Club der Visionäre

Burn down the disco
Hang the blessed DJ
Because the music that they constantly play
It says nothing to me about my life
(The Smiths, Panic)

Der Club der Visionäre ist abgebrannt – eines dieser hippiesken Open-Air-Kleinode an der Spree, wo man gerne von einem Bein auf’s andere wippte und sich dabei von Mücken zerstechen ließ. Ich war vor einigen Sommern auch mal dort, verbinde aber keine besonderen Erinnerungen mehr damit. Weil es eben auch kein so besonderer Ort war – vielleicht ein bißchen wie die alte Bar 25, aber nicht so exklusiv und verpeilt. Keine neue Musik, keine neuen Eindrücke, wirklich nichts Neues, geschweige denn Visionäres gab es dort. Ein schlimmes Drama soll der Brand aber nun sein, quasi die Notre Dame von Kreuzberg/Treptow, und schon wird wieder vom großen Club-Sterben geredet. Ja, wenn in Berlin nicht jede marode Bretterbude mindestens ein halbes Jahrhundert lang unverändert bespielt werden kann, ist immer vom großen Club-Sterben die Rede, von Gentrifizierung und Weltuntergang. Wann hat das eigentlich angefangen? Waren wir hier nicht mal dafür bekannt, jede Woche umzuziehen, keinen Stein auf dem anderen zu lassen, im Zweifelsfall alles abzufackeln, den DJ aufzuhängen und woanders wieder neu anzufangen? Nein? Habe ich das vielleicht nur geträumt? Oder war das doch nur der Zweite Weltkrieg? Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass meine Eltern in den 80er Jahren darüber gejammert hätten, dass ihr Lieblings-Tanzschuppen von 1962 dicht gemacht hätte. Man ging mit der Zeit, hat sich selbst weiter entwickelt. Das neue Berlin aber entwickelt sich nicht mehr, es will ein Museum bleiben. Ein fair gehandelter Schluck Club Mate, ohne Visionen.

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Alte Frise, neue APO (jetzt mit gratis Holocaust-Content)

Sascha Lobo kommt nach einem anstrengenden Tag im Internet nach Hause, nimmt sein Irokesen-Toupet ab und fällt in die stylische Retro-Sitzecke. „Hallo Meike!“, begrüßt er seine Frau, die gerade wieder über ihre Befindlichkeiten twittert. „Du, Sascha“, sagt sie „ich erkenne dich nicht mehr.“ „Echt jetzt? Das ist ja interessant.“ „Ja, total. Ich habe das mal gegoogelt, das ist so ein richtiges Syndrom, also eine anerkannte psychische Störung, wenn man seinen eigenen Partner nicht mehr erkennt.“ Lobo setzt kurz sein Toupet wieder auf. „Jetzt besser?“ Meike schüttelt den Kopf. „Da müssen wir mal was zu bloggen.“ „Hab ich schon.“ „Wieviele Zugriffe?“ „2.500.“ „So wenig? Vielleicht kann ich das ja noch im SPIEGEL verwerten: Entfremdung in Zeiten des Populismus – wie toxischer Online-Hass unsere Beziehungen vergiftet!…“ „Ok, und ich blogge dann einfach darüber, wie ich dich beim bloggen beobachte und dich dabei nicht mehr erkenne.“ „I like that. Aber nicht wieder die Pingbacks deaktivieren! Ich geh jetzt mal meine Keynote für morgen zusammen kopieren. Nacht, Schatz!“

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Ich gestehe: Ich fand den Lobo mal gut. „Wir nennen es Arbeit“ hieß dieses Buch, das mir damals ein Ex-Freund schenkte und das Lobos Aufstieg zur medialen Speerspitze der „Digitalen Bohéme“ begleitete. Wie lange ist das nun schon wieder her? Im St. Oberholz wurden plötzlich die Fensterplätze knapp und Irokesen-Sascha wurde als Internet-Experte von einer Talkshow zur nächsten gereicht. Sein Narzissmus und die Selbstvermarktung störten mich dabei nicht. Im Gegenteil, darum ging es doch: um das Ende der Privatheit, um die permanente Sichtbarkeit. Irgendwann ging das aber nach hinten los, der einstige Experte war mit dem Internet restlos überfordert und spielt sich heute in den Sozialen Medien vorwiegend als Blockwart auf – zusammen mit Sixtus, Böhmermann und all den anderen selbsternannten Tugendwächtern der Digitalen Republik Deutschland. Inzwischen ist der rote Iro als Meinungsmacher auch längst von einem blauen abgelöst worden, denn Youtuber sind die neuen Blogger – ach was, sie sind sogar die neue APO! Ja, mindestens. Während Sascha und Meike also langsam zu kopfschüttelnden älteren Eminenzen mutieren (der Blogger-Variante von Helmut und Loki Schmidt) hat sich die Generation Emoji längst hinter neue Experten geschart. Die zeigen denen jetzt mal, was eine Harke bzw. eine optimale Meinung ist, ganz locker, flockig und unabhängig, wie das bei den jungen Leuten halt so ist, easy-peasy, yolo, Dude, klick like and subscribe!


Wo ich gerade so abfällig über Blogger blogge: Vielleicht ist einigen meiner Leser ja noch die Episode aus Ricky Gervais’ „Extras“ bekannt, in der Kate Winslet zynisch kommentierte, die beste Möglichkeit einen Oscar zu gewinnen, bestehe immer noch darin, die Hauptrolle in einem Holocaust-Film zu spielen. Kurz darauf erhielt sie dann tatsächlich ihren Oscar für die Rolle der Hanna Schmitz in „Der Vorleser“. Leben imitiert Satire – das soll ja öfter mal vorkommen. Davon inspiriert wurde offenbar auch die umtriebige Marie Sophie Hingst, die sich für ihren Blog gleich eine ganze Holocaust-Familiengeschichte ausdachte und dafür unlängst noch als „Bloggerin des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Wer berühmt werden will, darf halt nicht zimperlich sein. Nun ist der ganze Schwindel aufgeflogen. Ironischerweise machte ausgerechnet der SPIEGEL die Geschichte öffentlich, obwohl man dort ja nicht erst seit dem Dichter-Skandal um Relotius dafür bekannt ist, „Haltungsjournalismus“ und „künstlerischer Freiheit“ einen größeren Stellenwert einzuräumen als nüchternen Fakten. Der Zweck heiligt die Mittel, immer wieder.

P.S. Nachdem ich mich nachträglich noch etwas in die Causa Hingst eingelesen habe, inkl. der öffentlichen #ReadOnMyFake-Gruppentherapie, kann ich feststellen, dass die Dame durchaus das Zeug zu einer Sektenführerin hat. Die wusste offenbar genau, welche Knöpfe sie bei den Medien und ihrer emotional gehirngewaschenen Anhängerschaft drücken musste. Vielleicht haben die es nicht besser verdient. Die Tatsache, dass Hingst u.a. der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ein paar falsche Opfer untergejubelt hat, lügen sich einige ja bereits als mutiges Literaturprojekt zurecht. Oy vey, my dear! Aber aus der Story lässt sich doch bestimmt noch ein ergreifendes Filmdrama stricken – so im Stil von „Can you ever forgive me?“ … Wer ruft Kate Winslet an?

Wie einen Nagel in den Kopf

Der Sozialismus ist der phantastische jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus, den er beerben will; seine Bestrebungen sind also im tiefsten Verstande reaktionär. Denn er begehrt eine Fülle der Staatsgewalt, wie sie nur je der Despotismus gehabt hat, ja er überbietet alles Vergangene dadurch, dass er die förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt: als welches ihm wie ein unberechtigter Luxus der Natur vorkommt und durch ihn in ein zweckmäßiges Organ des Gemeinwesens umgebessert werden soll. Seiner Verwandtschaft wegen erscheint er immer in der Nähe aller exzessiven Machtentfaltungen, wie der alte typische Sozialist Plato am Hofe des sicilischen Tyrannen; er wünscht (und befördert unter Umständen) den cäsarischen Gewaltstaat dieses Jahrhunderts, weil er, wie gesagt, sein Erbe werden möchte. Aber selbst diese Erbschaft würde für seine Zwecke nicht ausreichen, er braucht die untertänigste Niederwerfung aller Bürger vor dem unbedingten Staate, wie niemals etwas Gleiches existiert hat; und da er nicht einmal auf die alte religiöse Pietät für den Staat mehr rechnen darf, vielmehr an deren Beseitigung unwillkürlich fortwährend arbeiten muss – nämlich weil er an der Beseitigung aller bestehenden Staaten arbeitet –, so kann er sich nur auf kurze Zeiten, durch den äußersten Terrorismus, hier und da einmal auf Existenz Hoffnung machen. Deshalb bereitet er sich im Stillen zu Schreckensherrschaften vor und treibt den halb gebildeten Massen das Wort „Gerechtigkeit“ wie einen Nagel in den Kopf, um sie ihres Verstandes völlig zu berauben (nachdem dieser Verstand schon durch die Halbbildung sehr gelitten hat) und ihnen für das böse Spiel, das sie spielen sollen, ein gutes Gewissen zu schaffen.*

*Friedrich Nietzsche, Der Sozialismus in Hinsicht auf seine Mittel
(aus „Menschliches, Allzumenschliches“, 1878)

Katarina Barleys Zähne sind schief (Vermischtes)

Ich sitze im Obergeschoß eines wackligen Doppeldeckerbusses, der kurz vor dem U-Bahnhof Turmstraße zum Stehen kommt. Unten tobt all das, wovor Boris Palmer Angst hat, hier oben aber habe ich mal wieder nur eines vor der Nase: Katarina Barley. Da hängt sie schon wieder, an einer Laterne festgetackert. Huhu! Hallo! Europa! Grins-Grins-Grins! Man entkommt diesem aufgekratzt fröhlichen Gesicht ja derzeit nirgendwo. Komisch, dass es mir jetzt erst auffällt, aber ihre Zähne sind irgendwie schief. Es tut mir leid, dass ich das hier erwähnen muss, aber so ist es nun einmal. It is what it is, isn’t it? Frau Barley ist bekanntermaßen halbe Britin, daher hat sie natürlich auch ein Anrecht auf mindestens halbschiefe Zähne. Dennoch: wer wie sie wahlkampftechnisch kaum mehr zu bieten hat als eine dauergrinsende Kauleiste, könnte sich die selbige eigentlich auch mal gerade richten lassen – denke ich so vor mich hin, während der Bus wieder losfährt. Schließlich leben wir im Zeitalter von exakt zurecht gemeißelten Hollywood-Gebissen. Von Heidi Klum lernen, heißt siegen lernen!

Stop

Abbildung: Wie ich Wahlkampf mache.


Gesiegt hat Germany beim beim diesjährigen Eurovision Song Contest mal wieder nicht, gelernt haben wir aber trotzdem was: Island gehört nicht mehr zu Europa, Australien aber schon. Und was hatte Madonna da verloren? Sie hat für ihre nächste Tournee geprobt. Ansonsten sehe ich es als meine Pflicht als Europäer an, meinem Publikum noch wenigstens eine Kurzkritik der denkwürdigsten Sanges-Kandidaten nachzuliefern. Fangen wir mit Deutschland an. Zwei Mädchen, die sich gegenseitig energisch „Sister!“ entgegen brüllten … Vielleicht wäre „Meine Schwester heißt Polyester“ ja besser angekommen. San Marino: ein schunkelnder Herrenfriseur, großartig. Frankreich: Regenbogen & Equality ganz dick auf die Bühne geschmiert, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber lustig war die übergewichtige Ballerina schon. Slowenien: zwei sedierte Mormonen im Chill-out-Beat. Norwegen? Humpa, Humpa, trallala! Mazedonien: das hässlichste Kleid, das ich jemals gesehen habe. Ich musste mir die Augen waschen, Hilfe! Die arme Frau. Italien: der hätte gewinnen sollen. Hat er aber nicht. Niederlande: der hat gewonnen. Sieht aus wie einer dieser Jungs aus der Bier- oder Parship-Werbung. Österreich: das Duo „Heinzi und die Oligarchin“ konnte sich leider nicht für’s Finale qualifizieren.

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Boulevard der Dämmerung

Prenzlauer Berg. Ich war zuerst hier. Dann kamt ihr mit eurer Mülltrennung, euren Fahrrädern und eurer Bioscheiße. Aber ich bleibe trotzdem. Aus Prinzip. Und blogge zurück. (Kiezneurotiker, 2012)

I am big! It’s the pictures that got small.
(Norma Desmond in „Sunset Boulevard“)

Wir stehen vor dem alten Haus, die Tür zum Hof ist offen. Ein Tor in die Vergangenheit. Nichts hat sich hier verändert. Ich habe keine Luxus-Sanierung erwartet, aber doch wenigstens einen neuen Anstrich, eine notdürftige Renovierung. Stattdessen: nichts. Weniger als Nichts. Das Haus verfällt. Wir stapfen die morschen Treppen im Seitenflügel hoch. Im zweiten Stock habe ich gewohnt, fast sieben Jahre lang. Natürlich war das Haus schon damals vergammelt, aber wenn man jünger ist, stört einen das ja nicht, im Gegenteil. Im Treppenhaus traf ich manchmal Lars Eidinger. Bevor er zu Lars Eidinger wurde. Über mir rumorte eine Zeit lang eine japanische DJane und ich selbst hatte durch meine ausufernden Wochenend-Vergnügungen regelmäßig die Polizei vor der Tür. Ich glaube, es gab damals niemanden, der nicht in diesem Haus zu Gast war. Nein, ich übertreibe nicht. Ich erinnere mich auch noch an den lustigen dänischen Kunsthändler aus dem Hinterhaus. Dem hatte ich mal einen alten Leinwandschinken abgekauft und dann weiß übermalt. Weiß auf Leinwand, dazu ein roter Kunstledersessel vom Sperrmüll, eine riesige Holzplatte als Schreibtisch und eine alte Vitrine, so sah mein Zimmer damals aus. Hatte ich auch ein Bett? Ich weiß es nicht mehr. Im Vorderhaus lag das Times, eine der besseren Bars der Gegend, wir sind früh morgens immer direkt durch den Hinterausgang in unsere Wohnungen zurückgetorkelt. Frank Castorf und Kathrin Angerer hockten hier gerne depressiv bei einem Rotwein zusammen, und zum Jahreswechsel 98/99 haben wie hier die großartigste Silvesterparty aller Zeiten gefeiert. Brechend voll war es, der halbe Kiez drängte sich in dem kleinen Raum und tanzte auf den Tischen. Tonight we gonna party like it’s nineteen ninety-nine! It was. And we did.

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Ich kenne da diese Frau, eine Journalistin, deren Vater einst aus der DDR geflüchtet und nach Kanada ausgewandert war. Auch sie war damals häufig in dem alten Haus zu Gast und tanzte ausgelassen über die Dielen. Neulich erst haben wir festgestellt, dass ihr Mann, ein Ostberliner wie ich, in den 80er Jahren in genau diesem Haus aufgewachsen ist, über das ich gerade berichte. Vielleicht darf sich hier deshalb nichts verändern, es ist ein Museum, ein Spukschloss. Man sollte die Touristen aus dem Berlin Dungeon hier durchführen. Aber es wohnen immer noch Leute hier. Wir gehen auf den Dachboden, auch hier steht die Tür offen. Überall Schutt, Asche und der Duft von Fäulnis, nicht mal die Ratten kommen hier noch hoch. Es sieht aus wie in diesen verlassenen oder besetzten Abriss-Buden, die wir während der Wendezeit aus Abenteuerlust erkundet haben. Wie lange dauert es wohl noch, bis das alles einstürzt? Entweder läuft hier die längste und sinnloseste Entmietungs-Kampagne der Immobilien-Geschichte oder der Hausbesitzer liegt längst selbst irgendwo als Skelett in der Ecke … Buhuu … Machen Sie jetzt ein Selfie mit dem Gespenst! Wir befinden uns übrigens keine hundert Meter vom Kollwitzplatz entfernt, also dem Gentrifizierungs-Klischee schlechthin. Etwas später sitzen wir dann im Chagall, weiter unten am Senefelder Platz. Auch hier hat sich nichts verändert, es ist immer noch die selbe Einrichtung, der selbe dunkle, vermoderte Charme, Soljanka steht auf der Speisekarte, Funzelkerzen auf den Tischen. Wenn wir nicht bald hier rauskommen, bleiben wir wohlmöglich in einer Zeitschleife gefangen.

Natürlich stimmen die Klischees, sie stimmen immer bis zu einem gewissen Grade. Es gibt hier all das, wofür der Bezirk in den letzten Jahren so berüchtigt wurde. Es gibt die Eigentumswohnungen, die Penthäuser, die überteuerten Boutiquen, die albernen Bioläden mit ihren im Mondschein gedrechselten veganen Brotaufstrichen für 30 Euro das Glas, es gibt die Mami-Cafés, die Yoga-Studios und die ganzen zugezogenen Honks, über die sich der Kiezneurotiker in seinem Blog immer so in Rage brachte. Es gibt das alles. Aber es gibt parallel dazu eben auch immer noch das Andere, den Staub, die alten Nischen, die Fossilien, die Geschichten aus der Gruft. Apropos: Was ist eigentlich aus dem Kiezneurotiker geworden? Hat er inzwischen schon irgendwo seine digitale Auferstehung erlebt? „Der Irre spricht aus dem Jenseits. In Rätseln“, so prophezeite er bereits vor einigen Jahren, bevor er den Stecker zog. Ich bilde mir ein, dass zumindest sein Geist hier noch mitliest. Schon bläst ein kalter Hauch über die Tastatur, das Licht geht aus und ein dreckiges Lachen ertönt.

Alle krank (Entwurf für ein Theaterstück)

Erster Akt:
Berlin, Spreeufer. Wir sehen den Konferenzraum der PR- und Marketing-Agentur Frisches Blut. Das komplette Team hat sich versammelt. Hurra, hurra, die Präsentation fürs Ministerium war erfolgreich, die Agentur ist beauftragt! Zwanzig Kopien eines Briefings, fett wie ein Ziegelstein, werden verteilt. Es geht um die Planung einer Festveranstaltung. Irgendeine Initiative des Ministeriums feiert drei Jahre erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Initiative eines anderen Ministeriums. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall ist das Budget üppig und der Zeitplan entspannt. Ein paar Telefonate, ein paar Einladungen, eine Broschüre, ein Fotograf, Händeschütteln – das Übliche eben, leicht verdientes Geld. In einer Woche sollen die ersten Entwürfe rübergehen. Alle klopfen auf den Tisch, let’s do this, yeah!

Zweiter Akt:
Drei Monate später kommt die erste Reaktion aus dem Ministerium. Die Assistentin der Vertretung des Pressesprechers des Ministers bittet um Verständnis für die verspätete Rückmeldung, aber der Minister war im Urlaub, sein Pressesprecher krank, dessen Vertretung in Elternteilzeit und sie selbst unterwegs. Der Minister lässt ausrichten, dass er die Entwürfe sehr schön findet, aber gerne etwas anderes, frischeres, bunteres hätte. Und die Broschüre würde jetzt doch noch 60 Seiten länger werden, der neue Text kommt gleich. Neue Entwürfe werden bis zum Nachmittag erwartet, denn danach wäre der Minister unterwegs, sein Pressesprecher im Urlaub, dessen Vertretung krank und die Assistentin schwanger. Die restlichen Korrekturen schickt das Sekretariat der Pressesprecherin des anderen Ministeriums, nachdem diese aus dem Urlaub zurück und ihre Assistentin wieder gesund sei. Aber bereiten Sie doch bitte schon mal die Druckdaten vor, damit es nachher schnell gehen kann. Die Agentur hyperventiliert, die Projektleiterin bekommt Brechdurchfall und der zuständige Designer springt aus dem Fenster in die Spree. Der Volontär ruft daraufhin sämtliche Freelancer an, einer hat Zeit und schickt zwei Stunden später ein komplett neues Layout zurück. Die Assistentin der Vertretung des Pressesprechers des Ministers lässt mitteilen, dass sie die Entwürfe nicht in Word öffnen könne, sie jetzt aber eigentlich auch schon aus dem Haus sei, ihre Kollegin übernehmen werde, nachdem sie aus dem Mutterschaftsurlaub zurück sei, sich dann aber auch erst einmal in das Projekt einarbeiten müsse. Um Geduld wird gebeten.

Dritter Akt:
Einen Monat später: die Vertretung der Kollegin der Assistentin der Vertretung des Pressesprechers schreibt, dass das Kind der Kollegin krank sei, der Pressesprecher aber durch seine Vertretung mitteilen ließ, dass der Minister gerne den ersten Satz aus der Einladungskarte anders formuliert hätte. Damit keine Missverständnisse aufkommen. Außerdem wären die neuen Entwürfe nicht seriös genug und die Broschüre viel zu lang. Die Korrekturen aus dem Sekretariat des anderen Ministeriums seien bitte wieder rückgängig zu machen, weil man dort gar nicht zuständig sei. Es wäre jetzt wirklich sehr wichtig, dass die geänderten Versionen in zwanzig Minuten wieder zur Abstimmung geschickt werden, weil danach der Minister wieder unterwegs sei, der Pressesprecher im Urlaub und die Vertretung der Kollegin krank. Die Auslieferung der Drucksachen würde dann bis Morgen Nachmittag erwartet, denn danach wäre das Sekretariat nicht mehr besetzt und am nächsten Tag sei schließlich Feiertag. Anschließend wäre der Minister dann ja auch im Urlaub, der Pressesprecher krank und alle anderen Beteiligten entweder schwanger oder nicht mehr zuständig.

Letzter Akt:
Der Minister muss seine Teilnahme an der Festveranstaltung leider kurzfristig absagen. Heitere Musik wird eingespielt. Vorhang.


Diese kleine Szenenfolge beschreibt praktisch jedes einzelne Projekt für Kunden aus der Regierung oder dem öffentlichen Dienst, an dem ich in den letzten zwei Jahrzehnten beteiligt war. Es ist natürlich nur ein ganz kleiner Ausschnitt, in Wirklichkeit ist das alles noch viel schlimmer. Täglich werden in der Hauptstadt Maßnahmen und Veranstaltungen geplant und wieder abgesagt, die keinen erkennbaren Nutzen haben, dazu werden Tonnen von Vorgängen und Papier produziert und weitergereicht – von Leuten, die für nichts zuständig und nur selten anwesend sind. Man muss sich den steuerfinanzierten Verwaltungskörper dieses Staates tatsächlich als breit angelegte kafkaeske Beschäftigungstherapie für inkompetente Urlauber und Dauerpatienten vorstellen. Klebt sich eine Agentur das Logo eines Ministeriums oder sonst einer öffentlichen Anstalt in die Kundenliste ihrer Website, so ist das nicht einfach eine Referenz, sondern ein Verdienstorden. Die Schwachsinns-Schlacht wurde überlebt, die Kotze wird aufgewischt, das Geld wieder versteuert. Und weiter geht es. Let’s do this, yeah!