Alles ist problematisch (I started a joke, Teil 2)

Na, den neuen Joker schon gesehen? Nach dem verstorbenen Heath Ledger und einem kurzen Intermezzo von Jared „Ich spiel alles“ Leto hatte ich nicht gedacht, dass da in absehbarer Zeit noch jemand nachrückt. Es kam nun aber Joaquin Phoenix, und der ist in dieser Rolle derart großartig und überzeugend, dass es Woke Hollywood und dessen angeschlossene Kanäle offenbar mit der politisch korrekten Angst bekamen. Anders ist die seit Wochen tobende Kampagne gegen diesen Film in den amerikanischen Medien wohl nicht zu erklären. Nein, das sind nicht einfach nur ein paar negative Kritiken, da wird mit sehr eindeutigen Absichten an der öffentlichen Meinung geschraubt. Framing heißt so etwas wohl heutzutage. Vielleicht hat der Regisseur auch einfach nur jemandem an entscheidender Stelle in den Kaffee gespuckt. Möglich ist das. Weshalb soll dieses düstere Drama über einen einsamen Psychopathen plötzlich so problematisch sein? Because it’s 2019 and everything is fucking problematic. Hatte sich seinerzeit nicht auch der Reagan-Attentäter den Helden aus Taxi Driver zum Vorbild genommen? Fragen Sie mal Jodie Foster. Wehret den Anfängen, lautet mal wieder das Motto der Stunde. Also warnen wir eindringlich vor diesem Film, damit wir nach dem nächsten Real Life Attentat schon mal auf der richtigen Seite stehen. Am besten lassen wir all die gebrochenen Loser, Incels und sonstigen Clowns gar nicht mehr ins Kino, nehmen ihnen die Computer und Spiele-Konsolen weg. Sicher ist sicher. Dann muss auch niemand mehr sterben. Denn Filme radikalisieren, Computerspiele radikalisieren, Youtube radikalisiert, dieser Blog radikalisiert, das ganze verdammte Internet radikalisiert! So lasst uns denn diese kriminelle Höllenmaschine endlich ordentlich säubern und zensieren. Das hat es früher schließlich auch nicht gegeben … Hahahahahahahahahahahaha!

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Gott ist tot (Stimmen)

Zwei große Stimmen sind verstorben. Karel, der Goldene aus Prag und kurz zuvor Jessye, die Göttliche aus Augusta, Georgia. Nein, ich möchte nicht, dass die beiden in Frieden ruhen. Sie sollen bitte weiter trällern, schmettern und jubilieren, irgendwo da draußen, wo ständig Götter sterben und wieder neue geboren werden. Sie merken, ich fühle mich heute ziemlich erhaben, vielleicht sogar geläutert. OMG! Und so verschwende ich auch nicht viele Worte, sondern mache die Bühne frei für eine der großartigsten Sanges-Diven aller Zeiten, Jessye Norman. Es war mir eine Wonne …

Der Meister bringt euch alle um!

Da lobte ich in meinem vorletzten Beitrag also den Pestarzt (natürlich nur ganz vorsichtig, der Mann ist Masochist, zu viel Zuckerbrot verträgt er nicht), schon lobte er mich ausdrücklich zurück, was mir kurzzeitig wieder einmal Klickzahlen in galaktischen Dimensionen bescherte. Herzlichen Dank dafür … ach nein, sorry, in den Staub mit dir, du Hurensohn, *Peitsch!* Auf jeden Fall scheint mir dies ein passender Anlass zu sein, dessen liebreizende Energie auch mal in meinem Blog zu channeln. Denn glauben Sie mir, heute habe ich wirklich Grund dazu.

Wie kam ich auch auf die hirnrissige Idee, an einem Sonntag ans andere Ende der Stadt gelangen zu wollen? So ganz ohne Helikopter oder privaten Düsenjet? Bin ich vielleicht bescheuert? Ja, bin ich, denn ich wusste nicht, dass heute „Marathon“ war. Weil ich nämlich nicht ununterbrochen Lokalnachrichten höre oder schaue. Weil es mich nun mal nicht sonderlich tangiert, ob Oma Uschi in einem Moabiter Späti ausgeraubt oder transophob beleidigt wird, ob in Lichtenberg ein Dachgeschoss ausbrennt oder die Abou-Chaker-Brüder gerade mal wieder irgendwo Party machen. Oder ob irgendwer schon wieder um die Wette rennt. Derart ahnungslos bestieg ich also Mittags ein Taxi, denn ich hatte es eilig und außerdem regnete es auch noch in Strömen. Als ich dem türkischen Daddy mein Ziel nannte, verfiel dieser sofort in ein mächtiges Gejammer: Oh nein, mein Guter, oh, oh, oh, junger Mann, Meister, ach, ach, ach, da kommen wir ja gar nicht hin, ist ja alles gesperrt, alle laufen zu Fuß! Musst du laufen, Meister! Zu Fuß nach Steglitz laufen, dachte ich, bist du nicht mehr ganz dicht? Da tönte es auch schon aus dem Autoradio: Hallo, hier ist Radio Marathon! Mit den neuesten Marathon-Nachrichten und dem Superduper-Marathon-Gewinnspiel! HimmelarschundKünast, nicht schon wieder! Hatten wir hier nicht gerade erst einen dieser überflüssigen beschissenen Idioten-Marathons? Können diese abgemagerten Irren nicht einfach durch die Uckermark rennen oder meinetwegen über den Himalaya? Wieso immer ausgerechnet durch Berlin, das auch so schon jedes Wochenende den Verkehrskollaps macht? Wird schon nicht so schlimm werden, rief ich dem Jammer-Daddy zu, fahren Sie einfach irgendwie drum herum. Jetzt wurde sein Geheule noch lauter, er zählte eine Million Straßennamen auf und verfiel in einen langen Entschuldigungs-Singsang: Nicht böse sein, Meister, nicht böse sein, geht nicht, Meister, geht nicht, geht nicht! Irgendwann ging es wirklich nicht mehr. Alles gesperrt. Für diese durchnummerierte Trampelherde und ihren trommelnden Jubelmob. Ich schleppte mich zum nächsten U-Bahnhof. Scheiß Lärm, Scheiß Wetter, Scheiß Chaos! Gottverdammter Scheiß Marathon! Letzteres schrie ich dann auch einem nölenden Obdachlosen-Zeitungsverkäufer entgegen, irgendeiner muss es ja abbekommen. Wären jetzt noch ein paar verpeilte Touristen, Spendensammler oder Amnesty-Hüpfer mit ihren Unterschriften-Listen vor mir aufgetaucht („Huhu, duhu, warum so eilig?“), wäre Blut geflossen, ganz sicher. Nicht böse sein, Meister, nicht böse sein! Irgendwann landete ich am Innsbrucker Platz, natürlich war die Hölle auch hier noch nicht zu Ende. Kein Bus, kein Taxi, nur noch mehr Rennspacken und Jubeltrommler. *Rassel-rassel-trommel-trommel-jubel-kreisch!* Musst du laufen, Meister! So lief ich also, musste ich ja, ungefähr drei Kilometer durch den Regen, mit Laptop unterm Arm und gefühlten zehn Zentner Gepäck. Kein Ende in Sicht. Denn der nächste Scheiß Marathon kommt bestimmt. Am liebsten hätten sie es hier das ganze Jahr über so: abgesperrt, eingezäunt, lahmgelegt, verkehrsberuhigt, autofrei. Extinction Klima Radfahr Wettrenn Sambatrommel Arschloch Rebellion.

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„Hundert mal hab ick Berlin verflucht …“ schunkelte Helga Hahnemann einst durchs Schlagerradio. Helga Hahnemann? Kennste? Kennste? Kennste? Die Gute schunkelt nun schon seit Jahrzehnten unter der Erde weiter und muss sich dieses verdammte prekäre Hippie-Drecksloch von Stadt nicht mehr jeden Tag antun. Niemals habe ich Berlin so sehr gehasst wie heute. Ich darf das, denn ich bin hier geboren. Und so wahr mir die heilige Helga helfe, ich werde diesen verfluchten Laden irgendwann eigenhändig abfackeln. Hundert mal, wenn’s sein muss. Niederbomben. Pulverisieren. Dagegen war 1945 ein Spaziergang. Freut euch drauf, ihr trommelnden, johlenden Arschlöcher! Gut jetzt? Nein.

Ich kaufe mir eine Zeitung

Ich habe mir in dieser Woche die Berliner Zeitung gekauft. Es war nur eine einzige Print-Ausgabe, aber da ich das so selten tue, halte ich es für eine sehr bemerkenswerte Mitteilung. Es geht mir da wohl ähnlich wie den neuen Besitzern des Blattes (die in eben jener Ausgabe auch vorgestellt wurden). Nach eigenen Angaben lesen Bruder Rauschebart und Gattin seit 15 Jahren keine Berliner Zeitung mehr. Und haben deshalb gleich mal den gesamten Verlag gekauft. Das Ehepaar Friedrich beschreibt die Investition als „zivilgesellschaftliches Engagement in bewegten Zeiten“. Hui, hallo, hurra! Engagiert, zivil, Gesellschaft, bewegt, Zeiten und so … was man eben in so einem Fall öffentlich verkündet. Wahrscheinlich haben sie den Laden gerade einfach nur sehr günstig ersteigert (der Vorbesitzer versucht ihn schließlich schon seit Jahren wieder abzustoßen), aber das klingt natürlich viel zu profan.

Pharmazeutische Formulierungen

Ich sitze in einem Wartezimmer, vor mir zwei dauerplappernde Sprechstundenhilfen. Die eine hat am Tag zuvor einen Teller Nudeln gegessen und nun wird eifrig diskutiert, wie sich das wohl auf die Kalorienzahl ihrer aktuellen Diät auswirkt, blablabla … Acht Stunden lang hocken die hier jeden Tag, telefonieren mit hustenden Menschen und reden nebenbei über Nudeln, Hilfe! Bevor mein Gehirn austrocknet, klappe ich schnell das Internet auf und lande in der virtuellen Praxis des Pestarztes. Siehe da, vor ein paar Monaten überlegte ich noch, was wohl aus dem ollen Kiezneurotiker geworden sei, dabei bloggte der längst unter neuem Namen, aber in altbewährter Schärfe durch die Weltgeschichte. Ich habe ja gedacht, ich bräuchte das nicht mehr, das Kokettieren mit der eigenen Kaputtheit, die redundanten Rants in Dauerschleife, diese ganze einsame Helden-Scheiße. Ich habe mich geirrt. Ja, die Texte sind eigentlich wie immer, die Gegner sind immer noch die selben und sein Musikgeschmack ist immer noch grauenhaft. Aber er liest sich eben auch immer noch unglaublich unterhaltsam, er legt den Finger in den Eiter, ach was, den ganzen Arm legt er rein, er ätzt und fetzt, dass es eine Freude ist. Fazit: Er ist wohl leider doch zu gut, um ihn zu ignorieren. Für alle, die sich noch nicht durch das jüngere Gesamtwerk gefräst haben, empfehle ich „Meine scheiß Mutter lebt immer noch“, ein feuchter Traum für alle Hobby-Psychologen, sowie den aktuellsten Beitrag „Die Aktivisten sind wieder empört“, eine Abrechnung mit der noch immer ausufernden Empörungs- und Cancel-Kultur.

„Was seid ihr doof. Unendlich doof. Ihr erreicht mit diesem ständigen penetrierenden dauerempörten unendlich abgehobenen Geblöke genau das Gegenteil: Euch eigentlich grundsätzlich mal zugeneigte Leute wenden sich ab, wählen eure Parteien nicht mehr, lachen beim Bier über euren verkopften Scheiß, feixende Trolle stressen euch in die Schnappatmung und die vollkommen Frustrierten wählen seit Neuestem sogar rechts, weil das offenbar das ist, mit dem man euch am allermeisten ärgern kann und ihr merkt das alles nicht, sondern twittert munter weiter eure Moralinsäure in die Welt als gingen die Zehnerjahre, in denen ihr die uneingeschränkte Lufthoheit über alle Ressourcen hattet, nicht bereits in ein paar Monaten schon zuende.“

Nagel auf den Kopf, Treffer, versenkt. Aber vorher räumt Charlotte Roche im Supermarkt noch ein paar Fruchtsäfte um, für die gute Sache. Kauft nicht beim Sexisten! Das meint die ernst. Wahrscheinlich hilft das auch gegen Nazis und den Klimwandel. Dazu möchte ich noch kurz anmerken, dass Frau Roche schon immer so dumm war – ein dampfplauderndes, berufsjugendlich peinliches Globuli auf zwei Beinen. Da gab es in den letzten zwei Jahrzehnten keine merkbare Weiterentwicklung. Denis Scheck beschrieb das in der Besprechung eines ihrer Bücher mal sehr passend: „Alles, was durch die hohle Schüssel rauscht, muss raus.“

Erst kommt das Saufen, dann kommt die Moral

Aber eines Abends wird ein Geschrei sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Geschrei?
Und man wird uns lächeln sehn bei unsren Gläsern
Und man sagt: Was lächeln die dabei? …*

Freitagnachmittag am Spreeufer. Wenige Schritte vom Berliner Ensemble entfernt, lebt der Geist von Bertolt Brecht auf einer Karte weiter, die über 50 einheimische Weißweine aufführt. Brechts Steakhaus müsste eigentlich Brechts Rieslinghaus heißen. Auf Nachfrage empfiehlt uns der pfiffige Kellner einen der billigsten, denn „den trink ick ooch immer jerne!“. Wir vertrauen dem guten Mann sofort, bestellen davon gleich zwei Flaschen, dazu nur eine kleine Käseplatte, und empfehlen uns somit als Alkoholiker alter Schule. Der Stoff ist auch auch dringend nötig, denn der Großteil der übrigen Gäste besteht, wie an dieser Ecke nicht anders zu erwarten, aus einem grauenhaft gekleideten Touri-Pöbel. Zweihundert Meter weiter nördlich geht es visuell nicht ganz so barbarisch zu. Die Arbeitsbienen aus den Büros der Reinhard- und Schumannstraße, die ich kurz zuvor hinter mir gelassen hatte, diese ganzen Pitcher und Pusher, Coder und Kicker, Mover und Shaker, Lobbyisten und Strategen, die flitzen noch in halbwegs akzeptablen Klamotten durch die Gegend. Aber hier unten am Ufer sind die Leinen los, hier ist die große internationale Mutanten-Fiesta in vollem Gange. Speckschwarten quellen unter knappen Freizeitfetzen hervor. Man möchte spontan erblinden oder sich zwei ultrastarke Sonnenbrillen übereinander aufsetzen. Berlin lebt von diesem hässlichen Mob, die Pitcher und Pusher bringen wohl noch nicht genug rein. Watt soll man machen, wa, Prost, runter mit dem Zeuch, denn den trinkt der Kellner ooch immer jerne! Ich werde angerufen, in Moabit gab es eine Schießerei, überall Polizei, Großfahndung, ich soll die Turmstraße möglichst meiden. Der Täter floh auf einem Fahrrad. Auf einem Fahrrad. Wer möchte denn von einem Fahrradfahrer erschossen werden? Auf der Flucht hat er wahrscheinlich noch Pfandflaschen zurückgebracht. Diese Stadt ist wirklich das letzte. 

*frei nach:

 

Zlatko

Schreib doch mal was über Promi Big Brother, nervt mich meine innere Stimme (wie die alkoholabhängige Pastewka-Agentin), scheiß auf’s Niveau, einfach mal rausholzen den ganzen Mist, dann stimmt auch wieder die Quote! Also bitte sehr: Zlatko ist wieder auferstanden und ich werde jetzt erklären (wie so eine Mate-abhängige Zeitgeist-Redakteuse mit Hipsterdutt), warum das, wenigstens restrospektiv-ironisch, sehr bedeutend ist. Oder auch nicht. Die erste Big-Brother-Staffel vor knapp 20 Jahren haben alle geschaut, selbst die Berliner Agenturblase. Ja, das war natürlich alles ganz furchtbar, so ein Trash, haha, wie kann man nur, aber haste die gesehen, alter Falter, Hilfe, noch mal fünf Sekt auf Eis hier auf halb acht, Luigi … bevor wa’s dem Insolvenzverwalter schenken, hahaha! Tatsächlich kann ich mich noch an Zlatko erinnern, den Quoten-Proll, der nicht wusste, wer Shakespeare ist. Mit so vielen Jahren Abstand erscheint es fast rührend, dass der mal als dümmster Mensch im deutschen Fernsehen galt. Zlatko könnte heute SPD-Vorsitzender werden, das würde niemand merken. Heute haben sich die Zlatkos und Veronas, die Ochsenknechts und Gina-Lisas längst in die Tausende multipliziert, weshalb vor jedes ihrer neuen Bums-Formate ein „Promi-“ geklebt werden muss, damit da überhaupt noch jemand zuschaut. Ich spare mir jetzt mal die übliche Litanei darüber, wie unprominent diese „Promis“ eigentlich sind. Natürlich kennt die niemand, es sei denn man glotzt 24 Stunden am Tag Bauer-Sucht-Zombie-Blas-den-Bachelor-am-Ballermann, und selbst dann hat man diese ganzen tätowierten Porno-Hackfressen doch gleich wieder vergessen. Aber, und das ist ein gewaltiges ABER, Hand auf’s Herz zum heiligen Schwur: wir haben doch alle unsere Guilty Pleasures, irgendeinen Müll, den wir gerne schauen, wenn das Hirn auf Sparflamme köchelt und wir nur noch möglichst schnell und fettig unterhalten werden wollen. Ich zum Beispiel schaue gerne mal auf TLC oder ähnlichen Reality-Kanälen Mein Leben mit 300 Kilo oder Man vs. Food (quasi als inhaltliche Symbiose), die Real Housewives im Internet, Germany’s Next Topfdeckel sowieso oder eine dieser Sendungen, in denen Putzfanatikerinnen mit Gummihandschuhen zugesiffte Messi-Höhlen reinigen müssen. Sollte die mal jemand alle zusammen in einen Container stopfen und die Kamera draufhalten, würde ich mir das wahrscheinlich auch anschauen. Was das nun alles mit Zlatko zu tun hat? Keine Ahnung. Lassen Sie mich doch in Ruhe und lesen Sie ein Shakespeare-Sonett (oder den neuesten Hit aus meiner Grabbelkiste) …

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