Apocalypse soon (Da-n-do-da-n-do-da-n-do, here I am!)

Die gute Nachricht zuerst: am kommenden Sonntag, dem 31. Januar 2016, wird die legendäre bulgarische Wahrsagerin Baba Wanga 105 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Die schlechte Nachricht: sie ist bereits 1996 verstorben und hat uns ein ordentliches Paket an düsteren Prophezeiungen hinterlassen. Die blinde Seherin war bekannt als „Nostradamus des Balkans“ und lag mit ihren Prognosen oft erstaunlich richtig. So hat sie, das können wir jetzt ruhig mal glauben, die Anschläge des 11. Septembers 2001 vorausgesagt, außerdem die Wahl Barack Obamas, die Fukushima-Katastrophe und das Aufkommen des islamischen Staates. Der FOCUS widmete ihr daher auch im letzten Dezember einen eigenen Beitrag. Ich selbst habe erst vor kurzem durch einen nigerianischen Blog von dieser erstaunlichen Story erfahren (Ich ziehe nigerianische Blogs grundsätzlich dem FOCUS als Nachrichtenquelle vor. Oder den Wetterbericht. Wirklich alles. Nur nicht den FOCUS). Nachdem somit Baba Wangas Kredibilität unstreitbar geklärt ist, folgt nun der ungemütliche Teil, denn selbstverständlich reichen die Prophezeiungen der hellsichtigen Großmutter noch weit in die Zukunft. Ein paar Beispiele gefällig? Noch in diesem Jahr wird Europa komplett muslimisch. Peng! Da staunen’se, was? Dass PEGIDA & Co. noch keine Transparente mit Baba Wanga-Memes durch die Straßen tragen, erscheint in diesem Zusammenhang unverständlich und lässt sich nur mit dem bereits desaströs verweichlichten Gemütszustand der sonst so wackeren deutschen Bevölkerung erklären. Ich aber werde nicht schweigen und liste im folgenden die wichtigsten Ereignisse der nächsten 2000 Jahre auf. Liebe Leser, behaupten Sie bitte nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!

2023: Die Erdumlaufbahn verändert sich. Großes Getöse und Erschütterungen sind die Folge. Wahrscheinlich werden viele Menschen sterben oder zumindest wahnsinnig werden.

2033: Die Polkappen sind endgültig geschmolzen. Wieder gibt es viel Leid und Tränen.

2045: Menderes Bağcı wird deutscher Bundeskanzler (siehe auch 2033).

2076: Der Kommunismus wird weltweit eingeführt. Die Christus-Statue auf dem Corcovado wird durch ein 45 Meter hohes Sahra-Wagenknecht-Monument ersetzt.

2170: Große Trockenheit.

2291: Die Sonne kühlt ab. Der Ballermann wird geschlossen.

3005: Krieg auf dem Mars.

3797: Das war’s. Die Erde ist unbewohnbar. Die Immobilienpreise fallen ins Bodenlose.

 

11.46.55

Überall nur Leid und Tränen. Und das ist erst der Anfang!

 

I get the news I need on the weather report
Oh, I can gather all the news I need on the weather report
Hey, I’ve got nothing to do today but smile
Da-n-do-da-n-do-da-n-do, here I am …

Simon And Garfunkel, The Only Living Boy In New York

 

Geschwulste

„Das ist schon krass jetzt, oder?“
„Ja, total. Und jetzt kommen jeden Tag ja auch wieder neue Sachen raus.“
„Ich find das alles total gruselig.“
„Irgendwann knallt das echt bald mal richtig.“
„Jens hat letztes Jahr schon gesagt, dass es bald knallen wird.“
„Ja, du, das wird noch richtig knallen dieses Jahr.“
„Ich glaub, das geht gerade erst richtig los.“
„Irgendwann ist ja auch mal Schluss, weisste.“
„Zur Zeit ist das alles echt heftig.“
„Die kommen ja auch von überall. Überall. Und keiner weiß, wann das aufhört.“
„Man darf da eigentlich gar nicht drüber nachdenken.“
„David Bowie ist ja auch gestorben.“
„Ja. Krebs, oder?“
„Mmmmh.“
„Es ist aber auch gerade total viel los, so.“
„Total.“
„Ja, die eine neulich, die hatte doch auch Krebs. Wie hieß die denn?“
„Ich weiß. Keine Ahnung, du. Der Name fällt mir jetzt auch nicht ein.“
„Die war auch noch relativ jung. Mann, das ist schon heftig gerade.“
„Weißte noch, meine Cousine?“
„Ja, haste erzählt, die hatte doch auch Krebs.“
„Sooo ein Geschwulst! Und die hat nichts gemerkt. Na, aber die hatte ja noch Glück. Die haben das ja rein zufällig entdeckt. Und dann die Chemo und alles.“
„Heftig.“
„Wenn sich das ausbreitet, also wenn das so streut, dann ist es zu spät.“
„Ich will da gar nicht drüber nachdenken.“
„Na, Mensch, aber du hast doch jetzt bald Urlaub!“
„Ooh ja, du, das brauch ich jetzt aber auch echt!“
„Mensch, ich bin so neidisch! Zwei Wochen?“
„Ja!!!“
„Wo geht’s denn hin?“
„Wir machen noch mal Griechenland.“
„Ach ja, schön!“
„Ich hab neulich noch mal geschaut. Tunesien ist auch total billig gerade. Aber irgendwie ist mir das jetzt nichts.“
„Ja, du, ich glaub Nordafrika geht gerade gar nicht.“
„Nee, das wär mir jetzt echt nichts. Obwohl meine Cousine …“
„… die mit dem Krebs?“
„Nein, die andere. Die war ja vorletztes Jahr allein in Ägypten.“
„Ja, nee, allein würde ich das sowieso nicht machen.“
„Ja, aber die ist eigentlich ganz gut klar gekommen. Ich mein, man würde ja denken, als deutsche Frau so allein da … aber irgendwie meinte sie, das wär eigentlich alles ganz okay gewesen.“
„Na ja.“
„Wir wollten ja auch noch mal Dom Rep, aber das war uns gerade zu teuer.“
„Ja, haha! Aber überleg mal, das wär schon geil jetzt, so am Strand!“
„Ja klar, aber da wo wir jetzt hinfahr’n, ist das eigentlich auch ganz schön. Und es soll jetzt auch schon warm sein.“
„Du, Hauptsache es ist sicher, sag ich mal.“
„Ja, du. Ich mein, wir waren ja eigentlich auch schon überall.“
„Mhhh ja, überleg mal, und Türkei geht jetzt ja gerade gar nicht.“
„Mensch ja … “
„Gruselig!“
„Da sagste was.“
„Der Jens hat mir jetzt übrigens so ne App besorgt. Die kann ich dir mal zeigen. Die ist vom Auswärtigen Amt. Da siehst du immer so Reisewarnungen – also, wo es gerade sicher ist und wo nicht.“
„Ach, das ist ja praktisch!“

I’m in my room!

Als ich mein Hotelzimmer betrete, habe ich seit mehr als 24 Stunden nicht mehr geschlafen. Es ist 22.30 Uhr Ortszeit (bzw. 10.30 pm) und die Zombiestimme in meinem Kopf raunt mir zu, dass es noch einige Zeit dauert wird, bis ich zur Ruhe kommen werde. Ich wusste, dass es laut werden wird. Ich wusste auch, dass die Wände in diesem Hotel dünn sind. So etwas erfährt man heute auf einschlägigen Buchungsplattformen, wo „Susanne und Hans-Peter aus Göttingen“ Bewertungen wie „Zentrale Lage, freundliches Personal, aber sehr dünne Wände!“ abgeben. Susanne und Hans-Peter hatten Recht. Nach dem letzten großen Erdbeben wurden die meisten Gebäude hier offenbar nur noch mit Presspappe wieder aufgebaut – das tut dann nicht so weh, wenn mal wieder alles zusammenkracht. Tatsächlich sind die Wände so dünn, dass sich das Leben meines Nachbarn in dem Moment akustisch vor mir ausbreitet, da er sein Zimmer betritt. Die Tür nebenan kracht laut ins Schloss und das erste, was ich zu hören bekomme, ist „I’M IN MY ROOM!!!“. Ich sitze auf meinem Bett, umringt von Plastiktüten und Lufthansa-Snacks, und lausche. Mein Nachbar stöhnt und grunzt ausgiebig. Irgendwann telefoniert er offenbar. Ich höre lautstarkes Gezeter und Gefluche. Es ist kein freundliches Gespräch. „FUCK! SHIT! FUCKIN‘ SHIT! FUCK!!!“ So geht das eine ganze Weile. Hier sind wir nun beide, ich in Zimmer 219, er in Zimmer 218, ein Zombie und ein pöbelnder Geisteskranker, nur getrennt durch ein wenig Presspappe. Nach ungefähr einer Stunde, ich habe inzwischen geduscht und den Fernseher angestellt, poltert und flucht mein Nachbar noch immer munter vor sich hin. Mir wird klar, dass ich wohlmöglich auch in dieser Nacht nicht schlafen werde. Durch das Fenster höre ich Sirenen. Vielleicht werde ich nie wieder schlafen können! Meine Stimmung schwankt jetzt zwischen Selbstmitleid und Abenteuerlust. Ich gehe raus auf den Hotelflur und lausche kurz an der Tür von Zimmer 218. Stille. Dann klopfe ich. Ein aggressives „WHAAAT??!!“ ist die Antwort.

Keine zwei Minuten später sind wir die besten Freunde. Mein Nachbar heißt Brian, ist gerade aus Australien eingeflogen und mindestens so gejetlagt wie ich. Sein Zimmer ist ein Saustall. Auf dem kleinen Nachtisch steht eine halbleere Flasche Wodka, daneben ein offener Laptop. Brian ist etwas älter als ich, glatzköpfig und nur mit dem Hotelbademantel bekleidet. Er ist sichtbar kaputt, aber wesentlich angenehmer als das Tourette-artige Gegrunze durch die Presspappe hindurch vermuten ließ. Er entschuldigt sich für den Krach und erzählt etwas von seiner Freundin, die ihn nicht zurückruft. Er hat sich da in etwas reingesteigert. Wir beschließen, dass wir uns zusammen besaufen sollten. Es gibt jetzt kein zurück mehr. Da ich keinen Wodka mag, bin ich kurz darauf auf der Straße, auf der Suche nach dem nächstgelegenen Liquor Store. Ta-dah! San Francisco bei Nacht. Wir befinden uns in Downtown, an der Grenze zum Tenderloin District und alle sind sie da: die Penner, die Junkies, die Nutten und noch mehr Sirenen. Feuerwehr, Polizei und die Straßen so steil wie Sprungschanzen. Alles fühlt sich vertraut an. Ich war hier schon einmal. Vielleicht bin ich aber auch nur in einem alten Tom Waits-Video gelandet. In Woerner’s Cigars & Liquors kaufe ich eine kleine Flasche Jim Beam und wanke zurück zum Hotel. Ich werde in Ruhe gelassen. Mit Zombies legt sich auch in dieser Gegend niemand gerne an. Der Rest der Nacht verschwimmt in einem Brei aus Halluzinationen. Brian hat plötzlich einen Stierkopf und will mich aus dem Fenster werfen. Kopfschmerzen.

woerners

Ich werde von dem Telefon neben meinem Bett geweckt. Eine Dame vom Zimmerservice erkundigt sich in gebrochenem Englisch nach meinem Befinden. Ich schalte das Radio ein. Open up your Golden Gates, California, here I come! Ich habe nicht viel Zeit, ich bin hier nur auf der Durchreise. Ein Familienbesuch steht an. Ich habe Hunger. Zurück auf die Straße. Die Sirenen sind immer noch da. Ich laufe durch die teuerste Stadt der USA. Erst kürzlich hat San Francisco, so höre ich, New York in Sachen Immobilienpreise überholt. Das Geld aus dem Silicon Valley und der nicht abreißende Start-Up-Irrsinn pflastern die Straßen mit digitalem Zaster. Gleichzeitig ist die Stadt verhältnismäßig nett zu ihren vielen Obdachlosen (die meisten von ihnen kommen von außerhalb): es gibt eine Grundversorgung, jede Menge Touristen mit Kleingeld in der Tasche und ein liberales Klima. Sowohl meteorologisch als auch sozial. In jedem zweiten Hauseingang scheint jemand zu schlafen. Als ich am Abend wieder in mein Zimmer will, funktioniert die Schlüssel-Karte nicht. Ich denke darüber nach, wie es wohl so wäre, auf der Straße zu übernachten, neben all den anderen. Wieder Kopfschmerzen. Habe ich vielleicht letzte Nacht im Rausch mit Brian die Schlüssel getauscht? Gleichzeitig bemerke ich den riesigen Wasserfleck vorm Zimmer 218. Zumindest hoffe ich, dass es Wasser ist. Ob ich noch mal klopfen soll? Hinter Brians Tür ist es jetzt vollkommen still. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, meine Tür mit der defekten Karte zu öffnen, gehe ich zur Rezeption. Ich bekomme eine Ersatzkarte, die ebenfalls nicht funktioniert. Irgendwann einigen wir uns darauf, dass wohl die Batterie des Türöffners leer sein muss und ein alter chinesischer Hausmeister macht sich daran, meine Zimmertür nach allen Regeln der Kunst zu zerlegen. Den Fleck vor Nummer 218 würdigt er keines Blickes. Mir wird angeboten, in ein anderes Zimmer umzuziehen. Ich sehe es als Wink des Schicksals, als Chance für einen Neustart. Der Hausmeister hilft mir, meine Sachen in den 9. Stock zu bringen. Brian sehe ich nicht wieder.

Einige Tage später, ich bin unterwegs mit der Familie zu einer Weinverkostung im El Dorado County, fahren wir durch eine Gegend, die aussieht wie die Karikatur eines Redneck-Dorfes: Holzhütten, Pick-Up-Trucks und bärtige Waldschrat-Typen mit schlechten Tatoos. Keine ironischen Hipster-Rednecks aus der Stadt – das sind die Originale. Es gibt sie auch hier, einzeln verstreut in Nordkalifornien. Dies hier, so erzählt man mir, wäre Donald-Trump-Gebiet. Make America great again, yeah! Wieder einmal. Überall wird gebaut, als gäbe es kein Morgen. Obwohl sie kaum noch Wasser haben, der Staat trocknet aus. Darauf noch einen Chardonnay! Wir reden über Politik. Trump ist irre, darauf können wir uns einigen. Aber er ist gut für die Medien. Jeden Tag ist er auf irgendeiner Titelseite. Ein Quotenrenner, ein Aufreger, besser als jeder Terroranschlag und sämtliche transsexuellen Kardashians zusammen. Wie soll man auch sonst diesen endlosen Vorwahlkampf füllen? Nur zur TIME Magazin’s Person Of The Year hat er es nicht geschafft. Abgehängt von Angela Merkel und dem IS-Führer. Das wird ihm nicht gefallen. Trump findet seine Anhänger übrigens nicht nur bei weißen Unterschichten-Rambos. Gerade erst hatte sich Lee Radziwill – ehemaliges Glamour Girl der Ostküsten-High Society und Schwester von Jackie O. – in einem Interview als Donald-Trump-Fan geoutet. Sie macht auf ihre alten Tage Promotion für ihre Autobiographie, was sonst. Trotzdem: Trump wird es nicht machen. Wahrscheinlich will er nicht mal wirklich Präsident werden. Es wäre auch der schlecht bezahlteste Job, den er je hatte. Eher zieht noch Brian aus Zimmer 218 ins Oval Office. Stellt schon mal den Wodka kalt!