I hated, hated, hated this Movie! (Zitate und Kondensate)

Frage an mich selbst: Werde ich in diesem Leben jemals wieder einen öffentlichen Kinosaal betreten? Wahrscheinlich nicht. Ist das schlimm, besteht gar Anlass zur Nostalgie? Ach ja, der besteht eigentlich immer öfter, je älter ich werde. Aber ich muss auch ehrlich sein: wenn ich mir für schlappe 11 Euro im Monat ein fast unbegrenztes Angebot an Filmen, Serien und Dokumentationen ins Haus holen kann, weshalb sollte ich mich dann für den selben Preis noch in ein fremdes Gebäude schleppen, nur um mir einen einzigen Film anzuschauen, noch dazu genervt von einer halben Stunde Werbung und einer Horde rülpsender Assis? Wer weiß, ob die Kinos überhaupt jemals wieder geöffnet werden? Was der Zeitgeist noch nicht plattgemacht hat, das treibt die Politik ebenso planlos wie energisch in den Ruin. In diesem Sinne: Support your global Streaming-Dealer. Sell him your soul, never look back! 

Es folgen nun also ein paar knappe Notizen zu Filmen, die mir in den letzten Monaten in Erinnerung geblieben sind. Die Überschrift habe ich mir übrigens von dem verstorbenen Filmkritiker Roger Ebert geborgt, einfach aus Jux und Clickbaiterei. Tatsächlich hasse ich nämlich keinen der folgenden Filme, ganz im Gegenteil. Selbst die eine Entgleisung ist eigentlich eine Empfehlung. Vorhang auf:

The White Tiger (2021)

Erst Ende Januar veröffentlicht, ist dies mein jüngstes Filmerlebnis. Ich hatte hier vor knapp vier Jahren schon etwas über die Romanvorlage geschrieben. Entsprechend gespannt war ich nun auf die Verfilmung. Ich fange mit dem Negativen an, denn das ist sehr schnell abgehakt: Natürlich fehlte mir im Vergleich zum Buch einiges, die Geschichte wirkte gerade am Ende arg zusammengepresst. Aber das liegt aber nun mal in der Natur von Romanverfilmungen (ich bin ja schon froh, dass sie keine Serie daraus gemacht haben). Es sind immer nur Kondensate. Abgesehen davon ist das Ding aber ziemlich großartig geworden. Das liegt ganz besonders auch an dem Hauptdarsteller, einem bisher eher unbekannten indischen Nachwuchsschauspieler. Für seine Rolle sollen zahlreiche Bollywood-Stars vorgesprochen haben, gelandet sind sie hier dann bestenfalls in den Nebenrollen. Über Adarsh Gouravs Leistung wurde in vielen Kritiken bereits ausgiebig gejubelt – sehr zu Recht, meine ich. Der Junge besitzt Charisma und Präsenz im Überfluss, so etwas habe ich in der Form schon lange nicht mehr gesehen. Und die zentrale Botschaft des Romans bleibt für mich auch im Film erhalten, universell und über die Zwänge der indischen Kastengesellschaft hinaus: Wer wirklich frei sein will, darf keine Angst haben. Muss ich noch erwähnen, wie aktuell mir dieser Gedanke momentan wieder erscheint? Bestes Zitat hier: I was looking for the key for years, but the door was always open. 

Trailer The White Tiger


The Vast of Night (2019)

Irgendwo wurde dieser Film als Retro-Science-Fiction-Juwel beschrieben, und so dämlich das einerseits klingt, so passend ist es andererseits auch. Dabei ist Geschichte eher ein Kammerspiel als klassische Science Fiction. Schauplatz ist eine Kleinstadt in New Mexico Ende der 50er Jahre. Während der Rest der Einwohner die heimische Basketball-Mannschaft anfeuert, halten zwei Teenager, beide Technik-Nerds, an einem warmen Sommerabend in ihren Studentenjobs die Stellung, das Mädchen in einer Telefonzentrale, der Junge als DJ eines kleinen Radiosenders. Bald jagen sie einem seltsamen Geräusch nach, für das es bis zum Ende des Films keine eindeutige Erklärung geben wird. The Vast of Night ist das Filmdebüt von Andrew Patterson, das er mit einem eher bescheidenen Budget selbst finanziert hat. Eine Hommage an die UFO-Paranoia des kalten Krieges, die ohne UFOs auskommt, aber atmosphärisch großartig erzählt wird. Bestes Zitat: There’s something in the sky!

Trailer The Vast of Night


Inside Llewyn Davis (2013)

Der stand schon länger auf meiner Liste, denn ich bin sowohl ein Fan von guten Musikfilmen als auch von Oscar Isaac. Letzterer hat fast den gesamten Soundtrack selbst eingesungen, was schon mal mindestens die Hälfte des Charmes ausmacht. Ansonsten könnte man das auch einfach als einen weiteren Road Movie der Coen Brüder beschreiben. Speziell wird dieser hier aber durch die Anspielung auf die realen Vorbilder der Folkszene im New York der 60er Jahre. Die Handlung orientiert sich recht nahe an der Biografie des Folkmusikers Dave Van Ronk, der damals hinter dem beginnenden kommerziellen Erfolg seiner Kollegen zurückblieb. So sieht man Oscar Isaac dann auch vorwiegend frierend, fluchend und frustriert durch die Landschaft ziehen. Dabei trifft er allerlei skurrile Figuren und darf unter anderem mit Justin Timberlake und Adam Driver Please Mr. Kennedy singen. 

Die Idee von Inside Llewyn Davis hat mich ein wenig an Grace of my Heart (1996) erinnert, einen Film, der lose auf dem Leben von Carole King basiert und der mich damals sehr beeindruckt hat. Auch wegen dem wunderbaren Soundtrack, der in diesem Fall komplett neu komponiert wurde. So ist dies also eine Empfehlung im Doppelpack, Inside Llewyn Davis und Grace of my Heart, in beiden lernt man ganz nebenbei auch etwas über eine prägende Ära der Popgeschichte. Bestes Zitat: Hooka Tooka Soda Cracker, does your mama chew tobacco?

Trailer Inside Llewyn Davis


The Score (2001)

Der beste Heist Movie, den ich kenne. Netflix hat den, wahrscheinlich zum 20-jährigen Jubiläum, wieder ins Programm genommen – für mich Anlass genug, ihn mir zum X. Mal anzuschauen. Er wird nicht alt. Auch wenn man den entscheidenden Plot Twist am Ende schon auswendig kennt. Robert DeNiro als Besitzer eines kanadischen Jazz-Clubs, der nebenbei Tresore ausräumt, Edward Norton in einer seiner besten Rollen und Marlon Brando in seiner letzten? Wer kann da bitte widerstehen? Bestes Zitat: Dany, Dany, I wish you had not come down here, man.

The Score (ein Clip, kein Trailer)


Days and Nights (2014)

Nun komme ich zu einer mittelschweren Naturkatastrophe. Dass ein Film so schlecht sein kann, dass er schon wieder gut wird, ist ein beliebtes Mantra von B-Movie- und Trash-Liebhabern. Wie aber bezeichnet man ein theatralisch überambitioniertes Projekt, dass einen irgendwo zwischen Kopfschütteln und Wachkoma zurücklässt? Das eigentlich Schlimme, ja Tragische an diesem Film ist, dass hier ein Ensemble von großartigen Schauspielern wirklich großartig spielt, der Regisseur aber rein gar nichts damit anzufangen weiß. Weil er sich nicht entscheiden kann, ob er Ingmar Bergman, Tarkowski oder Wes Anderson sein will. Praktisch jede Szene strotzt nur so vor unverschämten Zitaten und Holzhammer-Symbolik, selbst vor Stalker schreckt dieser altkluge Regie-Depp nicht zurück. Und dann soll das auch noch eine Tschechow-Adaption sein, in Neu England, Anfang der 80er … Ich habe darauf gewartet, dass irgendwann eine Kuh vom Himmel fällt, um das Ganze doch noch als Meta-Komödie zu entlarven. Passiert aber nicht. Es ist, was es ist. Ein grandios gespielter pathetischer Mist, unbedingt anschauen! (Kein Zitat, da der ganze gottverdammte Film ein Zitat ist.)

Trailer Days and Nights


Wie denn, was denn, keine Serien? Doch, eine einzige. Als Bonus möchte ich nämlich noch die aktuell beste Reality Show der Welt empfehlen: Buried by the Bernards! Auf der stetig wachsenden Müllhalde an Sendungen, in denen man anderen Leuten beim Häuser renovieren, Kuchen backen, abnehmen, heiraten und wasweißichnoch zusehen soll, ist diese drollige kleine Familiensaga eine echte Wohltat. Die Bestatter-Familie aus Memphis ist von Natur aus so komisch, dass man offenbar nur noch die Kamera draufhalten musste. Sie lachen, futtern, gehen sich gegenseitig ganz furchtbar auf die Nerven und bringen in ihrem herrlich geschmacklosen Sarg-Discount nebenbei noch die Nachbarschaft unter die Erde. Erste Bekanntheit erlangten die Bernards durch eine Reihe von selbstproduzierten Werbespots, in denen der exzentrische Onkel am Ende stets aus dem Sarg springt und den unschlagbar niedrigen Preisknüller heraus posaunt. Für den hätten sie wahrscheinlich auch Prince Phillip beerdigt – was dem Vereinten Königreich da an Kosten erspart geblieben wäre! Bestes Zitat (frisch aus dem Sarg): 1.850? My Family spent 5.000 Dollars!

Impf-Uschi 3000: Das letzte Gefecht

Als Gesellschaftsreporter der Herzen komme ich derzeit kaum zur Ruhe. Während der wiehernde Joko noch Schokoladentafeln für Afrika verhökert (siehe letzten Beitrag), werden gestandenere Promis jetzt im Namen der Volksgesundheit an die finale Front bestellt. Seit Tagen rumort es bereits im Netz: Die #Impfluencer kommen! Denn jetzt geht es um alles: Durchimpfen, Wegimpfen, Abspritzen – wer hat noch nicht, wer will noch mal? Was viele, vor allem jüngere Vakzinierungs-Enthusiasten wahrscheinlich nicht wissen: Uschi Glas krempelt bereits seit 1968 die Ärmel hoch. Auf dem unten abgebildeten Archivfoto sehen wir sie, vorbildlich armfrei, wie sie einen jungen Querdenker im einfühlsamen Gespräch zur Vernunft bringt. Überzeugungsarbeit fängt immer an der Basis an, Genossinnen und Genossen!

P.S: Sollte es Ihnen in der Warteschlange Ihrer lokalen Spritzen-Station zu langweilig werden, so greifen Sie bitte zum neuesten Bestseller aus dem Giftregal!

Das wiehernde Vakuum

Jokolade! Jokolade! Jokolade! So blökten die Plakatwände an den Bushaltestellen der Stadt. Seit Wochen hatte ich sie ignoriert, keine Ahnung, was das sein sollte: Jokolade! Jokolade! Jokolade! Vielleicht haben sie einfach nur die Yogurette umbenannt, dachte ich. Diesen überzuckerten Trash aus den 80ern, der in etwa so viel Yoghurt enthält wie eine Tunfischpizza, kauft doch wahrscheinlich niemand mehr. Aber die würde dann wohl eher Yokolade heißen, oder Yolorette – jetzt neu, veganisiert, entzuckert und zum doppelten Preis! Irgendwann wurde das Geblöke dann mit einem jungen Mann in einer Pelzjacke illustriert, offenbar das Gesicht der Kampagne. Ich habe dann aber wirklich noch eine ganze Weile gebraucht, bis ich den mit dieser dauerwiehernden Hackfresse in Verbindung bringen konnte, die seit Jahren ProSieben unsicher macht – ich bin ganz eindeutig nicht die Zielgruppe. Tatsächlich habe noch nie eine Sendung gesehen, die Jokoladen-Joko Winterscheidt moderiert hat. Trotzdem ist mir sein Gesicht bekannt, ein sicheres Zeichen dafür, wie penetrant dieser Mensch ist. Dieses Gesicht war und ist immer am Wiehern, hahaha, huhuhu, gacker-gacker, wieher-wieher. Warum der so viel wiehert, weiß ich nicht, aber ich werde einen Teufel tun, das herauszufinden. Joko ist nun also ins Fair-Trade-Schokoladen-Business eingestiegen – keine wirklich neue Idee, aber here we go again: mit einem prominenten Gesicht und dem lahmsten Wortspiel der Werbegeschichte. Denn in Afrika werden Kinder für billige Schokolade ausgebeutet, das hat Joko in einer seiner Wieher-Pausen herausgefunden. Und so reiht auch er sich ein die endlose Schlange der Unterhaltungs-Millionäre, die Gutes tun und gerne darüber berichten. Als erfahrener Millennial-Bespaßer füllt er damit quasi das Vakuum zwischen Iris Berben, Til Schweiger und der Generation Fridays for Instagram. Bis demnächst irgendeine 15-Jährige Lara-Lena mit nachhaltig gedrechselten Lippenstiften die Kindersoldaten in Ruanda befreit, muss das reichen.

Was zur Hölle …

Ursprünglich hatte ich vor, den folgenden Verriss als Anhängsel eines längeren Film- und Serien-Specials zu veröffentlichen. Ich habe mich nun aber entschlossen, meine Film-Empfehlungen noch etwas reifen zu lassen und stattdessen hier die Blog-Kollegin Annika kurzzeitig zu beglücken.

Also bitte, man stelle sich folgende Szene vor: Manhattan am Vormittag, der Maßanzug sitzt, die Schuhe sind geputzt, der Kaffee ist kalt. Zwei Anwälte stehen in einem Büro. Anwalt A knallt Anwalt B eine dünne Akte auf den Tisch. Anwalt B: What the hell are you doing in my office? … What the hell is this? … Get the hell out of my office! So lässt sich zeitsparend die Serie Suits zusammenfassen, in der die Herzogin von Sussex einst ihre Brötchen verdiente. Ende letzten Jahres schob mir Netflix das Ding plötzlich in die Empfehlungen und ich dachte „warum nicht?“ 

Darum nicht: Die Protagonisten dieser endlosen Seifenoper (gefühlte zweihundert Staffeln) agieren derart impulsiv und infantil, dass sie nicht mal als Angestellte eines Gartencenters glaubhaft erscheinen würden. Im letzteren Fall würde die Serie dann wohl „Schürzen“ heißen und nicht „Anzüge“, was deutlich weniger glamourös klingt. Um Glamour geht es hier aber vor allem. Der Alltag der angeblichen New Yorker Nobelkanzlei wird so dargestellt, wie ihn sich Klein-Fritzchen bzw. Klein-Influencer vorstellt: Gut gekleidete, überbezahlte Menschen jagen im permanenten Krisenmodus durch Büroräume, Termine werden abgesagt, Klagen und Vorladungen im Minutentakt aus der Hüfte geschossen, es wird seifenoperig intrigiert, teurer Scotch gesoffen und darum gestritten, wessen Name als nächster ins Logo der Kanzlei aufgenommen wird. Das Ganze wird natürlich auch noch mit reichlich Erotik und zwischenmenschlichem Drama gewürzt. Die Arschkarte hat dabei eindeutig die junge Anwaltsgehilfin Rachel (gespielt von Meghan Markle) gezogen. Sie wird mit dem größten Volltrottel der ganzen Story verbandelt, der eine der anfangs tragenden Rollen spielt, weshalb er leider dauerpräsent ist. Ich frage mich ernsthaft, ob die Hochzeit mit Prinz Harry nicht einfach nur ein aufgeplustertes Vehikel war, um endlich aus dieser Serie herausgeschrieben zu werden. Wie wir inzwischen wissen, kam Meghan dadurch aber nur vom Regen in die Traufe und musste sich fortan mit den schlechten Drehbüchern des englischen Königshauses sowie mit suizidalen Gedanken herumplagen … Fortsetzung folgt. Wenn die nicht demnächst ihr eigenes Kapitel in einer weiteren Fortsetzung von The Crown erhält, will ich Meghan Merkel heißen!

Nach Meghans Ausstieg wurde dann noch etwas frisches Blut in Form von Katherine Heigl in die Besetzung von Suits gepumpt. Sie darf hier eine Mischung aus moderner Alexis Colby und James Bond spielen, was immerhin spannender ist als alles, wofür Frau Heigl sonst so bekannt ist. Der erotische Plot konzentriert sich derweil wieder auf Spitzenanwalt und Oberanzug Harvey Specter (gespielt von Gabriel Macht) und seine alte Flamme Donna (gespielt von irgendeiner Rothaarigen). Donna ist so etwas wie die „gute Seele“ der Kanzlei, eine Identifikationsfigur für die Sekretärinnen und Brigitte-Leserinnen dieser Welt. Sie erscheint jeden Morgen stets als erste in einem neuen eng anliegenden Designerkleid im Büro, mischt sich permanent und ungefragt in sämtliche Angelegenheiten ein, reicht Harvey seinen Lieblingskaffe und liegt erwartungsgemäß am Ende in seinen Armen …*seufz*. Erwähnt werden sollte auch noch die Rolle des Louis Litt, der von Anfang an als neurotischer Gegenspieler seiner glamourösen Kollegen inszeniert wird. Eine eigentlich unterhaltsame Figur, die sich aber irgendwann nur noch nervtötend zwischen Komik und überzeichnetem Pathos aufreibt. Als Jude liegt Louis dann natürlich auch permanent auf der Couch seines (deutschen) Therapeuten, kein Klischee bleibt verschont. Am Ende wollte ich die ganze Mannschaft aus dem Fenster ihres Konferenzraumes schubsen und ihnen ein herzhaftes „Get the hell out of my office!“ hinterherrufen. Und allein für diese billige Punchline hat sich der Text schon gelohnt. Eine positive Sache habe ich aber doch noch zu berichten: der Titelsong ist tatsächlich ganz gut, Greenback Boogie, was auch immer das heißen mag.

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Seitdem ich mich wieder von Twitter verabschiedet habe, ist mein Input an überflüssigem Nachrichten- und Hashtag-Müll deutlich zurückgegangen. Das war auch der Plan. Ab und zu stolpere ich aber dennoch über den ein oder anderen amüsanten Murks, wie jüngst den #OrgasmGap. Die Aufgabenliste des modernen Feminismus scheint immer länger zu werden: 50 Prozent Frauenquote, Gratis-Tampons, vollinklusive Grammatik und jetzt auch noch die Orgasmuslücke! Kann sich noch jemand an Annie Sprinkle erinnern, die ehemalige Pornodarstellerin und spätere Performance-Künstlerin? Die hatte mal den Begriff des Laughgasm geprägt – per Lachflash zum Höhepunkt sozusagen. In diesem Sinne sind die Aktivist*innen vom Kommando #OrgasmGap bereits auf dem richtigen Weg. Noch ein paar solcher Schoten und die Lücke ist geschlossen. Endziel 100 Prozent – an die Arbeit, Schwestern!

Entdeckungen

Ich dachte, ich kenne die Welt. Bis ich Anfang dieser Woche an der Botschaft von Dschibuti vorbeilief. Dschibuti, Dschibuti … was zur Hölle ist Dschibuti und wo liegt das? Mein Leben lang wähnte ich mich sicher in Erdkunde, berichtete hier sogar über stolze Mikronationen wie die freie Republik Molossia und das Königreich Ur, dabei ist mir in all den Jahren ein ganzes Land in Westafrika durch die Lappen gegangen! Ein herzlicher Gruß geht an dieser Stelle also an die Bewohner der Republik Dschibuti, die ich als Teil der Völkergemeinschaft bisher so sträflich übersehen hatte. Meine Wissenslücke war schnell aufgefüllt: seit 1977 unabhängig, weitgehend islamisiert, geopolitisch interessant gelegen, touristisch bisher aber wenig erschlossen, dümpelt Dschibuti am unteren Ende der Hitliste der Nationen vor sich hin. Das Wetter ist heiß, die Arbeitslosigkeit hoch und die allgemeine Lebensqualität liegt nur knapp über der von Mönchengladbach. Vielleicht wurde die Botschaft von Dschibuti auch deshalb in einen eher unscheinbaren Bürobau in der Kurfürstenstraße verfrachtet, immerhin sehr zentral gelegen, in fast direkter Nachbarschaft zum Zoologischen Garten. 

Was mich zu einem anderen Thema bringt: Die Kinder vom Bahnhof Zoo sind zurück. Nicht auf der Straße, aber auf Amazon Prime. Ich habe nur den Trailer gesehen, war damit aber bereits ausreichend bedient. Um Authentizität ging es bei der Geschichte ja noch nie, eher um Voyeurismus. Christiane F. wurde genau in dem Moment zur modernen Folklore, als ein paar notgeile STERN-Reporter deren verkorkste Jugend zum Bestseller hochschrieben. In Uli Edels Kinoversion von 1981 wurde aber wenigstens noch berlinert, und der echte David Bowie stand noch auf der Bühne. Die neue Serien-Verfilmung sieht dagegen aus wie Babylon Berlin, nur mit 70er-Jahre-Tapeten – aufgemotzter Kulissenkitsch, wie man ihn von den historisch angemalten deutschen Großproduktionen der letzten Jahre kennt. Nein, Danke.

Derart angestachelt, werde ich hier demnächst auch wieder etwas zu Filmen und Serien schreiben, die ich tatsächlich gesehen und für bemerkenswert befunden habe, im positiven wie auch negativen Sinne. Da hat sich in den vergangenen Monaten einiges angesammelt, das noch auf mein strenges Urteil wartet. Vielleicht entdecke ich in der Zwischenzeit ja sogar noch ein paar neue Botschaftsgebäude und Kleinstaaten.

You ain’t black

2016 versuchte Donald Trump die afroamerikanischen Wähler mit einer simplen Frage auf seine Seite zu locken: „What do you have to lose?“ Ja, was hatten sie eigentlich zu verlieren? Vier Jahre später beantwortete Joe Biden diese Frage für sie: ihre Hautfarbe bzw. ihre soziale Identität. Denn wer nicht für ihn, sondern für den bösen Donald stimmt, der ist eben nicht wirklich schwarz. „You ain’t black“, so einfach ist das. Die Demokraten sind sehr stolz darauf, dass inzwischen jeder sein Geschlecht frei wählen darf, aber ein Schwarzer, der die Republikaner wählt? Das geht nun wirklich zu weit. Daher wurde wohl auch das Narrativ des allgegenwärtigen systemischen Rassismus im Black-Lives-Matter-Superwahlkampf 2020 noch mal besonders derbe durchgepeitscht. Wenn man den Statistiken glauben darf, hatte Trump am Ende dann trotzdem deutlich mehr Stimmen von Schwarzen, Latinos und Homosexuellen erhalten als noch 2016. So eine verdammte Rasselbande – alle nicht mehr Black, Latinx oder LGBTQXYZ_* … !

Als Kanye West vor einigen Jahren Donald Trump im Weißen Haus besuchte, mit MAGA-Basecap auf dem Kopf und einer Armee aus Pressefotografen im Gefolge, wurde dies vor allem als Zeichen seiner fortschreitenden geistigen Verwirrung gedeutet. Kanye, der Übergeschnappte, kennt man doch. Eine andere Erklärung schien ausgeschlossen. Als seine Frau Kim wenig später ebenfalls bei Trump zu Gast war, gab es schon deutlich weniger Rummel. Dabei wird doch sonst gerne jeder Atemzug der Kardashian-Bande zum medialen Großereignis erklärt. Diesmal nicht, denn Kim K. setzte sich zu dieser Zeit für eine Reform des Strafrechts ein und hatte Trump tatsächlich dazu gebracht, mehrere Frauen zu begnadigen, die wegen geringer Drogendelikte zu teilweise lebenslangen Haftstrafen verurteilt waren. Also genau solche Fälle, wie sie Kamala Harris in ihrer Funktion als Haftrichterin einst gerne mal hinter Gittern brachte. Lustig, oder?

Für wen Trump nun die bessere oder schlechtere Alternative war oder noch immer ist, mag ich nicht zu beurteilen. Aber es wäre doch wirklich nett, wenn man diese Entscheidung den Wählern, egal welcher Herkunft, einfach mal selbst überlassen würde, ohne immer gleich mit dem Weltuntergang, psychiatrischen Gutachten oder dem Entzug des Minderheiten-Mitgliedsausweises zu drohen.


Zu dem ganzen Gezeter um Rasse und Ideologie sowie den immer bizarreren Auswüchsen von Identitätspolitik und postmodernem Antirassismus habe ich in den letzten Tagen einige interessante Texte gelesen. Der Kollege Driesen macht sich zum Beispiel anlässlich des heroischen Bekenntnisses der New York Times zu einem Großbuchstaben seine ganz eigenen Gedanken: „Identitär mit großem B.“ Die fixe Idee, durch Typografie und Rechtschreibung neue, gar gerechtere Realitäten herbeizuzaubern (bereits bestens bekannt aus der Gender-Ecke) wird also munter weitergesponnen.

Schon länger, sehr ausführlich und kritisch befasst sich Sebastian Wessels auf seinem Blog homo duplex mit dem Thema Antirassismus. Zu empfehlen ist hier vor allem der Beitrag „Du darfst nur nicht mitspielen“, ein Auszug aus seinem Buch „Im Schatten guter Absichten“. Ich weiß nicht, wann genau das angefangen hat, dass eben jene ehemals guten Absichten – gleiche Rechte für Alle, unabhängig von Hautfarbe, Status, sexueller Orientierung etc. – zu einem derart freiheitsfeindlichen Identitäts-Fetischismus umgekrempelt wurden. Irgendwann wurde die Sache jedenfalls von einer neuen Generation stramm durchideologisierter Aktivisten gekapert, die Menschen nur noch als wandelnde Stempel und Sklaven ihrer Herkunft wahrnehmen und die tatsächlich glauben, nur weil sie sich ein Anti- vor den Namen kleben, moralisch unangreifbar zu sein (siehe auch Antifa), die wohl billigste Masche der Welt.

Während der rhetorisch eher ungelenke Joe Biden seinen abtrünnigen schwarzen Mitbürgern noch schlicht „You ain’t black“ bescheinigte, hat der akademische Teil des neuen Antirassismus längst neue dufte Begriff wie Multiracial whiteness oder politically black erfunden, womit wir dann endgültig bei der Loslösung von politischem Neusprech und Hautfarbe angelangt wären:

In a (since deleted) 2020 tweet, Nikole Hannah-Jones, curator of the “1619 Project” for the New York Times, declared that there is a difference between being black and being politically black. She failed to provide an adequate definition for this latter term, but the distinction appears to permit blacks to be expelled from the Community of the Good if they do not meet Hannah-Jones’s ideological requirements for membership of their own racial group.

(Erec Smith, „Towards Practical Empowerment“)


Sie auch: #Mewho?

Beschwerden Sie sich nirgendwo

Seit Wochen wird mein Spam-Ordner mit den ewig gleichen Nachrichten der Sorte „Preisknüller im REWE-Markt!“ geflutet. Sehr unpersönlich das Ganze. Um so erfreuter war ich über den folgenden ebenso unterhaltsamen wie detailreichen Erpresserbrief, so etwas bekommt man heutzutage ja leider kaum noch.


Grüß Gott!

Ich habe beobachtet Ihr Gerät im Netz seit langer Zeit und habe es geknackt. Es war einfach für mich, weil ich mich damit schon lange beschäftige. Wann Sie besuchten die pornografische Webseite ich habe angesteckt Ihr Computer mit dem Virus, der sicherte mir vollständigen Zugang zu Ihr Gerät, inklusive die Kamera, das Mikrofon, die Anrufe, die Messenger, zu all dem was geschieht am Bildschirm, zum Telefonbuch, zu Passworten aller sozialer Netzwerken  und weiteres.

Um das Handeln meines Virus zu verstecken, ich habe gebastelt ein sonder-Driver, updated alle einige Stunden und daher vollständig unnachweisbar. Ich habe herunterladen das Video aus Ihrem Bildschirm und Ihrer Kamera und habe geschnitten ein Video auf dem in einem Teil des Bildschirms Sie masturbieren und der andere Teil zeigt ein Porno-Video die Sie gleichzeitig schauten. Ich kann schicken jederzeit allerlei Daten aus Ihrem Gerät ins Internet oder an alle jene, die stehen an Ihrer Kontaktliste, an den Messengern oder in  sozialen Netzwerken. Außerdem, ich kann bereitstellen den Zugang zu Ihren Messengern, sozialen Netzwerken oder zum E-Mail jedem beliebigen Menschen. Wenn Sie dies vermeiden wollen tun Sie folgendes- Überweisen Sie auf meine Bitcoin-Geldbörse 1200 amerikanische Dollars.

Adresse meiner Bitcoin-Geldbörse: bc1q3dwsh4ryljth0yemny3wp6pe87dkheaxyg9q32

Sie haben 48 Stunden zur Überweisung. Andernfalls ich werde alles Obenstehende dürchfuhren. Der Zeitgeber hat gestartet automatisch sofort nachdem Sie den Brief eröffnet hatten. Die Meldung über Eröffnung dieses Briefs bekomme ich auch automatisch. Wenn Sie wissen nicht wie man das Geld überweist und was ist Bitcoin, schreiben Sie die Anfrage in Google „Bitcoin kaufen“. Sofort nach Erhalt der notwendigen Summe das System wird mich automatisch benachrichtigen und wird anbieten aus meinen Servern alle von Ihnen erhaltene Daten zu löschen. Und ich werde das Löschen bestätigen.

Beschwerden Sie sich nirgendwo – meine Geldbörse kann nicht nachgefolgt werden und der E-Mail aus dem der Brief wurde geschickt wird erstellt automatisch und es ist sinnlos mich etwas zu schreiben. Sollten Sie diesen Brief irgendjemandem teilen wollen, das System wird die Anfrage auf die Server automatisch schicken und diese werden Ihre Daten in sozialen Netzwerken veröffentlichen. Außerdem, der Wechsel von Passworten in sozialen Netzwerken, von E-Mail und am Gerät wird Sie nicht helfen, weil alle Daten sind bereits herunterladen am Cluster meiner Server. 

Ich wünsche Sie viel Glück und tun Sie keinen Blödsinn.


Was für ein Aufwand: Virus versteckt, vollständig unnachweisbaren Sonder-Driver gebastelt, Videos geschnitten – hier war eindeutig ein Profi am Werk. Dafür erschienen mir 1.200 US-Dollar eine eher bescheidene Entschädigung. Der Erpresser hatte jedoch richtig vermutet: ich habe keine Ahnung von Bitcoins. Wie mir aufgetragen, setzte ich also umgehend die Anfrage „Bitcoin kaufen“ bei Google ab. Danach war ich allerdings genauso schlau wie zuvor. Was nun? Ich hatte nur noch 48 Stunden Zeit (der Zeitgeber hat gestartet automatisch!) und beschwer(d)en konnte ich mich nirgendwo. Panisch rannte ich zum nächsten ATM-Automaten, hob die geforderte Summe in bar ab, steckte sie in einen an bc1q3dwsh4ryljth0yemny3wp6pe87dkheaxyg9q32 adressierten Umschlag und ließ diesen dann von einem vollständig unterbezahlten UBER-Driver zum nächsten Briefkasten fahren. Jetzt kann ich nur noch hoffen und beten. Sollten Sie mich demnächst masturbierend auf Linkedin sehen, wissen Sie, dass es nicht funktioniert hat. Bleiben Sie mir dennoch gewogen und tun Sie keinen Blödsinn!

My ever changing moods

Aufmerksamen Besuchern wird aufgefallen sein, dass ich hier entgegen früheren Erklärungen wieder eine kleine Link-Liste angeklebt habe. Neues Jahr, neue Widersprüche. Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen, fragwürdige Blogrolls sowie ein unkontrollierbarer Hass auf Haustiere und das Establishment – so kündigt sich das männliche Klimakterium an!

Verbraucherhinweise für den Pestarzt: Wenn man sich schon überflüssige Kosmetik zulegt, warum muss es denn unbedingt so ein Billigschrott sein? Wie wäre es mit dieser nobleren Alternative? Das sieht dann auch nicht aus wie Sperma im Bart (übrigens eine eigene Pornhub-Kategorie, wenn ich mich richtig erinnere). Ich kaufe doch auch keinen Wein-Verschnitt von LIDL und erwarte eine orgiastische Geschmacksexplosion mit schokoladig-samtigem Abgang. Bei Kaufland gibt es jetzt übrigens Jack-Daniels-Cola schon für 1,99 Euro die Dose. Run, don’t walk! Ich schreibe das hier nur, weil das liebe Doktorchen keine Kommentarfunktion in seinem Blog hat. Hier dagegen kann weiterhin frisch und frei kommentiert werden. Wortmeldungen, die sich nicht als 100-prozentig zustimmend, gerne auch dankbar oder jubelnd erweisen, werden im Sinne eines offenen demokratischen Diskurses in Grund Boden zensiert. Logisch.

Abbildung: Die Stimmung der jungen Aktivistin Lena-Karina Kalaschnikow kippte in genau dem Moment, als sie bemerkte, dass die Luftballons, die ihr die Heinrich-Böll-Stiftung anlässlich der offiziellen Kundgebung für mehr Pluralismus im Internet zur Verfügung gestellt hatte, statt des zugesagten Heliums nichts als leere Versprechungen enthielten.

Homo homini lupus

Ein beliebtes Klischee besagt, dass sich alleinstehende Frauen in den mittleren Jahren Katzen anschaffen. Auf viele trifft das wohl auch zu. Noch öfter aber schaffen sie sich Hunde an. Und es sind nicht nur Frauen, auch Männer, alleinstehend oder nicht, sehnen sich nach dem Beistand der ständig um Aufmerksamkeit hechelnden Viecher. Ich beobachte das mit zunehmendem Befremden. Wenn sonst nichts läuft im Leben – ein Hund läuft einem immer hinterher! Wäre ich ein professioneller Hunde-Dealer, wäre das mein Werbeslogan. Ist der Mensch des Menschen Wolf? Oder doch eher des Menschen Rottweiler? Vor allem ist der Mensch des Menschen Zumutung, besonders in der Großstadt und ganz besonders in der Begleitung von Hunden. Eine Zumutung für alle, die selbst keine Hunde haben, also für Menschen wie mich. Und wie Fran Lebowitz. Die forderte bereits vor über vierzig Jahren in ihrem satirischen Buch „Metropolitan Life“ die Verbannung sämtlicher Haustiere, speziell der Hunde, aus dem öffentlichen Raum. Dem Einwand, dass Hunde doch aber für die Blinden und Einsamen sehr wichtig wären, begegnet sie mit dem Vorschlag, dass dann eben die Einsamen die Blinden herumführen sollten. So hätten die einen Gesellschaft und die anderen wüssten, wo es lang geht. Was ist dagegen einzuwenden? Ich unterstütze diesen Vorschlag nach wie vor. Erinnert wurde ich daran durch die Dokumentation „Pretend it’s a City“, die Martin Scorsese über Fran Lebowitz gedreht hat. Die Frau ist eine großartige New Yorker Neurotikerin alter Schule. Ein Vorbild.

Sonst noch Fragen? Ach ja, wo sollen denn bitte all die verbannten Hunde hin? Vielleicht in die Mongolei. Dort können sie dann kollektiv Wolf für Arme spielen, sich gegenseitig anbellen und die Wüste Gobi zukacken. Oder denken Sie etwas weiter südlich, an den chinesischen Lebensmittelmarkt. Seien Sie kreativ, ich kann nicht für alles eine Antwort haben.