bekannte. Es sind die Waffen, sagt der Pazifist. Es ist mein Beruf, sagt der Soldat. Es ist die Merkel, sagt der Kevin. Es ist das Kapital, sagt die Sahra. Es ist eine Botschaft, sagt der Attentäter. Es ist der Mann, sagt die Frau. Es sind die Eltern, sagt der Therapeut. Es ist das Pack, sagt der Mob. Es ist fünf vor zwölf, sagt der Prophet. Es ist ein Mars-Jahr, sagt der Astrologe. Es ist ein Facepalm, sagt der Student. Es ist ein Katzenbaby, sagt Facebook. Es ist was es ist, sagt die Liebe. What goes around comes around, sagt die Physik.

Das innere Bautzen

„I never miss a beat, I’m lightning on my feet
And that’s what they don’t see … mmm-mmm“
(Taylor Swift, Shake it off)

Meine fünfzehn Minuten Ruhm, die ich vor allem diesem Herrn (Klick) und auch jenem (Klick-Klack) verdanke, machten sich in den letzten Tagen nicht nur durch eine hübsche Balken-Skyline in meiner Besucher-Statistik bemerkbar, sondern auch durch einige bizarre Reaktionen. So bin ich nun endlich auch zur Projektionsfläche des Irrsinns geworden – eine Ehre, die früher oder später offenbar jedem Autoren mit mehr als zwei Lesern zuteil wird. Ein Beispiel gefällig? Ein besonders amüsantes vielleicht? Ossiblock (Klick-Klick-Klack)? Ja, es ist genau das, wonach es klingt: das geifernde Tagebuch eines ostdeutschen Berufswutbürgers auf Amok. Eines von vielen. Ein mentales Gefängnis, härter als Ulbrichts Mauer-Mörtel und mit drei Lagen Stacheldraht aus Bautzen verknotet. Sicherer als Alcatraz. Kein Entkommen. Dort wird die Umwelt nur noch als Stichwortgeber für die eigene Verbitterung wahrgenommen. Haben Sie das hier eigentlich gelesen (Klick-Klick-Klack-Klack), lieber Ossi-Blockwart? Vielen Dank für die Verlinkung und herzliche Grüße an das Kampfgeschwader Margot Honecker! Death to the West!

dictator-movie-image_sw

It’s the terror of knowing what this world is about

Das Thema muss noch sacken, hatten sie ihm gesagt, das braucht noch Zeit. Vielleicht nach dem nächsten Anschlag, hatten sie gesagt, diese Sesselpuper in Köln! Jetzt kann er sich des inneren Jubels nicht länger erwehren. Live-Stream, seit 20 Minuten. Und es geht gerade erst richtig los. Von wegen sacken lassen! Hatte er es ihnen nicht gesagt? Seit Monaten liegt er denen beim Sender jetzt schon in den Ohren. Fünf verschiedene Drehbuch-Entwürfe über deutsche IS-Heimkehrer gammeln auf seinem Schreibtisch vor sich hin. Das müssen wir machen, hatte er ihnen immer wieder vorgebetet. Worauf wartet ihr denn noch, worauf? Jetzt müssen wir das machen, Leute, noch in diesem Quartal! Noch vorm Sommer. Wenigstens dieses Jahr noch. Bevor die Gelder wieder weg sind. Bevor RTL das macht, mit der Verres und dem Schweighöfer oder irgendeiner dieser alten Quotenschlunzen! Dann ist der Stoff verbrannt. Wir können das doch besser mit dem Terror und der Angst, mit den Menschen und den Emotionen. Wir sind doch der WDR. Ja, natürlich können wir das alles noch biegen. Ja klar, ich rede mit den Autoren. Das kriegen wir auch noch ergreifender hin, das schleifen wir noch. Mit ein wenig mehr Fokus auf die Ehe der Eltern und das soziale Umfeld. Vielleicht noch ein bißchen Recherche im Milieu? Ist das im Budget? Direkt bei den Hartzern? Plattenbau? Zu abgedroschen? Besser im Eigenheim? Schwuler Bruder? Vergewaltigte Schwester? Drogen? Irgendwie aktueller? Politischer? Mit Bezug auf Erdogan? Böhmermann? NATO? Lindenstraße? Hanni und Nanni? Kein Problem. Aber mit Feingefühl, ganz sensibel, die Balance halten, ja, wir sind doch der WDR. Wir holen die Leute dort ab, wo sie sind, ganz authentisch, in ihrem Alltag, ja natürlich. Mann, das wird gut!

Dem Redakteur ist nach Feiern zu Mute. Er ruft jetzt mal den Alex an, dessen Buch liegt ganz oben auf seinem Stapel. So eine arme Sau, der hat seit zwei Jahren keine Förderung mehr bekommen für sein Geschreibsel, ist bestimmt schon wieder mit der Miete im Rückstand. Der hat Druck, der kommt nicht mal mehr als dritter Schreiber von links bei den Daily Soaps unter, der hat Schulden von hier bis nach Mexiko, der ist flexibel, der schreibt alles rein in sein scheiß Drehbuch. Wie schaut’s aus, Alex, noch kurz zu Johnny ins Sorsi e Morsi … Eher nicht? Dann vielleicht noch bei mir zu Hause? Dann sprechen wir das noch mal schnell durch. Der Ansatz ist gut, hab ich dir ja schon gesagt, aber … Nein, keine Angst, es bleibt natürlich dein Buch, ist doch ganz klar. Wir reden hier über minimale Anpassungen, es geht nur noch um Nuancen. Kannst du gleich noch ein paar Bier mitbringen, vom Späti? Bist du so nett? Oder einen Roten, jetzt nicht den allerbilligsten vielleicht. Und Zigaretten? Ja, das wird gut. Das geht jetzt erst richtig los. Das müssen wir jetzt machen. Endlich. Diesmal ist der Samstag Abend drin, das sag ich dir. 20.15 Uhr, im ERSTEN! Diesmal schieben die uns nicht in den Dienstag oder Mittwoch, kurz nach Mitternacht, wenn nur noch deine Mutter einschaltet, um zu sehen, was du da die letzten Jahre eigentlich getrieben hast. Prime Time, Baby! Rezensionen im Feuilleton, Deutscher Fernsehpreis! Wie klingt das, Alex? Die Füße des Redakteurs fangen an zu wippen. Den Live-Stream lässt er nebenher weiterlaufen.

Achtung, Konterrevolution! (Let’s do the Time Warp again)

„Wenn wir vom Feind bekämpft werden, dann ist das gut; denn es ist ein Beweis, dass wir zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich gezogen haben. Wenn uns der Feind energisch entgegentritt, uns in den schwärzesten Farben malt und gar nichts bei uns gelten lässt, dann ist das noch besser; denn es zeugt davon, daß wir nicht nur zwischen uns und dem Feind eine klare Trennungslinie gezogen haben, sondern dass unsere Arbeit auch glänzende Erfolge gezeitigt hat.“
(Mao Tse Tung)

„Whatever the Thinker thinks, the Prover will prove.“
(Robert Anton Wilson)

Über den Kampf eines Berliner Innensenators gegen Hausbesetzter zu lesen, ist wie über den Nahostkonflikt zu lesen – ein Gefühl wie in einer Zeitschleife. Welches Jahrzehnt haben wir gerade? Tatsächlich habe ich bis vor kurzem nicht gewusst, dass es überhaupt noch besetzte Häuser in dieser Stadt gibt. Die Rigaer Straße 94 hatte ich dabei als gallisches Dorf inmitten der großrömischen Gentrifizierung offenbar übersehen. Friedrichshain – immerhin der Heimatbezirk meiner Jugend (danke, ich hole mir meinen Kredibilitäts-Keks dann am Ausgang ab) – sei längst eine befriedete Oase für Veganer, Skateboarder und Party-Touristen geworden, so dachte ich. Falsch gedacht. Nun gut, liebe GenossInnen, lieber schwarzer Block, liebe Freunde der Retrokultur, folgendes: Grundsätzlich stehe ich Gedanken der Autonomie, der Antiautorität und der Anarchie sehr freundlich gegenüber. Allerdings bezieht sich mein Anarchie-Verständnis eher auf ein freies Denken und weniger auf die Verteidigung maroder Bruchbuden oder das Verfassen von Gudrun-Ensslin-Gedenk-Pamphleten, mit denen ihr euren Randale-Kindergarten immer wieder als politischen Kampf zu rechtfertigen versucht. Moment, ich schau noch mal ganz schnell in den Kalender: ja, die Party ist vorbei. Schon seit 20 Jahren. Ja, ich weiß, jede Generation muss sich erst wieder neu spüren im Gummiknüppel-Hagel. Erst dann ist man ein Mann, ein richtiger Revolutionär. Frisch vermummt und rein in die Schlacht! Nieder mit den Schweinen! Leider wirkt ihr dabei aber immer mehr wie der heulende Ronaldo und immer weniger wie Che Guevara. Die Faust zum Gruß!

Süßer Vogel Jugend

Und so begab es sich also wie jedes Jahr zur Sommerzeit, dass sich Schulklassen von nah und fern im Stadtbild ausbreiteten. Befreit aus der Enge stickiger Hostels und Klassenräume und fast ausnahmslos gekleidet in die kurzlebigen Lumpen des PRIMARK-Imperiums, eroberten sie die öffentlichen Plätze, Bahnhöfe und Einkaufszentren. Dort präsentierten sie sich so unbekümmert wie ungelenk, laut schnatternd, immerzu zappelnd und dennoch als eine einzige träge Masse, zusammengehalten von klebrigen Milkshakes, Snapchat-Freundschaften und schmerzhaftem Hormonstau. Etwas abseits, im Schatten ihrer Gruppen, schüchterner und mürrischer als der Rest, drückten sich die Sonderlinge herum. Nur sie konnten den Gesang der Vögel hören in all dem Lärm. Aus ihnen würden später die Nobelpreisträger, Popstars und Serienmörder ihrer Zeit werden. So begab es sich wie jedes Jahr zur Sommerzeit.

Bodycount (Der Tod ist keine Option mehr)

„Es kostet verdammt viel Geld, so billig auszusehen“, so sprach einst die große Dolly Parton. Aber um sie soll es hier nicht gehen. Wie viel Geld Gina-Lisa Lohfink für die Karikatur ausgegeben hat, zu der sie sich im Laufe ihrer traurigen Karriere verformt hat, ist mir nicht bekannt. Aber was weiß ich denn überhaupt über diesen ganzen Affenzirkus verkrachter, aufgespritzter und zutätowierter Existenzen, der sich seit Jahren durch die Demütigungs-Formate des kommerziellen Fernsehens wurschtelt? Muss ich überhaupt etwas darüber wissen? Muss ich zum Beispiel wissen, ob der zwölfte Wodka Red Bull von Gina-Lisa möglicherweise mit K.O.-Tropfen gestreckt war, damals vor fünf Jahren, und wer daraufhin nun die juristische Schuld auf sich laden soll für eine aus dem Ruder gelaufene zugedröhnte Afterparty mit zwei Nachwuchsfußballern, die sie in irgendeiner Proletendisco aufgegabelt hat? Wirklich? Ernsthaft? Weshalb interessiert mich der „Fall“ Gina-Lisa überhaupt? Vielleicht tut sie mir einfach nur leid in all dem Irrsinn, den sie da angerichtet hat. Vielleicht passiert da auch gerade etwas Interessantes. Etwas, das sie tatsächlich eine neue Rolle finden lässt. Wie Phönix aus der Asche steigt sie gerade empor aus dem Sumpf der medialen Resterampe, in dem für sie zuletzt nur noch Jobs auf Porno-Messen im Angebot waren. Vor dem Amtsgericht Moabit erscheint sie als Silikon-Ausgabe von Katharina Blum, die übergroße Sonnenbrille als Schutzschild vorm Gesicht. Sie ist jetzt ein Opfer der Justiz, der Medien und des Patriacharts. Eine feministische Ikone. Ja, Zack, die Bohne – wer hätte das gedacht! Das #TeamGinaLisa feuert sie dabei an und ölt mit Kampfbegriffen wie Slut Shaming und Rape Culture die PR-Maschine der neuen Heldin. Erinnerungen an die Ellen-Jamesianerinnen aus John Irvings „The World According to Garp“ werden wach. Derweil fragt Gina-Lisa in einem exklusiven Interview mit dem SPIEGEL dramatisch “Muss ich erst umgebracht werden?“ und zumindest auf diese Frage kann ich eine Antwort geben.

Nein, das nun ganz bestimmt nicht. Der Tod ist keine Option mehr. Nein, nicht für dich, Gina-Lisa. Nicht in einem Jahr, in dem die Großen, die wirklich Berühmten, die Legenden sterben wie die Fliegen. Einem Jahr, in dem die Anschlags-Toten mittlerweile im Wochentakt und immer in mindestens zweistelliger Höhe bekannt gegeben werden. Und es ist gerade einmal Halbzeit. Die Toten des letzten Jahres sind dabei schon vergessen und die ertrunkenen Flüchtlinge werden sowieso nicht mehr gezählt. Nein, dein Ende wäre nur noch eine Randnotiz, begraben unter einem Berg von Leichen und politischen Mega-Krisen. Halte noch etwas durch, Gina-Lisa. Die neue Rolle steht dir gar nicht so schlecht. Wir wissen doch, wie es weitergehen wird. Wer glaubt, dass dein Management nicht längst Auftritte bei Marcus Lanz reserviert und Verträge mit Buchverlagen aushandelt, der hat die Regeln in diesem Zirkus noch immer nicht verstanden.