Die hohe Kunst des Comments / Folge 1: Der schnellste und einfachste Weg

Es gibt zwei goldene Regeln im Umgang mit dem Internet. Vielleicht gibt es auch drei oder noch mehr goldene Regeln, aber zwei sollen mir jetzt und hier reichen. Also noch einmal von vorn: es gibt zwei goldene Regeln im Umgang mit dem Internet. Regel Nummer eins: niemals, aber wirklich N-I-E-M-A-L-S sollst du die Kommentare unter einem Youtube-Video lesen! Regel Nummer zwei: solltest du Regel Nummer eins gebrochen haben, dann halte dich mit voreiligen Schlüssen zum Zustand der menschlichen Evolution möglichst vornehm zurück. Der kluge und einfühlsame Leser wird nun bereits ahnen, dass ich Regel Nummer eins regelmäßig breche und mir daher Regel Nummer zwei als therapeutische Maßnahme selbst verschrieben habe.

War es das schon? Nein, denn der Mensch wächst und lernt dazu. Und so hat sich bei mir die vornehme Zurückhaltung im Laufe der letzten Jahre in ehrfürchtiges Staunen verwandelt. Ich staune über eine Kunstform, die im Siegeszug der sozialen Netzwerke zu einer wahren Massenbewegung, ja Volkskunst-Bewegung gewachsen ist. In der DDR gab es einst den Versuch, eine eigene Volkskunst per Parteitags-Beschluss entstehen zu lassen. Diese auch als „Bitterfelder Weg“ bekannt gewordene Direktive sollte damals die Trennung von Berufs- und Laienkunst aufheben und die Arbeiterklasse dazu ermächtigen, die Höhen der Kultur zu stürmen. „Greif zur Feder, Kumpel!“, so lautete das von Walter Ulbricht ausgegebene Motto. Die neue Volkskunst-Bewegung setzt genau dieses Motto nun wieder beherzt in die Tat um. Massenhaft greifen die Kumpel und Kumpelinnen zur virtuellen Feder. Das subversive ihrer Kunst besteht dabei nicht mehr in der Eroberung einer vermeintlichen Hochkultur, sondern in der selbstbewussten Aneignung spätkapitalistischer Plattformen wie Youtube, Facebook etc. … Dort haben sie einen eigenen Kunstraum erschaffen, der den Bitterfelder Weg als moderne Form des Dadaismus weiterdenkt. Es ist ein Raum, in dem mit archaischen, von Sinn und Grammatik vollständig emanzipierten Ausdrucksformen experimentiert wird. Postmoderne proletarische Helden wie „Warzenbuddler“ und „dj10promille“ sind die Warhols unserer Zeit. Sie streiten leidenschaftlich um Deutungshoheiten und erschaffen so eine neue Form von Lyrik, die vorwärts zeigt – in eine Zukunft, in der Musik nun mal der schnellste und einfachste Weg ist, um 13jährige Omas grundlos totzuprügeln. Oder so ähnlich. Aber das wird natürlich in der allgemeinen Berichterstattung gern weggelassen.

Bild

Abgebildet ist hier das Manifest der Volkskunstgruppe „Hip-Hop und Liebeskummer“.

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