Das Meer der Möglichkeiten (Ich erkläre einen Roman mit quantenphilosophischem Halbwissen)

Wäre ich Literatur-Redakteur beim Stern oder der Brigitte, so würde ich Marion Braschs Roman „Wunderlich fährt nach Norden“ als „perfekte Sommerlektüre“ anpreisen. Und wäre ich ein öffentlich-rechtlicher Kultur-TV-Kasper, so läge mir wohlmöglich sogar die Bezeichnung „ostdeutscher Roadtrip“ auf den Lippen. Ja, wäre, wäre … bin ich aber alles nicht. Gottseidank. Daher habe ich das Buch vielleicht auch erst ein Jahr nach seinem Erscheinen gelesen. Dass es überhaupt erschienen ist, liegt in der simplen Markt-Mechanik des Verlagswesens begründet. Marion Brasch hat vor drei Jahren den autobiographischen Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ beim Fischerverlag veröffentlicht. Und da dieses Buch (aufgrund von Braschs berühmter Familiengeschichte) nicht nur sehr spannend zu lesen, sondern offenbar auch recht erfolgreich war, folgte das Unvermeidliche: ein zweiter Roman. Sogenannte „Medienpersönlichkeiten“ (Moderatoren, TV-Darsteller, Musiker oder manchmal auch einfach nur deren Nachkommen) haben zwar außer ihrer eigenen Biographie selten etwas literarisch interessantes mitzuteilen, aber das ist im Literaturbetrieb mittlerweile zweitrangig. Die Marke muss gemolken werden. Aus diesem Grund sind unter anderem auch die komplett überflüssigen Sequel- und Prequel-Romane zu Sven Regeners „Herr Lehmann“ erschienen sowie gefühlte 99 Prozent des Gesamtwerkes von Wladimir Kaminer.

apart-typewriter

Was ist nun dran an „Wunderlich fährt nach Norden“ (ich erhebe ranicki-esk die Hände) …? Ist überhaupt etwas dran? Ja und nein. Es liest sich gut weg. Marion Brasch hat eine lakonische Erzählweise, die niemanden überfordert. Ein Mann fährt ans Meer (es wird im Buch nicht genau benannt, aber atmosphärisch ist das ganz offensichtlich eine Reise von Berlin an die Ostsee), und gerät in ein provinziell-existentialistisches Sommermärchen. Er verliebt sich ein wenig, wird zusammengeschlagen, von Mücken zerstochen und trinkt permanent Kaffee und billigen Whisky. Am Ende seiner Reise hat er sich die handelnden Personen wohlmöglich allesamt nur eingebildet. Die Geschichte wirkt sehr unfertig und skizzenhaft. Der Klugscheisser in mir hätte der Autorin geraten, daraus eine Kurzgeschichte zu machen und zu warten, bis ihre Ideen-Schublade ausreichend Material für einen Sammelband ausspuckt. Aber nein, es muss ja immer gleich ein Roman sein. Die Menschen wollen Romane kaufen, ka-tsching! Da ich Marion Brasch aber für eine grundsätzlich sympathische Person halte (obwohl sie immer die selbe Jacke trägt und so merkwürdig verklemmt schmunzelt), möchte ich ihr Buch nun zumindest aus quantenphilosophischer Perspektive aufwerten. Ich habe fast zeitgleich zur Lektüre des Wunderlich-Buches einem Vortrag von Dr. Ulrich Warnke gelauscht, dessen Erkenntnisse ich hier locker und flockig in etwa so zusammenfassen möchte: quantenphilosophisch sind alle Organismen, uns Menschen eingeschlossen, materielle Raum-Zeit-Konstruktionen, die in einem Meer von Möglichkeiten schwimmen. Realität ist eine von unserer Wahrnehmung abhängige subjektive Konstruktion. Und draußen sind es 30 Grad im Schatten. So. Herr Wunderlich fährt also nicht einfach nur ans Meer, er schwimmt sich durch das „Meer der Möglichkeiten“ seiner eigenen Realitäts-Konstruktion. Wäre ich Literatur-Redakteur bei der FAZ, hätte ich wohl genau so etwas über Marion Braschs Buch geschrieben. Ja, wäre, wäre …

Abbildung: Todd Mclellan „Apart Typewriter“

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2 Gedanken zu “Das Meer der Möglichkeiten (Ich erkläre einen Roman mit quantenphilosophischem Halbwissen)

  1. Großartig, danke für den Link. Die Frankfurter Rundschau habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr gelesen … Es könnte sogar sein, dass ich sie noch nie gelesen habe. Ich weiß es nicht, die Kontingenz des Daseins macht mir hier einen Strich durch die Rechnung!

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