Ens Käufens und ens Einkaufspritz (Freiheit, Bratwurst, Orgasmus!)

In meinem Traum jagt mich der Chefredakteur des Tagesspiegel mit einer riesigen Injektionsnadel durch das IKEA-Bällebad. „Ich schieß dir den Booster in deine Kniescheiben, du Sau!“ schreit er mit der Stimme von Sophie Rois (ich hatte mir vorm Einschlafen noch dieses alte Schlingensief-Hörspiel reingezogen), während die Antifa-Jugend Lichtenberg ihn mit lauten „Spritze rein! Spritze rein!“-Sprechchören anfeuert. „Jedens Käufens muss ens Einkaufskorbsens!“ ruft mir der Filialleiter hinterher, der aussieht wie Lann Hornscheidt. Ich flüchte über die Küchenabteilung auf den Parkplatz. Dort wird gerade der Millionste Impfling im Drive-In gefeiert, er erhält ein goldene Bratwurst – Jubel und donnernder Applaus, die Nationalhymne erklingt. Alle sind vor Ort: ARD, ZDF, RBB, RTL, CNN, Al Jazeera, Rezo, Merkel, Böhmermann, Barbara Schöneberger und der Kinderchor der deutschen Bischofskonferenz. „Jesus hätt‘ sich impfen lassen“ stimmen sie ihr fröhliches Lied an, bald rufen alle nur noch „Jesus! Jesus! Jesus!“ David Hasselhoff befragt die Leute in der Autoschlange. „Es ist wie damals nach der Maueröffnung“, erzählt Yvonne (54) mit zitternder Stimme, „Wir sind extra aus Strausberg angereist, mein Mann, die Kinder und ich, seit heute morgen um sechs sind wir unterwegs!“ Hasselhoff dreht sich zur Kamera: „Da hören Sie es: Eine Schlange in die Freiheit! Und am Ende wartet die Bratwurst als Belohnung, so wie damals die Banane! Are you looking for Freedom? Was für ein historischer Moment! Das ist der Wahnsinn! Die Menschen hier sind überglücklich und dankbar, Emotionen pur, das müssen Sie gesehen haben! Wir schalten jetzt zu meiner Kollegin Dunja Hayali, die gerade live auf TikTok ihre Blutgefäße streamt. Dunja, can you here me? Dunja?! Dunjaaa!!!“ „Jaaa, Danke, David! Es ist ein so überwältigendes Gefühl, den Impfstoff zu spüren! Mit Worten kaum zu beschreiben … Happy! Relieved! Released! So lange mussten wir warten, jetzt endlich ist es soweit! Und ich glaube, ich kann wohl für alle hier sprechen, wenn ich sage: Ich freu mich auf den nächsten Schuss!“ Die Menge ist nun vollkommen außer Rand und Band, Menschen verlassen spontan ihre Autos, fallen sich solidarisch in die Arme, überall Tränen der Freude, fliegende Bratwürste, spontane Orgasmen. „Wie damals!“, ruft Yvonne, „wie damals!“ Dann sind plötzlich die Würste alle, IKEA geht in Flammen auf und ich wache auf.

Deutschland im August 2021. Tugässa ägäinst Korrona. Alpha, Beta, Gamma, Delta, Epsilon, Zeta, Eta, Theta, Greta, Jota, Kappa, Lambda, Lorem-ipsum, Gummizelle … Fortsetzung folgt. Ich tauche erst einmal wieder ab. Macht’s gut, ihr alten Cracknutten! Bis zum Herbst.

Domo Arigato, Mr. Roboto

Science Fiction des Monats: die Bundeswehr startet ihr eigenes Weltraumkommando. Hurra, endlich wird den irren Milliardären aus den USA mal gezeigt, wo der Hammer hängt! Weltraumkommandeur*in Annegret Kramp-Karrenbauer hat zu diesem Zweck auch schon ein Schild enthüllt, in spätestens 50 Jahren sind dann die ersten deutschen Space-Panzer unterwegs. Auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz geht es voran: Bereits im nächsten Jahr soll der Bundes-Android Lauterbach durch ein brandneues, störungsfreieres Update ersetzt werden. Karl 22 wird noch mehr Kompetenzen haben als sein Vorgängermodell und die Bürger schnell, unbürokratisch und ungefragt mit Expertenwissen zu den Themen Heuschnupfen, Schlammcatchen, Gender, Glutenfreie Ernährung, Klimawandel, transhumanistische Genetik und Herrenmode versorgen. Barrierefrei und in einfacher Sprache. *bleep-bleep*

Glotz-Content des Monats: Mr. Robot (auf Amazon Prime). Wieder so eine Serie, die erst mit einigen Jahren Verspätung bei mir angekommen ist. Ein zwiespältiges Erlebnis war das. Die ersten beiden Staffeln sind wirklich überragend. Großartige Atmosphäre, originelle Erzählung, toller Soundtrack (der Original Score stammt von Mac Quayle, der u. a. auch die Musik zu The Assassination of Gianni Versace beisteuerte). Dabei sind die Themen nicht wirklich neu: Das gespaltene Ich, die Suche nach der eigenen Identität in einer dystopischen Gesellschaft, Überwachung, Paranoia, Revolution, alles ist drin … aber es passt. Bis der Geschichte irgendwann die Luft ausgeht. Denn mit der dritten Staffel stürzt sie leider mächtig ab, wirkt zerfasert und nur noch planlos. Sehr schade. Mir kam es so vor, als wäre die Hacker-Serie irgendwann selbst gehackt worden – von ein paar überforderten Regie-Azubis, die mit den Figuren nichts mehr anzufangen wussten. Die Hauptfigur hat mich allerdings schon vorher genervt. Die Sache mit seiner dissoziativen Persönlichkeitsstörung, anfangs noch der Motor der ganzen Story, erschien mir irgendwann nur noch als ein überstrapazierter Running Gag. Der Knabe entwickelt sich überhaupt nicht weiter, er scheint im Gegenteil mit fortschreitender Handlung immer dümmer zu werden. Fahrig und dauernuschelnd torkelt er durch eine Welt, die er zwar nicht versteht, aber permanent zu „retten“ versucht. Wesentlich überzeugender sind hier die zahlreichen charismatischen Nebenfiguren, deren Geschichten aber entweder gar nicht oder leider nur sehr unbefriedigend zu Ende erzählt werden. Stattdessen gibt es jede Menge unsinnige Gimmicks, Seitenhiebe auf Trump und die blutig gefolterte Tochter von Meryl Streep zu bewundern. Das Finale verspricht dann ganz kurz doch noch eine clevere Auflösung, ersäuft am Ende aber in larmoyantem Kitsch. Geh ins Licht, Mr. Robot, geh ins Licht!

Schließlich sind da noch die vielen offensichtlichen Referenzen: The Matrix, Fight Club, 12 Monkeys … sowie eigentlich jeder Hackerfilm, den ich bisher gesehen habe. Und es gibt einige Szenen, die sind so eindeutig an David Lynch angelehnt, dass es fast schon eine Frechheit ist. Bei Lynch ist Surrealismus ja Programm, hier wird er dagegen wie eine alberne Garnitur dazwischen gestreut. Auf Wikipedia ist zu lesen, dass der Regisseur Sam Esmail Mr. Robot ursprünglich als Film konzipiert hatte. Wäre er mal bei diesem Konzept geblieben. Das ist Ding eindeutig zu lang und ihm am Ende offenbar über den Kopf gewachsen. Vielleicht ist das alles aber auch nur mein ganz persönliches Problem. Ich habe vermutlich einfach schon zu viel gesehen. Die allwissende bloggende Müllhalde muss ihre Festplatte wohl einfach mal wieder neu formatieren, oder am besten gleich ins Feuer werfen, so wie es die Hacker in Mr. Robot tun. Und die ganze Film- und Serienindustrie gleich hinterher. Burn, Hollywood, burn!


Abbildung: Screenshot aus dem besseren Teil von Mr. Robot

Meine Opfer sind bei den Gedanken

Was der AfD die Messermorde, sind den Klimahüpfern die Flutkatastrophen (wahlweise auch 30 Grad im Schatten, irgendwas mit Wetter jedenfalls). Es wird wie auf Bestellung Schuld verteilt und Wahlkampf gemacht. Oder eben abgewiegelt und zur Mäßigung aufgerufen. Wie es gerade passt. Denn wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur (offizielles Dalai-Lama-Zitat). Textbausteine und Trauerkerzen gibt es in jedem Fall gratis oben drauf. In diesem Theater bleibt kein Auge trocken und kein hohle Phrase ungenutzt: Merkel hat mitgemessert, Weidel hat mitgeschossen und Laschet hat mitgeregnet. Im Sozialismus wäre das alles übrigens nicht passiert. Schauen Sie doch nach Kuba. Die Leute haben vielleicht nichts zu futtern, aber wenigstens stimmt die CO2-Bilanz. Die wissen einfach nicht, wie gut sie es haben. Buena Vista Tunnelblick. 

Gott ist eine Umschalttaste

Viel war in letzter Zeit über den Wandel der deutschen Sprache zu lesen. Über Gender-Sternchen und Binnenlaute, über die Abschaffung der Damen und Herren sowie die inklusive Umwandlung von Bundestrojanern (neu: auskundschaftende Personen) und sonstigen Terroristen (neu: Terrorisierende). Aber sind damit die Potentiale von Rechtschreibung und Grammatik wirklich schon ausgeschöpft? Wenn Ihnen das alles noch nicht weit genug gehen sollte, wenn Sie die deutsche Schriftsprache grundsätzlich als experimentelle Performance begreifen und Texteditoren gerne richtig bluten lassen, wenn Sie darüber hinaus ein Herz für Gott und Vaterland haben, sich für Chemtrails, den Nahen Osten, die Bilderberger, Schusswaffen, Solarenergie, Zahnersatz und das ewige Leben interessieren, dann schauen Sie unbedingt bei DEN GERMANEN vorbei! Hier werden Sie nicht nur formal, sondern auch inhaltlich überwältigt werden. Tatsächlich haben DIE GERMANEN in Personalunion ihres Gründers, Vorsitzenden und offenbar einzigen Mitgliedes ein Textwerk zusammengestellt, das in seiner schieren Ausführlichkeit alles in den Schatten stellen wird, was Sie bisher im Internet gelesen haben. Denken Sie an eine Mischung aus Ulysses, der Bibel und dem Telefonbuch, garniert mit gut der Hälfte aller jemals bei Youtube veröffentlichten Aufklärungsvideos. Ver-STEHEN Sie, was I-C-H Ihnen damit SAGEN will ???

House of Cards (Saure Gurken Edition)

Wenn man schon abschreibt, dann sollte man sich wenigstens nicht erwischen lassen.
(Claudia Roth, 2011)


Frühjahr 2021: Ganz Deutschland ist im Impffieber. Ganz Deutschland? Nein. Irgendwo in Berlin wird eine Kandidatin ins Rampenlicht geschoben. Jung, frisch, pausbäckig, grün, Liebling der Medien, was kann da schon schief gehen? Der STERN jubelt, der SPIEGEL ist außer sich und das ZDF bekommt feuchte Höschen. Zur Begleitung der anrollenden PR-Kampagne wird auch noch schnell ein Buch auf den Markt geworfen. Natürlich hatte die Kandidatin keine Zeit, das Buch selbst zu schreiben. Stattdessen liefert ihre Praktikantin dem dazu eilig angemieteten Journalisten die wichtigsten Stichpunkte: Alles Neu, alles Grün, Jetzt, Morgen, Übermorgen, Zukunft, Klima, Quote, Gerechtigkeit, Windmühlen, Jesus, Europa, Friede, Freude, Eierkuchen. Der Journalist nimmt die Stichpunkte und rennt damit durchs Internet, denn auch er hat keine Zeit und die Deadline für den Druck war vorgestern. Die so zusammen gestoppelten Textbausteine werden gerade noch rechtzeitig zwischen zwei Buchdeckel gepresst und ab geht die Post. Wird schon keiner merken, machen doch alle so und außerdem liest die Scheiße doch sowieso niemand. Die Kandidatin braucht halt was um es in die Kamera zu halten bei den Presse-Terminen. 

Drei Monate später. Krisenstimmung. Irgendjemand hat die Scheiße wohl doch gelesen. Und gegoogelt. Und dann das Ergebnis mit den öffentlichen Auftritten der Kandidatin, bei denen sie meist das rhetorische Geschick eines Teletubbies zur Schau stellt, gegengerechnet. Dann kommen Geschichten über verschlampte Parteigelder, schiefe Lebensläufe und fragwürdige Stipendien. Der Wind dreht sich, Anne Will wird unfreundlich und die taz bläst zum Angriff. Auf ihrem Anrufbeantworter ist das Lachen von Martin Schultz zu hören. Das Wahlkampfteam versichert der Kandidatin, dass sie nichts falsch gemacht habe, die Umfragen weiterhin top sind und dass sie diese ganz offensichtlich direkt aus Moskau gesteuerte faschistische Hetzkampagne schon bald im Stahlgewitter demokratischer Aufrichtigkeit zerschmettern wird. #JetztErstRecht

Irgendwo hinter dem Regenbogen wartet ein hässliches Sofa auf seine Hinrichtung

Ich hatte in den letzten Tagen tatsächlich darüber nachgedacht, meine zwei Cents zu dem Regenbogen-Gedöhns im Zusammenhang mit der Fußball-EM abzugeben. Nun ist das Gedöhns aber inzwischen verpufft und das öffentliche Gekloppe dreht sich wieder um die Kapriolen der Bundeskopiermaschine ™Annalena. Die passt allerdings auch ganz gut zum Thema. Denn diese ganze lärmend selbstgerechte Blase, die sich nach außen als bunt und vielfältig zu verkaufen versucht, während sie zeitgleich im Inneren immer mehr Konformität einfordert, hat mittlerweile ein Clown-Level erreicht, das ich höchstens noch zur Kenntnis, aber schon lange nicht mehr ernst nehmen kann. 

Apropos Clowns und Regenbogen: Manege frei für die Pride Love-Seats, eine Kollektion von Sofas, die passend zur Saison von IKEA in Kanada stolz und divers aufgepimpt wurden. Als Inspiration dienten dabei die individuellen Beflaggungen der einzelnen LGBTQetc.-Sektionen. Denn längst hat die gute alte Regenbogenfahne zahlreiche Geschwister bekommen. Es folgt dazu nun eine kurze Design-Kritik. 

Das Two-Spirit-Sofa

Dass es mehr als zwei Geschlechter geben könnte, ist keine wirklich neue Idee, sondern hat offenbar auch bei den Stämmen nordamerikanischer Ureinwohner eine lange Tradition. Und genau die dürfen sich jetzt über ein rabenschwarzes indigen-queeres Gruftisofa freuen, auf das leider etwas uninspiriert (pun intended) ein schnöder Regenbogen-Kissenbezug aufgeklöppelt wurde. Eine Mischung aus Edgar Allan Poe und einem Testbild. Die Geister der Ahnen werden darüber noch zu richten haben.


Das asexuelle Sofa

Eine riesige verschimmelte Vagina, horizontal gelegt, in den Fun-Farben Lila und Grau. Dass man da die Lust auf Sex verliert, leuchtet ein. 


Das transsexuelle Sofa

Die unbequemste Truppe bekommt hier das harmloseste Design. Dafür gibt es für sie gleich zwei Ausführungen, die erste erinnert etwas an Laura Ashley, die zweite ist offenbar für’s Kinderzimmer gedacht. Hier könnten die weißen Wattewölkchen beim Sitzen eventuell etwas unbequem werden, sie lassen sich aber – ähnlich den primären Geschlechtsorganen der Zielgruppe – bei Bedarf einfach neu anordnen. Das Laura-Ashley-Modell lässt sich darüber hinaus ausklappen und enthält im Unterboden ein praktisches Messer-Set zum mitnehmen. Falls gerade mal wieder zum Lynchen von J.K. Rowling aufgerufen wird. 


Das bisexuelle Sofa

Wer ist nicht schon mal schweißgebadet aus einem Alptraum erwacht, in dem er oder sie von einer Armee anonymer Hände verfolgt und begrapscht wurde? Und hinterher glaubt einem das wieder keiner … *kreisch* Dieses psychedelische Modell mit seinen intensiven Pink- und Violett-Akzenten sollte in keiner therapeutischen Praxis fehlen.


Das lesbische Sofa

Lesben essen am liebsten Erdbeer- und Bananenjoghurt, das haben aktuelle Studien aus den USA eindeutig erwiesen. Manchmal kaufen sie aber zu viel davon. Wenn dann die Verzehrdaten ablaufen, wird das Zeug einfach im Rahmen eines empowernden lesbischen Action-Painting-Workshops auf dem Mobiliar verteilt. Dort sitzend, bekommen die Lesben dann natürlich sofort wieder Appetit und kaufen noch mehr Fruchtjoghurt. Ein irrer Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt!


Das progressive Sofa

Für den progressiven Urban Gardener wird selbstverständlich auch das Sofa zum Blumenbeet. So lassen sich Flora und Fauna organisch in die heimische Wohnlandschaft integrieren. Bald schon landen Schmetterlinge in oder auf der morgendlichen Soja-Latte. Holladrio!


Das pansexuelle Sofa

Unsere pansexuellen Genoss*innen sind bekanntlich keine Kostverächter, sprich: sie vögeln alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Wie ließe sich das besser ausdrücken als in diesem schlichten, eiscreme-farbenen Funktionsmöbel, auf dem die Begierden symbolisch ineinander fließen. Ying und Yang, Vanille und Himbeere, rauf und runter, Fix und Foxi … Alles kann, nichts muss. Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften.


Das nonbinäre Sofa

Dieses Prachtstück im hippen Bondage-Style kommt mit einer genauen Anleitung zu Nennung der jeweilig bevorzugten Personalpronomen. Sollte der Beipackzettel fehlen, so sprechen Sie das Möbel bitte einfach im Plural an, auch wenn Sie nur eins davon besitzen. Achtung: nicht für Mathematiker geeignet!


Das genderfluide Sofa

Wer sich hier als Teil der fluiden Community nach einem langen Tag identitären Ping-Pongs niederlässt, wird durch das dynamische Tintenklecks-Design vorurteilsfrei empfangen. Rotweinflecken sind bei diesem Modell übrigens kein Problem. Prost!


Epilog: In einigen Wochen ist wieder CSD in Berlin. Zu diesem Anlass wird die Möbel-Höffner-Filiale in Schöneberg die exklusive Sitzgruppe Diversity präsentieren, die so vielfältig sein wird, dass Sie nicht mehr wissen werden, wo genau Sie sich eigentlich hinsetzen sollen. Die Branche spricht schon jetzt von einem epochalen Durchbruch.

Pulverdampf war ihr Parfum

Beim Wühlen durch Bücherkisten und Antiquariate kommen mir immer mal wieder drollige Titel unter. „Pulverdampf war ihr Parfum“ ist zum Beispiel ein Buch über Frauen im Wilden Westen und heißt im Original „The Gentle Tamers“. Der deutsche Titel stammt wahrscheinlich aus der selben Ära, in der Doris Day hierzulande noch als „Spion in Spitzenhöschen“ vermarktet wurde (ein Film, der im Original „The Glass Bottom Boat“ hieß). Passend dazu kann ich nun auch bekanntgeben, dass meine bisher noch unautorisierte Angela-Merkel-Biographie mit dem Arbeitstitel „Kartoffelsuppe war ihr Koks“ kurz vor der Fertigstellung steht. Apropos Drogen: Ebenfalls in einer alten Bücherkiste entdeckte ich einen Krimi von P. D. James, in dem ich unter anderem erfuhr, dass Psychiatrie-Patienten in den 60er Jahren noch mit Elektroschocks und LSD behandelt wurden – eine Methode, die ich zum besseren Verständnis dieses Blogs auch empfehlen möchte. Bleiben Sie ungesund!

Als die Sonne still verglühte

Ich wache auf, die Tanzfläche scheint leer zu sein. Nur ein einsamer Säufer dreht sich noch um die eigene Achse, seine Arme weit von sich gestreckt. Ich war wohl hinter meinem DJ-Pult eingeschlafen. Wie spät ist es? Mein Kopf dröhnt, der Raum vor mir fängt an zu schwimmen, irgendjemand muss mir Mescalin in mein Bier gekippt haben. Was soll’s, denke ich, halluziniere mir einfach ein Publikum zusammen und mache da weiter, wo ich aufgehört habe. Der Morgen ist jung, das Hirn abgeschaltet, Polen ist offen und die totale teutonische After Hour ist hiermit eröffnet. Deutschsprachige Musik, die fehlte noch, alles muss raus … So jung komm‘ wa nich mehr zusammen!


Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir verlassen jetzt den Orbit unseres Heimatplaneten und tanzen zu Sehnsucht, Muskeln und Meta-Pop: Wir fahren mit der Luftbahn durch die Nacht, wo der Sternenhimmel für uns lacht. Und all die Probleme auf der Erde liegen für uns in weiter Ferne. ++++++++ Zurück auf der Erde, springen wir aus der vierten Etage von Dussmann, um uns noch mal so richtig zu spüren. Was soll man sonst auch machen auf dieser gottverdammten Friedrichstraße? Gott hat für das alles nur sieben Tage gebraucht, und ich finde, genau so sieht’s hier auch aus ++++++++ Auferstehung in Germany und schon geht der ganze Mist wieder von vorne los: Neue Deutsche Welle ist Neue Deutsche Hölle! ++++++++ Dadaismus, bei dem man mit muss: Schlach ma dod, schlach ma dod, schlach ma ruhig dod! ++++++++ Wir sehen uns umgeben von Trümmern und begrüßen die untote Leiche von Kurt Weill, der wusste noch, wie man feiert … Ach, Brandylachen waren, wo man saß, auf dem Tanzboden wuchs das Gras! ++++++++ Geht’s noch? Merkst du, was ich merke? Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Die Distelmeyer-Gedenkwochen sind hiermit abgeschlossen, Prost! ++++++++ Später, viel viel später sehen wir verdächtige Raumgleiter am Horizont, sehen wir riesige eidechsenartige Panzer, sehen wir tanzende Bären … Hilfe, mein Kopf ++++++++ Irgendwo in der Zwischenzeit singt Ute Lemper über Corona, Paul Celan spritzt sich AstraZeneca auf dem Klo und ich knipse das Mondlicht an. Wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles, wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis! ++++++++ Wir sind betroffen, wir sind besoffen, wir sind die Dichter und Denker, wir sind die Roboter ++++++++ Was machen Sie eigentlich am Montag? Home Office? Projekte? Meeting? Pitch? Kickoff? Na, dann gleich noch mal Deichkind und die Arme in die Luft: Klick dich, fax dich, mail dich hoch, grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch, kick dich, box dich, schlaf dich hoch. Bück dich hoch, ja! ++++++++ Zurück auf los und nichts wie raus, tonight we gonna party like it’s 1988: Das selbe Land zu lange geseh’n, die selbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt. Ich bin rumgerannt, zu viel rumgerannt, ist doch nichts passiert ++++++++ Junge Leute sind gelangweilt, junge Leute sind verzweifelt, junge Leute werden zynisch, so war es immer, so wird es immer sein: Es ist so schön, kannst du die Welt so gut versteh’n, ich lieg mit vier Promille im Graben aus Versehen ++++++++ Wo ist die Liebe, wenn man sie braucht? Schmiegen Sie sich jetzt bitte eng an Ihren Tanzpartner. Wenn Sie keinen Tanzpartner haben, schmiegen Sie sich einfach an sich selbst, denn an den Stegen, den Stegen der Einsamkeit, dort am blutwarmen Ufer der Gier entdecken wir das Frühwerk von Veronika Fischer. Ach du meine Güte, ist das schön! ++++++++ Und wenn wir jetzt noch fünf Minuten durchhalten, nicht aufgeben, nur dieses eine Lied noch mitnehmen, dann sind wir Helden für einen Tag ++++++++ Aus, vorbei, ich muss ins Bett. Aber nicht ohne vorher noch die Bühne frei zu machen für die große, unvergleichliche KNEF: Als die Sonne still verglühte, rangen Frauen ihre Hände, liefen Männer bis ans Ende, bis ans Ende dieser Welt. ++++++++ Zu spät, zu früh, zu heiß, zu dicht. Gute Nacht.


Die Liste:

Deichkind – Luftbahn (2008)
Betterov – Dussmann (2021)
Nina Hagen – Lorelei (1983)
Foyer Des Arts ‎– Familie und Gewaltanwendung (1986)
Blixa Bargeld – Bilbao Song (2002)
Blumfeld – Verstärker (1994)
Lotte Ohm – Die Memoiren des Steven Spielberg 1 & 2 (1998)
Michael Nyman und Ute Lemper – Corona (1992)
Kraftwerk – Die Roboter (1978)
Deichkind – Bück dich hoch (2012)
Pankow – Langeweile (1988)
Faber – Generation YouPorn (2019)
Veronika Fischer – Guten Tag (1976)
Milliarden – Helden (2016)
Hildegard Knef – Die Herren dieser Welt (1970)

I am human and I need to be loved

Da habe ich also in meinen Musik-Archiven gewühlt und beschlossen, da mir gerade sonst nichts besseres einfiel, den DJ in mir zu reaktivieren. So wie früher, als ich noch regelmäßig meinen Freundeskreis mit obskur-eklektischen Playlists beglückt habe. Und was haben wir gerade? Den Monat des schwulen Stolzes? Dann gibt es jetzt also schwule Musik. Im weitesten Sinne. Ich finde es jedenfalls hilfreich, mir hier eine thematische Klammer zu bauen. Ein Gruß geht an dieser Stelle nebenbei mal wieder an den ollen Maschinisten (der Circle Jerk darf nicht abreißen), der mir das heiterste Zitat des Tages bescherte. Bei „Halb Osteuropa hielt die Schenkel geöffnet und den Darmausgang in die Luft“ habe ich fast meine Kaffee ausgespuckt vor lachen. In dem Zusammenhang: War es das denn jetzt für die #ZeroCovid-Gouvernanten? Können die sich jetzt wieder auf #ZeroSugar, #ZeroCo2 und #ZeroBrain konzentrieren? Irgendwas gibt es ja scheinbar immer in Grund und Boden zu verbieten. Ja, der Kampf währet ewig und das Endziel ist stets der Nullpunkt! Aber zurück zur Musik. Also dann, ihr gottlosen Homos und alle, die es noch werden wollen – hier kommt sie, die Playlist des Schmerzes, der Schönheit und des Dramas! Die Links zu den einzelnen Songs stehen jeweils unter dem Text.


K.D. Lang – My Old Addiction (1997)

Sanft geht es los. Die von mir seit vielen Jahren verehrte K.D. Lang hat es geschafft, dass ich mich als militanter Nichtraucher in ein Album verliebt habe, das sich thematisch praktisch nur ums Rauchen dreht. Dabei könnte sie eigentlich auch vom Rasenmähen singen, es würde ganz sicher genau so großartig klingen. Einmal habe ich sie live gesehen. Am Ende des Konzertes setzte sie sich vorne an den Bühnenrand und zündete sich eine Zigarette an. Sofort versammelte sich ein Pulk begeisterter Lesben zu ihren Füßen. Es wirkte wie ein vertrautes Ritual: die androgyne Diva raucht und die Fans huldigen ihr. Ein Marlene-Dietrich-Moment. Passiert das am Ende jedes ihrer Konzerte? Vielleicht können sich ja ein paar nikotinsüchtige Lesben bei mir melden und mich darüber aufklären. My Old Addiction  ist übrigens eine Coverversion und heißt im Original Chet Baker’s Unsung Swan Song.

My old addiction changed the wiring in my brain


Patrick Wolf – Tristan (2005)

Haben Sie diesen blonden deutschen Bubi beim diesjährigen ESC gesehen, mit seiner Jukulele und diesem grenzdebilen Liedchen, das klang wie eine Frühstücksflocken-Werbung? Was wäre wohl passiert, wenn man dem rechtzeitig Patrick Wolf vorgespielt hätte? Hätte das geholfen? Hätte, hätte, Perlenkette. Darf man der offiziellen Biografie von Patrick Wolf Glauben schenken, dann zog dieser bereits im zarten Alter von 16 Jahren allein in ein leerstehendes Haus, wo er fortan mindestens zwölf Instrumente spielte und an seiner eigenen Legende strickte. Ein früher Befreiungsschlag, er konnte wohl einfach nicht anders. 

My name is Tristan and I’m alive!


La Lupe – Puro Teatro (1969)

Vorhang auf für die ultimative kubanische Drama-Queen, unvergleichliche Performerin, Voodoo-Priesterin und Gran Cantante La Lupe! Noch vor Celia Cruz galt sie in den 60er Jahren als „Queen of Latin Music“. Lange sollte ihre Regentschaft leider nicht andauern. 1992 verstarb sie viel zu früh und völlig verarmt in der Bronx. Was für ein Theater! Wenn Sie „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ von Pedro Almodóvar gesehen haben, kennen Sie dieses Lied vielleicht noch aus dem Abspann. Sollte mich selbst demnächst ein Nervenzusammenbruch ereilen, so kann ich mir wirklich keine bessere Untermalung vorstellen.

Teatro lo tuyo es puro teatro 


Etienne de Crecy – Prix Choc (1996)

Die späten 90er waren eine gute Zeit zum tanzen und die beste Musik dazu kam aus Frankreich. Von Etienne de Crecy, Alex Gopher, Laurent Garnier, Benjamin Diamond, Stardust, Daft Punk, Cassius und wie sie alle hießen … French House war das glamouröse und humorvollere Gegenstück zum dumpfen Loveparade-Gestampfe. Damals passte ich noch in T-Shirts der Größe XS und habe meinen Hintern zu diesen Klängen unter den besseren Discokugeln der Stadt geschwungen.

Bumm-Bumm-Bumm …


Xiu Xiu – I Luv The Valley Oh (2004)

Ein Song wie eine offene Wunde. Worum es hier genau geht, erschließt sich mir bis heute nicht. Es klingt brutal, nach Missbrauch, Trauma, Selbsthass, Verzweiflung, Suizid – genug Stoff für eine lebenslange Therapie, der sich hier in der Mitte in einem einzigen kurzen Urschrei entlädt. Auch dazu ist Musik schließlich da: um die ganze Scheiße rauszuschreien, wie einen Blutschwall in die Welt zu spucken. Die anderen müssen es dann aufwischen. 

And I won’t rest while you break my will, Je t’aime the valley, Je t’aime the valley OHHH!!!

A Man and his Pussy: Jamie Stewart von Xiu Xiu


Johnny Hartman – Down in the Depths (1956)

Wo könnte man wohl den eigenen emotionalen Tiefpunkt besser besingen als im höchsten Gebäude der Stadt? Hoch oben über den Menschen, die sich sorgenfrei in den Nachtklubs amüsieren, während man seinen Liebeskummer selbstmitleidig in teurem Champagner ersäuft, hier im Penthouse im 90. Stock. Das Original dieses Cole-Porter-Klassikers stammt aus dem Musical Red, Hot and Blue und wurde 1936 erstmals von Ethel Merman auf einer Broadway-Bühne geschmettert. Ich selbst wurde zum ersten Mal durch die üppige Swing-Version von Lisa Stansfield mit dem Lied bekannt gemacht (auf dem Cole Porter Tribute-Sampler Red, Hot + Blue von 1990). Am besten gefällt mir allerdings die Version von Johnny Hartman, einem heute etwas in Vergessenheit geratenen Jazz-Sänger, der zu seinen besten Zeiten auch ein großartiges Album mit John Coltrane aufnahm. 

I’m deserted and depressed in my regal eagle’s nest, down in the depths on the ninetieth floor


Rufus Wainwright – The Art Teacher (2004)

Es gibt wenige Musiker, die ich so nachhaltig vergöttere wie diesen. Vielleicht noch Prince oder Dvořák, es sind wirklich nicht viele. Die ersten vier Alben von Rufus Wainwright gehören für mich bis heute zu den besten und originärsten Werken zeitgenössischer Musik. Zweimal habe ich ihn in Berlin live erlebt, einmal in der Volksbühne und einmal in der Kreuzberger Passionskirche. Letzteres war tatsächlich eine Art Erweckungserlebnis, nie hat mich ein Konzert derart emotional aufgewühlt. Rufus stammt aus einer bekannten kanadischen Musikerfamilie, ist aber (ebenso wie seine Schwester, siehe den nächsten Eintrag in der Liste) schon früh erfolgreich und pompös aus deren Schatten getreten. Ich kenne wirklich niemanden, der sensibles Songwriting so kunstvoll mit Camp und operettenhaftem Pomp verbindet wie dieser Mann. Erwähnte ich schon seine ersten vier Alben? Unbedingt anhören!

He asked us what our favorite work of art was, and never could I tell him, it was him


Martha Wainwright – Bloody Mother Fucking Asshole (2005)

Rufus’ kleine Schwester. Keine sehr faire Beschreibung, aber das ist sie nun mal. Beide haben ein eher angespanntes Verhältnis zu ihrem Vater, und wie sich schon am Titel unschwer erkennen lässt, hat Martha dieses Verhältnis in einer deutlich aggressiveren Art verarbeitet als ihr feinsinniger Bruder. Denn Bloody Mother Fucking Asshole ist nichts anderes als die Abrechnung mit einem abwesenden, egomanischen Vater. Da kommt Stimmung auf zum Weihnachtsfest! Ich weiß nicht, was genau in dieser Familie alles schief gelaufen ist, aber Martha Wainwright hat ihre Stimme trotzdem gefunden – rau, verletzlich und unvergleichlich. 

Poetry has no place for a heart that’s a whore 


Blumfeld – Tausend Tränen Tief (1999)

Erst kürzlich hörte ich mich noch einmal durch das Gesamtwerk von Blumfeld (wodurch sich unter anderem auch der letzte Beitrag in diesem Blog erklärt). Vor allem die ersten beiden Alben haben mich dabei plötzlich ganz neu aufgepeitscht. Alles braucht seine Zeit, und zur Zeit der frühen Blumfeld-Ära hatte ich wohl gerade kein Ohr für deutsche Texte. Dann kam „Old Nobody“ und „Tausend Tränen tief“. Ein Schock, zumindest für viele alte Fans der „Hamburger Schule“. Schlager-Pop? Kitsch? Gefühle? Watt’n datt? Ganz große Kunst ist das, sage ich. Nichts weniger. Kudos an Jochen Distelmeyer, dass er sich das getraut hat und auch an Helmut Berger, dass er da mitgemacht hat.

Ein Lied von zwei Menschen, wie Liebe sich anfühlt


Joanna Newsom – Good Intentions Paving Company (2010)

Diese Frau. Also wirklich. Am Anfang ihrer Karriere trieb sie mit ihrem schrillen Organ und ihrem Harfenspiel so manchen Kritiker die Wände hoch. Vielleicht hatten sie ihr deshalb auch das unselige Etikett „Freak Folk“ angeheftet – eine Schublade, die ebenso dämlich ist wie eigentlich jede Schublade, die sich der Musikjournalismus über die Jahre so ausgedacht hat. Joanna Newsoms eigenständiges Talent war schon immer unbestreitbar, in den folgenden Jahren sollte es sich nur noch wunderlicher und wunderbarer entfalten. Mit Joni Mitchell wurde sie verglichen, mit Rickie Lee Jones und natürlich mit Kate Bush. Aber sie lebt und musiziert in ihrer ganz eigenen Welt. 

I’ve been fessing, double-fast, addressing questions nobody asked

Die Frau hat einen Vogel: Joanna Newsom


Elaine Stritch – Ladies Who Lunch (1970)

Wenn ich Martha Wainwrights Stimme als rau beschrieben habe, dann haben wir es hier mit einer Kettensäge zu tun. Elaine Stritch wurde für die Uraufführung von Stephen Sondheims Musical „Company“ nicht engagiert, weil sie eine großartige Sängerin war, sondern weil wohl niemand anderes diese bitterböse Hymne auf reiche gelangweilte Society Ladies so markerschütternd herausschreien konnte wie sie. Ein Monument des postmodernen Zynismus. I’ll drink to that!

A toast to that invincible bunch, the dinosaurs surviving the crunch. Let’s hear it for the ladies who lunch – Everybody rise!!!


Scott Walker – Plastic Palace People (1968)

Meinen Lebensabend stelle ich mir idealerweise so vor: Auf der weitläufigen Terrasse meiner überdimensionierten Strandvilla mit Blick auf den Pazifik tanze ich, bereits am frühen Nachmittag hackedicht abgefüllt mit den Schätzen meines hochwertigen Weinkellers, in einem Designer-Kaftan zu Scott Walker, am liebsten zu seinem zweiten Solo-Album. So soll es sein, viel mehr brauche ich nicht. 

Don’t pull the string, don’t bring me down, don’t make me land


Lady Gaga & Kermit, the Frog – Gypsy (2013)

Was soll ich dazu sagen? Schöner, alberner, bombastischer und berührender wird es nicht mehr. Lady Gaga wurde einst mit dem Album „The Fame“ berühmt. Ruhm und Berühmtheit waren ein Konzept, dass sie auf der Überholspur mit fast täglich neuen Kostümen und Ideen karikierte. Heute, so scheint es, ist sie dort angekommen, wo alle erfolgreichen Entertainer wohl irgendwann landen – in einer Blase selbstgerechter Weinerlichkeit, die Lippen aufgespritzt, das Konto gut gefüllt, den nächsten Filmvertrag schon in der Tasche. Zwischendurch aber hat sie dann auch immer mal wieder so etwas abgeliefert, und dafür muss man sie einfach lieben.

I don’t wanna be alone forever, but I love gypsy life


Robin Guthrie & Harold Budd – Neil’s Theme (2004)

In dem Film „Mysterious Skin“ gehen zwei Jungs mit der gemeinsamen Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs sehr unterschiedlich um. Der eine macht dicht, verdrängt und glaubt fortan daran, von Außerirdischen entführt worden zu sein, der andere wird zum Stricher. Gewalt und Poesie formen hier eine faszinierende Einheit. Der Soundtrack von Robin Guthrie (dem Mitbegründer der Cocteau Twins) und Harold Budd passt dazu wie angegossen. Sphärisch, verträumt, außerirdisch.

Neil’s Theme


t.a.t.u. – How Soon Is Now? (2002)

Der Begriff queer bedeutete ursprünglich ja mal so etwas wie schräg, sonderbar oder suspekt. In diesem Sinne passt diese schauerlich-schöne Coverversion bestens ins Konzept. Wenn hier eines bewiesen wird, dann dass man einen wirklich guten Song nicht zerstören kann. In meinem fiktiven Drehbuch zu einer postapokalyptischen Komödie sitzt Morrissey einsam in einer Moskauer Karaoke-Bar und muss sich das anhören. Er hat wie immer schlechte Laune. Spätestens aber, wenn die beiden t.a.t.u.-Mädels „I am human and I need to be loved, just like everybody else does!“ von der Bühne knödeln, erweicht sein Herz, er springt auf und stimmt mit ein. 

You shut your mouth, how can you say I go about things the wrong way?


George Michael – Freedom! ’90 (1990)

Auch hier singt jemand vom Berühmt sein, vom Hadern mit dem eigenen Image und von den Fesseln der Musikindustrie. Was George Michael hier geschaffen hat, vor allem auch in der Verbindung mit dem legendären Video, ist nichts weniger als die geniale Verschmelzung von Rebellion und Glamour auf der allerhöchsten Stufe. Eine Hochzeit von Verweigerung und Größenwahn. Billig war das nicht. Es treten auf: Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford sowie ein paar männliche Models, die damals leider nicht ganz so berühmt waren. Der Sänger selbst hatte sich herausgenommen aus dem Spiel, nur die brennende Lederjacke und die explodierende Gitarre erinnern noch an ihn. Regisseur des Videos war David Fincher. Ja, wer denn sonst? Vielleicht war das bereits das Ende des Pop, wie wir ihn kannten. Vor mehr als 30 Jahren. Verdammt!

All we have to do now is take these lies and make them true somehow

Gebt endlich auf, es ist vorbei.

Vor zwanzig Jahren erschien Blumfelds Album „Testament der Angst“. Ich gehe jetzt mal forsch davon aus, dass Jochen Distelmeyer damals nicht wissen konnte, dass er damit den Soundtrack für eine Saison schreiben würde, die erst zwei Jahrzehnte in der Zukunft zur vollen Blüte kommen würde. Wir sehen hier also entweder den Beweis für dessen visionäres Genie oder einfach nur dafür, dass sich im Grunde genommen nichts geändert hat. Nicht in den Hirnen der großen Verfügungsmasse „Volk“. Die Medien helfen ihnen beim dumm sein, ein starker Staat hilft ihnen beim stumm sein. Weshalb dieses Lied in den letzten Monaten nicht längst das ihm angemessene Revival erlebt hat, ist mir ein Rätsel. Muss ich also wieder ran, der Musikredakteur von der dunklen Seite des Mondes. Bitte sehr. Habe die Ehre.