Schwanger und die Welt steht Kopf … (I started a joke)

„Wo geht’s n hier zum Staatsanwalt?“ schreit mich ein dicker, schwitzender Glatzkopf aus seinem schwarzen VW Käfer an. Ich stehe an der Bushaltestelle vor der JVA Moabit, diesem innerstädtischen Knast-Ungetüm. Hinter dem Ungetüm liegt das Amtsgericht und dahinter die Staatsanwaltschaft, das weiß ich, da wird er wohl sitzen, dein Staatsanwalt! Schräg gegenüber der Haltestelle wartet die „Pforte III“, eine winzige verräucherte Kneipe mit einer Schaufensterpuppe in Polizei-Uniform, auf die ersten Alkoholiker des Tages. Ich selbst warte jetzt schon mehr als zehn Minuten auf den verdammten Bus. Sollte ich nicht einfach loslaufen? Dieses Epizentrum staatlicher Bestrafung flotten Schrittes durchwandern? Nein, ich warte weiter. Währenddessen fahren in der Gegenrichtung ganz fünf Busse vorbei, alle mit der Aufschrift „Typisch Berlin“. 15 Minuten, 20 Minuten. Dann kommt endlich auch einer in meiner Richtung. Ich überlege, für wie viele Jahre ich wohl weggesperrt werden könnte, wenn ich den Busfahrer jetzt entführe, in einem schalldichten Verließ ein wenig foltere (ich hatte gerade erst Jared Leto als Joker in dem großartigen neuen Suicide Squad-Trailer gesehen, da kommt man auf Gedanken) und ihn dann, in kleine Pakete verpackt, per Einschreiben an die BVG schicke? Im Moabiter Knast haben Leute schon für wesentlich weniger gesessen. Letzte Woche hat sich hier ein mutmaßlicher Brandstifter in seiner Zelle umgebracht – ein Steglitzer Musiklehrer, Gründer und einziges Mitglied der DWB, der „Deutschen Widerstands-Bewegung“. Er hatte kleine Brandsätze und Molotowcocktails auf das Kanzleramt geworfen und ist dann mit dem Fahrrad geflohen. Jetzt ist er tot, und mit ihm der deutsche Widerstand. Erich Honecker saß hier sogar zwei Mal ein, einmal unter den Nazis und einmal unter Helmut Kohl. Ich würde gerne mal seine ehemalige Zelle sehen. Kleine handliche Pakete mit den blutgetränkten Einzelteilen des Busfahrers, hübsch verpackt und ausreichend frankiert – vielleicht findet das ja jemand witzig, im Hauptquartier der Berliner Verkehrsbetriebe. Hahaha!

joker

Als ich schließlich in den Bus einsteige, muss ich tatsächlich lachen. „Schwanger und die Welt steht Kopf?“ steht da auf einer Anzeige. Die BVG verkauft ihre Werbeflächen gerne an soziale Hilfsprojekte. Schwanger und die Welt steht Kopf? Depressiv? Keine Perspektive? Reizdarm? Studium abgebrochen? Inkontinent? Drogensüchtig? Schuldgefühle, weil Sie gerade einen Busfahrer zerstückelt haben? Überall warten Hotlines und Hilfsangebote auf die neurotische, erniedrigte und geschwängerte Bevölkerung. Der Bus kommt nur im Schritt-Tempo voran. Jetzt bleibt er stehen. Hoppla, eine Baustelle. Alle aussteigen bitte! Nach nur zwei Stationen. Meine Folter-Fantasien kehren zurück. Diesmal wesentlich detaillierter. Und in Zeitlupe.

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