Schrei um dein Leben (Europa!)

Wie viele Kosakenchöre, Friedenstauben und brennende Klaviere braucht es? Wie viele Ballett-Tänzer, finnische Punks mit Down-Syndrom, irische Zwillingspaare, glitzernde Unterhosen und wie viele verdammte Wind- und Nebelmaschinen, damit Europa endlich den Weltfrieden herbei spektakelt hat? Der Eurovision Song Contest ist der Blauhelm-Einsatz der postkolonialen Unterhaltungsindustrie – wo er wütet, bleibt kein Stein auf dem anderen, kein Auge trocken und kein Trommelfell verschont. Ach ja, die Trommeln … hatte ich eigentlich schon die Trommeln erwähnt? Trommeln, sind auch wichtig. Trommeln, Windmaschinen, nackte Haut und Haarspray. Und Licht. Sehr viel Licht. Und Fahnen … Moment, ich hab da gerade was im Auge … Ganz sicher habe ich noch etwas vergessen bei dieser Aufzählung. Was mir persönlich aber am ESC am besten gefällt und worum es nun auch eigentlich in diesem Text gehen soll, das ist die Kraft des menschlichen Urschreis. Geschrien wird gern und ausführlich bei dieser Veranstaltung. Aber leider nicht immer auf dem beeindruckenden Niveau, das der ESC vor drei Jahren erreicht hatte. 2012 bleibt wahrhaftig ein noch zu toppender Jahrgang. Dabei war die Gewinnerin aus Schweden nur ein müder Vorgeschmack auf das Inferno, das ihre Konkurrentinnen damals ablieferten. Es sind fast immer ausschließlich Frauen. Was soll ich sagen? Zumindest im Show Business schreien die Frauen am lautesten (bitte machen Sie sich Ihre nun eventuell aufflackernden misogynen Gedanken recht still und unauffällig). Bleibt mir weg mit geschmackvollen Lagerfeuer-Liedchen, schnuckeligen Beats oder sonstigen Versuchen, diesen Irrsinn der Travestie irgendwie „contemporary“ zu machen (wobei Lena Meyer-Landrut dies seinerzeit doch ganz gut gelungen war, das gebe ich zu, und sie daraufhin auch verdienter Maßen kurzzeitig zur beliebtesten Hupfdohle des Kontinents aufstieg). Nein, bleibt mir weg mit eurer protestantischen Bescheidenheit. Schreit um euer Leben, gebt mir Pathos, Verzweiflung und Vokalakrobatik, die selbst Björk die Schamesröte ins Gesicht treibt! Wozu sollte ich mir das sonst antun?

Zurück zum Jahrgang 2012: fast wäre mein Schrei-Award damals an die Spanierin Pastora Soler gegangen, die etwas vorführte, was nur den ganz Großen ihrer Zunft gelingt: nämlich auf dem Klimax ihrer Ballade eine ohnehin schon großartige Schrei-Kaskade mit einer weiteren großartigen Schrei-Kaskade zu krönen. Ja, fast. Wäre da nicht diese Frau gewesen, die für Albanien auf der Bühne stand. Sie war offenbar erst kurz vor ihrem Auftritt einer eigens für sie angemieteten Raumkapsel entstiegen, die albanische Regierung hatte weder Kosten noch Mühen gescheut. Ihre nicht enden wollenden Urschreie konnte Rona Nishliu am Ende dann physisch nur noch bewerkstelligen, indem sie sich im Zentrum des weitläufigen Bühnennebels mit aller Kraft in ihr intergalaktisches Outfit krallte. Hörst du das, Menschheit? Das nenne ich eine Halle in Schutt und Asche singen!

Seit dem warte ich auf eine Wiederholung wie ein speichelnder Hund auf sein Leckerli. Keine Konkurrenz in Sicht. Ich bin aber bereit, mit meinem diesjährigen Schrei-Award wieder einmal in Richtung Spanien zu winken. Dort wartet eine  Retortenschönheit mit amtlichem Schreipotential auf ihre Krönung. Zumindest in ihrem Videoclip – einem feuchten Traum der Post Production, irgendwo zwischen Shampoo-Werbung und Herr der Ringe – funktioniert das bestens. EEeEEeO-OO … Mi corazón! Conchita, lass das Konfetti regnen! Sollte das Geschrei des spanischen Models wider Erwarten nicht ausreichend gewürdigt werden, darf gerne auch Slowenien gewinnen. Oder Belgien. Oder vielleicht doch Georgien? ACH, WAS WEISS ICH DENN? Schreit um euer Leben! EEeEEeO!! Lampedusa!

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