I am human and I need to be loved

Da habe ich also in meinen Musik-Archiven gewühlt und beschlossen, da mir gerade sonst nichts besseres einfiel, den DJ in mir zu reaktivieren. So wie früher, als ich noch regelmäßig meinen Freundeskreis mit obskur-eklektischen Playlists beglückt habe. Und was haben wir gerade? Den Monat des schwulen Stolzes? Dann gibt es jetzt also schwule Musik. Im weitesten Sinne. Ich finde es jedenfalls hilfreich, mir hier eine thematische Klammer zu bauen. Ein Gruß geht an dieser Stelle nebenbei mal wieder an den ollen Maschinisten (der Circle Jerk darf nicht abreißen), der mir das heiterste Zitat des Tages bescherte. Bei „Halb Osteuropa hielt die Schenkel geöffnet und den Darmausgang in die Luft“ habe ich fast meine Kaffee ausgespuckt vor lachen. In dem Zusammenhang: War es das denn jetzt für die #ZeroCovid-Gouvernanten? Können die sich jetzt wieder auf #ZeroSugar, #ZeroCo2 und #ZeroBrain konzentrieren? Irgendwas gibt es ja scheinbar immer in Grund und Boden zu verbieten. Ja, der Kampf währet ewig und das Endziel ist stets der Nullpunkt! Aber zurück zur Musik. Also dann, ihr gottlosen Homos und alle, die es noch werden wollen – hier kommt sie, die Playlist des Schmerzes, der Schönheit und des Dramas! Die Links zu den einzelnen Songs stehen jeweils unter dem Text.


K.D. Lang – My Old Addiction (1997)

Sanft geht es los. Die von mir seit vielen Jahren verehrte K.D. Lang hat es geschafft, dass ich mich als militanter Nichtraucher in ein Album verliebt habe, das sich thematisch praktisch nur ums Rauchen dreht. Dabei könnte sie eigentlich auch vom Rasenmähen singen, es würde ganz sicher genau so großartig klingen. Einmal habe ich sie live gesehen. Am Ende des Konzertes setzte sie sich vorne an den Bühnenrand und zündete sich eine Zigarette an. Sofort versammelte sich ein Pulk begeisterter Lesben zu ihren Füßen. Es wirkte wie ein vertrautes Ritual: die androgyne Diva raucht und die Fans huldigen ihr. Ein Marlene-Dietrich-Moment. Passiert das am Ende jedes ihrer Konzerte? Vielleicht können sich ja ein paar nikotinsüchtige Lesben bei mir melden und mich darüber aufklären. My Old Addiction  ist übrigens eine Coverversion und heißt im Original Chet Baker’s Unsung Swan Song.

My old addiction changed the wiring in my brain


Patrick Wolf – Tristan (2005)

Haben Sie diesen blonden deutschen Bubi beim diesjährigen ESC gesehen, mit seiner Jukulele und diesem grenzdebilen Liedchen, das klang wie eine Frühstücksflocken-Werbung? Was wäre wohl passiert, wenn man dem rechtzeitig Patrick Wolf vorgespielt hätte? Hätte das geholfen? Hätte, hätte, Perlenkette. Darf man der offiziellen Biografie von Patrick Wolf Glauben schenken, dann zog dieser bereits im zarten Alter von 16 Jahren allein in ein leerstehendes Haus, wo er fortan mindestens zwölf Instrumente spielte und an seiner eigenen Legende strickte. Ein früher Befreiungsschlag, er konnte wohl einfach nicht anders. 

My name is Tristan and I’m alive!


La Lupe – Puro Teatro (1969)

Vorhang auf für die ultimative kubanische Drama-Queen, unvergleichliche Performerin, Voodoo-Priesterin und Gran Cantante La Lupe! Noch vor Celia Cruz galt sie in den 60er Jahren als „Queen of Latin Music“. Lange sollte ihre Regentschaft leider nicht andauern. 1992 verstarb sie viel zu früh und völlig verarmt in der Bronx. Was für ein Theater! Wenn Sie „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ von Pedro Almodóvar gesehen haben, kennen Sie dieses Lied vielleicht noch aus dem Abspann. Sollte mich selbst demnächst ein Nervenzusammenbruch ereilen, so kann ich mir wirklich keine bessere Untermalung vorstellen.

Teatro lo tuyo es puro teatro 


Etienne de Crecy – Prix Choc (1996)

Die späten 90er waren eine gute Zeit zum tanzen und die beste Musik dazu kam aus Frankreich. Von Etienne de Crecy, Alex Gopher, Laurent Garnier, Benjamin Diamond, Stardust, Daft Punk, Cassius und wie sie alle hießen … French House war das glamouröse und humorvollere Gegenstück zum dumpfen Loveparade-Gestampfe. Damals passte ich noch in T-Shirts der Größe XS und habe meinen Hintern zu diesen Klängen unter den besseren Discokugeln der Stadt geschwungen.

Bumm-Bumm-Bumm …


Xiu Xiu – I Luv The Valley Oh (2004)

Ein Song wie eine offene Wunde. Worum es hier genau geht, erschließt sich mir bis heute nicht. Es klingt brutal, nach Missbrauch, Trauma, Selbsthass, Verzweiflung, Suizid – genug Stoff für eine lebenslange Therapie, der sich hier in der Mitte in einem einzigen kurzen Urschrei entlädt. Auch dazu ist Musik schließlich da: um die ganze Scheiße rauszuschreien, wie einen Blutschwall in die Welt zu spucken. Die anderen müssen es dann aufwischen. 

And I won’t rest while you break my will, Je t’aime the valley, Je t’aime the valley OHHH!!!

A Man and his Pussy: Jamie Stewart von Xiu Xiu


Johnny Hartman – Down in the Depths (1956)

Wo könnte man wohl den eigenen emotionalen Tiefpunkt besser besingen als im höchsten Gebäude der Stadt? Hoch oben über den Menschen, die sich sorgenfrei in den Nachtklubs amüsieren, während man seinen Liebeskummer selbstmitleidig in teurem Champagner ersäuft, hier im Penthouse im 90. Stock. Das Original dieses Cole-Porter-Klassikers stammt aus dem Musical Red, Hot and Blue und wurde 1936 erstmals von Ethel Merman auf einer Broadway-Bühne geschmettert. Ich selbst wurde zum ersten Mal durch die üppige Swing-Version von Lisa Stansfield mit dem Lied bekannt gemacht (auf dem Cole Porter Tribute-Sampler Red, Hot + Blue von 1990). Am besten gefällt mir allerdings die Version von Johnny Hartman, einem heute etwas in Vergessenheit geratenen Jazz-Sänger, der zu seinen besten Zeiten auch ein großartiges Album mit John Coltrane aufnahm. 

I’m deserted and depressed in my regal eagle’s nest, down in the depths on the ninetieth floor


Rufus Wainwright – The Art Teacher (2004)

Es gibt wenige Musiker, die ich so nachhaltig vergöttere wie diesen. Vielleicht noch Prince oder Dvořák, es sind wirklich nicht viele. Die ersten vier Alben von Rufus Wainwright gehören für mich bis heute zu den besten und originärsten Werken zeitgenössischer Musik. Zweimal habe ich ihn in Berlin live erlebt, einmal in der Volksbühne und einmal in der Kreuzberger Passionskirche. Letzteres war tatsächlich eine Art Erweckungserlebnis, nie hat mich ein Konzert derart emotional aufgewühlt. Rufus stammt aus einer bekannten kanadischen Musikerfamilie, ist aber (ebenso wie seine Schwester, siehe den nächsten Eintrag in der Liste) schon früh erfolgreich und pompös aus deren Schatten getreten. Ich kenne wirklich niemanden, der sensibles Songwriting so kunstvoll mit Camp und operettenhaftem Pomp verbindet wie dieser Mann. Erwähnte ich schon seine ersten vier Alben? Unbedingt anhören!

He asked us what our favorite work of art was, and never could I tell him, it was him


Martha Wainwright – Bloody Mother Fucking Asshole (2005)

Rufus’ kleine Schwester. Keine sehr faire Beschreibung, aber das ist sie nun mal. Beide haben ein eher angespanntes Verhältnis zu ihrem Vater, und wie sich schon am Titel unschwer erkennen lässt, hat Martha dieses Verhältnis in einer deutlich aggressiveren Art verarbeitet als ihr feinsinniger Bruder. Denn Bloody Mother Fucking Asshole ist nichts anderes als die Abrechnung mit einem abwesenden, egomanischen Vater. Da kommt Stimmung auf zum Weihnachtsfest! Ich weiß nicht, was genau in dieser Familie alles schief gelaufen ist, aber Martha Wainwright hat ihre Stimme trotzdem gefunden – rau, verletzlich und unvergleichlich. 

Poetry has no place for a heart that’s a whore 


Blumfeld – Tausend Tränen Tief (1999)

Erst kürzlich hörte ich mich noch einmal durch das Gesamtwerk von Blumfeld (wodurch sich unter anderem auch der letzte Beitrag in diesem Blog erklärt). Vor allem die ersten beiden Alben haben mich dabei plötzlich ganz neu aufgepeitscht. Alles braucht seine Zeit, und zur Zeit der frühen Blumfeld-Ära hatte ich wohl gerade kein Ohr für deutsche Texte. Dann kam „Old Nobody“ und „Tausend Tränen tief“. Ein Schock, zumindest für viele alte Fans der „Hamburger Schule“. Schlager-Pop? Kitsch? Gefühle? Watt’n datt? Ganz große Kunst ist das, sage ich. Nichts weniger. Kudos an Jochen Distelmeyer, dass er sich das getraut hat und auch an Helmut Berger, dass er da mitgemacht hat.

Ein Lied von zwei Menschen, wie Liebe sich anfühlt


Joanna Newsom – Good Intentions Paving Company (2010)

Diese Frau. Also wirklich. Am Anfang ihrer Karriere trieb sie mit ihrem schrillen Organ und ihrem Harfenspiel so manchen Kritiker die Wände hoch. Vielleicht hatten sie ihr deshalb auch das unselige Etikett „Freak Folk“ angeheftet – eine Schublade, die ebenso dämlich ist wie eigentlich jede Schublade, die sich der Musikjournalismus über die Jahre so ausgedacht hat. Joanna Newsoms eigenständiges Talent war schon immer unbestreitbar, in den folgenden Jahren sollte es sich nur noch wunderlicher und wunderbarer entfalten. Mit Joni Mitchell wurde sie verglichen, mit Rickie Lee Jones und natürlich mit Kate Bush. Aber sie lebt und musiziert in ihrer ganz eigenen Welt. 

I’ve been fessing, double-fast, addressing questions nobody asked

Die Frau hat einen Vogel: Joanna Newsom


Elaine Stritch – Ladies Who Lunch (1970)

Wenn ich Martha Wainwrights Stimme als rau beschrieben habe, dann haben wir es hier mit einer Kettensäge zu tun. Elaine Stritch wurde für die Uraufführung von Stephen Sondheims Musical „Company“ nicht engagiert, weil sie eine großartige Sängerin war, sondern weil wohl niemand anderes diese bitterböse Hymne auf reiche gelangweilte Society Ladies so markerschütternd herausschreien konnte wie sie. Ein Monument des postmodernen Zynismus. I’ll drink to that!

A toast to that invincible bunch, the dinosaurs surviving the crunch. Let’s hear it for the ladies who lunch – Everybody rise!!!


Scott Walker – Plastic Palace People (1968)

Meinen Lebensabend stelle ich mir idealerweise so vor: Auf der weitläufigen Terrasse meiner überdimensionierten Strandvilla mit Blick auf den Pazifik tanze ich, bereits am frühen Nachmittag hackedicht abgefüllt mit den Schätzen meines hochwertigen Weinkellers, in einem Designer-Kaftan zu Scott Walker, am liebsten zu seinem zweiten Solo-Album. So soll es sein, viel mehr brauche ich nicht. 

Don’t pull the string, don’t bring me down, don’t make me land


Lady Gaga & Kermit, the Frog – Gypsy (2013)

Was soll ich dazu sagen? Schöner, alberner, bombastischer und berührender wird es nicht mehr. Lady Gaga wurde einst mit dem Album „The Fame“ berühmt. Ruhm und Berühmtheit waren ein Konzept, dass sie auf der Überholspur mit fast täglich neuen Kostümen und Ideen karikierte. Heute, so scheint es, ist sie dort angekommen, wo alle erfolgreichen Entertainer wohl irgendwann landen – in einer Blase selbstgerechter Weinerlichkeit, die Lippen aufgespritzt, das Konto gut gefüllt, den nächsten Filmvertrag schon in der Tasche. Zwischendurch aber hat sie dann auch immer mal wieder so etwas abgeliefert, und dafür muss man sie einfach lieben.

I don’t wanna be alone forever, but I love gypsy life


Robin Guthrie & Harold Budd – Neil’s Theme (2004)

In dem Film „Mysterious Skin“ gehen zwei Jungs mit der gemeinsamen Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs sehr unterschiedlich um. Der eine macht dicht, verdrängt und glaubt fortan daran, von Außerirdischen entführt worden zu sein, der andere wird zum Stricher. Gewalt und Poesie formen hier eine faszinierende Einheit. Der Soundtrack von Robin Guthrie (dem Mitbegründer der Cocteau Twins) und Harold Budd passt dazu wie angegossen. Sphärisch, verträumt, außerirdisch.

Neil’s Theme


t.a.t.u. – How Soon Is Now? (2002)

Der Begriff queer bedeutete ursprünglich ja mal so etwas wie schräg, sonderbar oder suspekt. In diesem Sinne passt diese schauerlich-schöne Coverversion bestens ins Konzept. Wenn hier eines bewiesen wird, dann dass man einen wirklich guten Song nicht zerstören kann. In meinem fiktiven Drehbuch zu einer postapokalyptischen Komödie sitzt Morrissey einsam in einer Moskauer Karaoke-Bar und muss sich das anhören. Er hat wie immer schlechte Laune. Spätestens aber, wenn die beiden t.a.t.u.-Mädels „I am human and I need to be loved, just like everybody else does!“ von der Bühne knödeln, erweicht sein Herz, er springt auf und stimmt mit ein. 

You shut your mouth, how can you say I go about things the wrong way?


George Michael – Freedom! ’90 (1990)

Auch hier singt jemand vom Berühmt sein, vom Hadern mit dem eigenen Image und von den Fesseln der Musikindustrie. Was George Michael hier geschaffen hat, vor allem auch in der Verbindung mit dem legendären Video, ist nichts weniger als die geniale Verschmelzung von Rebellion und Glamour auf der allerhöchsten Stufe. Eine Hochzeit von Verweigerung und Größenwahn. Billig war das nicht. Es treten auf: Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford sowie ein paar männliche Models, die damals leider nicht ganz so berühmt waren. Der Sänger selbst hatte sich herausgenommen aus dem Spiel, nur die brennende Lederjacke und die explodierende Gitarre erinnern noch an ihn. Regisseur des Videos war David Fincher. Ja, wer denn sonst? Vielleicht war das bereits das Ende des Pop, wie wir ihn kannten. Vor mehr als 30 Jahren. Verdammt!

All we have to do now is take these lies and make them true somehow

Gebt endlich auf, es ist vorbei.

Vor zwanzig Jahren erschien Blumfelds Album „Testament der Angst“. Ich gehe jetzt mal forsch davon aus, dass Jochen Distelmeyer damals nicht wissen konnte, dass er damit den Soundtrack für eine Saison schreiben würde, die erst zwei Jahrzehnte in der Zukunft zur vollen Blüte kommen würde. Wir sehen hier also entweder den Beweis für dessen visionäres Genie oder einfach nur dafür, dass sich im Grunde genommen nichts geändert hat. Nicht in den Hirnen der großen Verfügungsmasse „Volk“. Die Medien helfen ihnen beim dumm sein, ein starker Staat hilft ihnen beim stumm sein. Weshalb dieses Lied in den letzten Monaten nicht längst das ihm angemessene Revival erlebt hat, ist mir ein Rätsel. Muss ich also wieder ran, der Musikredakteur von der dunklen Seite des Mondes. Bitte sehr. Habe die Ehre.

Das hat mir der Teufel gesagt

Auf der Ringbahnstrecke zwischen Gesundbrunnen und Schönhauser Allee, Berlins größter öffentlicher Graffiti-Galerie, hat jemand EINZELTÄTER? an eine Mauer gepinselt. Ein Wort, eine Frage, in zwei Meter hohen Lettern. Ich lese das kurz nachdem ich die Dokumentation „Sons of Sam“ (man beachte den Plural im Titel) gesehen habe. Dort wird die These aufgewärmt, dass der berüchtigte „Son of Sam“ David Berkowitz eben kein Einzeltäter gewesen sei, und ich danke den dunklen Mächten des Universums wieder einmal für diesen hübschen kleinen Wink. Nennen Sie es Zufall, ich nenne es exzentrischen Magnetismus. Während die S-Bahn weiter rattert, denke ich also darüber nach, ob der pummelige New Yorker Postangestellte Berkowitz damals tatsächlich nur das Bauernopfer für ein landesweit operierendes okkultes Netzwerk war, so wie es der Journalist Maury Terry (um den es in „Sons of Sam“ eigentlich geht), bis zum Ende seines Lebens behauptet hat. Terry tingelte mit seiner Theorie jahrzehntelang durch die Öffentlichkeit, bei der Polizei stieß er trotz zahlreicher Indizien aber nur auf taube Ohren. Sein Buch „The Ultimate Evil“ wurde zum Bestseller und befeuerte die Satanismus-Panik der amerikanischen Medien Ende der 80er Jahre, als christliche Tugendwächter praktisch überall versteckte satanische Botschaften entlarvten, ob in rückwärts gespielten Heavy-Metal-Platten oder bei den Schlümpfen. Zur dieser Zeit saß David Berkowitz längst im Gefängnis und las brav die Bibel. Heute wird er 68 Jahre alt. Er teilt sich diesen Geburtstag unter anderem mit Marilyn Monroe, Morgan Freeman und Heidi Klum. Happy Birthday und Hail Satan! 

Zitti E Buoni

Endlich hat beim europäischen Liederwettstreit mal die richtige Truppe gewonnen. Rumms-Bumms-Radetzkymarsch! Sicher, die klingen wie sämtliche Indierock-Gruppen der frühen 2000er Jahre zusammengerollt, aber es geht hier bitte sehr nicht um Originalität, sondern um die Party. Ich hatte mir Anfang dieser Woche gerade noch rechtzeitig Will Ferrels Eurovisions-Hommage „The Story of Fire Saga“ angeschaut, und sämtliche dort trällernden Parodien hätten gestern Abend eins zu eins auch auf der realen ESC-Bühne auftreten können. Da gibt es keine ironische Distanz mehr, keinen doppelten Boden, das ist alles eine große, laute, bunte Suppe. Die Italiener von MÅNESKIN haben nun aktuell nicht nur dem Rest der tanzenden Muppets und eng korsettierten Damen vor Windmaschinen die Show gestohlen, sondern teilen sich ihren Namen auch mit einer deutschen Gin-Marke. Sexy sind sie auch. Und die Botschaft ist schließlich ebenfalls nicht verkehrt: Klappe halten und gut ist!

Apropos Klappe, Schnauze, Ruhe im Karton – da war doch noch was anderes furchtbar aufregendes in dieser Woche … Eine deutsche Politikerin labert öffentlich Dünnpfiff, wird daraufhin durch’s Internet geschleift und Schuld daran sind wie üblich die toxisch-männlichen Nazi-Iwans. Schlimme Sache. Ich hatte vor der Lärmbelästigung durch diese Frau übrigens bereits vor drei Jahren gewarnt (im letzten Absatz). Aber auf mich hört ja mal wieder keiner. WIESO HÖRT EIGENTLICH NIE JEMAND AUF MICH!? Accidenti! Santo cazzo Madre di Cristo! Brutto figlio di puttana bastardo! Vaffanculo! (fluchend ab)

Live to tell

Polizeisirenen von allen Seiten. Ein Dutzend Einsatzwagen penetriert die ohnehin chronisch verstopfte Kreuzung Torstraße/Brunnenstraße, dazu noch ein paar Rettungswagen, Tatüütataa! An Krach ist man an hier gewöhnt, aber was ist denn nun schon wieder los? Ein illegaler Kindergeburtstag? Hat der kleine Rutger-Cornelius den Sicherheitsabstand nicht eingehalten? Polizei! Zugriff! Notbremse! Zwangsjacke! Ausgangssperre! Wasserwerfer! Mehr Bullerei sieht man hier nur, wenn am Alex oder am Rosa-Luxemburg-Platz demonstriert wird. Meistens am Samstag. Manchmal auch am Donnerstag, oder am Montag, Dienstag und Mittwoch. Tatüütataa! Erzählen Sie mal einem Taxifahrer, dass Sie über die Torstraße fahren wollen, der schmeißt Sie unter tausend Flüchen und Verwünschungen sofort aus seinem Wagen. Oder er berechnet Ihnen 500 Euro pauschal, Barzahlung im voraus. Und schmeißt Sie dann trotzdem noch raus. Ein gottverdammtes, dysfunktionales, zugeschissenes Nadelöhr ist diese Straße. Die einzigen, die hier wirklich ungestört durchkommen, sind die zahlreichen Essens-Auslieferer in ihren hellblau oder orange gefärbten Alufolien-Rikschas. Aber die wurden ja auch im indischen Straßenverkehr ausgebildet. Es hilft tatsächlich, sich eine beliebige Kreuzung in Mumbai oder Bangalore vorzustellen, dann erscheint einem das alles hier schon wesentlich entspannter. Ich war noch nie in Indien, habe aber mal eine Woche im Zentrum von Istanbul verbracht, danach stand ich kurz vor einem Hörsturz und Berlin kam mir vor wie ein Dorf. Reisen macht diese Stadt immer noch erträglich.

Kurz vor der nächsten Kreuzung hat jemand „Webdesign“ über seinen Laden meißeln lassen, direkt ins Mauerwerk. Ich weiß nicht, warum, aber ich finde das lustig, dass da „Webdesign“ steht, in Stein gehauen, als Teil der Architektur, für die nächsten hundert Jahre. Über der Einfahrt zur Schönhauser thront eine voluminöse Mama in knappen Dessous. Die Marke Dove macht noch immer Werbung mit dicken Models, offenbar sehr erfolgreich. Es macht durchaus Sinn: Je mehr Quadratmeter Haut, desto mehr Bodylotion wird gebraucht. Ist Ihnen übrigens schon mal aufgefallen, dass auf der Welle der Body Positivity und Plus Size Models immer nur Frauen reiten? Haben Sie schon mal irgendwo unironisch ein übergewichtiges Männermodel gesehen? Irgendwo?

An der Ecke Prenzlauer Allee steht das Soho House. Hier hat mal Madonna gewohnt, während einer ihrer Berliner Gastspiele. Gerüchten zufolge hatte sie die gesamte obere Etage gemietet und renovieren lassen. Nur für eine Woche. Ihr hat wohl die Wandfarbe nicht gefallen. Vielleicht hatte der Seifenspender im Master Bad auch das falsche Aroma. Nur der Denkmalschutz konnte sie davon abhalten, das komplette Gebäude zu sprengen und ein neues Domizil nach ihrem Gusto zu errichten. Wenige Kilometer weiter östlich habe ich im Zimmer eines Schulfreundes einst heimlich einen Fanbrief an Madonna gelesen. Er hatte ihn an irgendein westdeutsches Autogrammbüro adressiert, das er in der Bravo gefunden hatte. Ich habe ihm nie erzählt, dass ich diesen Brief gelesen hatte, weil ich dachte, dass ihm das peinlich sein könnte. Damals war gerade „Live to tell“ erschienen. A man can tell a thousand lies, I’ve learned my lesson well … Madonna sah plötzlich anders aus. Eine neue Frisur, ein neues Image, in den folgenden Jahrzehnten sollte das natürlich zur Routine werden. Nicht im Traum hätten wir uns vorstellen können, dass diese Frau eines Tages in dem ehemaligen SED-Bunker absteigen würde. An der Torstraße Nr. 1, damals noch Wilhelm-Pieck-Straße. Das heutige Soho House hat mehr bizarre Wandlungen mitgemacht als das mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit aufgepumpte Gesicht von Madonna. Was ist nur aus dir geworden, Frau Ciccone? Was ist aus uns geworden? Wahrscheinlich genau das, was zu erwarten war. Noch mit 70 wirst du dich in Strapsen auf dem Boden wälzen und „We need a Revolution“ stöhnen. Mit einer halben Milliarde Dollar auf dem Konto und Luxus-Villen weltweit. Während wir immer noch über den Berliner Straßenverkehr stöhnen.

Auf der Strecke zwischen Prenzlauer Allee und dem Platz der Vereinten Nationen (Goodbye Lenin!) beruhigt sich der Verkehr kurzzeitig. Nur um weiter oben vom nächsten Sirenen-Inferno empfangen zu werden. Es bleibt, wie es war – chronische Verstopfung, Kollaps, Kindergeburtstag, Madonna hat ein neues Gesicht und im Nahen Osten brennt mal wieder die Hütte. Tatüütataa! What else is new?

Walpurgisnacht

Und wegen der Eier. Damit die nicht opressed sind.*


So, jetzt haben wir es geschafft. Der *Maschinist und ich haben endgültig unseren eigenen Circle Jerk etabliert, in dem wir uns monatlich mindestens einmal gegenseitig über den grünen Klee loben. Tatsächlich musste ich über seinen aktuellen Text gerade an mehreren Stellen wieder heftig lachen. Danke also dafür und danke auch für die Aufmerksamkeit und die Blumen! Derart gelobt und angepriesen als allwissende klugscheißende Müllhalde, möchte ich dem Kollegen dann gleich noch mal nachhaltig in die Hacken treten. Denn zwischen all den Leck-mich-nach-mir-die-Sintflut-Statements der letzten Zeit lese ich bei ihm dann doch immer noch den vorsichtigen Wunsch nach Abgrenzung und Absicherung heraus. Damit er nur nicht von den Falschen gelesen, gemocht oder gar geteilt wird. Ich sag dir was, mein Lieber: das funktioniert nicht, das kannst du nicht steuern, musst du auch gar nicht. Gib es endlich auf. Ob halbschwul oder viertelpolnisch, das interessiert niemanden mehr, der Zug ist seit zwanzig Jahren abgefahren. Die Afd-Vorsitzende ist lesbisch und lebt mit einer Syrerin zusammen, selbst die hat dich identitätstechnisch also längst eingeholt. Homosexuelle sind heute das Establishment, das Patriarchat, der Feind. Sofern sie sich nicht bedingungslos dem gallopierenden Irrsinn der woken Brigaden unterwerfen, über die du in deinem Blog zur Recht die Messer wetzt.

Und das noch: Ich will wirklich niemandem Lana del Rey madig machen, aber wer Mazzy Star kennt, hat mehr vom Leben. Denn ja, natürlich gab es das alles schon mal, besser, origineller, älter, und davor auch schon mal, undsoweiterundsofort. Es stimmt, ich wusste es immer schon besser. Ich kenne die Welt, seit zehntausend Jahren. Keine Chance, kein Entrinnen. Pleased to meet you, hope you guess my name.

Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Schon bald feiert die Radikale Heiterkeit ihren siebten Geburtstag. Am 17. Mai 2014 erschien hier der erste Beitrag, damals noch unter dem oben stehenden Motto, einem Zitat aus Heiner-Müllers „Die Umsiedlerin“. Durch diese erste Assoziation und weil ich netterweise bald vom Kiezneurotiker verlinkt wurde, der wiederum eine tendenziell eher links drehende Leserschaft anzog, hatte auch ich bald ein entsprechendes Völkchen an den Hacken. Irgendein Provinz-Marxist wollte mir gar einen Preis verleihen. Kein Problem, macht alles nichts, Missverständnisse passieren und Ironie ist nun mal nicht jedermanns Sache. Dabei hatte ich mich bereits in jenem ersten Text vom Mai 2014 über das schon damals überholte Links-Rechts-Geseier lustig gemacht. Das war in den folgenden Jahren dann auch eine Art roter Faden: für selbstgerechte Ideologen, egal welcher Farbe und Fasson, hatte und habe ich nur Spott übrig, davon aber reichlich.

Müllers Zitat könnte aktuell wieder von Nutzen sein, da sich einige TV-Darsteller nach der geradezu lächerlich harmlosen Aktion #allesdichtmachen offenbar schon zu Distanzierungen und Widerrufen genötigt sehen. Lange haben sie wirklich nicht durchgehalten. Gerade noch über Angstmacherei gespottet (viel zu spät und viel zu vorsichtig), holt die Angst sie umgehend selbst wieder ein. Sie räumen Fehler ein und geloben Besserung. Öffentlicher Druck, Existenzangst, Arsch auf Grundeis, so kriegen sie die Leute am Ende immer zurück in die Spur. Das hat Tradition, von der katholischen Inquisition über die chinesische Kulturrevolution bis hin zu den Twitter-Prangern unserer Tage. Heute droht keine öffentliche Verbrennung mehr und kein Gulag – wir wollen ja nicht übertreiben – die Aussicht, in irgendeinem beschissenen Tatort nicht mehr mitspielen zu dürfen, reicht schon vollkommen.

Und JA, sage ich, und dreimal JA zu eurer Kritik, Kollegen – mit einem Vorbehalt: dass sie nicht hart genug war, sondern eine Schönfärberei! Denn dreimal schwärzer bin ich als ihr mich abgemalt habt! Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!

Heiner Müller, Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande, 1961

Die Uraufführung von Heiner Müllers „Umsiedlerin“ wurde 1961 zum politischen Eklat. Warum? Müller provozierte durch eine respektlose Satire am sozialistischen Kollektivierungswahn der frühen DDR-Jahre. Der junge Manfred Krug konnte damals im Publikum herzlich darüber lachen, die SED fand es weniger witzig. Das Urteil: konterrevolutionär, antihumanistisch und antikommunistisch. Verbot. Sämtliche an der Aufführung beteiligten Studenten wurden von der Stasi noch in der selben Nacht einzeln verhört und dazu gezwungen, sich schriftlich vom Stück, dem Autor und der Regie zu distanzieren. Müller selbst wurde daraufhin aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, der Regisseur B.K. Tragelehn wurde „zur Bewährung“ in einen Braunkohletagebau geschickt. Zurück in die Gegenwart: Jemand wie Jan Josef Liefers hat durch seine Ost-Vergangenheit wohl den Vorteil, hier noch Zusammenhänge zu erkennen. Vielleicht bewegt er sich daher auch angstfreier durch die derzeitige Situation als seine Kollegen. Wer diesen Mist schon mal durchgemacht hat, ist eben besser gewappnet. Diejenigen aber, die es eigentlich angehen sollte – all die keifenden Haltungsfunktionäre, die nun wieder nach Konsequenzen und Bestrafung rufen – die werden auch diesmal die Ironie nicht verstehen und die Tradition nicht begreifen, in die sie sich freiwillig stellen.


Der ehemalige Kiezneurotiker, heute Maschinist, beklagt in diesem Zusammenhang gerade wieder einmal den Verlust seiner einstigen politischen Heimat. Er tut das nicht zum ersten Mal und er ist damit sicher auch nicht alleine. Ein guter Text, der aber langsam auch etwas redundant wirkt. Denn dass ehemals progressive Bewegungen, sobald sie selbst die Nomenklatura stellen, sich ebenso totalitär und machtbesoffen aufführen wie die Mächtigen, die sie einst bekämpft haben, ist eine historische Binsenweisheit. Dabei ist es egal, ob sich diese Leute nun durch eine blutige Revolution, den „langen Marsch durch die Instanzen“ oder einfach nur durch erfolgreiche Lobbyarbeit nach oben gedrängelt haben. Die Dynamik ist immer die selbe. Links Hop – Rechts Hop, der ganze Quatsch dient dabei nur dem Machterhalt von Bürokraten, denn wer sich derart ideologisch aufeinander hetzen lässt, ist eben auch leichter kontrollierbar. Politische Heimat am Arsch. Ich selbst habe nie eine gebraucht. Weshalb sollte ich mir auch eine Rolle in einem Spiel zuschreiben lassen, das ich weder erfunden noch mir selbst je freiwillig ausgesucht habe? Im besten Fall werde ich in dieser Position in Ruhe gelassen, im schlimmsten Fall härter bekämpft als der politische Gegner. Denn ein Gegner erkennt wenigstens die Macht an. Ich nehme diese Kasper gar nicht erst ernst. In diesen Sinne: Weiter machen und weiter lachen!


Als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk an mich und alle Leser, die bis hierhin durchgehalten haben, hier noch ein paar spontan ausgewählte Juwelen aus sieben Jahren Radikaler Heiterkeit, mehr oder weniger passend zur obigen Thematik:

I hated, hated, hated this Movie! (Zitate und Kondensate)

Frage an mich selbst: Werde ich in diesem Leben jemals wieder einen öffentlichen Kinosaal betreten? Wahrscheinlich nicht. Ist das schlimm, besteht gar Anlass zur Nostalgie? Ach ja, der besteht eigentlich immer öfter, je älter ich werde. Aber ich muss auch ehrlich sein: wenn ich mir für schlappe 11 Euro im Monat ein fast unbegrenztes Angebot an Filmen, Serien und Dokumentationen ins Haus holen kann, weshalb sollte ich mich dann für den selben Preis noch in ein fremdes Gebäude schleppen, nur um mir einen einzigen Film anzuschauen, noch dazu genervt von einer halben Stunde Werbung und einer Horde rülpsender Assis? Wer weiß, ob die Kinos überhaupt jemals wieder geöffnet werden? Was der Zeitgeist noch nicht plattgemacht hat, das treibt die Politik ebenso planlos wie energisch in den Ruin. In diesem Sinne: Support your global Streaming-Dealer. Sell him your soul, never look back! 

Es folgen nun also ein paar knappe Notizen zu Filmen, die mir in den letzten Monaten in Erinnerung geblieben sind. Die Überschrift habe ich mir übrigens von dem verstorbenen Filmkritiker Roger Ebert geborgt, einfach aus Jux und Clickbaiterei. Tatsächlich hasse ich nämlich keinen der folgenden Filme, ganz im Gegenteil. Selbst die eine Entgleisung ist eigentlich eine Empfehlung. Vorhang auf:

The White Tiger (2021)

Erst Ende Januar veröffentlicht, ist dies mein jüngstes Filmerlebnis. Ich hatte hier vor knapp vier Jahren schon etwas über die Romanvorlage geschrieben. Entsprechend gespannt war ich nun auf die Verfilmung. Ich fange mit dem Negativen an, denn das ist sehr schnell abgehakt: Natürlich fehlte mir im Vergleich zum Buch einiges, die Geschichte wirkte gerade am Ende arg zusammengepresst. Aber das liegt aber nun mal in der Natur von Romanverfilmungen (ich bin ja schon froh, dass sie keine Serie daraus gemacht haben). Es sind immer nur Kondensate. Abgesehen davon ist das Ding aber ziemlich großartig geworden. Das liegt ganz besonders auch an dem Hauptdarsteller, einem bisher eher unbekannten indischen Nachwuchsschauspieler. Für seine Rolle sollen zahlreiche Bollywood-Stars vorgesprochen haben, gelandet sind sie hier dann bestenfalls in den Nebenrollen. Über Adarsh Gouravs Leistung wurde in vielen Kritiken bereits ausgiebig gejubelt – sehr zu Recht, meine ich. Der Junge besitzt Charisma und Präsenz im Überfluss, so etwas habe ich in der Form schon lange nicht mehr gesehen. Und die zentrale Botschaft des Romans bleibt für mich auch im Film erhalten, universell und über die Zwänge der indischen Kastengesellschaft hinaus: Wer wirklich frei sein will, darf keine Angst haben. Muss ich noch erwähnen, wie aktuell mir dieser Gedanke momentan wieder erscheint? Bestes Zitat hier: I was looking for the key for years, but the door was always open. 

Trailer The White Tiger


The Vast of Night (2019)

Irgendwo wurde dieser Film als Retro-Science-Fiction-Juwel beschrieben, und so dämlich das einerseits klingt, so passend ist es andererseits auch. Dabei ist Geschichte eher ein Kammerspiel als klassische Science Fiction. Schauplatz ist eine Kleinstadt in New Mexico Ende der 50er Jahre. Während der Rest der Einwohner die heimische Basketball-Mannschaft anfeuert, halten zwei Teenager, beide Technik-Nerds, an einem warmen Sommerabend in ihren Studentenjobs die Stellung, das Mädchen in einer Telefonzentrale, der Junge als DJ eines kleinen Radiosenders. Bald jagen sie einem seltsamen Geräusch nach, für das es bis zum Ende des Films keine eindeutige Erklärung geben wird. The Vast of Night ist das Filmdebüt von Andrew Patterson, das er mit einem eher bescheidenen Budget selbst finanziert hat. Eine Hommage an die UFO-Paranoia des kalten Krieges, die ohne UFOs auskommt, aber atmosphärisch großartig erzählt wird. Bestes Zitat: There’s something in the sky!

Trailer The Vast of Night


Inside Llewyn Davis (2013)

Der stand schon länger auf meiner Liste, denn ich bin sowohl ein Fan von guten Musikfilmen als auch von Oscar Isaac. Letzterer hat fast den gesamten Soundtrack selbst eingesungen, was schon mal mindestens die Hälfte des Charmes ausmacht. Ansonsten könnte man das auch einfach als einen weiteren Road Movie der Coen Brüder beschreiben. Speziell wird dieser hier aber durch die Anspielung auf die realen Vorbilder der Folkszene im New York der 60er Jahre. Die Handlung orientiert sich recht nahe an der Biografie des Folkmusikers Dave Van Ronk, der damals hinter dem beginnenden kommerziellen Erfolg seiner Kollegen zurückblieb. So sieht man Oscar Isaac dann auch vorwiegend frierend, fluchend und frustriert durch die Landschaft ziehen. Dabei trifft er allerlei skurrile Figuren und darf unter anderem mit Justin Timberlake und Adam Driver Please Mr. Kennedy singen. 

Die Idee von Inside Llewyn Davis hat mich ein wenig an Grace of my Heart (1996) erinnert, einen Film, der lose auf dem Leben von Carole King basiert und der mich damals sehr beeindruckt hat. Auch wegen dem wunderbaren Soundtrack, der in diesem Fall komplett neu komponiert wurde. So ist dies also eine Empfehlung im Doppelpack, Inside Llewyn Davis und Grace of my Heart, in beiden lernt man ganz nebenbei auch etwas über eine prägende Ära der Popgeschichte. Bestes Zitat: Hooka Tooka Soda Cracker, does your mama chew tobacco?

Trailer Inside Llewyn Davis


The Score (2001)

Der beste Heist Movie, den ich kenne. Netflix hat den, wahrscheinlich zum 20-jährigen Jubiläum, wieder ins Programm genommen – für mich Anlass genug, ihn mir zum X. Mal anzuschauen. Er wird nicht alt. Auch wenn man den entscheidenden Plot Twist am Ende schon auswendig kennt. Robert DeNiro als Besitzer eines kanadischen Jazz-Clubs, der nebenbei Tresore ausräumt, Edward Norton in einer seiner besten Rollen und Marlon Brando in seiner letzten? Wer kann da bitte widerstehen? Bestes Zitat: Dany, Dany, I wish you had not come down here, man.

The Score (ein Clip, kein Trailer)


Days and Nights (2014)

Nun komme ich zu einer mittelschweren Naturkatastrophe. Dass ein Film so schlecht sein kann, dass er schon wieder gut wird, ist ein beliebtes Mantra von B-Movie- und Trash-Liebhabern. Wie aber bezeichnet man ein theatralisch überambitioniertes Projekt, dass einen irgendwo zwischen Kopfschütteln und Wachkoma zurücklässt? Das eigentlich Schlimme, ja Tragische an diesem Film ist, dass hier ein Ensemble von großartigen Schauspielern wirklich großartig spielt, der Regisseur aber rein gar nichts damit anzufangen weiß. Weil er sich nicht entscheiden kann, ob er Ingmar Bergman, Tarkowski oder Wes Anderson sein will. Praktisch jede Szene strotzt nur so vor unverschämten Zitaten und Holzhammer-Symbolik, selbst vor Stalker schreckt dieser altkluge Regie-Depp nicht zurück. Und dann soll das auch noch eine Tschechow-Adaption sein, in Neu England, Anfang der 80er … Ich habe darauf gewartet, dass irgendwann eine Kuh vom Himmel fällt, um das Ganze doch noch als Meta-Komödie zu entlarven. Passiert aber nicht. Es ist, was es ist. Ein grandios gespielter pathetischer Mist, unbedingt anschauen! (Kein Zitat, da der ganze gottverdammte Film ein Zitat ist.)

Trailer Days and Nights


Wie denn, was denn, keine Serien? Doch, eine einzige. Als Bonus möchte ich nämlich noch die aktuell beste Reality Show der Welt empfehlen: Buried by the Bernards! Auf der stetig wachsenden Müllhalde an Sendungen, in denen man anderen Leuten beim Häuser renovieren, Kuchen backen, abnehmen, heiraten und wasweißichnoch zusehen soll, ist diese drollige kleine Familiensaga eine echte Wohltat. Die Bestatter-Familie aus Memphis ist von Natur aus so komisch, dass man offenbar nur noch die Kamera draufhalten musste. Sie lachen, futtern, gehen sich gegenseitig ganz furchtbar auf die Nerven und bringen in ihrem herrlich geschmacklosen Sarg-Discount nebenbei noch die Nachbarschaft unter die Erde. Erste Bekanntheit erlangten die Bernards durch eine Reihe von selbstproduzierten Werbespots, in denen der exzentrische Onkel am Ende stets aus dem Sarg springt und den unschlagbar niedrigen Preisknüller heraus posaunt. Für den hätten sie wahrscheinlich auch Prince Phillip beerdigt – was dem Vereinten Königreich da an Kosten erspart geblieben wäre! Bestes Zitat (frisch aus dem Sarg): 1.850? My Family spent 5.000 Dollars!

Impf-Uschi 3000: Das letzte Gefecht

Als Gesellschaftsreporter der Herzen komme ich derzeit kaum zur Ruhe. Während der wiehernde Joko noch Schokoladentafeln für Afrika verhökert (siehe letzten Beitrag), werden gestandenere Promis jetzt im Namen der Volksgesundheit an die finale Front bestellt. Seit Tagen rumort es bereits im Netz: Die #Impfluencer kommen! Denn jetzt geht es um alles: Durchimpfen, Wegimpfen, Abspritzen – wer hat noch nicht, wer will noch mal? Was viele, vor allem jüngere Vakzinierungs-Enthusiasten wahrscheinlich nicht wissen: Uschi Glas krempelt bereits seit 1968 die Ärmel hoch. Auf dem unten abgebildeten Archivfoto sehen wir sie, vorbildlich armfrei, wie sie einen jungen Querdenker im einfühlsamen Gespräch zur Vernunft bringt. Überzeugungsarbeit fängt immer an der Basis an, Genossinnen und Genossen!

P.S: Sollte es Ihnen in der Warteschlange Ihrer lokalen Spritzen-Station zu langweilig werden, so greifen Sie bitte zum neuesten Bestseller aus dem Giftregal!

Das wiehernde Vakuum

Jokolade! Jokolade! Jokolade! So blökten die Plakatwände an den Bushaltestellen der Stadt. Seit Wochen hatte ich sie ignoriert, keine Ahnung, was das sein sollte: Jokolade! Jokolade! Jokolade! Vielleicht haben sie einfach nur die Yogurette umbenannt, dachte ich. Diesen überzuckerten Trash aus den 80ern, der in etwa so viel Yoghurt enthält wie eine Tunfischpizza, kauft doch wahrscheinlich niemand mehr. Aber die würde dann wohl eher Yokolade heißen, oder Yolorette – jetzt neu, veganisiert, entzuckert und zum doppelten Preis! Irgendwann wurde das Geblöke dann mit einem jungen Mann in einer Pelzjacke illustriert, offenbar das Gesicht der Kampagne. Ich habe dann aber wirklich noch eine ganze Weile gebraucht, bis ich den mit dieser dauerwiehernden Hackfresse in Verbindung bringen konnte, die seit Jahren ProSieben unsicher macht – ich bin ganz eindeutig nicht die Zielgruppe. Tatsächlich habe noch nie eine Sendung gesehen, die Jokoladen-Joko Winterscheidt moderiert hat. Trotzdem ist mir sein Gesicht bekannt, ein sicheres Zeichen dafür, wie penetrant dieser Mensch ist. Dieses Gesicht war und ist immer am Wiehern, hahaha, huhuhu, gacker-gacker, wieher-wieher. Warum der so viel wiehert, weiß ich nicht, aber ich werde einen Teufel tun, das herauszufinden. Joko ist nun also ins Fair-Trade-Schokoladen-Business eingestiegen – keine wirklich neue Idee, aber here we go again: mit einem prominenten Gesicht und dem lahmsten Wortspiel der Werbegeschichte. Denn in Afrika werden Kinder für billige Schokolade ausgebeutet, das hat Joko in einer seiner Wieher-Pausen herausgefunden. Und so reiht auch er sich ein die endlose Schlange der Unterhaltungs-Millionäre, die Gutes tun und gerne darüber berichten. Als erfahrener Millennial-Bespaßer füllt er damit quasi das Vakuum zwischen Iris Berben, Til Schweiger und der Generation Fridays for Instagram. Bis demnächst irgendeine 15-Jährige Lara-Lena mit nachhaltig gedrechselten Lippenstiften die Kindersoldaten in Ruanda befreit, muss das reichen.