I know the end is near

„Berlin ist alt und voll Jewalt …
Wo sind sie hin, ja wo sind sie hin, die schönen Träume?“
(Nina Hagen, „My Way“)

Die Musealisierung der Popkultur hat eine neue Stufe des Grauens erreicht: im Martin-Gropius-Bau drängeln sich derzeit die Besuchermassen um David-Bowie-Artefakte wie um die Gebeine der ägyptischen Pharaonen auf der Museumsinsel zwei Kilometer weiter östlich. Das bißchen Ruhm, das Bowie der Mauerstadt vor fast 40 Jahren hinterlassen hat, muss heute im Gewand biederer Messe-Kultur weiter glitzern: Perücken hinter Glas, Ziggy Stardust und der Thin White Duke als Puppentheater für schwitzende Wochenend-Touristen. Dazu die aufgekratze Berliner Promi-Blase auf dem Roten Teppich … In spätestens zwei Jahren, das ist klar, hat Bowie sein eigenes Musical am Potsdamer Platz, in direkter Nachfolge von Mama Mia, Udo Lindenberg und der Blue Man Group. Die Mythen-Verwertungs-Maschinerie kennt keine Gnade. So ist es nur konsequent, dass nach DDR-, Mauer-und Stasi-Museum nun endlich auch die alte Tante Westberlin als Ausstellungs-Thema entdeckt wird. Schon im nächsten Frühjahr, so leakt es aus den Hinterzimmern des Hauptstadt-Kulturfonts, soll das nächste große Spektakel eröffnet werden. Die Event-Agenturen pitchen sich gegenseitig an die Wand, um dabei zu sein. Was darf man erwarten? Als roter Faden ist die nachgebaute Kokain-Spur von Martin Kippenberger geplant, welche die Besucher durch die thematischen Installationsräume „Dschungel“, „SO36“, „Linientreu“ und „Blixa Bargelds Besenkammer“ führen soll. Außerdem wird das Original Spritzenbesteck von Christiane F. zu bestaunen sein; und Gunther von Hagens soll sich bereits die Rechte auf die Plastinate von Ben Becker und den Humpe-Schwestern gesichert haben. Die Zeit läuft.

Und weiter geht es, immer weiter. Schließlich wollen die Bettenburgen gefüllt und die Rollkoffer-Zombies bespaßt werden. Natürlich gibt es auch schon Pläne für die große Millenniums-Nuller-Berlin-Retrospektive: Sven Marquardt himself wird eine Sonderausstellung zum Thema „Bass und Böller“ kuratieren, in deren Zentrum eine nachgebaute Berghain-Erlebnis-Toilette zum Verweilen und Fotografieren einlädt. Besitzer von VIP-Tickets dürfen sich von der Türsteher-Legende persönlich den Ausgang zeigen lassen und werden dabei von Wolfgang Tillmans fotografiert. Alle sind sie Helden. Für einen Tag. Frühstück inklusive.

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