Mama, just killed a man …

Es gibt gute Gründe dafür, dass Bohemian Rhapsody einfach nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden will. Wie war das noch, als Anthony „The Mooch“ Scaramucci, dieser lebhafte kleine Mafiosi, nach nur zehn Tagen aus dem Weißen Haus entlassen wurde? Sofort hörte man überall „Scaramouche, Scaramouche, will you do the Fandango?“. Es macht nun mal Spaß, dieses Lied zu zitieren und zu parodieren. Vielleicht ist es wirklich der beste Popsong, der je geschrieben wurde. Auf jeden Fall ist es einer der dramatischsten, wer will da widersprechen? In dem neuen Film gleichen Namens gibt es nun eine Szene, in der Mike Myers – der vor 25 Jahren zu Weltruhm gelangte, als er Bohemian Rhapsody in einem Auto mitsang (die wohl bekanntesten Szene aus „Wayne’s World“) – in der Rolle eines fiktiven Musikproduzenten Freddie Mercury erklärt, dass man einen derart merkwürdigen Song, noch dazu mit Überlänge, nicht im Radio spielen könne, weil dazu nun mal kein Teenager im Auto mitsingen wird. Ein hübscher Einfall, ein Kreis schließt sich. Aber sonst? Weshalb soll ich mir diesen Film anschauen? Weshalb soll ich Rami Malek dabei zusehen, wie er sich zwei Stunden lang abrackert, um schließlich mit falschem Überbiss das Live-Aid-Konzert von 1985 detailgetreu nachzuspielen? Weil die überlebenden Mitglieder von Queen doch noch mal den Umsatz ihrer alten Platten ankurbeln wollen? Was können die mir denn überhaupt noch über einen Menschen erzählen, von dem es doch schon so viele Videoclips, Konzertmitschnitte und Interviews gibt? Im Fall von Freddie Mercury bleibt für mich vor allem sein Privatleben. Gab es da nicht diese Geschichten von Backstage-Parties, auf denen Kleinwüchsige Tabletts mit Kokain servieren mussten? Und die Untergrund-Fick-Orgien in der Lederszene von New York? Die Exzesse und Abstürze, den AIDS-Tod? Wäre es nach Sacha Baron Cohen gegangen, wäre all das wohl ein wesentlich größerer Bestandteil des Films geworden. Stattdessen soll ich mir jetzt diese glattgebügelte Karaoke-Show ansehen. Nein danke. Aber es ist nicht die erste ihrer Art und es wird nicht die letzte bleiben. Die Nachlassverwalter von Bowie, Prince, Amy Winehouse & Co. verhandeln ganz sicher schon fleißig. Für nächstes Jahr ist bereits ein Film über die Karriere von Elton John angekündigt (hier der Trailer, wenn’s denn sein muss), und der ist ja noch nicht mal tot. Ach je.

Marlene_Sternberg

Is this the real life? Is this just fantasy? Willkommen in der Referenz-Hölle.


 

Als Zeichen der Versöhnung und weil ich dieser ganzen selbstreferenziellen Retro-Karaoke-Travestie-Hölle sowieso nie wieder entkommen werde, egal wie viel ich darüber schimpfen mag, präsentiere ich Ihnen jetzt noch den fabulösen Jake Shears (ehemaliger Frontmann der Scissor Sisters) mit seinem neuen Liedchen. Wenn Sie in ihm sowohl Versatzstücke aus Freddie Mercury als auch Elton John wiedererkennen, so ist das sicher kein Zufall.

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Feine Rolex Fischfilet

Der stärkste Verbündete von Ethik und Moral ist das Streben des Menschen, seine eigene Lage zu verbessern und sich einen Vorteil zu verschaffen. Auch das Eifern etwa nach Ruhm, Geld oder Sex (gerne auch alles zusammen, die Autoren üben aber noch) ist eine nicht zu verachtende Triebfeder für Fortschritte aller Art. Nach allen Erfahrungen ist es höchste Zeit, menschliches Handeln nicht an seinen Intentionen, sondern in erster Linie an seinen Ergebnissen zu messen.

Travailer_Delloye

… Dieses Wirtschaftssystem hat vor nichts Respekt. „Der Kapitalismus“, schreibt der Soziologe Karlheinz Messelken, „ist die institutionalisierte Versuchung zu moralischer Niedrigkeit. Wo er den Ton angibt, da löst sich der einzelne aus Ordnungen, die ihn übersteigen und sich seiner Person zu einem höheren Zweck bedienen, da hört der einzelne auf, ein dienendes Glied zu sein, und stellt sich ganz auf seine Selbstsucht.“ Diese Verlockung zum hemmungslosen Gütergenuß ist den Anhängern von himmlischen
oder weltlichen Heilslehren von jeher ein Graus, denn ihr ewiges Ziel ist es, die Begierde des Fleisches unter die Herrschaft des Geistes zu stellen. Die intellektuellen Glaubenskämpfer können es nicht ertragen, wenn Produzenten und Händler in der Gesellschaft einen Rang einnehmen, der doch eigentlich ihnen, den Sinnstiftern, gebühren sollte. So verdammen sie den Kapitalismus aus rechten oder linken, christlichen oder muslimischen Motiven und machen ihn für alle Übel dieser Welt verantwortlich. Dabei ergeht es dem Kapitalismus wie vielen Kinofilmen: Im Feuilleton hagelt es Verrisse, aber das Publikum ist begeistert. Überall dort, wo die Bevölkerung die freie Wahl hat, entscheidet sie sich früher oder später für den Kapitalismus.

(aus „Das Mephisto-Prinzip: Warum es besser ist, nicht gut zu sein“,
Michael Miersch & Dirk Maxeiner, 2001)


Foto: Arthur Delloye, GQ France, 2016

Süßes oder Saures! (Poststrukturalistische Diabetes)

Eigentlich wollte ich etwas über das Ende des SPEX-Magazins schreiben, aber jetzt wird daraus wohl ein Text über BTS. Auf jeden Fall geht es um Popkultur. BTS? 방탄소년단!!! Sollten Sie Kinder im schulfähigen Alter haben, die Ihnen neuerdings auf koreanisch antworten, dann wissen Sie, was sich dahinter verbirgt – die Bangtan Boys, die aktuellen Helden des K-Pop und wahrscheinlich auch die neue Weltregierung. Ich selbst habe keine Kinder, könnte das Ganze als Vertreter einer älteren Generation also entspannt ignorieren. Könnte … in etwa so wie ich zuvor schon Justin Bieber, Taylor Swift, One Direction oder Cardi B hätte ignorieren können. Irgendwann aber war der Sog zu stark und ich habe mir all diese schon zehn Milliarden mal geklickten Videos dann doch angeschaut, mit dem Fuß gewippt und das so clever produzierte catchy-klebrig-bunte Zeug nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Warnung: die Videos von BTS sind derart bunt und zuckersüß, dass man bei zuschauen Diabetes bekommt. Vielleicht ist das ja der zeitgemäße Ersatz für den grassierenden Hang zur zuckerfreien Ernährung. Irgendwoher muss die Energie schließlich kommen, und nur von Johnny Cash und Free Jazz wird man auf die Dauer eben auch nicht satt. „Süßes oder Saures!“ lautet das Motto der Saison. Möge die Macht mit den Jungs aus Südkorea sein und mit all den kreischenden Teenagern, die für sie in diesen Tagen vor Konzerthallen übernachten. Auf dass sie sich in ferner Zukunft dann über die Popstars der nächsten Generation wundern dürfen – über irgendein sexy Androiden-Quartett im Jahr 2050, vielleicht ja dann wieder in schwarz-weiß und mit Death Metal vom Mars.

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Hätte es die Bangtan Boys schon vor zwanzig Jahren gegeben, so hätte sie vielleicht ein findiger SPEX-Redakteur mit Michel Foucault quer gerechnet und daraus eine hippe poststrukturalistische Titelstory gesponnen. Soweit das Klischee in meinem Kopf. Jetzt bin ich also doch noch bei meinem ursprünglich geplanten Thema gelandet. Das Überraschendste an der Nachricht, dass die SPEX zum Ende des Jahres nun endgültig eingestellt werden soll, ist wohl die Tatsache, dass es sie überhaupt noch gibt. Professioneller Kultur- und Musikjournalismus ist tot, mausetot. Das interessiert schon lange keinen mehr. Und von der einst legendären Clique Kölner Salon-Marxisten und ihren mitunter anstrengenden Pop-Diskursen ist in den letzten Jahren nur noch ein Nischenmagazin von vielen mit Berliner Adresse übrig geblieben. Das Leser-Forum der SPEX war einst übrigens das erste soziale Netzwerk, das ich online genutzt habe, noch lange vor Myspace oder Facebook. Wir waren ein munterer Haufen Klugscheißer damals. Einige der Forumsteilnehmer hatte ich später auch persönlich kennengelernt, war mit ihnen im Berghain tanzen oder auf der Reeperbahn saufen. Musik war immer dabei, wird es auch in Zukunft sein, süß und sauer. Ohne geht es nicht im Leben.


Foto: Sarah Takforyan / Unsplash

Sommer der Liebe

Wenn die SED-Erben in Berlin ein Loveparade-Revival veranstalten, auf dem ein paar hunderttausend Feelgood-Aktivisten unter dem Motto #unteilbar die Welt in Gut und Böse aufteilen, dann sind wir angekommen im endlosen hirnverbrannten Sommer der Liebe 2018. Ich frage mich, ob die öffentliche Protestkultur in dieser Stadt schon immer so infantil und karnevalistisch war oder erst seitdem sie geschäftsmäßig vom rosa Einhorn-Senat organisiert wird. Und ich düse düse düse düse im Sauseschritt und bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt …

P.S. An dieser Stelle auch noch ein herzliches Goodbye an den kürzlich verstorbenen Dieter Thomas Heck!

Fußnoten und Wurstsalat

Was ich bis jetzt in meiner eigenen kleinen Twitterblase schon gelernt habe: Es gibt ein unerschöpfliches Arsenal an flachen Witzchen und Wortspielen, die Herren Erdogan, Böhmermann und Kavanaugh sind nicht ganz unumstritten, Michael Avenatti schläft nie, Don Alphonso erzählt auch hier gerne dieselbe Geschichte in unendlich vielen Varianten („In Bayern ist die Welt noch in Ordnung und bitte schauen Sie sich jetzt mal dieses Foto von einem Fahrrad an!“) und Menschen, die sich über Rundfunkgebühren aufregen, twittern gleichzeitig über alles, was um 20.15 Uhr in der ARD läuft. Außerdem sah ich gerade die eindrucksvolle Nahaufnahme eines Wurstsalates. Aber auch das: drei humorvolle US-Akademiker haben – sozusagen aus Notwehr heraus – einen Haufen sozialwissenschaftlicher Nonsens-Aufsätze verfasst und diese an entsprechende Fachmagazine verschickt. Veröffentlich wurden davon unter anderem eine feministische Interpretation von Hitlers „Mein Kampf“ und etwas über Rape Culture unter Hunden beim Gassi gehen in Portland. Oder so ähnlich. Ach, lesen Sie es doch selbst! Ich denke nun darüber nach, am sozialwissenschaftlichen Institut der Humboldt-Uni ein Paper über intersektionale Pussy Positivy queerer Wurstsalatkultur einzureichen. Alternativ-Vorschläge werden gerne angenommen. When the going gets weird, the weird turn pro.

Being Fred Armisen

In wohl jedem Familienstammbaum sind mehr oder weniger finstere Geheimnisse verborgen, zumindest gibt es ein paar weiße Flecken, also unbekannte Größen. Wenn man da nur lange genug wühlt, findet sich mitunter Erstaunliches. Wer hätte zum Beispiel nicht gern den unehelichen Nachkommen eines Königshauses in seiner Ahnenreihe, eine glamouröse transsexuelle Spionin oder wenigstens einen legendären Axtmörder? Ich bin in der Hinsicht nun etwas neidisch auf den Schauspieler Fred Armisen. Dessen Großvater war – das ist kein Witz – ein zu seiner Zeit berühmter japanischer Tänzer und Choreograf, der im Berlin der 30er Jahre vom Propaganda-Ministerium der Nazis angestellt wurde, gleichzeitig als Geheimagent für die Japaner arbeitete, in Wirklichkeit aber von einem Jahrtausende alten koreanischen Adelsgeschlecht abstammte. All dies durfte der zurecht erstaunte Fred Armisen (und ich nachträglich mit ihm) im Rahmen von „Finding your Roots“ erfahren. In dieser Sendereihe wurden schon viele prominente Familiengeheimnisse enthüllt (unter anderem, dass Carly Simon Wurzeln in Kuba hat oder Jimmy Kimmel entfernte Verwandte in Thüringen), mit der Geschichte von Fred Armisens Großvater konnte aber bisher niemand mithalten. Dabei ist Armisens eigener Lebenslauf auch schon recht drollig: er war bereits Punkmusiker, Mitglied der Blue Man Group, einer der schrägsten Darsteller bei Saturday Night Live und zwischenzeitlich mit einer Scientologin verheiratet. Er ist außerdem der Schöpfer von Portlandia sowie einer Talking-Heads-Parodie-Band und kann nach eigenen Angaben den Inhalt jedes beliebigen Buches allein anhand der Umschlaggestaltung treffsicher wiedergeben. Ich nehme stark an, dass er nebenbei mindestens auch noch undercover für den KGB arbeitet. Manchmal wäre ich wirklich gerne Fred Armisen.

Armisen

Foto: © billy-kidd.com

Junkfood

Dieses Jahr hatte ich mit ein paar ebenso edlen wie naiven Vorsätzen begonnen. Ich wollte endlich weniger Zeit online verschwenden, konkret: keine Nachrichten mehr lesen, keine Blogs, kein Social-Media-Gedöhns. Konsequentes digitales Detox, endlich Ruhe im Karton! Stattdessen wollte ich mich auf die Arbeit und mein Privatleben offline konzentrieren. Natürlich habe ich das Ganze dann nicht mal zwei Tage durchgehalten. Die Sucht war stärker als ich. Aber ich kämpfe weiter … Inzwischen habe ich es geschafft, wenigstens mein Facebook-Profil zu deaktivieren, also vorübergehend. Bei einer kurzen Stichprobe nach einigen Wochen habe ich dann festgestellt, dass ich dort tatsächlich nichts verpasst habe. Wirklich absolut gar nichts. Die selben Leute posten das selbe Zeug, genau wie letztes Jahr oder auch schon vor fünf Jahren. Ich wusste bereits vorher, wer von meinen Kontakten welches Thema wie kommentieren würde, wer sich #wirsindmehr aufs Profilbild geklebt haben würde, wer schon wieder neue Urlaubs- oder Hundebilder, Jogging- oder Flugzeugmeilen gepostet und wer mal wieder den Weltuntergang ausgerufen hatte. Und genau so war es dann auch. Wahrscheinlich ist das mein eigentliches Problem: die meisten Menschen sind so furchtbar langweilig und berechenbar. Aber ohne sie geht es selbstverständlich auch nicht. Statt konsequent auf kalten Entzug zu gehen, habe ich also einfach nur die Droge gewechselt und mische ab jetzt auch noch in diesem Irrenhaus Twitter mit, wo ich mit Geschnatter über Feminismus, Tomatensuppe, besessene Toaster und den Penis von Donald Trump verzweifelt um Follower bettele. Gott steh mir bei!