Nietzsche ist nicht einfach, also halt den Ball flach!

Es scheint mir eine der seltensten Auszeichnungen, die Jemand sich erweisen kann, wenn er ein Buch von mir in die Hand nimmt –  ich nehme selbst an, er zieht dazu die Schuhe aus – nicht von Stiefeln zu reden … Als sich einmal der Doktor Heinrich von Stein ehrlich darüber beklagte, kein Wort aus meinem Zarathustra zu verstehn, sagte ich ihm, das sei in Ordnung: sechs Sätze daraus verstanden, das heisst: erlebt haben, hebe auf eine höhere Stufe der Sterblichen hinauf als „moderne“ Menschen erreichen könnten. Wie könnte ich, mit diesem Gefühle der Distanz, auch nur wünschen, von den „Modernen“, die ich kenne, gelesen zu werden!*

*Friedrich Nietzsche, Warum ich so gute Bücher schreibe (Ecce Homo, 1889)

Tote im Pool / Tütensuppen in Moabit

Als ich noch in Prenzlauer Berg wohnte, dem Bezirk everybody loves to hate, da bin ich ständig, das heißt täglich, in bekannte Schauspieler hinein gestolpert. Ob beim Kaffee trinken, beim Gemüsehändler oder an der Bushaltestelle: stets umringten mich Bambi-Preisträger aller Größen und Altersstufen, oft auch komplette Tatort-Besetzungen. Ob dort noch immer eine so hohe Schauspielerdichte herrscht, weiß ich nicht. In Moabit sehe ich jedenfalls immer nur Inga Busch. Dort geht sie zwischen Knast und Trödelhändler mit ihrem Hund Gassi und erkannt habe ich sie nur, weil sie sich wirklich sehr viel Mühe gibt, erkannt zu werden. Entweder erwische ich sie immer zufällig genau in den Momenten, in denen sie method-acting-mäßig für die nächste Pippi Langstrumpf-Verfilmung probt oder sie ist tatsächlich so verpeilt. Letzteres liegt nahe, denn ich erinnere mich, vor vielen Jahren mal einen Fernsehbeitrag über sie gesehen zu haben (in dem man unter anderem erfahren konnte, dass sie sehr gerne Tütensuppen isst) und da war sie ganz genau so verpeilt. Ich möchte hier aber nicht Inga Busch verhohnepipeln (zumindest nicht übermäßig), sondern mich stattdessen darüber freuen, dass der Glanz der Filmwelt auch in diesem Kiez ein klein wenig funkelt. Außerdem bin ich sicher, dass Frau Busch trotz Verpeiltheit ganz sicher eine ganz und gar harmlose Person ist. Nicht so Nicolas Cage: immer wenn der einen Film dreht, müssen offenbar dutzende von Menschen in einem Swimming Pool ertrinken! Hier der Beweis:

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P.S. Weitere aufschlussreiche Zusammenhänge dieser Art gibt es auf tylervigen.com zu bestaunen.

Frisch geduscht im Reich der Schatten

Ich habe renoviert. Neuer Look, neues Glück. Nachteilig am neuen Blog-Template ist vielleicht, dass nun die Links nicht mehr zu erkennen sind. Leider verspüre ich keine große Lust, dies durch kostenpflichtiges nervöses Herumfingern im CSS-Code zu ändern. Ist doch auch ganz hübsch so, oder? Endlich Ruhe, zumindest optisch. Und wer zärtlich genug über die Texte streichelt, der wird schon selbst merken, wo es linkt und blinkt. So wie bei der folgender Meldung: Herr NO schreibt wieder. Nach einer längeren Pause warf uns der Autor von hightratras.org kurz vor Weihnachten wieder einen seiner so sorgsam wie fiebrig gedrechselten Texte vor die Füße – kunstvoll, verschroben und ein wenig geheimnisvoll. Seit Jahren schon verfolge ich sein Treiben aus der Ferne und habe einst sogar ein unterhaltsames Interview mit ihm geführt (bitte hier streicheln). Das dazugehörige Magazin-Projekt ist übrigens bereits vor über einem Jahr ins Koma gefallen und wartet seit dem auf Sterbehilfe. Einer meiner guten Vorsätze 2015: endgültig den Stecker ziehen.

Was bewegt mich ansonsten noch zum ausgehenden Jahr? Der Höhlenmensch ist wieder unterwegs! Heute wurde er in der S-Bahn gesichtet. Der Höhlenmensch ist ein Obdachloser der Extraklasse. Keiner dieser Straßenmagazin-Verkäufer, die mehr oder weniger erfolgreich an das soziale Gewissen der Fahrgäste appelieren. Nein, der Höhlenmensch appeliert nicht. Er ist einfach da, ganz plötzlich, ohne Vorwarnung, zerfetzt, lachend, humpelnd, dreckig und stinkend wie die Pest, ohne Anspruch auf Mitleid oder Verständnis. Ein Archetyp der Unterwelt, dem Reich der finsteren Schatten, der gleichzeitig über uns und den Dingen steht. Der Antichrist. Erinnert sich jemand an den Mann, der in David Lynchs „Mulholland Drive“ hinter dem Diner wartet („he’s the one who’s DOING it!“)? Einen besseren Touristenschreck als den Höhlenmenschen gibt es nicht. Wer einmal erlebt hat, wie er eine Gruppe nichtsahnender dänischer Touristen am Hackeschen Markt anfällt, fühlt sich sogleich an jene schlechten Horrorfilme erinnert, in denen immer irgendeine dünne weiße Frau schreiend vor dem Unsagbaren auf der Flucht ist. So plötzlich wie der Höhlenmensch auftaucht, so plötzlich ist er auch wieder verschwunden. Und dann wirst du ihn nicht mehr los. Er weiß über dich Bescheid, er lacht über dich und verfolgt dich bis in die letzten Winkel deiner frisch geduschten Welt.

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Alles wegen Jesus

Es ist Selbstmord-Wetter. Es ist David-Fincher-Wetter, BOHREN & DER CLUB OF GORE-Wetter, ein apokalyptisches nieselgraues windiges Getöse, sprich: es ist Weihnachten in Berlin. Am Hauptbahnhof erinnert uns der Anblick von zehntausend zerknitterten Visagen – dicht gedrängt auf ihren Abtransport in die Heimat wartend, während sie synchron an LeCrobag-Tüten nagen und sich an ihre Rollkoffer klammern – daran, dass die Stadt nun drei Tage lang ein ganz klein wenig leerer sein wird. Es wird gerade genug sein, um uns angenehm aufzufallen. Im U-Bahn-Übergang an der Friedrichstraße sitzt wieder der Xylophon-Mann und spielt „Last Christmas“, begleitet von einer Drum Machine. Eine schwere Dunstwolke weht vorbei: eine Mischung aus Backtriebmitteln, Erbrochenem und dem Parfum von Christina Aguilera. Das Verlangen nach Alkohol wird übermächtig stark.

Hallelujah, liebes Abendland (everybody in this party is shining like Illuminati)!

„In den größten Krisen und Erschütterungen des nationalen Lebens erst bewähren sich die wahren Männer, aber auch die wahren Frauen. Da hat man nicht mehr das Recht, vom schwachen Geschlecht zu sprechen, da beweisen beide Geschlechter die gleiche wilde Kampfentschlossenheit und Seelenstärke. Die Nation ist zu allem bereit.“

(Joseph Goebbels, 18. Februar 1943)

Bei der Ankündigung dieses Themas werden die Moderatoren der großen bunten Jahresrückblick-Shows ihren professionell besorgten Gesichtsausdruck aufsetzen: der nationale Widerstand ist im Abkürzungsrausch und das aufgeklärte Deutschland bekommt vorweihnachtliche Magenschmerzen. HOGESA, PEGIDA, FRAGIDA – was hätte wohl der Reichs-Propagandaminister zu diesen Vereinigungen gesagt, deren Namen allesamt klingen wie Wohnungsbaugenossenschaften? Mir selbst fällt jedenfalls nicht viel ein zu diesem Haufen schlecht tätowierter Ronnies und Nancies, die sich die Verteidigung des Abendlandes auf die Fahnen geschrieben haben. Nein, mir brennt etwas ganz anderes unter den Fingerkuppen.

Dass ein findiger Remixer vor einigen Jahren auf die Idee kam, Auszüge aus der Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels in einen von Madonna gesprochenen Bibeltext zu mixen (siehe Video unten, ab Min. 3:20), soll mir hier nur als dankbarer Aufhänger für das eigentliche Schockthema zum Jahresausklang dienen. Ich setze nun meinen professionell besorgten Gesichtsausdruck auf und sage: ja, es ist passiert, das neue Album von Frau Ciccone wurde „geleakt“, sprich: unautorisiert den Massen zum Fraß vorgeworfen. Ob dahinter nun Edward Snowden oder vielleicht doch nur eine postmoderne PR-Kampagne steckt, ist bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt. Ich war selbstverständlich tief empört über den ganzen Vorgang und tat das, was jeder anständige alternde Fan in einer solchen Situation tut: ich habe mir das Zeug umgehend heruntergeladen und angehört.

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Worum es nun eigentlich gehen soll, ist der Schock, der mich angesichts dieser angeblich so unfertigen unautorisierten Rohdaten überfiel. Ein positiver Schock. Vielleicht hatte ich doch langsam die Hoffnung aufgegeben, dass da noch etwas frisches, aufmunterndes, irgendwie neues von ihr kommen würde. Etwas anderes als das ewige verzweilfelte Brüste hochschnallen und Versinken im Irrsinn einer zu langen Karriere. Und was nun der finale Dolchstoß des ganzen Elends hätte werden können – nämlich die späte Erkenntnis, dass auch die Queen of Pop nicht immun ist gegen Cyber-Crime und Bullying, wodurch nun auch selbst das letzte PEGIDA-Mitglied hinter den sieben Bergen weiß, wie Madonnas Gesicht ohne Photoshop aussieht und ihre Musik ohne Autotune klingt – wird nun offenbar zum Ausgangspunkt einer erneuten glorreichen Wiedergeburt. Denn genau aus diesen Demütigungen speist sich der Inhalt der meisten der neuen Songs, die butterweich und berührend wie schon lange nicht mehr von der Psyche einer öffentlichen Frau berichten. Und wenn es tatsächlich eine kostspielige Ehescheidung von einem britischen Regisseur braucht, um so etwas wie „Heartbreak City“ zu schreiben (ich gehe davon aus, dass wir es hier mit einem weiteren Kapitel ihrer nun bereits seit zwei Alben andauernden bitteren Abrechnung mit Guy Ritchie zu tun haben und nicht mit dem Beziehungsende zu einem dieser brasilianischen Models), dann hat sich der ganze Schlamassel doch mehr als gelohnt. Alles für die Kunst. Sollte das fertige Album im nächsten Frühjahr dann doch nicht einhalten, was die Leaks versprachen (das Krisenmanagement hat nicht lange auf sich warten lassen: inzwischen bietet das Haus Ciccone einen Teil der Songs offiziell auf iTunes an), so bleibt mir dennoch die Gewissheit, dass sie es noch drauf hat: Mittelfinger, Weltfrieden, brennende Kreuze, Größenwahn, Erleuchtung und Selbstironie („Everybody in this party is shining like Illuminati“). Auch wenn sie sich aktuell wieder angreifbar zeigt: die Frau hat mehr Teflon auf der Haut als Merkel, Wowereit und der Papst zusammen. Alles wird abgewaschen, mit ein paar flotten Beats („Wash all over me“). Und weiter geht’s. Behold, the next Tour is coming soon. Auf dass wieder Heerscharen von besserverdienenen Homosexuellen mit Hard-Candy-Jahres-Abo den Kontostand ihrer heiligen Mutter Gottes in noch astronomischere Höhen katapultieren mögen. Hallelujah, liebes Abendland, so lange Madonna tanzt, geht hier niemand unter!

Alles, was die Musik mit uns macht, lassen wir zu.

„Ich bin bei The Voice so, wie ich bin, und das gilt für die anderen Coaches auch. Alles, was die Musik mit uns macht, lassen wir zu. Dazu gehört auch mal eine Träne verdrücken.“  

Nein, liebe Stefanie Kloß, das „gehört nicht auch mal dazu“, das ist vielmehr das zentrale Konzept des TV-Formates, in dem Sie und Ihre Kollegen sich aus Gründen der Eigenvermarktung gut bezahlt den Arsch breit sitzen, während fiebrig verstrahlte Familien backstage darauf hoffen, dass Sie sich gnädiger Weise per Knopfdruck mit ihrem mechanischen Monstersessel zu deren trällernden Verwandten umdrehen (wer von meinen Lesern sich bisher vor diesem Format erfolgreich schützen konnte, sprich: noch nie eine Folge von „The Voice of Germany“ gesehen hat, der hat nun höchstwahrscheinlich kein einziges Wort meines oben stehenden Geschreibsels verstanden, wofür ich mich hiermit in aller Form entschuldigen möchte. Kleiner Verbeuger und Klammer wieder zu!). Tränen sind der Cum Shot des Privatfernsehens – diese hübsche, nicht mehr ganz neue Aussage stammt nicht von mir, aber ich borge sie mir hiermit aus, denn sie gilt nach wie vor. Wer nicht heult, kommt gar nicht erst ins Programm. Also heulen sie alle auf Bestellung und erzählen dann, dass sie nun mal so sind, sie können nicht anders, alles muss raus. Ja, Stefanie, zeigen Sie uns, was die Musik mit Ihnen macht! Lassen Sie es mal so richtig laufen! Den Rest besorgt dann der Final Cut: auf dass genau die aufgebrezelte, tränenreiche, permanent mit manipulativ klebrigen Soundtrack-Schnippseln unterlegte Karaoke-Taschentuch-Emo-Party aus der Hölle dabei herauskommt, von der das dankbare Publikum offenbar nicht genug bekommen kann.

P.S. Die Überschrift dieses Textes sollte ursprünglich „Wie ein Kloß eine Träne verdrückt“ heißen, was mir dann zu platt erschien. Allerdings nicht platt genug, um nicht doch noch ein ganz klein wenig damit hausieren zu gehen.