Homo homini lupus

Ein beliebtes Klischee besagt, dass sich alleinstehende Frauen in den mittleren Jahren Katzen anschaffen. Auf viele trifft das wohl auch zu. Noch öfter aber schaffen sie sich Hunde an. Und es sind nicht nur Frauen, auch Männer, alleinstehend oder nicht, sehnen sich nach dem Beistand der ständig um Aufmerksamkeit hechelnden Viecher. Ich beobachte das mit zunehmendem Befremden. Wenn sonst nichts läuft im Leben – ein Hund läuft einem immer hinterher! Wäre ich ein professioneller Hunde-Dealer, wäre das mein Werbeslogan. Ist der Mensch des Menschen Wolf? Oder doch eher des Menschen Rottweiler? Vor allem ist der Mensch des Menschen Zumutung, besonders in der Großstadt und ganz besonders in der Begleitung von Hunden. Eine Zumutung für alle, die selbst keine Hunde haben, also für Menschen wie mich. Und wie Fran Lebowitz. Die forderte bereits vor über vierzig Jahren in ihrem satirischen Buch „Metropolitan Life“ die Verbannung sämtlicher Haustiere, speziell der Hunde, aus dem öffentlichen Raum. Dem Einwand, dass Hunde doch aber für die Blinden und Einsamen sehr wichtig wären, begegnet sie mit dem Vorschlag, dass dann eben die Einsamen die Blinden herumführen sollten. So hätten die einen Gesellschaft und die anderen wüssten, wo es lang geht. Was ist dagegen einzuwenden? Ich unterstütze diesen Vorschlag nach wie vor. Erinnert wurde ich daran durch die Dokumentation „Pretend it’s a City“, die Martin Scorsese über Fran Lebowitz gedreht hat. Die Frau ist eine großartige New Yorker Neurotikerin alter Schule. Ein Vorbild.

Sonst noch Fragen? Ach ja, wo sollen denn bitte all die verbannten Hunde hin? Vielleicht in die Mongolei. Dort können sie dann kollektiv Wolf für Arme spielen, sich gegenseitig anbellen und die Wüste Gobi zukacken. Oder denken Sie etwas weiter südlich, an den chinesischen Lebensmittelmarkt. Seien Sie kreativ, ich kann nicht für alles eine Antwort haben. 

Fröhlich sein und singen

The first mistake of art is to assume that it’s serious.
(Lester Bangs)

Zum Jahreswechsel 1981/82 stand Nina Hagen in einem New Yorker Tonstudio und nahm ihr erstes Soloalbum auf, meiner Meinung nach auch ihr bestes. Zumindest ist es ihr originellstes. In den fünf Jahren zuvor waren ihr zuerst die DDR, danach Westberlin, die BRD, Europa und schließlich der gesamte Planet zu eng geworden. Sie hatte ihr erstes UFO in Malibu gesichtet, den Drogen abgeschworen, zu Jesus und zur transzendentalen Meditation gefunden und ihre Tocher Cosma Shiva zur Welt gebracht. Das alles hat sie dann in NunSexMonkRock reingerotzt und mit den Versatzstücken ihrer ganz eigenen kulturellen Folklore durch den Fleischwolf gejagt. Ein chaotischeres und experimentelleres Werk gab es auch in Nina Hagens Karriere danach nicht mehr. Immer wenn mich musikalisch gar nichts mehr berührt, wenn mir alles zu glatt, zu langweilig und vorhersehbar erscheint, höre ich mir NunSexMonkRock an. Spätestens, wenn Nina in Iki Maska anfängt, „Frrröhlich sein und singen, stolz das blaue Halstuch tragen …“ zu trällern (gefolgt von ’O sole mio, Ziggy Stardust und Bertolt Brecht), fange ich an zu grinsen. Dass sie unsere alten Pionierlieder auf der anderen Seite des Ozeans zu kakophonischem Postpunk zerschredderte, während ich in ihrer Ostberliner Heimat als real existierender Pionier noch brav die Original-Versionen in der Schule singen musste, finde ich heute noch drollig. „ … andern Freude bringen, ja das wollen wir!“

Dabei wusste ich damals noch gar nicht, wer Nina Hagen war. Ich hatte gerade erst ABBA überwunden und wurde von meinem älteren Bruder mit dieser wilden Joan Jett bekannt gemacht, für mich eine Offenbarung an musikalischer Rebellion. I love Rock’n’Roll, put another dime in the jukebox, baby! Ich hatte ja keine Ahnung. In der Klasse meines Bruders gab es dann dieses Mädchen, Tochter einer Pankower Akademiker-Familie, die kam jede Woche mit einer anderen Haarfarbe zur Schule und wurde entsprechend oft auch zur Direktion bestellt. Dort wurden mit ihr Gespräche geführt, über ihre Haare, ihre Haltung, ihren Klassenstandpunkt, ihre Zukunft, blablabla … sicher auch über den kleinen Sticker mit dem Gesicht ihrer großen Heldin Nina-Persona-Non-Grata-Hagen, den sie immer an ihrer Jacke trug. Zu der Zeit, Mitte der 80er, hatte Nina gerade Nina Hagen in Ekstasy veröffentlicht und war bei David Letterman zu Gast. Auch drollig: Lettermans langjähriger Band Leader Paul Shaffer war einer der Studiomusiker auf NunSexMonkRock. In New York wurde die Welt eben auch irgendwann sehr klein. Aber es gab ja noch Kalifornien, Rio, Ibiza und das Weltall.

Da ich gerade bei obskuren Meisterwerken der Musikgeschichte bin, hinterlasse ich hier noch einige unsortierte Notizen aus den Archiven:

Düster und von Heroin geprägt waren bekanntlich die letzten zwanzig Jahre im Leben der Sängerin Nico. 1974 veröffentlichte sie ihr Album The End, das ihre damalige Plattenfirma mit dem Satz bewarb „Why commit suicide if you can buy this record?“

Ein Jahr später erschien Lou Reed’s Metal Machine Music, das praktisch nur aus Gitarren-Rückkopplungen besteht. Der legendäre Musikjournalist Lester Bangs erklärte es zum „großartigsten Album in der Geschichte des menschlichen Trommelfells“. Bangs behauptete außerdem, das Album Idi Amin vorgespielt zu haben, der daraufhin beschloss, Metal Machine Music zur Nationalhymne von Uganda zu machen – eine Sternstunde des Gonzo-Journalismus.

Vincent Gallos Album When aus dem Jahr 2001 enthält das wahrscheinlich schönste Stück Musik, das jemals Paris Hilton gewidmet wurde. Sehr wahrscheinlich auch das einzige. Es heißt I Wrote This Song for the Girl Paris Hilton. So einfach können Songtitel sein. Das deutsche SPEX-Magagzin veröffentlichte anlässlich dieses Albums eine Titelgeschichte, zu der Vincent Gallo die Redaktion der Legende nach erpresst haben soll. Unter der SPEX-Leserschaft gab es einen ziemlichen Tumult deswegen – wohl auch, weil Gallo sich offen dazu bekannte, die Republikaner zu unterstützen. Vergleiche mit Charles Manson kamen auf (Gallo trug damals gerade Bart), das wahnsinnige Genie usw. … die alte Klischeekiste. Der Journalist, der Gallo interviewt hatte, eröffnete übrigens später ein Schokoladen-Geschäft im Prenzlauer Berg.

Apropos Manson: Wären Sharon Tate und ihre Freunde heute noch am Leben, wenn Charles Manson den Plattenvertrag bekommen hätte, den er sich so sehnlichst wünschte? Das erinnert an die Frage, wie sich die Weltgeschichte entwickelt hätte, wenn Hitler einst an der Wiener Kunstakademie aufgenommen worden wäre. Tatsächlich war die berüchtigte Mordserie im August 1969 als Racheaktion an Terry Melcher (dem Sohn von Doris Day) geplant, der es nach Probeaufnahmen abgelehnt hatte, ein Album mit Manson zu produzieren. Melcher hatte in diesem Sommer sein Haus aber gerade an die schwangere Sharon Tate vermietet. Hätte Dennis Wilson von den Beach Boys nur diese Hippie-Mädels nicht am Straßenrand aufgegabelt, die sich später als Mitglieder der Manson Family (Charlie’s Angels) herausstellten, hätte er Manson wohl auch nicht mit Terry Melcher bekannt gemacht undsoweiterundsofort … hätte, hätte, Schicksalskette … Invisible tears in my eyes, incredible pain in my heart.

Ein interessantes Thema: Menschen, die andere Menschen schicksalhaft in Autos mitnehmen. Wäre der Regisseur Jonathan Demme nicht zur richtigen Zeit in das richtige Taxi gestiegen (wieder mal in den 80ern und wieder in New York City), wäre aus seiner Fahrerin später wohl auch nicht eines der mysteriösesten One Hit Wonder der Popgeschichte geworden. Goodbye Horses von Q Lazzarus wurde seitdem in mehreren von Demmes Filmen verwendet, am bekanntesten im Schweigen der Lämmer. Bis heute ist nicht bekannt, was aus der Sängerin geworden ist. Nach einem kurzen Auftritt in Philadelphia (auch von Jonathan Demme) ist sie der Öffentlichkeit abhanden gekommen. Hier gibt es ein wenig mehr Hintergrund zu der Geschichte.

Die Welt ist voll von obskurer und interessanter Musik. Einen nicht geringen Teil davon haben wir Mike Patton zu verdanken. Obwohl als Sänger von Faith No More zu beachtlichem kommerziellen Erfolg gelangt, bleibt er für mich noch immer eines des unterschätztesten musikalischen Genies der letzten 30 Jahre. Ich empfehle das Album Disco Volante von Mr. Bungle (1995), eines von Pattons zahlreichen Avant Garde Projekten. Das ist besser als jeder LSD-Trip, danach werden auch Sie UFOs sehen.

Wussten Sie, dass der in Thüringen geborene Pianist Fritz Schulz-Reichel unter seinem  Pseudonym Crazy Otto 1955 den ersten Platz der amerikanischen Album-Charts belegte? Oder dass die Stone Temple Pilots ursprünglich Shirley Temple’s Pussy heißen sollten? Und dass es von John Cages 4′33″ – einer „Komposition“, die keine einzigen Ton, sondern nur Stille enthält – Cover-Versionen gibt? Falls nicht, wissen Sie das jetzt.

Jake Angeli / The Revolution will not be instagrammed

Anfang 2020 ernannte ich hier Tom Radtke zur schillerndsten Figur der Stunde. Nun ist es Jake Angeli, der Mann, der gestern in voller Karnevals-Montur das Capitol in Washington DC stürmte und die heiligen Hallen für eine anarchische Fotosession nutzte. Sehen Sie dies bitte als Anzeichen dafür, dass 2021 (vielleicht sogar das gesamte kommende Jahrzehnt) noch um einiges unterhaltsamer werden könnte als wir das vom Ende des vergangenen Jahres erwarten durften.

Jake Angeli ist ein bereits bekannter QAnon-Hallodri aus Arizona, der wahrscheinlich an all das glaubt, woran die QAnon-Leute halt so glauben, zum Beispiel daran, dass Trump der Wahlsieg vom Deep State gestohlen wurde. Man sollte sich vielleicht erinnern, dass diejenigen, die über solche Theorien öffentlich den Kopf schütteln, einen Großteil der letzten vier Jahre damit verbracht haben, zu behaupten, Hillary Clinton sei der Wahlsieg von den Russen gestohlen worden. Es ist ein endloses Kasperle-Theater. Wer sich davon noch beeindrucken lässt, muss sich zurecht das Gemüt eines Vierjährigen bescheinigen lassen.

Ziviler Ungehorsam in Form von Protesten, Ausschreitungen und Randale ist immer nur so gut, wie er den sie begleitenden Agitatoren ins Konzept passen, das ist bekannt. In den letzten Jahren ist in den USA einiges gestürmt, besetzt und in Flammen gelegt worden. An den Reaktionen darauf ließ sich immer recht gut ablesen, wie sehr jemand noch willens oder in der Lage ist, selbständig zu denken. Dass so vielen Wohnzimmer-Kommunisten, die sonst mit Vorliebe über Revolutionen und Transformationen schwadronieren, bei der Stürmung eines Regierungsgebäudes plötzlich der Arsch auf Grundeis geht, ist entsprechend aufschlussreich. Es entlarvt sie letztlich als Anhänger eines starken Staates – auch das keine Überraschung. Sicher war das gestern eine neue Qualität, so einfach in das erschreckend ungesicherte Capitol einzudringen (Atilla Hildman dürfte beim Anblick der Bilder feuchte Höschen bekommen haben). Wie es überhaupt eine andere Qualität hat, die Zentren der Macht direkt anzugreifen als z.B. irgendwelche Modeboutiquen in der Nachbarschaft abzufackeln. Das dürfte der rechte Protest dem linken wohl eindeutig voraus haben. Aber was hat der Trump-Mob daraus gemacht? Ein paar schicke Bilder für Social Media und sonst nichts. Die hellsten scheinen die nun wirklich nicht zu sein. Als Fazit hat die Biden-Administration jetzt praktisch grünes Licht, um die Überwachung ihrer Bürger weiter auszubauen. Überhaupt scheinen diese Millennial-Rebellen, egal von welcher Seite sie nun kommen, nicht zu begreifen, wie eine Revolution funktioniert. Vielleicht wollen sie das auch gar nicht. Ein bißchen Ramba-Zamba, ein paar Selfies und fünf Minuten Internet-Fame – um etwas anderes geht es wahrscheinlich gar nicht mehr.

Was bleibt, ist Jake Angeli, die Stilikone der Stunde. Laut seiner Webseite arbeitete Angeli bisher u.a. als Schauspieler und Synchronsprecher. Er weiß also, wie man sich in Szene setzt. Sein Kostüm lässt sich als eine Mischung aus Endzeit-Jamiroquai und Indianerhäuptling auf Crack beschreiben, gepimpt mit Stars and Stripes, einer Prise Neopaganismus und einem kräftigen Urschrei. Die Trendscouts von Gucci und Prada machen sich bereits Notizen. 

Wahrscheinlichkeiten – The Sequel

Seasons don’t fear the reaper,
nor do the wind, the sun or the rain,
we can be like they are …

(Blue Oyster Cult, Don’t Fear The Reaper)

Zehn Monate sind vergangen und noch immer ist es wahrscheinlicher, an den herkömmlichen Todesursachen einzugehen als an … Na, Sie wissen schon, dem C-Wort. Alles andere ist Public Relations – Storytelling für unterschiedliche Zielgruppen: verunsicherte Hausfrauen, aufgekratzte Blogger, autoritätsbesoffene Oberlehrer, Politfunktionäre, Paranoiker oder Wutbürger. Irgendwo dazwischen dürfen Sie sich einordnen, ansonsten bleiben Sie draußen. Eines habe ich in diesem Jahr mal wieder gelernt: Angst ist oberste Bürgerpflicht. Oder soll ich statt Angst besser Vorsicht sagen? Nein, ich sage Angst. Sie dürfen Angst um Ihre Gesundheit haben, Angst vor Ihren Mitmenschen, Angst vor den Russen, vor den Amerikanern, vor Bill Gates und der eigenen Regierung, oder einfach Angst vor dem Tod. Aber einfach so angstfrei vor sich hin leben? Das ist unverantwortlich, anarchistisch, geisteskrank. Denken Sie doch an die Zukunft, an die Sicherheit, an die Kinder! Angst ist der Motor der Gesellschaft. Dazu passend habe ich in diesem Jahr noch etwas gelernt: Das Leben der meisten Menschen ist in einem monströsen Maße fremdbestimmt. Diese Erkenntnis allein ist natürlich nicht neu, aber 2020 war quasi der Lackmustest dafür. 

Das Experiment: Nimm den Menschen die tägliche Fuchtel ihres Angestellten-Daseins, verfrachte sie in ihre Behausungen und schau ihnen beim Durchdrehen zu. Wenn denen niemand mehr vorschreibt, wo sie zu einer bestimmten Uhrzeit antreten müssen und was sie dort zu erledigen haben, bleibt nicht mehr viel übrig. Kein Plan, kein Sinn, keine Ahnung von der eigenen Existenz. Um ihr Überleben müssen die meisten von ihnen nicht mehr kämpfen, dazu sind sie bereits zu gut versorgt, vom Arbeitgeber oder vom Staat. Also walzen sie ihre Freizeitaktivitäten aus, all die kleinen Flucht- und Ablenkungs-Übungen, die sie sonst zum Zweck der Energie-Aufladung sorgsam auf die Abendstunden und auf’s Wochenende verlegt haben. Sie joggen mehr, sie backen mehr, sie saufen mehr, sie ficken mehr und sie glotzen mehr auf Bildschirme als sonst. Vielleicht lernen sie auch stricken oder lassen sich online zum Youtuber ausbilden. Reisen fällt ja leider aus. Irgendwann funktioniert das alles aber nicht mehr, dann drehen die ersten durch, hören Stimmen, verwahrlosen oder verprügeln ihre Familien. Wie zu hören war, ist die häusliche Gewalt während der letzten Monate sprunghaft angestiegen. Fun Fact: wenn Ihr Partner Sie während eines Lockdowns verprügelt, liegt das nicht am Lockdown, sondern daran, dass Sie sich mit einem gewalttätigen Menschen eingelassen haben, der bisher nur nicht ausreichend Tagesfreizeit zur Ausübung der Gewalt hatte. Ein Tag hat nun mal nicht mehr als 24 Stunden. 

Ab morgen werde ich dieses Thema hier abgehakt haben. Gerne dürfen die an verantwortlicher Stelle auch noch eine dritte, vierte oder fünfhundertste Virus-Welle ausrufen, nach noch mehr Einschränkungen, Bevormundungen und Gängelungen rufen, alternativ auch nach dem Sturz von Merkel, Spahn und Biden, und natürlich nach der Weltrevolution. Bei mir ist die Sache durch, sowohl medial als auch mental. Denn ich habe ganz sicher nicht vor, an Langeweile zu sterben. 

Ein Stern in dunkler Nacht

Nach „Trump ist Hitler“, „Greta ist Gott“, „Warum das Internet uns alle anlügt“ und den „zehn wichtigsten Yoga-Übungen gegen Analkrebs“ läuft die STERN-Redaktion zum Jahresende noch einmal zur Höchstform auf und beweist mit ihrem aktuellen Titel, dass sie in Sachen Gesinnungskitsch in Deutschland auch weiterhin die Nase vorn hat. Lesen Sie in der neuen Ausgabe also, wie das Christkind die Firma Pfizer segnete, mit welcher antibakteriellen Seife Maria Magdalena die Füße von Dr. Drosten wäscht und warum Moses sich das Kanzleramt zutraut.

Liebe Leser, liebe Gemeinde, sehr verehrte Schafe und Nächstenliebende, ich möchte an dieser Stelle meine Musik-Tipps vom letzten Dezember wiederholen und noch um diese eine Perle ergänzen. Gesegnete Dröhnung!

Letzten Donnerstag

„Tückische Mikroorganismen wären mein Wunschszenario für den Untergang der Welt. Sinngemäß in Form eines Flugreisenden, der sich im Urwald an einer winzigen Rasurnarbe mit einer seltenen Makakenkrankheit infiziert und sodann in einem Dutyfreeshop in Kuala Lumpur mit einer von Schmierkeimen kontaminierten Mastercard zahlt, die über die ungewaschenen Hände der dort prekär beschäftigten Kassenkraft auf eine Stange Dunhill-Zigaretten übertragen werden und sich schließlich im Hirn eines in Reykjavík lebenden Dalmatiners zu einer hochinfektiösen Hühnergrippe rekombiniert, die mittels einer einzigen Charge Chicken McNuggets, die einer McDonalds-Filiale in Dinslaken mangelhaft erhitzt wurde, schließlich die Menschheit ausradiert. Eine zeitgemäße Landplage, die der Menschheit im pandemischen Todeskampf ihre moralischen Verfehlungen aufzeigt – recht biblisch also.“

So prophetisch äußerte sich der ehrenwerte Blogger Her NO in einem Interview, das ich mit ihm anlässlich eines möglichen Weltuntergangs 2012 führte. Das komplette Gespräch dürfen Sie gerne hier nachlesen, es stammt aus einem kleinen publizistischen Projekt, dass ich damals verfolgte. Leider hat Herr NO (dessen bürgerliche Identität mir bekannt ist, die hier aber niemanden etwas angeht, Sie mögen verzeihen) auf hightatras.org seit nunmehr drei Jahren keine Texte mehr veröffentlich. Aber auch davon geht die Welt nicht unter, ebenso wenig wie durch’s Wetter, durch Donald Trump oder durch Lisa Eckhart. Unverwüstlich ist er, dieser sture kleine Planet. Trotzdem haben die Apokalyptiker natürlich weiterhin Konjunktur. Tatsächlich ist der Weltuntergang eine krisensichere Branche, dort herrscht immer Ausnahmezustand, Endkampf und Schlussverkauf. Was sowohl das Ende als auch den Ursprung unserer Welt angeht, habe ich mich inzwischen dem Last-Thursdayism angeschlossen. Das Universum wurde am letzten Donnerstag erschaffen und wird pünktlich am nächsten Donnerstag wieder implodieren. Alle Anzeichen für eine längere Historie sind nichts weiter als Täuschungen. Das scheint mir die vernünftigste Antwort auf die Fragen und Nöte der Menschheit zu sein. Spalter und Abweichler wie die Last-Tuesday- und Wednesdayisten werden von unserer Bewegung auf’s energischste bekämpft, die Kirche der Last-Saturdaynight-Feveristen wird dagegen nicht ernst genommen, diese Leute sind uns wirklich zu albern.

Es folgen einige nachträgliche Kulturtipps, von mir für Sie exklusiv und gebührenfrei in Ihre vollgefurzten kleinen Quarantäne-Höhlen gefunkt.

Das deutsche Kultur-Highlight des Jahres – Desiree Nick beleidigt Sido für 99 Euro: „Danke, das du mit deinen Gossen-Songs eine ganze Generation deutscher Jungs in asoziale Penner verwandelt hast! Dann kam Fridays For Future, dann kam Corona, jetzt geht keiner mehr zur Schule!“ 

Meinen Jahresrückblick hatte ich ja bereits im August abgeliefert. Beim Pestarzt las ich nun noch das Best of Shitstorms 2020: „Da oben stehen sie und predigen. Gift und Galle. Tod und Teufel. Pest und Nazis. Von ihrer Kanzel. Aufgebracht. Entrüstet. Todernst. Woke bis in die Haarspitzen.“

Ja, sie stürmen immer noch, rufen zum Boykott und errichten Online-Pranger – nichts Neues also. Seit Jahren halten ein paar selbstgerechte Dauertwitterer und mediale Krawallschachteln (Apokalyptiker*innen inklusive) die Erregungsmaschine Internet mit ihrem hochgejazzten Murks in Schach, und alle spielen mit, springen über’s Stöckchen, immer wieder. Weil sie sich angesprochen fühlen, herausgefordert, getriggert, getreten und zugetrötet. Dabei wäre es so leicht, das Ganze zu ignorieren. Die einfachste Sache der Welt. Wer sind diese Leute? Warum sind die wichtig? Wer will das hören? Lassen wir sie krakeelen in ihren schalldichten Förderblasen. Irgendwann schreien die sich nur noch gegenseitig an. Weisses Rauschen.

Ich habe Tschick von Wolfgang Herrndorf gelesen, mit zehnjähriger Verspätung. Es lag gerade irgendwo rum. Ein sehr gutes Buch. Ich musste an den Fänger im Roggen denken. Sehr schade, dass Herrndorf nicht so lange durchgehalten hat wie J.D. Salinger. Und ich habe Mindhunter auf Netflix geglotzt. Mein Interesse an Serienkillern hatte ich hier schon angedeutet, Mindhunter ist gewissermaßen die Jahreshauptversammlung legendärer Serienkiller – ein ästhetisches und psychologisches Meisterwerk aus dem Hause David Fincher. Ich werde an dieser Stelle aber keine Trailer verlinken, da die der Serie in keiner Weise gerecht werden. Das Ding ist außerdem auch schon wieder zwei oder drei Jahre alt. Ich weiß nicht, warum ich mir so viele Sachen erst mit derart epischer Verspätung zu Gemüte führe. Ich habe eben meinen sehr eigenen Rhythmus. 

In spätestens zehn Jahren werde ich vielleicht auch den großen Quotenhit 2020 nachholen, Corona: Judgement Day. Dann werde ich mir 24 Stunden am Tag bunte Diagramme anschauen und pflichtbewusst so tun als sei die Pest ausgebrochen, versprochen. Ich werde mich zuhause einschließen und panisch in die Teppichkante beißen. Prekäre Lieferboten werden mich regelmäßig mit frischen Hashtags und Impfspritzen versorgen. Ich werde Listen anlegen, Listen über meine Kontakte und über mein Fehlverhalten („Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!“), vor allem aber über das Fehlverhalten meiner Nachbarn, über all die Ketzer und Zweifler und Oma-Mörder (Nieder mit den Last-Tuesday- und Wednesdayisten!). Schließlich werde ich mich selbst mumifizieren und in ein tiefes Erdloch eingraben, sicher ist sicher. Solidarische Grüße aus der Gruft! #stayhome … In der zweiten Staffel (Corona: Die Auferstehung) werde ich dann wieder ausgebuddelt, wahrscheinlich an einem Donnerstag. Auf der Erdoberfläche haben Luisa, Carola und Simon-Sören-Zacharias währenddessen ihren glutenfreien Windmühlen-Sozialismus errichtet – sauber, fair und virenfrei, ein Paradies auf Erden. Recht biblisch also. 


Der Weltuntergang als Running Gag in der Radikalen Heiterkeit:

Wer nicht hüpft, der ist für Kohle! (März 2019)
… umso mehr sind wir des Beifalls sicher (April 2017)


Zum Feste nur das Beste – famose Texte aus dem Archiv des Herrn NO (2008-2011):

Herr No übt Medienkritik und befleißigt sich dabei des Stilmittels der sogenannten spitzen Feder

Die Sintflut ist der Hochdruckreiniger des Herrn

Herr No entlarvt den Begriff der Schönheit erneut als sinnlos

Sie erhalten Anschluss an den ICE Friedrich Nietzsche aus Gleis 7


Abbildung oben: Screenshot aus Mindhunter

Off the grid

Sehr verehrtes Publikum, ich werde mich hier ein wenig zurückhalten und zumindest in den nächsten zwei bis drei Monaten keine neuen Beiträge veröffentlichen. Digital Distancing – versuchen Sie es doch auch einmal! Eine nachträgliche Leseempfehlung möchte ich an dieser Stelle aber noch hinterlassen. Nichts zu danken und bis auf Weiteres!


Aber die Masken fallen, gerade wenn sie mit Stolz getragen werden. Hier entpuppte sich eine Jugend, die sich für revolutionär hielt und doch die Reaktion sowie eine in 15 bleiernen Regierungsjahren verschlissene Geronto-Koalition samt Alternativlos-Kanzlerin verteidigte. Eine Jugend, die – wie ihre Eltern aus den besseren Wohngebieten – den Mundnasenschutz als Ausweis der amtlich gültigen Gesinnung aggressiv einforderte. Eine „Antifa“, deren Strukturen zum Dank für ihren unermüdlichen Einsatz im Dienste des Systems sogar auf vielfältige Weise mit Staatsgeldern gefördert werden. Fast wie der deutsche Beamtenapparat.

Die Masken fallen / Zeilensturm


Der Rest ist Musik:

Zwei mal Drei macht Vier Widdewiddewitt und Drei macht Neune

Ein plattgelatschtes Thema ist das, ich wiederhole mich wohl langsam. Also versuche ich es einfach etwas anders zu formulieren: die großen Social Media Plattformen, ob Facebook, Twitter oder YouTube, schulden den Regierungen dieser Welt nichts. Keine Erklärung, keinen Respekt, keine Rechenschaft und wenn es nach mir ginge, nicht mal Steuern. Aber ja, bitte, ich weiß es doch: wenn sie im Geschäft bleiben wollen, liegt es in ihrem eigenen Interesse, sich mit den Kaspern aus den Parlamenten so gut es geht zu arrangieren. Sie wissen natürlich, dass sie mit Kaspern reden, mit halbgebildeten Ideologie-Marionetten. Aber sie reden trotzdem mit ihnen, denn die Kasper drohen mit Regulierungen, das ist nun mal ihr Job. Und dann läuft es immer nach der gleichen Tour: es wird munter reguliert, belehrt, zensiert und gesperrt, bis diejenigen, die sich das nicht gefallen lassen wollen, einfach zur nächsten Plattform ziehen. Daraufhin rufen die Kasper dann wie auf Knopfdruck: „Schaut her, dort sind die jetzt also, dort radikalisieren sie sich!“ Dass sie die armen Irren selbst dorthin getrieben haben, reflektieren die Kasper nicht, denn das ist nicht ihr Job. 

Und nun schauen Sie mal (Screenshots von tagesschau.de):

Fällt Ihnen was auf? Nein? Sehr gut. Das einzige, was Sie sich merken müssen, ist, dass Weißrussland jetzt Belarus heißt. Denn wenn Sie das russische „Беларусь“ (das übersetzt nichts anderes als „weißrussisch“ bedeutet) einfach mit dem deutschen Alphabet nachschreiben, wird alles gut. In Deutschland wird immer alles gut, deshalb brauchen Sie hier auch kein Telegram. Dafür gibt’s die Deutsche Post.

2020: Kafka on Speed

War was? Ist was? Kommt noch was? Atmen Sie noch? Können Sie noch lesen? Sehr schön, dann bekommen Sie an dieser Stelle schon mal einen vorgezogenen Jahresrückblick, bzw. eine Zwischenbilanz, wie auch immer. Wer hat denn noch Zeit, bis zum Dezember zu warten? Bis dahin hat die zweite Welle des Killer-Virus uns vielleicht längst den Garaus gemacht! Ich fasse also so flott wie möglich zusammen: Grundsätzlich ging und geht es in diesem Jahr darum, Menschen davon abzuhalten, sich gegenseitig ins Gesicht zu rotzen. Ein wichtiges Anliegen. Stellen Sie sich vor: ich wurde in meiner Kindheit noch dazu erzogen, selbst daran zu denken, mir regelmäßig die Hände zu waschen und im Falle einer Nies-Attacke einfach ein Taschentuch zu benutzen. Ohne öffentliche Anleitung und Piktogramme. Unglaublich. Derlei anarchisch neoliberaler Terror ist für die Bevölkerung heute natürlich nicht mehr zumutbar, weshalb es staatlicher Vorschriften sowie einer umfangreichen Vermummungs-Bürokratie bedarf, um den drohenden Volkstod abzuwenden. Bis jetzt scheint dies auch gelungen. Aber nur, weil Sie alle so brav mitgemacht haben, nicht wahr?

Lassen Sie jetzt also nur nicht locker, halten Sie durch und bleiben Sie am Ball! Haben Sie schon die App installiert? Kennen Sie die neuen Regeln? Die neuen Zahlen? Sie wollen doch nicht enden wie der irre Attila?! Wollen Sie etwa alte lungenkranke Menschen auf dem Gewissen haben? Kleine unschuldige Kinder? Hundebabies? Kleine unschuldige lungenkranke Hundebabies?! Wirklich? Leugnen Sie Corona? Das Klima? Den Holocaust? So einer sind Sie also! Mörder! Spalter! Schädling! Bitte bessern Sie sich, besinnen Sie sich und denken Sie bitte immer daran: Staatlicher Rundfunk ist Liebe, Widerspruch ist Hass, Freiheit ist Faschismus und Ihre Gesundheit geht uns alle an! Mutti lässt Sie nicht im Stich, Mutti lässt Sie nie allein, auch wenn Sie das vielleicht ab und zu wollen. Was wissen Sie denn schon, was Sie wollen? Kommen Sie also zurück auf den rechten Pfad und lassen Sie sich nicht beirren, egal wie widersprüchlich Ihnen die Anweisungen und Regelungen der letzten Monate auch erscheinen mögen: Maske auf, Maske ab, Schließen, Öffnen, Verbieten, Zulassen, Teilverbieten, Teilzulassen, Abstandhalten, Zusammenhalten – das hat schon alles seine Richtigkeit. Bitte verzweifeln Sie nicht an den Zuständen. Das Geschwitze und Gestöhne, das Gezeter und Gemecker, das Anscheißen und Denunzieren, der ganze kafkaeske Irrsinn, er war nicht umsonst. Ihr Einsatz und Ihre Treue werden belohnt werden, ganz sicher!

Das wird die perfekte Welle, das ist der perfekte Staat.

T-Shirt: Snicklink

Who’s gonna drive you home tonight? (Ich streame weiter)

Ich bin auf der Flucht. Im Autoradio höre ich die Fahndungsnachricht, sie kennen jetzt meinen Namen. Ich wechsle den Sender, drehe die Musik auf und singe, schreie mit, so laut ich kann: „Gloria, don’t you think you’re falling? If everybody wants you, why isn’t anybody caaaalling?“ Vor mir liegt Miami Beach, Schauplatz meines nächsten Mordes. Es wird der letzte sein, der beste und glamouröseste. „Gloria, I think they got your number … I think they got the alias that you’ve been living under …“ Das Meer ist so blau, wie ich es erwartet habe und Laura Branigan begleitet mich in den Untergang. Ich habe nichts mehr zu verlieren.


Tatort Netflix. Ich habe die perfekte Serie gefunden, endlich, wenn auch mit etwas Verspätung: The Assassination of Gianni Versace (veröffentlicht 2018 auf FX). Perfekt auf mich zugeschnitten, ich bin wohl die Zielgruppe. Weil ich nun mal eine Schwäche für charismatische Serienkiller habe, für ihre Motive, ihre Psyche und ihren Lebenslauf. Vielleicht auch, weil mein lieber Gatte mir bereits vor Jahren erzählte, dass er den späteren Versace-Mörder Andrew Cunanan Mitte der 90er Jahre tatsächlich mal in einer Bar in San Francisco kennengelernt hatte. Es war nur eine kurze Begegnung, er hat es überlebt. Die Serie haben wir uns nun zusammen angeschaut. Dort wird Cunanan als ebenso psychopathischer wie einsamer Charakter dargestellt, als Größenwahnsinniger und Besessener, der sich vor seinen Mitmenschen immer wieder neu erfindet. Ständig präsentiert er neue, fantastische Versionen seiner Biografie, während seine wahre Lebensgeschichte in Rückblenden rekonstruiert wird. Darin eingebunden sind auch die Geschichten seiner Opfer, inklusive die von Gianni Versace (dessen Mord zwar den erzählerischen Rahmen bildet, insgesamt aber höchstens zehn Prozent der Handlung einnimmt). Die Familie Versace hat sich ausdrücklich von dieser Produktion distanziert und leugnet bis heute, dass Cunanan und Versace vor seiner Ermordung jemals persönlichen Kontakt hatten. In der Filmversion finden deren Begegnungen dann meist auch in künstlich inszenierten Umgebungen oder in traumähnlichen Sequenzen statt. Vielleicht ist es gar nicht wichtig, ob die beiden sich wirklich kannten oder nicht, denn durch den Mord bleiben ihre Namen für immer miteinander vereint. Zum Schulabschluss soll Andrew Cunanan von seinen Mitschülern den Titel „Most Likely To Be Remembered“ verliehen bekommen haben. Diese Prophezeiung dürfte sich nun endgültig erfüllt haben.

Criss_Cunanan

Die perfekte Serie kann für mich nur eine Miniserie sein. Sechs bis zehn Episoden, das reicht. In diesem Fall sind es neun. Ein kompakter dramatischer Bogen. Keiner dieser aufgeblasenen Glotz-Marathons, bei dem ich spätestens nach der zweiten Staffel die weiße Fahne schwenke, weil mein anfängliches Interesse sich längst in Erschöpfung und in Missgefallen über endlose Storylines und ständig neue hanebüchene Plot-Twists aufgelöst hat. Auch das Casting ist nahezu perfekt. Neben Hauptdarsteller Darren Criss hat mich vor allem Judith Light in einer Nebenrolle begeistert. Kinder der 80er Jahre kennen sie vielleicht noch aus der Sitcom „Wer ist hier der Boss?“. Hier spielt sie nun die Witwe eines der Mordopfer von Andrew Cunanan, die Homeshopping-Queen Marilyn Miglin, die ihr Leben vor allem auf Selbstbeherrschung und Verdrängung aufgebaut hat. In ihrer kalten Maskerade aus hochtoupierter Betonfrisur, High Heels und eisernem Willen wirkt sie fast noch beängstigender als der Mörder Cunanan in seinen psychopathischsten Momenten. Dazwischen blitzt aber auch bei ihr immer wieder subtile Verzweiflung durch, die Maske wird langsam brüchig. Eine unglaubliche, ja unheimliche Performance.  

Light_Miglin

Ach, und die Musik, die hat ein eigenes Kapitel verdient. Es gibt den Original Score von Mac Quayle, der dafür kunstvoll Elemente von Giorgio Moroder, Ambient und italienischer Oper kombinierte. Und es gibt das, was ich als das große Ryan-Murphy-Disco-Drama bezeichnen möchte. Ryan Murphy ist vor allem als Produzent von Glee bekannt geworden (die Serie, durch die übrigens auch Darren Criss erstmals größere Bekanntheit erlangte). Dort sangen und tanzten sich aufgekratzte High School Kids alle paar Minuten die Seele aus dem Leib. Das war vielleicht noch nicht wirklich die Krone der TV-Unterhaltung, aber schon dort bewies er ein sicheres Gespür dafür, alten Popsongs neues Leben einzuhauchen. Dieses Gespür wurde in seinen anspruchsvolleren Produktionen der letzten Jahre noch extrem verfeinert. Auch wenn er nicht immer selbst Regie führt, bleibt seine Handschrift im Soundtrack doch immer unverkennbar.

Als The Assassination of Gianni Versace vor mehr als zwei Jahren beworben wurde, machte vor allem eine Szene die Runde: Darren Criss tanzt als Andrew Cunanan, nur mit knapper rosa Unterhose bekleidet, durch ein Hotelzimmer, es läuft „Easy Lover“ von Philip Bailey und Phil Collins, während auf dem Bett ein alter Mann um sein Leben kämpft. Erinnerungen an die alberne Verfilmung von „American Psycho“ wurden wach, aber glauben Sie mir: das hier ist viel, viel besser. Und es gibt diese Szene, in der Andrew in einem Pub sitz, an irgendeiner Landstraße, unterwegs von einem Mord zum nächsten. Wie hypnotisiert schaut er sich den Auftritt einer Sängerin an (Aimee Mann in einer kleinen Gastrolle), die eine Akustik-Version von „Drive“ (The Cars, 1984) zum Besten gibt. „You can’t go on thinking nothing’s wrong …“ scheint sie nur für ihn zu singen. Was folgt, ist die vielleicht traurigste und herzzerreißendste Minute der gesamten Geschichte, sie spielt sich allein in Andrews Gesicht ab. Die finale Mordszene wird schließlich mit „Vienna“ von Ultravox unterlegt. All das hätte sehr leicht in manipulativen Schmalz umkippen können. Tut es aber nicht, dazu ist es zu präzise inszeniert. In diesen Momenten glaubt man fast, die Songs seien einzig und allein für diese eine Szene und ihren Protagonisten komponiert worden.

Ryan Murphy hat ein goldenes Händchen für solche Momente. Damit heben sich seine Serien auch wohltuend vom Großteil seiner Konkurrenz ab, die musikalisch gerne besonders dick aufträgt und dabei immer verlässlich daneben greift. Denn einfach nur deprimierende Songs über ohnehin schon deprimierende Szenen legen oder hektischen Technoschrott über hektische Verfolgungsjagden, bis den Zuschauern die Ohren bluten, das kann jeder. Dazu braucht man nicht mehr als die Sensibilität einer Scheibe Toastbrot bzw. eines durchschnittlichen ZDF-Redakteurs. Was dagegen in The Assassination of Gianni Versace passiert, ist die Erhebung von vermeintlich schnödem Radiopop auf ein neues dramatisches Level, wo Disco, New Wave, Oper, Camp und griechische Tragödie eine perfekte Symbiose eingehen. Im Dienste der perfekten Serie. Oh je, immer dieses schlimme P-Wort, ich weiß … aber ich kann nicht anders!

Fazit: Thema, Form, Darsteller, Soundtrack – alles perfekt. Fast. Einen einzigen Schönheitsfehler gibt es, aber selbst der wird am Ende noch durch einen brillanten Regie-Einfall neutralisiert. Es geht um Penélope Cruz bzw. um Donatella Versace. Eine seltsame Besetzung. Im Vergleich mit dem realen Vorbild erscheint Frau Cruz immer drei Nummern zu elegant, zu attraktiv und zu farblos. Da helfen auch das falsche Gebiss und das angestrengte Genuschel nicht. Aber dann: in einer der letzten Einstellungen schaut die trauernde falsche Donatella in einen mit dem Versace-Logo geprägten Spiegel. Ihr Gesicht verschmilzt mit dem Kopf der Medusa und sie sieht sich selbst für einen kurzen Augenblick entstellt, wahnsinnig, zur Fratze verzerrt. Ein Ausblick auf ihr zukünftiges Erscheinungsbild. Perfekt.


Abschließend möchte ich bekennen, dass ich meinen Gatten um seine damalige Begegnung mit Andrew Cunanan beneide. Ich finde die meisten Menschen dermaßen langweilig, dass mir die Bekanntschaft eines Serienkillers als faszinierende Abwechslung erscheint. Man sollte von seinen Mitmenschen aber auch nicht zu viel erwarten, jedenfalls nichts, was man nicht auch selber tun kann (alte Volksweisheit). In diesem Sinne sollte ich vielleicht einfach mal selbst … Also Sie hören von mir.


Trailer: „The Assassination of Gianni Versace“