I’m in my room!

Als ich mein Hotelzimmer betrete, habe ich seit mehr als 24 Stunden nicht mehr geschlafen. Es ist 22.30 Uhr Ortszeit (bzw. 10.30 pm) und die Zombiestimme in meinem Kopf raunt mir zu, dass es noch einige Zeit dauert wird, bis ich zur Ruhe kommen werde. Ich wusste, dass es laut werden wird. Ich wusste auch, dass die Wände in diesem Hotel dünn sind. So etwas erfährt man heute auf einschlägigen Buchungsplattformen, wo „Susanne und Hans-Peter aus Göttingen“ Bewertungen wie „Zentrale Lage, freundliches Personal, aber sehr dünne Wände!“ abgeben. Susanne und Hans-Peter hatten Recht. Nach dem letzten großen Erdbeben wurden die meisten Gebäude hier offenbar nur noch mit Presspappe wieder aufgebaut – das tut dann nicht so weh, wenn mal wieder alles zusammenkracht. Tatsächlich sind die Wände so dünn, dass sich das Leben meines Nachbarn in dem Moment akustisch vor mir ausbreitet, da er sein Zimmer betritt. Die Tür nebenan kracht laut ins Schloss und das erste, was ich zu hören bekomme, ist „I’M IN MY ROOM!!!“. Ich sitze auf meinem Bett, umringt von Plastiktüten und Lufthansa-Snacks, und lausche. Mein Nachbar stöhnt und grunzt ausgiebig. Irgendwann telefoniert er offenbar. Ich höre lautstarkes Gezeter und Gefluche. Es ist kein freundliches Gespräch. „FUCK! SHIT! FUCKIN‘ SHIT! FUCK!!!“ So geht das eine ganze Weile. Hier sind wir nun beide, ich in Zimmer 219, er in Zimmer 218, ein Zombie und ein pöbelnder Geisteskranker, nur getrennt durch ein wenig Presspappe. Nach ungefähr einer Stunde, ich habe inzwischen geduscht und den Fernseher angestellt, poltert und flucht mein Nachbar noch immer munter vor sich hin. Mir wird klar, dass ich wohlmöglich auch in dieser Nacht nicht schlafen werde. Durch das Fenster höre ich Sirenen. Vielleicht werde ich nie wieder schlafen können! Meine Stimmung schwankt jetzt zwischen Selbstmitleid und Abenteuerlust. Ich gehe raus auf den Hotelflur und lausche kurz an der Tür von Zimmer 218. Stille. Dann klopfe ich. Ein aggressives „WHAAAT??!!“ ist die Antwort.

Keine zwei Minuten später sind wir die besten Freunde. Mein Nachbar heißt Brian, ist gerade aus Australien eingeflogen und mindestens so gejetlagt wie ich. Sein Zimmer ist ein Saustall. Auf dem kleinen Nachtisch steht eine halbleere Flasche Wodka, daneben ein offener Laptop. Brian ist etwas älter als ich, glatzköpfig und nur mit dem Hotelbademantel bekleidet. Er ist sichtbar kaputt, aber wesentlich angenehmer als das Tourette-artige Gegrunze durch die Presspappe hindurch vermuten ließ. Er entschuldigt sich für den Krach und erzählt etwas von seiner Freundin, die ihn nicht zurückruft. Er hat sich da in etwas reingesteigert. Wir beschließen, dass wir uns zusammen besaufen sollten. Es gibt jetzt kein zurück mehr. Da ich keinen Wodka mag, bin ich kurz darauf auf der Straße, auf der Suche nach dem nächstgelegenen Liquor Store. Ta-dah! San Francisco bei Nacht. Wir befinden uns in Downtown, an der Grenze zum Tenderloin District und alle sind sie da: die Penner, die Junkies, die Nutten und noch mehr Sirenen. Feuerwehr, Polizei und die Straßen so steil wie Sprungschanzen. Alles fühlt sich vertraut an. Ich war hier schon einmal. Vielleicht bin ich aber auch nur in einem alten Tom Waits-Video gelandet. In Woerner’s Cigars & Liquors kaufe ich eine kleine Flasche Jim Beam und wanke zurück zum Hotel. Ich werde in Ruhe gelassen. Mit Zombies legt sich auch in dieser Gegend niemand gerne an. Der Rest der Nacht verschwimmt in einem Brei aus Halluzinationen. Brian hat plötzlich einen Stierkopf und will mich aus dem Fenster werfen. Kopfschmerzen.

woerners

Ich werde von dem Telefon neben meinem Bett geweckt. Eine Dame vom Zimmerservice erkundigt sich in gebrochenem Englisch nach meinem Befinden. Ich schalte das Radio ein. Open up your Golden Gates, California, here I come! Ich habe nicht viel Zeit, ich bin hier nur auf der Durchreise. Ein Familienbesuch steht an. Ich habe Hunger. Zurück auf die Straße. Die Sirenen sind immer noch da. Ich laufe durch die teuerste Stadt der USA. Erst kürzlich hat San Francisco, so höre ich, New York in Sachen Immobilienpreise überholt. Das Geld aus dem Silicon Valley und der nicht abreißende Start-Up-Irrsinn pflastern die Straßen mit digitalem Zaster. Gleichzeitig ist die Stadt verhältnismäßig nett zu ihren vielen Obdachlosen (die meisten von ihnen kommen von außerhalb): es gibt eine Grundversorgung, jede Menge Touristen mit Kleingeld in der Tasche und ein liberales Klima. Sowohl meteorologisch als auch sozial. In jedem zweiten Hauseingang scheint jemand zu schlafen. Als ich am Abend wieder in mein Zimmer will, funktioniert die Schlüssel-Karte nicht. Ich denke darüber nach, wie es wohl so wäre, auf der Straße zu übernachten, neben all den anderen. Wieder Kopfschmerzen. Habe ich vielleicht letzte Nacht im Rausch mit Brian die Schlüssel getauscht? Gleichzeitig bemerke ich den riesigen Wasserfleck vorm Zimmer 218. Zumindest hoffe ich, dass es Wasser ist. Ob ich noch mal klopfen soll? Hinter Brians Tür ist es jetzt vollkommen still. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, meine Tür mit der defekten Karte zu öffnen, gehe ich zur Rezeption. Ich bekomme eine Ersatzkarte, die ebenfalls nicht funktioniert. Irgendwann einigen wir uns darauf, dass wohl die Batterie des Türöffners leer sein muss und ein alter chinesischer Hausmeister macht sich daran, meine Zimmertür nach allen Regeln der Kunst zu zerlegen. Den Fleck vor Nummer 218 würdigt er keines Blickes. Mir wird angeboten, in ein anderes Zimmer umzuziehen. Ich sehe es als Wink des Schicksals, als Chance für einen Neustart. Der Hausmeister hilft mir, meine Sachen in den 9. Stock zu bringen. Brian sehe ich nicht wieder.

Einige Tage später, ich bin unterwegs mit der Familie zu einer Weinverkostung im El Dorado County, fahren wir durch eine Gegend, die aussieht wie die Karikatur eines Redneck-Dorfes: Holzhütten, Pick-Up-Trucks und bärtige Waldschrat-Typen mit schlechten Tatoos. Keine ironischen Hipster-Rednecks aus der Stadt – das sind die Originale. Es gibt sie auch hier, einzeln verstreut in Nordkalifornien. Dies hier, so erzählt man mir, wäre Donald-Trump-Gebiet. Make America great again, yeah! Wieder einmal. Überall wird gebaut, als gäbe es kein Morgen. Obwohl sie kaum noch Wasser haben, der Staat trocknet aus. Darauf noch einen Chardonnay! Wir reden über Politik. Trump ist irre, darauf können wir uns einigen. Aber er ist gut für die Medien. Jeden Tag ist er auf irgendeiner Titelseite. Ein Quotenrenner, ein Aufreger, besser als jeder Terroranschlag und sämtliche transsexuellen Kardashians zusammen. Wie soll man auch sonst diesen endlosen Vorwahlkampf füllen? Nur zur TIME Magazin’s Person Of The Year hat er es nicht geschafft. Abgehängt von Angela Merkel und dem IS-Führer. Das wird ihm nicht gefallen. Trump findet seine Anhänger übrigens nicht nur bei weißen Unterschichten-Rambos. Gerade erst hatte sich Lee Radziwill – ehemaliges Glamour Girl der Ostküsten-High Society und Schwester von Jackie O. – in einem Interview als Donald-Trump-Fan geoutet. Sie macht auf ihre alten Tage Promotion für ihre Autobiographie, was sonst. Trotzdem: Trump wird es nicht machen. Wahrscheinlich will er nicht mal wirklich Präsident werden. Es wäre auch der schlecht bezahlteste Job, den er je hatte. Eher zieht noch Brian aus Zimmer 218 ins Oval Office. Stellt schon mal den Wodka kalt!

Advertisements

2 Gedanken zu “I’m in my room!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s