Schock, Hurra und Psychoterror (die Nerven liegen blank)

Apropos Lügenpresse, liebe Nation – lassen Sie uns heute einmal dahin spazieren, wo ein Handwerk betrieben wird, vor dem selbst Kai Diekmann ehrfurchtsvoll auf die Knie fallen muss. Dahin, wo jede Woche die Prominenz gegen Todesängste, Ehekrisen und gemeine Psychosekten kämpft und wo dunkle Orakel die Glamourwelt zerfräsen. Schon meine Oma hatte uns in der Endphase des kalten Krieges gerne diese bunten Heftchen über die Grenze geschmuggelt: Das Goldene Blatt, Die Aktuelle, Frau im Spiegel, Frau mit Herz, Frau mit Katze, Frau mit irgendwas. Tatsächlich hatte ich ursprünglich vor, mein Blog als Hommage an diese Blätter „Frau ohne Gewissen“ zu nennen, leider ist das aber auch der deutsche Titel eines alten Billy-Wilder-Filmes mit Barbara Stanwyck (hatte ich das schon erwähnt?). Bereits damals, also zu Omas Zeiten, haben wir uns beömmelt über die reißerischen Titelseiten im Stile alter Edgar-Wallace-Filme, deren vermeintlich dramatische Hintergründe dann im Innenteil zwischen Backrezepten, Kreuzworträtseln und Stützstrumpf-Annoncen als heiße Luft verpufften. Ja, es ist alles erfunden, es ist schwachsinnig und dreist, ein von skrupellosen Matschbirnen an den Haaren herbeigezogener Unsinn. Aber es funktioniert. Manchmal sogar so gut, dass die Kanzlerin zurücktreten muss. So geschehen Ende der letzten Woche. Alles für die Schlagzeile!

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Die Seite topfvollgold.de befasst sich bereits seit längerer Zeit mit dem Phänomen der bunten Blättchen und klopft regelmäßig deren schräge Überschriften auf ihren Wahrheitsgehalt ab. Ich betrachte diese Arbeit mit gemischten Gefühlen. Einerseits mag es ehrenhaft erscheinen, die Öffentlichkeit über die Methoden der Klatschblatt-Mafia aufzuklären, andererseits: ist das nicht auch ein wenig so, als würde man jeden Morgen wieder seinen Finger in den frisch dampfenden Haufen des Nachbarhundes stecken, um dann empört auszurufen: „Aha! Stinkt immer noch nach Scheiße!“ … ? Wer dort draußen im Land der Kaffeekränzchen glaubt denn tatsächlich, dass die Familien Jauch, Fischer und Grimaldi Woche für Woche von solch hanebüchenen Schicksals-Schlägen heimgesucht werden? Erfahrungsgemäß sind die Menschen meist klüger als sie von Journalisten, Medienexperten, Kulturwissenschaftlern und sonstigen Studienabbrechern gehalten werden. Gönnt ihnen den Spaß, sage ich. Gebt ihnen ihre Sängerinnen am Randes des Nervenzusammenbruchs, Moderatoren mit 17 unehelichen Kindern und Adlige mit Hodenkrebs! Macht euch locker. Weltfrieden! Hurra!

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