Zeit der Zärtlichkeit

Liebe in Zeiten der Marktwirtschaft – voll die Härte:0479

Liebe in Zeiten der Planwirtschaft – auf den Hund gekommen:AttilaDerHundi 

Dazu passend:

Lenin hat immer gesagt, die Bewegung kommt aus den Provinzen, und die Frau ist die Provinz des Mannes.
(Heiner Müller, „Krieg ohne Schlacht“)

Schnauze voll vom ewigen Rücken frei halten und Gassi gehen? Wollen Sie den Alten endlich zur Hölle schicken, haben den hauseigenen Folterkeller aber gerade mit Wahlplakaten zugestellt? Dann bringen Sie doch mal Schwung in den Valentinstag und buchen Sie den Schlussmach-Service im Berlin Dungeon! In other News: möglicherweise bekommt Deutschland bald sein erstes schwules Kanzlerpaar. Der Mann von Jens Spahn leitet das Hauptstadtbüro der BUNTEN, es gibt dann also hoffentlich auch mal ein paar glamouröse Homestories statt der unscharfen Urlaubs-Schnappschüsse von Merkel im Regenmantel. In diesem Sinne: Dildos statt Blumen! Und natürlich #JusticeForAttilaDerHundi!

Wahrscheinlichkeiten

Neuer Name, neue Resistenzen, altes Spiel, ich kann es nur wiederholen: Same Same But Different. Wie wahrscheinlich ist es, sich den aktuellen chinesischen Killervirus einzufangen? Fakten! Fakten! Fakten! Wolln’se haben? Könn’se kriegen! Aktuell sind etwas mehr als 20.000 Menschen weltweit infiziert, ein paar hundert sind in China daran gestorben. Die mediale Erregung ist mal wieder wesentlich schneller als der Erreger selbst. Natürlich sterben mehr Menschen durch Langeweile, Krankenhauskeime, Nikotin oder den unsachgemäßen Gebrauch eines Thermomixers. Hitler hat sogar noch mehr auf dem Gewissen. Und Stalin erst. Oder Mao, Dschingis Khan, der Dreißigjährige Krieg, die Pest und die Alien-Invasion von 1423! Gestorben wird immer. Also regen Sie sich mal wieder hübsch ab. Noch unwahrscheinlicher als am Corona-Virus zu erkranken ist es übrigens, auf der Friedrichstraße einen Mann mit einer Melone auf dem Kopf zu treffen (gemeint ist hier der Hut, nicht die Frucht – letzteres ist zum Beispiel auf sommerlichen Wochenmärkten gar nicht so selten). Und dennoch ist mir heute genau das passiert. Es war eine klassische Melone, so wie englische Lords, Egon Olsen und die Steampunk-Bewegung sie gerne tragen. Kurz nachdem ich den Mann mit der Melone sah, kam die Sonne raus. Adieu, ihr grauen Wolken! Ich habe meinen ganz persönlichen Groundhog Day also mit etwas Verspätung erlebt und weiß jetzt, wie das Wetter gemacht wird. Fakten! Fakten! Fakten! Alles wird gut.

#RadtkeDidntKillHimself – Ein Nachruf

Nein, der junge Mann ist nicht wirklich tot. So nehme ich an. Aber was weiß ich schon? Unbestätigten Gerüchten zufolge gibt und gab es nie einen Tom Radtke. Es handelt sich dabei wahrscheinlich nur um die jüngste frankenstein’sche Schöpfung eines geheimen Digital-Labors in Schleswig-Holstein, oder der Ukraine – da kommen die ganzen lustigen Trolle doch immer her, richtig? Tom Radtke hat die schillerndste und gleichzeitig kürzeste Twitter-Karriere Deutschlands hingelegt. Schon sein Einstieg war eine Granate: zum Gedenktag der Befreiung von Auschwitz erklärte er uns die Klima-Bilanz des zweiten Weltkrieges, trendete daraufhin die Timelines zu Asche und schoß schon bald todesmutig gegen alles, was sich ihm in den Weg zu stellen drohte: FFF, die Grünen, Johannes Kahrs und natürlich gegen den unvermeidlichen Twitter-Goebbels Böhmermann. Kurz bevor die erste große Seifenoper der Generation Klimahüpfer aber so richtig Fahrt aufnehmen konnte (mögliche Hintergründe des Dramas werden hier geschildert), war der Spaß leider schon wieder vorbei. Konto gesperrt, Sendeschluss. Vielleicht ist es ja gut so – it’s better to burn out than to fade away … Mach es gut, Tom, du warst und bist ein Kind deiner Zeit.

@tomradtkede


Eilmeldung (ach, man kommt ja gar nicht mehr hinterher): Er ist wieder da! Bitte gehen Sie zurück auf Los, speichern Sie obigen Nachruf für den Fall der nächsten Sperrung und vor allem: Bleiben Sie dran!

Gucci 2020

Die kleinen Mädchen aus der Vorstadt tragen heute Nasenringe aus Phosphor
Die Lippen sind blau, die Haare grün, Steichholzetiketten am Ohr …
(Extrabreit, Hurra Hurra die Schule brennt, 1980)


Einbrechende Nachrichten aus der Welt der Mode: Lars Eidinger macht Werbung für Luxus-Taschen im ALDI-Design und irgendwelche Leute finden das geschmacklos. So las ich zumindest. Heutzutage werden ja schon drei mürrische Instagram-Kommentare zum Shitstorm hochgeschrieben. Tatü-Tataa, Tatü-Tataa, die Feuerwehr ist auch bald da … Wahrscheinlich war wieder gar nichts. Außerdem hatten wir das doch alles schon bis zum Abwinken: ALDI-Chic, Proleten-Chic, Obdachlosen-Chic, Heroin-Chic, Radical-Chic, künstlicher Dreck, Christiane-F-Glamour, Straßenstrich, RAF-Vintage-Versace-meets-Guerilla-meets-LIDL-meets-Kalaschnikow, Kotze mit Glitter dran für 10.000 Dollar. Was haben Menschen, die sich über so eine langweilige Armuts-Ästhetik angeblich noch aufregen, eigentlich in den 90ern und frühen 2000ern gemacht? Ach richtig, die waren da noch gar nicht geboren. Das vergesse ich manchmal.

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Dabei ging der Trend zum hippen Müll doch schon viel früher los, spätestens mit der alten Tante Punk. Über 40 Jahre ist das nun schon her. Sicherheitsnadeln, Plastiktüten, zerrupfte Lumpen, Opas Wehrmachts-Stiefel, ja sogar Hakenkreuze haben sie im Hause Westwood und McLaren damals getragen. Da würden die dauerempörten Hashtag-Hasis der Generation Z aber mal richtig Schnappatmung bekommen. Irgendwann war dann der Griff in die Altkleidersammlung der heißeste Fashion-Trend. Welcher Teenager mit Hang zur Exzentrik hat sich nicht ein Loch in den Bauch gefreut, wenn er auf Second-Hand-Märkten oder auf der Müllhalde nebenan ein Jacket aus den 50ern oder eine übergroße stinkende Fellmütze aus Stalingrad ergattern konnte! Die Lehrer und die Popper aus der Nachbarklasse rümpften die Nase und man selbst war wenigstens eine Woche lang die coolste Sau auf dem Schulhof. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis die großen Luxusmarken das Zeug nachbasteln würden. Alles schon dagewesen, alles durch. Es ist wirklich lächerlich, sich über so etwas noch aufzuregen. Man kann sich nicht mal mehr darüber lustig machen, denn diese zugekoksten Irren aus der Modeindustrie haben längst jeden Witz tausendmal durchgespielt und recycelt. Jeden Trend, jedes Jahrzehnt, jeden hotten Vintage-Mist, jede Unterhose und Zwangsjacke haben sie durch den Fleischwolf gedreht, mit Graffiti besprüht, Diamanten drauf geklebt und über den Laufsteg gejagt. Und jetzt? Jetzt kommt Alessandro Michele, der aktuelle Meister der internationalen Müllhalden, und lässt für Gucci einen Haufen androgyner Roboter um ein riesiges Pendel in Mailand marschieren … Das ist neu, das ist neu, Hurra Hurra die Schule brennt!

Same Same But Different

Kinder, ich fand Trumps Vorgänger ja auch sympathischer, aber die Liste der Drohnentoten unter Obamas Befehlsgewalt ist länger als das Miles-&-More-Konto von Luisa Neubauer. Das ist bekannt, oder? Egal, den #DrittenWeltkrieg gibt es natürlich nur unter dem bösen Donald. Und bevor der dann wirklich ausbricht, hat Ricky Gervais schon mal Hollywood bombardiert. Zum wiederholten Male durfte der britische Hofnarr den versammelten Botox-Visagen ihre Verlogenheit vor die Füße kotzen, sozusagen als Drohne des kleinen Mannes. Es ist längst ein Ritual, eine Art Ablasshandel für eine Branche, die sich gegenseitig tränenreich goldene Kugeln verleiht und so tut, als würde sie damit den Planeten retten. Ricky Gervais ist wahrscheinlich der einzige Grund, warum ihnen dabei überhaupt noch jemand zuschaut. Also lassen sie sich von ihm beschimpfen, lächeln professionell und ziehen weiter zu ihren VIP-Partys, während der gemeine Pöbel im Internet seinen Helden feiern darf. Eigentlich auch nichts neues, aber es ist 2020, also kreischen wir noch etwas hysterischer, drehen noch etwas schneller am Rad und lügen uns noch mehr gefühlte Wahrheiten in die Tasche. Das Jahr ist noch lang, da geht noch was.

How to be somebody in a century of nobodies

I have gazed into the abyss and the abyss has gazed into me.
And neither of us liked what we saw.
(Brother Theodore)

Haben Sie nicht auch langsam die Schnauze voll von all den nervtötenden Predigern des Guten, Wahren und Gerechten? Gehen sie Ihnen auch so auf die Nerven, diese selbstgerechten Nebelkrähen und bigotten Krawallschachteln, Oberlehrer, Pfaffen und Aktivisten, die tagein, tagaus die Kanäle mit ihren sinnlosen Mahnungen und Belehrungen verstopfen? Dann wird es jetzt wohl Zeit für den Auftritt von Bruder Theodor, dem einzigen Mahner und Propheten, dem Sie auf diesem lächerlichen Planeten noch ihr Ohr leihen sollten. Bruder Theodor spricht aus dem Grab zu Ihnen, denn seine sterbliche Hülle ist leider schon von uns gegangen. Seine Botschaft aber lebt weiter, sie kündet von düsteren Verschwörungen und Verschwurbelungen, von der Nutzlosigkeit menschlicher Existenz und von den Vorteilen, auf allen vieren zu laufen. Wenn Sie Bruder Theodor für einen Freak, eine Lachnummer oder eine tragische Gestalt halten, verkennen Sie sein dunkles Genie. Der Freak sind Sie selbst. Und der Bewusstseinsstrom, den Bruder Theodor Ihnen entgegen sprudelt, ist nichts anderes als Ihre eigene innere Stimme. Es ist der Wahnsinn, der Schwachsinn, Ihre wahre Natur, die Sie mühselig in Zaum zu halten versuchen. Ja, lachen Sie nur, Sie armer Irrer!

brother

„His appearance and demeanor are those of a frenzied Fuehrer … a magical messiah … a rabble rouser without a cause – unless his cause is to promote the power of negative thinking and the glorification of anguish and despair.“ (Village Voice, 1956)

Theodor Gottlieb, geboren 1906 als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Unternehmer-Familie in Düsseldorf, schleppte eine ebenso grausame wie bunte Biographie mit sich herum. Als Emigrant und einziger Holocaust-Überlebender seiner Familie erfand er sich in Amerika nach Jahren der Armut als Theater-Attraktion neu. In den 50er Jahren saß unter anderem ein junger Woody Allen im Publikum, wenn Brother Theodore seine bizarren und absurden Predigten auf den Off-Off-Bühnen des Greenwich Village hielt. Talkshow-Auftritte und kleinere Filmrollen verhalfen ihm später auch zu einer landesweiten Berühmtheit. Ich selbst stieß erst vor wenigen Jahren auf seinen Namen und seine Geschichte, den unendlichen Archiven des Internets sei’s gedankt. Wenn Sie für das Überleben im kommenden Jahrzehnt noch einen kleinen Motivations-Schub brauchen oder einfach nur eine langweilige Silvesterparty ein wenig aufmischen wollen, dann lernen Sie von dem großen Brother Theodore und sprechen Sie mir nun laut und deutlich nach: I’m a somebody in a century of nobodies, I’ve always known it, and now I said it, and now you know it too!


Zum Nachlesen und Nachhören:

Stand-Up Tragedy (Zum Tod von Brother Theodore, 2001)
To My Great Chagrin (Teaser zur gleichnamigen Dokumentation)
Quadrupedism (Zurück auf alle Viere!)
The Secret Noodle Ring in Minnesota (Auftritt bei David Letterman)

Play that funky Music Rammstein

Die Kunst des musikalischen Mashups besteht bekanntlich darin, populäre Songs unterschiedlichster Herkunft zu einem möglichst harmonischen Brei zusammenzurühren. Der überraschte Hörer erlebt dabei unerwartete rhythmische und melodische Gemeinsamkeiten. Das ist nichts für zarte Puristen-Seelen, aber genau das Richtige für mein dunkles hedonistisches Party-Herz. Sehr erfreut war ich daher, diese Perle entdeckt zu haben. Lieber DJ Cummerbund, Sie sind ein gottverdammtes Genie! Ich zitiere einen der Youtube-Kommentatoren: This is why the internet was invented …

Tatsächlich ist das Internet bis zum Rand gefüllt mit Mashups aller Art und Qualitäten. Beispiele gefällig? Nicht ganz so unterhaltsam wie Play that Funky Music Rammstein, aber eine hübsche Alternative zur aktuellen Weihnachtsbeschallung ist dieser Brei aus Marilyn Manson und Mariah Carey. Old School Madonna geht ja auch immer – z.B. mit nicht weniger als 15 anderen Popsongs zusammen ins Bett. Und kurz vorm Weltuntergang tanzen meine letzten drei Gehirnzellen ganz sicher zu diesem Prachtstück. Ach, Sie glauben, eine minderjährige Sandra mit Schulterpolstern verträgt sich nicht mit Kurt Cobain? Sie haben ja keine Ahnung, unter der Discokugel sind wir alle gleich. In diesem Sinne: Frohes Fest!