Frisch geduscht im Reich der Schatten

Ich habe renoviert. Neuer Look, neues Glück. Nachteilig am neuen Blog-Template ist vielleicht, dass nun die Links nicht mehr zu erkennen sind. Leider verspüre ich keine große Lust, dies durch kostenpflichtiges nervöses Herumfingern im CSS-Code zu ändern. Ist doch auch ganz hübsch so, oder? Endlich Ruhe, zumindest optisch. Und wer zärtlich genug über die Texte streichelt, der wird schon selbst merken, wo es linkt und blinkt. So wie bei der folgender Meldung: Herr NO schreibt wieder. Nach einer längeren Pause warf uns der Autor von hightratras.org kurz vor Weihnachten wieder einen seiner so sorgsam wie fiebrig gedrechselten Texte vor die Füße – kunstvoll, verschroben und ein wenig geheimnisvoll. Seit Jahren schon verfolge ich sein Treiben aus der Ferne und habe einst sogar ein unterhaltsames Interview mit ihm geführt (bitte hier streicheln). Das dazugehörige Magazin-Projekt ist übrigens bereits vor über einem Jahr ins Koma gefallen und wartet seit dem auf Sterbehilfe. Einer meiner guten Vorsätze 2015: endgültig den Stecker ziehen.

Was bewegt mich ansonsten noch zum ausgehenden Jahr? Der Höhlenmensch ist wieder unterwegs! Heute wurde er in der S-Bahn gesichtet. Der Höhlenmensch ist ein Obdachloser der Extraklasse. Keiner dieser Straßenmagazin-Verkäufer, die mehr oder weniger erfolgreich an das soziale Gewissen der Fahrgäste appelieren. Nein, der Höhlenmensch appeliert nicht. Er ist einfach da, ganz plötzlich, ohne Vorwarnung, zerfetzt, lachend, humpelnd, dreckig und stinkend wie die Pest, ohne Anspruch auf Mitleid oder Verständnis. Ein Archetyp der Unterwelt, dem Reich der finsteren Schatten, der gleichzeitig über uns und den Dingen steht. Der Antichrist. Erinnert sich jemand an den Mann, der in David Lynchs „Mulholland Drive“ hinter dem Diner wartet („he’s the one who’s DOING it!“)? Einen besseren Touristenschreck als den Höhlenmenschen gibt es nicht. Wer einmal erlebt hat, wie er eine Gruppe nichtsahnender dänischer Touristen am Hackeschen Markt anfällt, fühlt sich sogleich an jene schlechten Horrorfilme erinnert, in denen immer irgendeine dünne weiße Frau schreiend vor dem Unsagbaren auf der Flucht ist. So plötzlich wie der Höhlenmensch auftaucht, so plötzlich ist er auch wieder verschwunden. Und dann wirst du ihn nicht mehr los. Er weiß über dich Bescheid, er lacht über dich und verfolgt dich bis in die letzten Winkel deiner frisch geduschten Welt.

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