Hallelujah, liebes Abendland (everybody in this party is shining like Illuminati)!

„In den größten Krisen und Erschütterungen des nationalen Lebens erst bewähren sich die wahren Männer, aber auch die wahren Frauen. Da hat man nicht mehr das Recht, vom schwachen Geschlecht zu sprechen, da beweisen beide Geschlechter die gleiche wilde Kampfentschlossenheit und Seelenstärke. Die Nation ist zu allem bereit.“

(Joseph Goebbels, 18. Februar 1943)

Bei der Ankündigung dieses Themas werden die Moderatoren der großen bunten Jahresrückblick-Shows ihren professionell besorgten Gesichtsausdruck aufsetzen: der nationale Widerstand ist im Abkürzungsrausch und das aufgeklärte Deutschland bekommt vorweihnachtliche Magenschmerzen. HOGESA, PEGIDA, FRAGIDA – was hätte wohl der Reichs-Propagandaminister zu diesen Vereinigungen gesagt, deren Namen allesamt klingen wie Wohnungsbaugenossenschaften? Mir selbst fällt jedenfalls nicht viel ein zu diesem Haufen schlecht tätowierter Ronnies und Nancies, die sich die Verteidigung des Abendlandes auf die Fahnen geschrieben haben. Nein, mir brennt etwas ganz anderes unter den Fingerkuppen.

Dass ein findiger Remixer vor einigen Jahren auf die Idee kam, Auszüge aus der Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels in einen von Madonna gesprochenen Bibeltext zu mixen (siehe Video unten, ab Min. 3:20), soll mir hier nur als dankbarer Aufhänger für das eigentliche Schockthema zum Jahresausklang dienen. Ich setze nun meinen professionell besorgten Gesichtsausdruck auf und sage: ja, es ist passiert, das neue Album von Frau Ciccone wurde „geleakt“, sprich: unautorisiert den Massen zum Fraß vorgeworfen. Ob dahinter nun Edward Snowden oder vielleicht doch nur eine postmoderne PR-Kampagne steckt, ist bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt. Ich war selbstverständlich tief empört über den ganzen Vorgang und tat das, was jeder anständige alternde Fan in einer solchen Situation tut: ich habe mir das Zeug umgehend heruntergeladen und angehört.

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Worum es nun eigentlich gehen soll, ist der Schock, der mich angesichts dieser angeblich so unfertigen unautorisierten Rohdaten überfiel. Ein positiver Schock. Vielleicht hatte ich doch langsam die Hoffnung aufgegeben, dass da noch etwas frisches, aufmunterndes, irgendwie neues von ihr kommen würde. Etwas anderes als das ewige verzweilfelte Brüste hochschnallen und Versinken im Irrsinn einer zu langen Karriere. Und was nun der finale Dolchstoß des ganzen Elends hätte werden können – nämlich die späte Erkenntnis, dass auch die Queen of Pop nicht immun ist gegen Cyber-Crime und Bullying, wodurch nun auch selbst das letzte PEGIDA-Mitglied hinter den sieben Bergen weiß, wie Madonnas Gesicht ohne Photoshop aussieht und ihre Musik ohne Autotune klingt – wird nun offenbar zum Ausgangspunkt einer erneuten glorreichen Wiedergeburt. Denn genau aus diesen Demütigungen speist sich der Inhalt der meisten der neuen Songs, die butterweich und berührend wie schon lange nicht mehr von der Psyche einer öffentlichen Frau berichten. Und wenn es tatsächlich eine kostspielige Ehescheidung von einem britischen Regisseur braucht, um so etwas wie „Heartbreak City“ zu schreiben (ich gehe davon aus, dass wir es hier mit einem weiteren Kapitel ihrer nun bereits seit zwei Alben andauernden bitteren Abrechnung mit Guy Ritchie zu tun haben und nicht mit dem Beziehungsende zu einem dieser brasilianischen Models), dann hat sich der ganze Schlamassel doch mehr als gelohnt. Alles für die Kunst. Sollte das fertige Album im nächsten Frühjahr dann doch nicht einhalten, was die Leaks versprachen (das Krisenmanagement hat nicht lange auf sich warten lassen: inzwischen bietet das Haus Ciccone einen Teil der Songs offiziell auf iTunes an), so bleibt mir dennoch die Gewissheit, dass sie es noch drauf hat: Mittelfinger, Weltfrieden, brennende Kreuze, Größenwahn, Erleuchtung und Selbstironie („Everybody in this party is shining like Illuminati“). Auch wenn sie sich aktuell wieder angreifbar zeigt: die Frau hat mehr Teflon auf der Haut als Merkel, Wowereit und der Papst zusammen. Alles wird abgewaschen, mit ein paar flotten Beats („Wash all over me“). Und weiter geht’s. Behold, the next Tour is coming soon. Auf dass wieder Heerscharen von besserverdienenen Homosexuellen mit Hard-Candy-Jahres-Abo den Kontostand ihrer heiligen Mutter Gottes in noch astronomischere Höhen katapultieren mögen. Hallelujah, liebes Abendland, so lange Madonna tanzt, geht hier niemand unter!

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