Die neue Terror-Bewegung

Anders als der Titel es eventuell suggeriert, ist dies kein SPIEGEL-Watchblog. Zumindest war es das bisher nicht und soll es nach diesem Beitrag auch nicht mehr sein. Nun denn: Der SPIEGEL, Deutschlands grandiosestes Recherche- und Lebenshilfe-Magazin, ist für die thematische Bandbreite seiner Titelgeschichten so beliebt wie berüchtigt. Ein Magazin verkauft sich über seinen Titel, so die alte Marketingweisheit. Der Bruchteil einer Sekunde am Zeitungsstand, ein kurzer vergammelter Blick zwischen Zigarettenkauf und erstem morgendlichen Rülpser entscheidet über das Schicksal einer ganzen Redaktion! Dabei loten die Verantwortlichen wöchentlich das Spannungsfeld zwischen vermeintlich politischer Brisanz und den gesundheitlichen Wehwehchen ihrer Leserschaft aus. Aktuell erheitern sie uns mit einer Titelstory über Hüpf-Gymnastik, welche die Bedrohung durch irakische Dschihadisten-Milizen von letzter Woche ablöst. Da drängt sich natürlich die Frage auf: gab es dieses Jahr eigentlich schon den obligatorischen Hitler-Titel? Eine Blitzrecherche zeigt: zumindest ein wenig Nazi-Content war dabei (Ausgabe vom 14.4.2014). Der D-Day könnte vielleicht auch noch zur Hälfte angerechnet werden. Insgesamt aber scheint das bisher beliebteste Saure-Gurken-Thema immer weniger ergiebig zu sein. Vielleicht spielt der jüngste Wechsel der SPIEGEL-Chefredaktion dabei eine Rolle? 2011 schafften es Adolf und der zweite Weltkrieg zwischen Tagespolitik und Rückenschmerzen immerhin noch zwei Mal auf den Titel, danach pendelte sich die Quote auf ein einziges Mal pro Jahr ein. Ein Leitmedium verabschiedet sich vom Führer.

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Die hohe Kunst des Comments / Folge 1: Der schnellste und einfachste Weg

Es gibt zwei goldene Regeln im Umgang mit dem Internet. Vielleicht gibt es auch drei oder noch mehr goldene Regeln, aber zwei sollen mir jetzt und hier reichen. Also noch einmal von vorn: es gibt zwei goldene Regeln im Umgang mit dem Internet. Regel Nummer eins: niemals, aber wirklich N-I-E-M-A-L-S sollst du die Kommentare unter einem Youtube-Video lesen! Regel Nummer zwei: solltest du Regel Nummer eins gebrochen haben, dann halte dich mit voreiligen Schlüssen zum Zustand der menschlichen Evolution möglichst vornehm zurück. Der kluge und einfühlsame Leser wird nun bereits ahnen, dass ich Regel Nummer eins regelmäßig breche und mir daher Regel Nummer zwei als therapeutische Maßnahme selbst verschrieben habe.

War es das schon? Nein, denn der Mensch wächst und lernt dazu. Und so hat sich bei mir die vornehme Zurückhaltung im Laufe der letzten Jahre in ehrfürchtiges Staunen verwandelt. Ich staune über eine Kunstform, die im Siegeszug der sozialen Netzwerke zu einer wahren Massenbewegung, ja Volkskunst-Bewegung gewachsen ist. In der DDR gab es einst den Versuch, eine eigene Volkskunst per Parteitags-Beschluss entstehen zu lassen. Diese auch als „Bitterfelder Weg“ bekannt gewordene Direktive sollte damals die Trennung von Berufs- und Laienkunst aufheben und die Arbeiterklasse dazu ermächtigen, die Höhen der Kultur zu stürmen. „Greif zur Feder, Kumpel!“, so lautete das von Walter Ulbricht ausgegebene Motto. Die neue Volkskunst-Bewegung setzt genau dieses Motto nun wieder beherzt in die Tat um. Massenhaft greifen die Kumpel und Kumpelinnen zur virtuellen Feder. Das subversive ihrer Kunst besteht dabei nicht mehr in der Eroberung einer vermeintlichen Hochkultur, sondern in der selbstbewussten Aneignung spätkapitalistischer Plattformen wie Youtube, Facebook etc. … Dort haben sie einen eigenen Kunstraum erschaffen, der den Bitterfelder Weg als moderne Form des Dadaismus weiterdenkt. Es ist ein Raum, in dem mit archaischen, von Sinn und Grammatik vollständig emanzipierten Ausdrucksformen experimentiert wird. Postmoderne proletarische Helden wie „Warzenbuddler“ und „dj10promille“ sind die Warhols unserer Zeit. Sie streiten leidenschaftlich um Deutungshoheiten und erschaffen so eine neue Form von Lyrik, die vorwärts zeigt – in eine Zukunft, in der Musik nun mal der schnellste und einfachste Weg ist, um 13jährige Omas grundlos totzuprügeln. Oder so ähnlich. Aber das wird natürlich in der allgemeinen Berichterstattung gern weggelassen.

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Abgebildet ist hier das Manifest der Volkskunstgruppe „Hip-Hop und Liebeskummer“.

Lang lebe die Fotolia-Huckepack-Familie!

Die Familie ist ein schützenswertes Gut. Mutter, Vater, Kind als kleinste Zelle der Gesellschaft – vereint gegen den Unbill dieser Welt. Ein Kind aufzuziehen, ist eine feine Sache, sicher. Noch feiner aber ist es, zwei Kinder aufzuziehen, denn in diesem Fall kann man sich als symmetrische Huckepack-Familie fotografieren lassen. Als strahlendes Leitbild sollte hier die Fotolia-Huckepack-Familie dienen. Zwar findet sie sich auch auf anderen Foto-Plattformen wieder, aber es war doch gerade die Marke Fotolia (so behaupte ich), die die Huckepack-Familie so populär gemacht hat. Jeder, der sein Geld im ehrbaren Geschäft der Werbung verdient, stößt früher oder später auf die Fotolia-Huckepack-Familie. Gilt es, auch mit bescheidenem Budget, Begriffe wie Glück, Geborgenheit und Lebensfreude zu illustrieren, muss die Huckepack-Familie herhalten. Sie ist der visuelle Bodensatz des Marketings. Versicherungen, Ferienhotels, Müslihersteller und Discounter aller Art werben mit ihr. Der positive, idyllische Schein aber trügt, denn Fotolia-Huckepack-Familien haben oft mit den selben Problemen zu kämpfen wie real existierende Familien: ihre Väter gehen ab und zu mal fremd, gründen gar ganze Parallel-Huckepack-Familien und sehen sich nicht selten mit Scheidungs- und Unterhaltsklagen konfrontiert (vergleichen Sie bitte zum Beispiel die „attraktive europäische Familie im Frühling“ mit der „Familie am Meer“). Ist die Fotolia-Huckepack-Familie deshalb vielleicht ein weniger schützenswertes Gut? Ich sage NEIN!

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Lang lebe die Fotolia-Huckepack-Familie!

I know the end is near

„Berlin ist alt und voll Jewalt …
Wo sind sie hin, ja wo sind sie hin, die schönen Träume?“
(Nina Hagen, „My Way“)

Die Musealisierung der Popkultur hat eine neue Stufe des Grauens erreicht: im Martin-Gropius-Bau drängeln sich derzeit die Besuchermassen um David-Bowie-Artefakte wie um die Gebeine der ägyptischen Pharaonen auf der Museumsinsel zwei Kilometer weiter östlich. Das bißchen Ruhm, das Bowie der Mauerstadt vor fast 40 Jahren hinterlassen hat, muss heute im Gewand biederer Messe-Kultur weiter glitzern: Perücken hinter Glas, Ziggy Stardust und der Thin White Duke als Puppentheater für schwitzende Wochenend-Touristen. Dazu die aufgekratze Berliner Promi-Blase auf dem Roten Teppich … In spätestens zwei Jahren, das ist klar, hat Bowie sein eigenes Musical am Potsdamer Platz, in direkter Nachfolge von Mama Mia, Udo Lindenberg und der Blue Man Group. Die Mythen-Verwertungs-Maschinerie kennt keine Gnade. So ist es nur konsequent, dass nach DDR-, Mauer-und Stasi-Museum nun endlich auch die alte Tante Westberlin als Ausstellungs-Thema entdeckt wird. Schon im nächsten Frühjahr, so leakt es aus den Hinterzimmern des Hauptstadt-Kulturfonts, soll das nächste große Spektakel eröffnet werden. Die Event-Agenturen pitchen sich gegenseitig an die Wand, um dabei zu sein. Was darf man erwarten? Als roter Faden ist die nachgebaute Kokain-Spur von Martin Kippenberger geplant, welche die Besucher durch die thematischen Installationsräume „Dschungel“, „SO36“, „Linientreu“ und „Blixa Bargelds Besenkammer“ führen soll. Außerdem wird das Original Spritzenbesteck von Christiane F. zu bestaunen sein; und Gunther von Hagens soll sich bereits die Rechte auf die Plastinate von Ben Becker und den Humpe-Schwestern gesichert haben. Die Zeit läuft.

Und weiter geht es, immer weiter. Schließlich wollen die Bettenburgen gefüllt und die Rollkoffer-Zombies bespaßt werden. Natürlich gibt es auch schon Pläne für die große Millenniums-Nuller-Berlin-Retrospektive: Sven Marquardt himself wird eine Sonderausstellung zum Thema „Bass und Böller“ kuratieren, in deren Zentrum eine nachgebaute Berghain-Erlebnis-Toilette zum Verweilen und Fotografieren einlädt. Besitzer von VIP-Tickets dürfen sich von der Türsteher-Legende persönlich den Ausgang zeigen lassen und werden dabei von Wolfgang Tillmans fotografiert. Alle sind sie Helden. Für einen Tag. Frühstück inklusive.