Die Aufteilung der Welt (Chlorhühnchen-Tourette)

„Die ,amerikanischen Sitten’, vor denen europäische Professoren und wohlgesinnte Bürger so heuchlerisch die Augen zum Himmel aufschlagen, sind in der Epoche des Finanzkapitals buchstäblich zu Sitten einer jeden Großstadt in jedem beliebigen Lande geworden.“

(W. I. Lenin, 1916)*

„Ich werde die Einfuhr von Chlorhühnchen verhindern.“

(Angela Merkel, 2014)

Selbst wenn es der Kanzlerin gelingen sollte, die anglo-imperialistischen Chlorhühnchen im Sinne der Volksgesundheit an den deutschen Grenzen abzuschmettern, so können sich die Viecher immerhin noch Hoffnung machen, als „Wort des Jahres“ im kollektiven Gedächtnis hängenzubleiben. Vor kurzem konnte man beobachten, wie sich Anne Will und ihre Gäste in ein wahres Chlorhühnchen-Tourette hineinsteigerten – das Thema der Talkshow war natürlich das umstrittene Freihandelsabkommen mit den USA. Das Wutbürgertum findet im Schnitt pro Monat drei neue Kampfbegriffe, gegen die es Sturm läuft. Und die Chlorhühnchen sind in dem Moment, in dem ich diesen Text auf die Welt loslasse, wahrscheinlich schon wieder Schnee von gestern. Damit möchte ich nicht andeuten, es sei verkehrt, wütend oder vergesslich zu sein (am besten beides zusammen). Man muss die Chlorhühnchen nicht mögen, man muss auch den Kapitalismus nicht mögen. Man kann selbstverständlich in seinem von Autoexporten und globalen Waffengeschäften mitfinanzierten Eigenheim hocken und auf seinen verschmierten Touchscreens (wer weiß schon, wie und wo die Dinger zusammengelötet werden) per Facebook Scheinabstimmungen darüber führen, was sich gut und gerecht anfühlt. Darauf eine Bionade! Auch ein wenig Luft ablassen vorm Brandenburger Tor soll ja ab und zu helfen. Aufgeklärter und bewusster wird man auf diese Art aber sicher nicht, höchstens noch ein wenig selbstgerechter. In diesem Text tauchte übrigens sechs Mal das Wort „Chlorhühnchen“ auf. Ich korrigiere mich: sieben Mal. #Chlorhühnchen … Acht mal! Eat this, Anne Will!

* aus „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“

Es war ein frisches, rohes, deutsches Ei …

STERN:

„Sie sind zu fünf Monaten Haft verurteilt worden, weil Sie mit einem Ei den Dienst-Mercedes des Regierenden Bürgermeister Diepgen attackiert haben. Das war am 11. Oktober 1993 … Durch Ihren Eierwurf splitterte damals die Windschutzscheibe von Diepgens Dienstfahrzeug. Wie konnte das passieren?“

KUNZELMANN:

„Da müssen Sie Mercedes-Benz fragen. Ich war selbst überrascht. Es war ein frisches, rohes, deutsches Ei, Güteklasse A.“

(Dieter Kunzelmann im Interview, 1999)

Darm mit Charme (Jeanette Biedermann hat keine Angst vor dem Tod!)

Es gibt dieses Buch tatsächlich. Beweis Nummer eins: hier, Beweis Nummer zwei: ich habe heute in der U-Bahn eine Frau darin lesen sehen. Ihr Gesichtsausdruck war etwas verkniffen (laut brigitte.de ist das Buch „unterhaltsam und verständlich geschrieben“), vielleicht war sie ja noch nicht bereit, die charmante Seite ihres Verdauungstraktes anzuerkennen. Ich schaue mir gerne an, was die Leute in der U-Bahn so lesen. Überwiegend sind es die in Grund und Boden beworbenen Schinken der Spiegel-Bestseller-Liste. Ab und zu werde ich aber auch überrascht. „Darm mit Charme“ war zumindest für mich eine Überraschung, obwohl auch auf dem Umschlag dieses Buches ein kleiner „Spiegel“-Aufkleber pappte. Seit die E-Books die öffentlichen Verkehrsmittel erobert haben, lassen sich zwar immer weniger Buchtitel erkennen, dafür lässt sich aber der Inhalt leichter mitlesen – zumindest wenn man neben der lesenden Person sitzt. Ich bin ein unanständiger Mensch.

Anständiger ist es wohl, statt bei fremden Leuten mitzulesen, sich dem U-Bahn-Fernsehen an der Decke zu widmen. Dort werden in Dauerschleife Nachrichten im Häppchenformat gesendet, knappe Mitteilungen, die durch noch knappere Einzeiler angeteasert werden. Furchtbar stupide ist das, aber ungeheuer hypnotisierend. Im Segment V.I.P. NEWS stand dort mal: „Jeanette Biedermann hat keine Angst vor dem Tod“. Diese Botschaft habe ich dann gefühlte dreißig mal gelesen, bevor ich schließlich ausgestiegen bin. Es wurde mein Mantra des Tages. Sollte jemand noch ein eigenes Mantra brauchen, ich wäre jetzt bereit, es abzugeben: JEANETTE BIEDERMANN HAT KEINE ANGST VOR DEM TOD!

Rechts hop, links hop!

Es soll ein Fenstersprung gewesen sein, der 1970 Ulrike Meinhofs endgültige Radikalisierung markierte. Sie hüpfte durch das Fenster eines Instituts-Gebäudes in die Illegalität und seit dem müssen wir uns alle Jahre wieder Sondersendungen zur RAF und dem deutschen Herbst anschauen. „Und wo ist hier der Grund zur Heiterkeit?“, fragen Sie zurecht, liebe Leser. Vielleicht ja hier: 40 Jahre später sammelt Jutta Ditfurth Geld, um in dem von ihr gegründeten Ulrike Meinhof-Archiv neue Fenster einzubauen. Ob die Renovierungsarbeiten inzwischen abgeschlossen sind, ist mir nicht bekannt. In diesem Herbst jedoch, am 7. Oktober 2014, würde Ulrike Meinhof 80 Jahre alt werden. Und es wäre doch sehr hübsch, wenn Frau Ditfurth zu eben diesem Anlass und zu Ehren der alten Heldin aus einem der neu eingebauten Fenster ihres Archives hüpfen könnte. Also spenden Sie fleißig, sofern Sie es nicht schon getan haben!

Ich möchte noch erwähnen, dass Jutta Ditfurth sich derzeit in einem unappetitlichen Scharmützel befindet (nicht dem ersten in ihrer Karriere), welches sie bereits ins deutsche Kultur-Fernsehen trug und das nun vorwiegend auf Facebook weitergeführt wird, wo es sich zu einem mittelschweren Shit-Gewitter zusammengebraut hat. Es geht dabei vorwiegend um die Frage, wer mit wem unter welcher Flagge wogegen und wofür demonstrieren darf; es geht um Fronten, Feindbilder, Aluhüte und die alles entscheidende Frage, wer denn nun rechts und wer links steht. Ein ganz großer Krampf also, der sich nur mit den Meistern krampfhafter Lockerheit erklären lässt – dem Ehepaar Fern. Bereits fünf Jahre vor Ulrike Meinhofs berühmten Fenstersprung setzten sie dem Links-Rechts-Gerangel tänzerisch ein Denkmal. Die Ferns nenen es „Halli Galli“, ich nenne es den Fronten-Twist … Rechts hop, links hop, rechts drehen, rück-rück-rück (ab Min. 0.50 wird es konkret, Genossen):