Unabhängigkeitstag

Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, deutsche Patriotin und Mitglied des EU-Parlaments, musste weinen, als sie vom Brexit erfuhr. Vor Freude. Die Zeichen der Zeit stehen günstig, dachte sie sich und schaute sogleich in ihren Terminkalender: noch mehr als ein Jahr bis zur nächsten Bundestagswahl. Kanzlerin, ja, das wäre es! Derweil lief im Radio ein Lied aus alten Zeiten (das haben damals immer die bürgerlichen Lausbuben in der Klasse gehört, dachte sie und musste schmunzeln). So ging der Tag dahin: Freude, Tränen, ein wenig Nostalgie und den Endsieg fest im Blick.

06.45.35

Panic on the streets of London
Panic on the streets of Birmingham
I wonder to myself
Could life ever be sane again?
The leeds side-streets that you slip down
I wonder to myself
Hopes may rise on the grasmere
But honey pie, you’re not safe here
So you run down
To the safety of the town
But there’s panic on the streets of Carlisle
Dublin, Dundee, Humberside
I wonder to myself …

 

Das ganze Elend aufgebahrt.

Erste These:
Je schneller die Deutschen Amerikaner werden, desto besser ist es.
(Frederick Muhlenberg, 1794)

Zweite These:
Hey ho, let’s go!
(Ramones, Blitzkrieg Bop, 1976)

Wo zwei Sprachen sich miteinander vereinigen, knirscht es mitunter gewaltig. Als aktuelles Beispiel dafür möchte ich des Deutschen liebstes Sommer-Hobby nennen: das Public Viewing. Im amerikanischen Sprachraum wird mit diesem Begriff ja unter anderem die öffentliche Aufbahrung eines Leichnams vor einer Trauerfeier bezeichnet. Hierzulande wird darunter die Aufbahrung der kollektiven Gehirnmasse verstanden. Glotzen, grölen, grunzen. Und dazu die Fahne im Wind, *hicks!* Wie bitte? Das wissen sie alles längst? Sie haben diverse Universitätsabschlüsse, fühlen sich als Weltbürger, sind dennoch leidenschaftlicher Fußball-Fan und verbitten sich derartig üble Nachreden und Verallgemeinerungen? Ich verstehe. Das Problem ist nur: I don’t fucking care. Mitgefangen, mitgehangen! Frage: warum sind es eigentlich immer genau die selben Leute, die sich einerseits gerne und laut über die Desinformation durch die Mainstream-Medien und die Lügenpresse beschweren, deren Wahrnehmungs-Horizont anderseits aber sofort auf Kakerlaken-Niveau schrumpft, sobald man ihnen nur ausreichend Fußball-Übertragungen auf die Bildschirme flutet? Wer zeitgleich und außerhalb dieser Wahrnehmung gerade unglücklicherweise in ein Massaker gerät, darf von den Schönwetter-Kakerlaken kein Mitleid erwarten. Nicht mal eine Erwähnung. Waren Deutsche unter den Opfern? Nein? Heterosexuelle? Irgend jemand Normales? Dann bitte nicht stören. Man trauert ja gerne mal, wenn es gerade passt. Aber irgendwann ist halt auch mal gut. Sind doch selber Schuld. Und überhaupt. Jetzt ist schließlich EM. Fahne im Wind. Public Viewing trumpft Public Shooting. Scooter trumpft Jimmy Fallon. Schland equals Scheißland.

Vom Nutzen und Nachteil

clintontext

Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frisst, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig. Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt – denn das will er allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier. Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, daß ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte – da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so daß der Mensch sich darob verwunderte.

Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben

Sei wie Ali.

Darf ich es als Ironie bezeichnen, dass Frankreich gerade in dem Moment von Unruhen, Unwettern und Sintfluten biblischen Ausmaßes heimgesucht wurde, da ich hier eine gewaltige Schmährede auf Air France loszulassen gedachte? Lohnt es sich jetzt überhaupt noch zu erwähnen, dass es sich bei diesem stolzen Unternehmen noch immer (wie ich kürzlich erst wieder schmerzlich feststellen durfte) um die grauenhafteste Fluggesellschaft der Welt handelt, bei der es nicht den geringsten Unterschied macht, ob sie gerade streikt oder nicht, da das Ergebnis für den Fluggast praktisch das selbe ist? Und dass ich dem charmanten Personal von Air France, welches mich auf einem ihrer natürlich mindestens drei Stunden verspäteten ruckeligen Langstreckenflüge anschaut als hätte ich eine ansteckende Krankheit, weil ich sie nicht im fließenden Französisch auf den desolaten Zustand ihres Unterhaltungsangebotes (offenbar während einer mal wieder sehr intensiven Streiksaison im Jahre 1995 programmiert) aufmerksam mache, dass ich diesem Personal also mindestens die Pest an den Hals wünsche? Die biblischen Ausmaße hatte ich erwähnt? Liebe Leser, unterschätzen Sie niemals die Kraft Ihrer Gedanken! Denken Sie an Muhammad Ali, der heute diese Welt heute verlassen hat. Der war eine mentales Atomkraftwerk. Seien Sie wie Ali! Der Rest erledigt sich von selbst. Apropos Ironie: ist es nicht auch ironisch, dass einige der legendärsten Interviews mit Muhammad Ali von einem Mann names Parkinson geführt wurden?