Mitarbeiterin des Monats

Frau Klickerklacker* redet. Sie redet sehr gerne und sehr viel. Frau Klickerklacker ist im Sternzeichen der Labertasche geboren, Aszendent Nervensäge. Haben Sie eine Frage zum Zustand der Welt? Setzen sie sich einfach fünf Minuten in die Nähe von Frau Klickerklacker und lauschen Sie. Frau Klickerklacker wird sie ungefragt über alles informieren, denn Frau Klickerklacker hat den Durchblick. Frau Klickerklacker spricht zwölf Sprachen, kocht vegan und liest Bücher von Juli Zeh. Mindestens einmal pro Woche starte sie eine Petition auf Avaaz.org oder Campact.de. Frau Klickerklacker ist viel herumgekommen in der Welt. Wenn irgendwo eine Hütte brennt, war Frau Klickerklacker garantiert schon vor Ort und wird Ihnen mitteilen, wer die Hütte angezündet hat und warum. Meinungsstark, engagiert und immer mittenmang – so ist sie, die Frau Klickerklacker. Bürgerkrieg auf der Krim? Frau Klickerklacker hat mit den Rebellen gesprochen. Islamischer Staat? Frau Klickerklacker hat schon eine Fotostrecke gemacht. Natürlich vor Ort. Nächste Woche ist die Ausstellungseröffnung. Flüchtlingskrise? Die erste syrische Familie sitzt schon bei Frau Klickerklacker in der Küche. Edward Snowden? Frau Klickerklacker hat seine Telefon-Nummer.

Ab und zu muss Frau Klickerklacker leider Geld mit schnöden Aushilfs-Jobs verdienen. Dann trägt sie ihr Wissen und ihr grenzenloses Engagement zu den Geknechteten der Arbeitswelt. Bekommt sie dort eine Aufgabe übertragen, dann diskutiert sie gerne darüber. Frau Klickerklacker hakt lieber einmal zu viel nach als als einmal zu wenig. Denn Frau Klickerklacker möchte alles ganz genau wissen. Manchmal, wenn Sie gerade eine von Frau Klickerklackers dringenden Fragen beantworten wollen, fängt sie ohne Vorwarnung an, in ihr Smartphone zu sprechen. Auf russisch. Ja, Frau Klickerklacker ist immer online. Sollten Sie aber auf die Idee kommen, Ihre Aufmerksamt auch nur kurzzeitig von Frau Klickerklacker abziehen zu wollen, fällt Frau Klickerklacker garantiert ganz zufällig die Visitenkarte eines ägyptischen Dissidenten aus der Tasche, mit dem sie erst heute morgen bei einer Tasse Tee die Nachwirkungen des arabischen Frühlings diskutiert hat. Natürlich auf arabisch. Wissen Sie eigentlich schon genug über die Nachwirkungen des arabischen Frühlings? Ganz sicher nicht. Showtime für Frau Klickerklacker!

Jetzt braucht Frau Klickerklacker aber erst mal eine Pause. Sie kramt eine riesige ungewaschene Sellerie hervor, die wird sie jetzt gleich mal ganz fix in der Büroküche zubereiten, das geht ganz schnell. Das Rezept kann Frau Klickerklacker Ihnen gerne mal aufschreiben, das ist wirklich gut. Können Sie glauben. Leben Sie eigentlich gesund genug? Sie sehen ja doch ein wenig fahl aus. Vielleicht brauchen Sie mehr Sonnenlicht? Sie arbeiten zu viel, ja, ganz sicher! Ach je, jetzt fehlt ihr aber noch das regionale Sesamöl, das gehört auf jeden Fall zu dem Rezept. Kein Problem, Frau Klickerklacker wird mal schnell loslaufen und das regionale Sesamöl besorgen. Irgendwo in der Region. Und dabei gleich ein paar Sonnenstrahlen einfangen. Das geht ganz schnell. Wenn Sie wiederkommt, kann sie Ihnen gerne alles über den neuesten Lebensmittelskandal erzählen. Da freut sich Frau Klickerklacker schon drauf. Rette sich, wer kann!

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* Name von der Redaktion geändert.

Inspired by: https://de.wikipedia.org/wiki/Sesamstra%C3%9Fe#Susanne_Klickerklacker

Wenn dies das Ende ist

Deutschland feiert Silberhochzeit und es ist mir egal. Es ist mir so egal wie jedes Jahr am 3. Oktober und so egal wie damals am Tag der Wiedervereinigung selbst. Egal, egal, egal, schnurzpiepegal! Ich habe mir diesen Staat nicht ausgesucht, ebenso wenig wie ich mir einst den Staat ausgesucht hatte, in den ich nun mal hineingeboren wurde. Sollte sich hinter meiner Staatsbürgerschaft ein höherer Plan verbergen, so wird ihn mir ein gnädiger Weltgeist ganz sicher eines Tages offenbaren. Bis dahin kann ich nur mit Staunen registrieren, wie sich Millionen von Menschen durch ihren Personalausweis, ihren Gemüsegarten und die kulturellen Errungenschaften von wahlweise Kraftklub oder Maria Furtwängler tatsächlich so etwas wie eine soziale Identität zimmern lassen. Schwarz-Rot-Gold ist nicht mal eine besonders schöne Farbkombination. Ich persönlich würde da eher so etwas wie Blau-Weiß-Orange bevorzugen, auf jeden Fall etwas frischeres als die deutsche Beflaggung.

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Ich habe diesen Flyer gefunden, in einer Kiste im Keller, zusammen mit all den anderen Sachen aus dieser Zeit. „Wollt Ihr die Bananenrepublik?“ Am 19. Dezember 1989 haben sie sich auf dem Alexanderplatz getroffen, um das Unmögliche zu fordern. Was wäre denn passiert, wenn die studentischen Anti-Wiedervereinigungs-Initiativen an diesem Tag tatsächlich erfolgreich die Souveränität der DDR verteidigt hätten? Wie lange hätte diese kleine Republik denn überlebt, die als Geschenk an eine Handvoll alter Antifaschisten gestartet ist und schließlich als marode, romantische Projektion in „Goodbye Lenin“ endete? Ja, ich hatte auch eine Gänsehaut, als die abgehackte Statue an einem Kran an Daniel Brühl vorbeiflog. Obwohl es nur ein Film war. Und obwohl es der falsche Lenin war. Ich wusste es doch besser. Ich bin doch in der Ecke aufgewachsen, bin doch selbst noch um die Original-Statue herumgetanzt, abgefüllt mit süßem ostdeutschen Weißwein, nach unserer Schulabschlussfeier. Also wo war ich am 19. Dezember 1989? Wahrscheinlich in irgendeinem Ku’damm-Kino, um mir „Die fabelhaften Baker Boys“ anzuschauen. Ich hatte damals genug von der DDR. Monate zuvor bin ich nur knapp an der Entscheidung vorbei geschlittert, über einen ungarischen Acker in die Freiheit zu hechten – zusammen mit all den anderen hechtenden stone-washed Ossis, die jetzt so gerne die Grenzen wieder hinter sich dicht machen würden. Es sollte wohl nicht sein, lieber Weltgeist, oder?

Stattdessen wartete ich in Berlin auf die Maueröffnung und das Ender der 80er Jahre. Ich kaufte mir ein paar schöne Westplatten, machte Zivildienst, schaute mir nebenbei die wütenden Flyer der studentischen Initiativen an und sparte auf ein Flugticket in die USA. Mehr wollte ich damals nicht. Ich sah dem alten Staat beim Vergammeln zu und interessierte mich noch weniger für den neuen, diese bürokratische Kapitalismus-Parodie namens Bundesrepublik Deutschland. Egal, egal, egal, schnurzpiepegal! Eines Tages wird auch dieser Staat untergehen, wenn nicht nach 40 Jahren, dann vielleicht erst nach 400 Jahren. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende, egal was euch die Mutti erzählt. Wie viele deutsche Waffen, Panzer, Mercedes-S-Klassen und Kinder-Milchschnitten braucht die Welt?