Berufskrankheit

Ich laufe oft an einer dieser Orange leuchtenden Filialen der Firma SIXT vorbei. Dort sehe ich immer nur eine einzige Angestellte hinter einem Schalter stehen, niemanden sonst, keine Kollegen, kein Kunde. Kein Mensch scheint sie in ihrer orangefarbenen Welt zu besuchen. Sie steht dort also den lieben langen Tag wie in einer Lavalampe eingeschlossen, sieht nur Orange und macht sich orangene Gedanken. Direkt daneben das Gleiche in Grün, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn in der benachbarten Europcar-Filiale steht ebenfalls stets eine einsame Frau hinter ihrem Schalter, eingehüllt in ein strahlendes Grün. Auch sie ist Gefangene einer Farbe. Grüne Wände, grünes Licht, grüne Gedanken. Irgendwann einmal, so stelle ich mir vor, werden die beiden Frauen aus lauter Langeweile beschließen, nur für einen Tag die Plätze zu tauschen. Am Ende dieses Tages werden sie komplett erblindet sein.

kontrast

 

Advertisements

Ethik gerettet, Debatte ersoffen

Die einen verstecken die Hälfte ihrer Texte hinter Bezahlschranken, die anderen lassen sich mit aktiviertem Adblocker überhaupt nicht mehr lesen. Erwischt man dennoch mal ein Gratisangebot ohne Werbebanner, so darf man sich durch eine Mauer von Warnhinweisen und Spendenaufrufen klicken. Ein großer Teil des Online-Journalismus hat sich mittlerweile derart verbarrikadiert, dass ich mich frage, für wen da eigentlich noch geschrieben wird. Für mich jedenfalls nicht, denn ich ignoriere aus Prinzip sämtliche Zwangs- oder Bettelangebote. Für mich gibt es kaum etwas Wertloseres als die tägliche Kommentarflut zum aktuellen Weltgeschehen, egal für wie kompetent und qualifiziert sich die jeweiligen Absender halten. Natürlich verstehen sie sich alle als Bewahrer von Demokratie und Meinungsvielfalt, und dafür wollen sie auch bezahlt werden. Dabei weiß Jakob Augstein heute auch nicht besser über Donald Trump oder die Lösung der Flüchtlingskrise Bescheid als mein Friseur.

Die Einzigen, die offenbar noch mehr von sich eingenommen sind als die Berufsschreiber hinter ihren Paywalls, sind deren Leser. Was passiert, wenn die mal ganz ungeschützt mit einer etwas abweichenden Wortmeldung konfrontiert werden, kann man derzeit bei der ehrwürdigen ZEIT beobachten. Dort hat eine gewisse Mariam Lau in ihrem Beitrag nicht etwa zum Ertränken von afrikanischen Flüchtlingen aufgerufen (wie man aufgrund des unverzüglich einsetzenden Entrüstungssturms vermuten musste), nein, sie hat lediglich das moralische Dogma einer unbedingten Solidarität mit selbsternannten Seenotrettern infrage gestellt. Es ist eine Sichtweise, die man nicht teilen muss, die sich aber durchaus aushalten lässt – sofern man es denn mit der Meinungsvielfalt tatsächlich ernst meint. Stattdessen bedauert die Redaktion, dass sich so viele Leser „in ihrem ethischen Empfinden verletzt“ gefühlt haben. Wer fünf Euro pro Woche für Qualitätsjournalismus bezahlt, hat bei der ZEIT offenbar Anspruch auf Schutz vor gesundgeitsschädlichen Debatten. So präsentiert sich die aktuelle deutsche Streitkultur: überspannte Christen im Kampf um die moralische Überlegenheit, die sich gegenseitig als Gutmenschen oder Faschisten beschimpfen. Jesus-Fucking-Christ! Die Dehumanisierung der Anderen findet wohl nicht nur im Mittelmeer statt. Alles weitere erfahren Sie beim Friseur ihres Vertrauens.

Böses Blut

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, so oder ähnlich wird Helmut Schmidt, der prominenteste Aschenbecher der alten Bundesrepublik, seit Jahrzehnten gerne zitiert. Schwenk ins Silicon Valley: Die ambitionierte Jungunternehmerin Elizabeth Holmes ging mit ihren Visionen nicht direkt zum Arzt, sondern erst einmal dorthin, wo offenbar das ganz große Geld noch immer recht locker sitzt. Ihr einst als revolutionär gepriesenes Bluttest-Startup Theranos hat sich inzwischen leider als milliardenschwerer Schwindel erwiesen, Frau Holmes sieht sich in juristischer Bedrängnis und nach einem weiblichen Steve Jobs muss dann doch woanders gesucht werden. Immerhin schuf sie damit aber die Vorlage für einen spannenden Wirtschaftskrimi. Und Jennifer Lawrence darf sich demnächst wohl über eine neue Oscar-Nominierung freuen. Applaus!

Selten hat ein Journalist ein betrügerisches Unternehmen so eigenhändig und gründlich zum Einsturz gebracht, wie es John Carreyrou im Fall Theranos gelungen ist. In seinem jetzt in den USA erschienenen Buch „Bad Blood“ zeichnet der Investigativreporter des „Wall Street Journal“ die Geschichte einer Gründerin nach, die ihre Ambition auf düstere Abwege führte. Aus mehr als 50 Interviews mit ehemaligen Theranos-Mitarbeitern und weiteren Beobachtern hat Carreyrou eine Ikarus-Geschichte entwickelt, die so laut „filmreif“ schreit, dass der für „The Big Short“ oscarprämierte Regisseur Adam McKay sich die Rechte bereits Monate vor Veröffentlichung des Buches sicherte – die Hauptrolle soll Jennifer Lawrence spielen.

(Quelle: Handelsblatt)


 

page_1

Visionärin Elizabeth Holmes, formerly known as „The next Steve Jobs“. Siehe auch: Most of the Mostest!

Ohnsorg-Theater 2018

Das Vokabular gab die Marschrichtung vor: Chaos, Megakrise, Deutschland am Abgrund – darunter macht es der nationale Erregungs-Journalismus nicht. Wieder einmal wurden sämtliche Szenarien durchgespielt: Kanzlersturz, Neuwahlen, das Ende der EU, Zombie-Apokalypse … Goodbye Sommerloch, haut in die Tasten! Statt einer lautstarken Eskalation servierte Mutti zum gestrigen Abendessen dann aber doch wieder nur lauwarme Kartoffelsuppe, also einen faulen Kompromiss mit ungewissem Ausgang. Hauptsache es ist Ruhe im Karton. Merkel bleibt Kanzlerin, Seehofer bleibt Innenminister und Löw bleibt Bundestrainer. Ohnsorg-Theater statt Götterdämmerung. Knallen wird es dagegen auf jeden Fall morgen wieder auf der anderen Seite des Atlantiks, zumindest während der offiziellen Fourth-of-July-Böllerei. Raten Sie mal, auf welche chinesischen Produkte Donald Trump bisher noch keine Strafzölle erhoben hat. Richtig: auf Feuerwerkskörper. Kawumm! War was?

Wie man nicht erschossen wird …

„First of all, we’re going to figure out the right way to talk to the police so they feel more empowered to not shoot you. Then we’ll take a look at how to put cops at ease, since being a cop can be very scary, especially when you’re dealing with very scary black people. And if you do get shot, let’s not rush to judgment. Sure, being shot can be upsetting, but we don’t want to paint all cops with the same brush. After all, they’ve been through a traumatic experience. Are you ready to not get shot? Let’s go!“

how-not-to-get-shot

Sogenanntes Racial Profiling fängt manchmal recht harmlos an. Zum Beispiel damit, dass mein dunkelhäutiger Ehemann in einem Berliner Krankenhaus gefragt wird, ob er eventuell verdorbenes Fleisch aus einem Afroshop gegessen habe (er ist US-Amerikaner) oder ob er Basketball spiele, er wäre doch so groß und athletisch gebaut. Es ist doch nicht böse gemeint, aber man kennt doch die Schwarzen, man weiß doch Bescheid. Kein Grund, sich künstlich aufzuregen, oder? Wir können darüber lächeln, es als Missverständnis oder gutgemeinte Ignoranz abtun. Wir wollen mal nicht übertreiben, richtiger Rasissmus sieht doch anders aus, nicht wahr? Und überhaupt, was hat das denn mit der Polizeigewalt in den USA zu tun? Es kommt wohl darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachtet, und ob man gerade mit einer Krankenschwester oder mit einem Polizisten spricht. In diesem Sinne, hier meine aktuelle Lese-Empfehlung: „How Not to Get Shot: And Other Advice From White People“ – ein ebenso bitterer wie unterhaltsamer Kommentar von D. L. Hughley über mehr oder weniger harmlose Vorurteile und deren mitunter tödliche Folgen.

 

Altstoffsammlung

Dem edlen Weltgeist, vielleicht auch nur meinem fortgeschrittenen Alter sei’s gedankt, dass ich so gut wie nie zu meiner politischen Gesinnung befragt werde. Nehme ich aus Jux an einem dieser Online-Tests teil, durch die man eben jene Gesinnung angeblich ermitteln kann, so kommt meist eine Mischung aus antideutschem oder anarcho-libertärem Hippietum heraus. Dafür gibt es in diesem Land keine wirklich große Lobby. Ich bin somit mein eigener Lobbyist und halte es sowieso zunehmend mit Nietzsche, der Überzeugungen als Gefängnisse bezeichnete – oder auch mit dem großen Robert Anton Wilson, der Belief Systems gerne mit BS abkürzte, was gemeinhin ja auch für Bullshit stehen kann.

Mir tun Menschen mit felsenfesten Überzeugungen leid, sie haben es in diesen unübersichtlichen Zeiten wahrlich nicht leicht. Vor allem bedauere ich jene, die sich noch immer unbedingt als politisch „links“ verorten und gleichzeitig einen Großteil ihrer Zeit mit der mühsamen Diskussion darüber verbringen, was das eigentlich sein soll: links. Was haben Karl Liebknecht, Ulrike Meinhof, Erich Honnecker, Inge Meisel, Heinrich Böll, das Hausbesetzer-Kollektiv „Rote Grütze“ und Gregor Gysi gemeinsam? Sie alle waren oder sind links, auf ihre eigene Art. Geeint im Kampf für eine gute und gerechte Welt, zerstritten in der Wahl ihrer Methoden (wahlweise Tarifverhandlungen, Guerillakampf oder politische Umerziehung). Ich denke, grundsätzlich existiert links nur gegenüber von rechts. Wer sich links verorten will, braucht also den Sparringspartner in der anderen Ecke. Ohne Ungerechtigkeit keine Gerechtigkeit, ohne schwarz kein weiß, ohne Ying kein Yang … blablabla, sprich: ohne Kontrast keine Sichtbarkeit. Vielleicht wird daher das Prädikat „rechts“ auch bevorzugt von links verliehen, bleibt es doch der einzig verlässliche Garant für die eigene Sichtbarkeit. Die Rechten werden daher mit wachsender Identitätskrise der Linken auch immer zahlreicher, denn nur der Feind vermag noch zu vereinen. Oder auch nicht, denn schon flackert die nächste linke Sammlungsbewegung am Horizont. Die Linken haben mittlerweile mehr Abspaltungen, Seperations- und Sammlungsbewegungen hinter sich als die christliche Kirche. Die aktuelle deutsche Linkspartei entstand schließlich auch nur aus einer Sammlung der ehemaligen SED und einem Haufen Oskar-Lafontaine-Plakaten, das ist noch gar nicht so lange her. Nun soll also wieder neu gesammelt werden, denn: linker geht immer.

Parteiversammlung

Wer sich nur weit genug links versammelt, landet irgendwann … nein, nicht rechts, sondern erst einmal beim Genossen Kim Jong-un. Von ihm geht entsprechend gesetzmäßig nun auch der neue Weltfrieden aus – zumindest bis Präsident Matschbirne das Ganze wieder mit seinem Hinterteil (also seinem Twitter-Account) einreisst. Was werden wir wohl eher erleben: die Abrüstung Nordkoreas oder Sahra Wagenknecht als Bundeskanzlerin? Und was ist davon zu halten, dass die Autokorrektur meines Textprogramms aus „Verortung“ ständig eine „Verrottung“ machen will? Jetzt machen Sie sich über all das mal ein paar hübsche Gedanken.

Okay Ladies, now let’s get in*formation*

Nun ist es ja so, dass Sprache das Anarchischste ist, was die Menschen haben: Entwickelt sich einfach so weiter, Leute sagen plötzlich „Schland“ und alle wissen, was gemeint ist, reden von Hashtags und alle nicken mit dem Kopf – oder auch nicht, was egal ist, denn eine Sprachpolizei, die uns vorschreibt, wie wir zu sprechen und zu schreiben haben, gibt es nicht, Gott sei Dank. Auch der Rat für deutsche Rechtschreibung, der sich jetzt besprochen hat (vorerst ergebnislos) und vielleicht irgendwann Empfehlungen aussprechen wird (die dann in den vorderen Teil des Dudens wandern, den eh niemand liest), ist keine Sprachpolizei und will auch keine sein. Und eigentlich ging es auch nur am Rande um das Sternchen, den sogenannten Asterisk.

(Süddeutsche, 08.06.2018)

Wenn ich das richtig einschätze, habe ich hier ca. zwei regelmäßige Leserinnen, wahrscheinlich sogar drei. Damit meine ich Frauen, Menschinnen mit einem Binnen-I, weibliche Wesen mit weiblichen Geschlechtsorganen und allem drum und dran. Rechne ich das auf meine insgesamt wahrscheinlich nur fünf regelmäßigen Leser*innen (bzw. „Leserinnen und Leser“, „Lesende“, „Lesemenschen“, „LeseXe“) hoch, so kann ich mit Stolz verkünden, dass ich wohl zumindest die Frauenquote übererfüllt habe. Schön wäre es, wenn ich auch mindestens einen Vertreter der LGBTQ*XYZetc.-Gemeinschaft zu meinem Publikum zählen dürfte, wobei ein genderqueer-fluides Wesen natürlich schon ein wenig prickelnder wäre als z.B. einfach nur ein schwuler Mann, letzteres bin ich schließlich schon selbst. Sollte sich in meiner imaginären Leserschaft überraschenderweise auch ein MOSFI („Menschen ohne Sinn für Ironie“ – eine stetig wachsende Minderheit, die sich ihr eigenes Satzzeichen erst noch verdienen muss) befinden, so würde ich diesem Menschen nun gerne folgendes erklären: Nein, ich glaube nicht, dass unser Zusammenleben durch offizielle Sprachregelungen leichter oder gerechter wird. Natürlich ließe sich gerade die deutsche Sprache (in der DER Mensch ansich ja schon ein männliches Pronomen trägt) gendertechnisch beliebig ausbessern oder erweitern. Schließlich entwickeln sich Grammatik und Rechtschreibung seit Jahrhunderten aus den unterschiedlichsten Gründen weiter, warum also nicht auch aus diesem? Hilft das aber tatsächlich irgendjemandeX, um sich in dieser Gesellschaft anerkannter zu fühlen? Zurecht wurden seinerzeit (ihrerzeit, Xzeit … damals) die Sprachexperimente von „ProfessX“ Lann Hornscheidt an der Humboldt-Uni belächelt – nicht weil sie im Ansatz falsch wären, sondern weil deren Ergebnisse so ungelenk und unfreiwillig komisch wirkten. Je ernsthafter etwas betrieben wird, desto ulkiger wirkt es nun mal (das gilt übrigens ebenso für die selbsternannten Gegner des ProfessX). Und ja, ich kann jemanden durchaus respektieren und mich gleichzeitig über ihn lustig machen. Ich habe „ihn“ geschrieben, denn über Frauen würde ich natürlich niemals Witze machen, das versteht sich doch von selbst!

Was mich zum eigentlichen Anlass dieses wirren Textes bringt. Liebe Frauen, Ladies, Sugarmamas, weibliche Wesen, die Sie diese Zeilen lesen: was kann ich tun, um Ihnen die Lektüre, wohlmöglich gar das gesamte Dasein, zu erleichtern? Soll ich meine Pronomen checken? Neue Satzzeichen einführen? Weiblicher schreiben? Oder wollen Sie mir vielleicht einfach nur mal in die Eier treten? Wie soll es weitergehen?

*Headline sponsored by Beyoncé