Die hohe Kunst des Comments / Folge 2: Widerstand ist zwecklos

Wie lang ist die Zeitspanne zwischen Verweigerung und totaler Assimilation? Bei mir beträgt sie ungefähr drei bis fünf Jahre. Das war seinerzeit beim Mobilfunk so und später auch bei Facebook und ähnlichen Massenbewegungen. Erst rümpfe ich ein wenig die Nase, dann rümpfe ich sie noch etwas mehr und schließlich lasse ich mich assimilieren. Widerstand ist zwecklos. Heute nun habe ich mich bei Spiegel Online registriert und dort meinen ersten Leserkommentar hinterlassen – etwas, das ich gestern noch für unmöglich gehalten hätte. Rümpf! Aber je hartnäckiger ich mich weigere, desto näher rückt die Assimilation, so viel weiß ich inzwischen. Das Einzige, dem ich mich bis heute noch tapfer verweigere, ist der Besitz eines Smartphones. Rümpf! Rümpf! Doppelrümpf! Warten wir es ab: sobald mir das erste iPhone 12.0 ins Haus flattert, werde ich darüber selbstverständlich sofort unter Einsatz meiner schwitzigen Wischefinger Auskunft geben.

Was habe ich nun auf Spiegel Online kommentiert? Ich gebe offen zu, nicht den Schimmer einer Ahnung zu haben, was genau in der Ukraine oder in Syrien passiert, geschweige denn, wer daran Schuld hat. Daher ließ ich mich zunächst einmal auf die Kolumne von Sibylle Berg aus der Reihe „Weiche Themen für harte Leser“ ein. Frau Berg äußert sich dort zum wiederholten Male über eines ihrer Lieblingsthemen: nackte Z-Promis und deren Rolle in einer immer debileren Unterhaltungsindustrie. Das ist nicht neu und auch nicht originell, nein. Aber weshalb soll man gerechtfertigte Kritik nicht wiederholen dürfen, noch dazu wenn ein Leitmedium einen dafür bezahlt? Sahra Wagenknecht erzählt auch immer das Gleiche und es wird ihr allgemein als Kompetenz ausgelegt. Der Kommentarteil zu Sibylle Bergs Kolumne lässt sich wie immer grob in drei Lager einteilen: ein Drittel Zustimmung, ein Drittel Häme gegenüber der Autorin (Abteilung „verbittert“, „neidisch“, „überheblich“, „muss nur mal wieder richtig durchgebürstet werden“ etc.) und ein Drittel interne Zerfleischung (das sind jene Leser, die unabhängig von Inhalt des kommentierten Artikels grundsätzlich auf Kloppe aus sind und nach spätestens drei Sätzen mit Putin- und Hitler-Vergleichen um die Ecke tanzen). Spiegel Online: das bewährte Forum für Dampfplauderei, Weltschmerz und Besserwisserei. Nun gehöre ich auch endlich dazu. Es gilt, das System von innen auszuhöhlen. Oder zu warten, bis mir meine eigene Kolumne angeboten wird. Widerstand ist zwecklos.

SPON

Abbildung: Meine Tastatur, die Handgranate bzw. mein erster SPON-Kommentar.

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