Einer wie keiner

Die folgende Botschaft mag nicht sehr überraschen, ich werde sie dennoch verkünden: Die AfD lässt sich nicht mit Sahnetorten besiegen. Und mit Facebook-Memes schon gar nicht. Auch nicht mit Kabarett. Nein. Wirksamer wäre da schon eine Guerilla-Aktion a’la Trump – also einen Kandidaten undercover einzuschleusen, der die Partei von innen zerfräst. Einer, der erst ordentlich für Quoten sorgt und den sie dann, wenn er komplett unberechenbar geworden ist, nicht mehr los werden. Einer, der das Wort Tacheles ganz neu definiert. Einer, der das Land nicht einfach nur vor Flüchtlingen und Asylanten beschützen will, sondern der auch gleich den Wiederaufbau der innerdeutschen Grenze fordert. Sicher ist sicher. Einer, der die Dinge beim Namen nennt, der mal richtig durchgreift. Mut zur Wahrheit! Konsequente Abschiebung aller Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Osten! Weg mit den Millionen von Schmarotzern und Arbeitsverweigerern, diesem unchristlichen Pack aus Begrüßungsgeld-Abstaubern, kriminellen Babymördern und unbelehrbaren Frank-Schöbel-Fans, das nun schon seit Jahrzehnten das Sozialsystem belastet! Einer, der reinen Tisch macht. Einer, der sich im Zweifelsfall auch mal selbst abschiebt. Der mit gutem Beispiel voran geht. Eine Lichtgestalt, ein Vorbild für alle Deutschen. Ein Held. Applaus!

Baking bad (Backen mit Hitler)

Als Volker Beck diese Woche mit Crystal Meth erwischt wurde, war für die BILD, dem Fachblatt für gesundheitliche Aufklärung, schnell klar: dahinter kann nur Hitler stecken! Eine eilig nachgelieferte Inforeihe klärt nicht nur darüber auf, dass das Führer-Meth offenbar wie Sauerkraut aussieht, sondern lädt mittels geschickt platziertem Werbebanner gleich zum fröhlichen Mitbacken ein. Dass die Grünen wohl irgendwie Nazis sind (und ein Haufen verkommener Junkies sowieso) ist zu diesem Zeitpunkt dank der subtilen Springer’schen Suggestionskraft längst klar. In der Titanic-Redaktion wird derweil die weiße Flagge gehisst, denn Kai Diekmann hat nun endgültig deren Job übernommen. Lesen Sie in der nächsten Woche: Husten, Haschisch, Holocaust – worauf Sie in diesem Frühjahr achten müssen!

BILD

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Erniedrigte und Beleidigte (oder: 45 Minuten Hass)

Man nehme: einen ehemals hippen Misanthropen, dazu die Mutti aus „Zimmer Frei“, den Literatur-Kasper vom SPIEGEL sowie einen austauschbaren masochistischen Gast, der ganz dringend Geld braucht – fertig ist eine der größten Schnapsideen des öffentlich-rechtlichen Kulturfernsehens: die Neuauflage des „Literarischen Quartetts“. Auf dem Papier las sich die Zusammensetzung dieser Runde bestimmt einmal ganz drollig. In der Praxis ist das Ganze eine Zumutung. Dabei ist Maxim Biller noch das geringste Problem. Dessen größte Leistung besteht noch immer in den legendären „100 Zeilen Hass“, die er einst regelmäßig im TEMPO-Magazin veröffentlichen durfte. Vor mehr als 25 Jahren. Inzwischen wirkt die süffisant zur Schau getragene Verachtung für seine Umwelt nur noch wie eine Selbstparodie. Und dennoch fallen sie im Literarischen Quartett wie die Scheißhausfliegen darauf herein. Jedes einzelne Mal. Erinnert sich noch jemand an die Original-Besetzung? Als Marcel Reich-Ranicki seine Kollegin Sigrid Löffler am Ende als prüde bezeichnete? Was für ein Eklat – Frau Löffler blieb daraufhin schwer beleidigt und gedemütigt der Sendung fern. Für Maxim Biller ist so etwas Kinderkram. Er behandelt seine Mitstreiter konsequent wie Gehirnamputierte, die er bestenfalls duldet und eher selten ausreden lässt. Beleidigt sein ist daher der Standard im neuen Quartett. Der eigentlich als Gesprächsleiter angeheuerte Volker Weidemann weiß sich gegen Biller bis heute nicht anders zu wehren als diesen nach spätestens fünf Minuten wie einen schwer Erziehbaren zu behandeln. Der Rest der Sendung besteht dann zum großen Teil auch aus Weidemanns sehr unangenehm streberhaften Disziplinierungs- und Bestrafungsversuchen. Schlag den Biller! Den vorläufigen Tiefpunkt markierte die letzte Sendung vom 26. Februar. Weil Biller dort das neue Buch von Stuckrad-Barre komplett ablehnte (das klingt wie eine Schlagzeile aus den 90ern, ich weiß), war der Rest der Mannschaft kurz davor, ihn mit Pudding zu beschmeißen. Vergessen Sie Plasberg und Maischberger! Vergessen Sie die Präsidentschafts-Debatten der Republikaner – das ZDF definiert Schmerz und soziale Verwahrlosung mit den Mitteln der Literaturkritik ganz neu! Vielen Dank für Ihre Gebühren!

quartett

Der König der Welt (Jetzt is‘ aber auch mal gut, Frau Winslet!)

„Ich habe Preisverleihungen immer als die größte Erniedrigung, die sich denken lässt, empfunden, nicht als Erhöhung. Denn ein Preis wird einem immer nur von inkompetenten Leuten verliehen, die einem auf den Kopf machen wollen und die einem ausgiebig auf den Kopf machen, wenn man ihren Preis entgegennimmt. Und sie machen einem mit vollem Recht auf den Kopf, weil man so gemein und so niedrig ist, ihren Preis entgegenzunehmen.“

Thomas Bernhard

Durch die sinkende Titanic hatte er sich geschunden, durch Baz Luhrmanns grelle Pop-Spektakel sowie durch das gesamte Alterswerk von Martin Scorsese, durch Blut und Schnee, über rote Teppiche, entlang tausender gebleichter Gebisse und dämlicher Fragen – und das alles nur, um schließlich und endlich jene Bestätigung zu erhalten, die ihm selbst das jahrelange Schaulaufen mit einem Dutzend Supermodels nie verschaffen konnte. Hätte Leonardo DiCaprio am vergangenen Sonntag seinen gottverdammten Oscar nicht gewonnen, wäre wohlmöglich die Hölle zugefroren. Was wiederum sein Engagement gegen die Erderwärmung in Frage gestellt hätte. Ende gut, alles gut! Apropos Erderwärmung: noch schneller als die Polkappen schmelzen übrigens die Gesichtszüge von Kate Winslet. Während DiCaprios Dankesrede schwenkte die Kamera kurz zu ihrem bebenden Antlitz im Publikum. Er mag ja der König der Welt sein, sie aber ist die Königin der routinierten Ergriffenheit. Seit Jahren sammelt sie Filmpreise wie andere Leute Rabattmarken, und jedes Mal variiert sie die gleiche emotionale Erschütterung nur um Nuancen. Ob bei ihrem eigenen Oscar-Gewinn, den Critics Choice-, Peoples Choice- der Whoever’s-Choice Awards, den Golden Globes oder dem Ehrenpreis der Stadt Wuppertal – egal: sobald der Umschlag geöffnet und ihr Name aufgerufen wird, triff Kate Winslet sogleich der Schlag. Oh no! Really??!!! Oh my god, oh my god, oh my god! O!M!G! Is this really happening??? Sie kann es nicht fassen. Damit hat sie nicht gerechnet, nein im Leben nicht! So ein schöner Preis schon wieder! Gäbe es einen Award für die konsequenteste Schmierenkomödie im Award-Gewinnen, so könnte es nur heißen: „And the winner is … Kate Winslet!“ Bumms, und wieder trifft sie der Schlag! Wahrscheinlich würde ihr diese Idee gefallen. Vielleicht hat sie es sogar genau darauf angelegt? Frau Winslets durchaus dunkler Sinn für Humor ist spätestens seit ihrem Cameo-Auftritt in Ricky Gervais‘ „Extras“ bekannt. Das wollen wir mal nicht vergessen.