Stürmisch

„If we don’t do this today, we won’t have an economy tomorrow.“
(Ben Bernanke, damaliger US-Notenbankchef, während einer Krisensitzung am 18. September 2008)

Auf eines ist in der Hurrican-Saison immer Verlass: CNN-Außenreporter, die sich sturmgepeitscht an vorbeifliegenden Straßenschildern festhalten und mit letzter Kraft „Jetzt geht’s los! Jetzt geht’s los!“ in die Kameras schreien – so auch beim Monstersturm Florence, der gerade North Carolina überflutet. Währenddessen macht das politische Kasperle-Theater in Berlin kurzzeitig Pause. Hurricans oder Tsunamis sind hierzulande derzeit nicht sehr wahrscheinlich (es kann aber nicht schaden, den Wetterbericht entsprechend zu verfolgen, man kann ja nie wissen!), weshalb die deutsche Presse zumindest innenpolitische Stürmchen immer wieder dramatisch herbeischreiben muss. Angesichts solcher Lichtgestalten wie Martin Schulz („I’ll huff and I’ll puff and I’ll blow the AfD away!“ … frei nach den Drei kleinen Schweinchen) scheint das aber auch sehr verlockend. Quizfrage: Sind die Sozialdemokraten die Lehman Brothers der deutschen Politik? Die SPD hält sich ganz offensichtlich immer noch für too big to fail, wird aber schon bald ganz jämmerlich absaufen. Für die Rettung der Gebrüder Lehman war 2008 bekanntermaßen kein Steuergeld mehr übrig. Das Buch zur Stunde hieß damals „A Colossal Failure of Common Sense“ … ein freundlicher Lektüre-Tipp für Willy Brandts verpeilte Erben.

 

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Near, far, wherever you are …


Was ich der deutschen Gesellschaft gerne empfehlen würde: mehr Humor, mehr Selbstironie, mehr Lockerheit, mehr Klarheit, mehr Grips, mehr Freiheit, mehr wahre Anarchie, mehr Niels Ruf. Was diese Gesellschaft dagegen täglich am Fließband produziert: mehr Angst, mehr Filterblasen, mehr Moral-Apostel, mehr Krawallschachteln, mehr Empörte, Betroffene, Opfer, Depressive, Verklemmte, mehr Richter, Priester, Inquisitoren, Nazijäger, Stasi-Informanten, mehr Gouvernanten, Mami-Blogger und vegane Kuchenbäcker, mehr Hooligans, Reichskanzler, Sozialisten, Betonköpfe, Bekloppte jeder denkbaren Gestalt und Gesinnung. Das Land dreht durch, die Rettungsboote werden knapp. Popcorn anyone?

Deutsche Demokratische Republik

Am Ende dieser Woche, sehr verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger, haben wir alle etwas gelernt – und zwar, wie Narrative durchgepeitscht werden, multimedial, leicht verständlich und für alle zum mitschreiben. Alles, was Sie dazu brauchen, ist ein dicker Schädel, ein Talent zum kreativen Wording sowie die feste, unerschütterliche Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen. Mit diesen Fähigkeiten können Sie nicht verlieren, auf gar keinen Fall. Ob zu Tötungsdelikten, zum Wohnungsbau oder zu verfassungsrechtlichen Belangen – immer werden Sie mit spielerischer Sicherheit die korrekte Haltung einnehmen, werden Schuldige benennen und schmissige Buzzwörter anbieten können. Lassen Sie sich dabei aber nicht in unnötige staatsfeindliche „Debatten“ verwickeln. Und lassen Sie sich bitte auf gar keinen Fall einreden, Sie wären selbstgerecht, hätten das Demokratieverständnis eines FDJ-Funktionärs auf LSD oder gar eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Nein, bleiben Sie sich treu, aufrecht, das Ziel fest im Visier. Alles für die Sache! Sollten Sie dennoch unerwartet missverstanden, vom Klassenfeind übel verleumdet oder gar abgewählt werden, so können Sie immer noch ins chilenische Exil gehen. Venceremos!

Breaking News: Soeben wurde mir exklusiv ein Video zugespielt*, auf dem eindeutig der jugendliche Ralf Stegner zu erkennen ist, wie er im Kampf für Frieden und Demokratie die rechten Dämonen austreibt … And as long as he has teeth, he will bite you!

*Quelle: Antifaschistisches Aktionsbündnis „Mückenstich“

Punk’s not dead (Wippen gegen den Bürgerkrieg)

Wenn Gotham City brennt, kommt Batman angeflogen und sorgt für Ordnung. Wenn Chemnitz brennt, werden die Toten Hosen geschickt. Nachdem die Befriedung der Ostzone – erst mit Geld und Bananen, später mit strengen Ermahnungen, Hüpfburgen und Hashtags gegen #Rechts – nicht so richtig funktionieren wollte, wurde mal wieder das letzte Aufgebot in den Kampf geschickt: staatlich geförderte Berufsjugendliche, die das alte Spiel von Guter Punk vs. Böser Nazi aufführen. Dass das schon in meiner Jugendzeit nicht funktioniert hat, hindert weder den SPIEGEL noch die Altbier-Haubitze Campino daran, es auch den nachwachsenden Generationen weiterhin als Patentrezept zu verkaufen. Dabei war das, wofür „Punk“ in den späten 70er Jahren mal ca. fünf Minuten lang stand, also die größtmögliche Provokation gegen das Establishment, schon kurz darauf an die Nazi-Skinheads abgegeben. In der DDR der 80er Jahre sah das dann so aus: die vergleichsweise harmlos wirkende Punk-Szene war von staatlicher Seite natürlich nicht gern gesehen, galt als asozial und wurde umfangreich von der Stasi überwacht – aber es wurde immerhin über sie gesprochen. Progressive FDJ-Kader verstiegen sich auch schon mal zu der Aussage, dass es doch darauf ankäme, „was in den Köpfen der jungen Menschen sei, nicht oben drauf“ (schon damals wurde Punk teilweise nur noch als Frisur assoziiert). Rechte Skinheads wurden dagegen einfach totgeschwiegen. Nazi sein im Sozialismus, das war tabu, und somit die tatsächlich größtmögliche Provokation. Einige Jahre später wunderte sich SPEX-Redakteur Diedrich Diederichsen in seinem Text „The Kids Are Not Alrightdann schon gesamtdeutsch über die Umdeutung ehemals links besetzter Pop-Codes, z.B. darüber, dass rechte Jugendliche mit Malcolm-X-Basecaps herumliefen. Und heute, wo all die hübschen, einst fortschrittlich und emanzipatorisch gemeinten linken Projekte als sozialdemokratische Staatsdoktrin von oben herab gepredigt werden, flankiert von einem immer infantileren Emo-Neusprech (Liebe vs. Hass bzw. Herz vs. Hetze), da finden Subversion, Auflehnung und echte Opposition zwangsläufig nur noch rechts statt.

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Aber zurück zur heiteren Betrachtung der Zustände. Dass die deutsche Wiedervereinigung nicht so harmonisch verlaufen ist wie erhofft, liegt nämlich gar nicht an der Unbelehrbarkeit der Sachsen, sondern an einem Haufen Berliner Fledermäuse. Die hatten sich bis vor kurzem im Gewölbe unter der geplanten Einheitswippe am Schloßplatz eingenistet und so den Baustart des Denkmals verhindert. Ohne Wippe keine Einheit, das ist ja wohl klar. Zwar hat sich das Ding längst zu einem dieser überteuerten planerischen Running Gags entwickelt (siehe BER, Staatsoper etc.), dennoch ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters schwer optimistisch, dass die Wippe nun bald kommt. „Wenn wir es jetzt schnell hinbekommen, hätten wir das Denkmal zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit“. Dann endlich wird Frieden einkehren ins Land, dann kommen alle auf die Wippe, aus Ost und West, von links und rechts. Dann wird nicht mehr gehasst und gehetzt, sondern gewippt und gewuppt bis zum Ausgleich. Oder bis allen schlecht wird. Die Fledermäuse sind inzwischen übrigens umgesiedelt, die müssen sich das Elend dann nicht mehr anschauen.

Filtern im Jenseits

Zwanzig Jahre beim Morddezernat der New Yorker Polizei, Bruder, und du hast alles gesehen. Du hast erlebt, dass ein Wall-Street-Broker seine kleine Zuckerfee in Streifen schneidet, um klarzustellen, wem die Fernbedienung gehört, und dass ein unglücklich verliebter Rabbi Schluss zu machen beschließt, indem er seinen Bart mit Anthrax pudert und tief einatmet.

(Aus „Pure Anarchie“, Woody Allen, 2007)

Die Möglichkeiten, gewaltsam zu Tode zu kommen, sind so vielfältig wie unerfreulich. Fast ebenso vielfältig sind die Möglichkeiten, den Tod Anderer für die eigene Ideologie auszuschlachten. Wer beispielsweise von einem muslimischen Einwanderer am Geldautomaten erstochen wird, dem ist die posthume Solidarität nationalistischer Hooligan-Vereine sicher. Werden Sie dagegen erst in der darauffolgenden solidarischen Straßenschlacht von einem trauernden Neonazi ins Jenseits befördert, so wird sich ganz bestimmt die Antifa Ihrer annehmen, Ihr unsterbliches Antlitz auf T-Shirts drucken und in Ihrem Namen ewige Rache schwören. Sollten Sie stattdessen aber in dem ganzen Gerangel zufällig von einem Wasserwerfer der Polizei überrollt werden, so entscheidet der Facebook-Gerichtshof darüber, welche Seite Ihr Andenken übernehmen wird. Haben Sie in letzter Zeit das Urlaubsfoto der Tante eines AfD-Sympathisanten geliket? Oder vielleicht ein Kuchenrezept von Sophie Passmann? Denken Sie am besten jetzt schon darüber nach, wenn Sie Ihre Beerdigung planen. Wie auch immer Sie sich entscheiden, Ihr Tod wird nicht umsonst gewesen sein. *Herz-Emoji*

You are not Madonna, Girl!

Ich erinnere mich an den Sommer 2001. Es war kurz nach dem berühmten Coming Out von Klaus Wowereit und noch eine gefühlte Ewigkeit bis zum 11. September. Madonnas Drowned World Tour war in der Stadt, eine ganze Woche lang. Die Berliner Presse berichtete darüber wie über einen Staatsbesuch. So erfuhren wir unter anderem, dass das Kindermädchen der kleinen Lourdes in einem Bioladen in Mitte Karotten und Fenchel gekauft hatte. Karotten und Fenchel! Für Lourdes! In Mitte! Seitdem ist sämtliches Gemüse in diesem Bioladen gesegnet. When you call her name, its like a little prayer. In diesem Sinne: auf die Knie zum Gebet!

madonna_polaroid

Es hätte auch anders kommen können. Sie hätte auch einfach nur als Ex-Freundin von Jean-Michel Basquiat im Gedächtnis einer kleinen Kunstclique hängen bleiben können. Oder als DJ-Groupie, als eines von diesen frechen, lauten und schrill gekleideten Mädchen, die nachts die Danceteria unsicher machten und vom großen Durchbruch träumten. Sie wäre heute nur eine Ehemalige, eine Veteranin, die ab und zu in Kultursendungen der dritten Programme darüber berichten darf, wie das damals so war, Anfang der 80er Jahre in New York City, in der goldenen Ära des Materialismus, als ein gewisser Donald Trump zum König der Stadt aufstieg, während ihr der halbe Freundeskreis an AIDS wegstarb. Eine Randnotiz wäre sie, ein nostalgisches Polaroid, mehr wohl nicht. Stattdessen berichten heute andere Ehemalige darüber, wie das damals so war, als eine gewisse Madonna zur Königin der Welt aufstieg und die goldenen Ära des Materialismus besang. Rosanna Arquette hätte da z.B. ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen: Als sie 1984 mit den Dreharbeiten zu „Desperately Seeking Susan“ begann, war sie noch fest davon überzeugt, für eine Hauptrolle unterschrieben zu haben. Bei der Premiere im Frühjahr 1985 war daraus eine Nebenrolle und aus dem Film ein PR-Vehikel für ihre Kollegin geworden, die plötzlich berühmter war als sie (in der Zwischenzeit war „Like A Virgin“ erschienen und Andy Warhol saß in der Jury von Madonna-Look-alike-Wettbewerben). Madonna hat bisher noch jeden Film plattgewalzt, in dem sie mitwirkte. Meist im eher ungünstigen Sinne, hier aber stimmte alles: der Ort, die Zeit, die Rolle und die Cheez Doodles.

Mehr als drei Jahrzehnte sind seitdem vergangen. Kinder, wo ist die Zeit geblieben? Morgen wird Madonna stolze 60 Jahre alt. Vielleicht sollten wir uns einfach darüber freuen, dass es sie überhaupt noch gibt, nachdem so viele ihrer berühmten Kollegen von einst (Michael, Prince, Whitney, George und wie sie alle hießen) längst von der eigenen Drogensucht dahin gerafft wurden. Den Traum von ewiger Jugend und Fitness kann sie heute zwar nur noch mit der Hilfe von robusten Stützkorsetts und jeder Menge Botox weiterträumen, aber wer sind wir elendigen Kleinbürger schon, ihr das auszureden? Lasst uns lieber zu ihren Ehren in Strapsen auf dem großen Friedhof der Pop-Leichen tanzen, lasst uns dazu kabbalistische Räucherstäbchen anzünden, wilden Sex mit jungen Unterwäschemodels haben und nebenbei noch ein paar Waisenkinder aus Malawi adoptieren! Schlafen können wir schließlich auch noch, wenn wir tot sind.

Nein, das ist nicht Madonna, das Original gibt es hier.


Polaroid: Richard Corman, 1983

#MeWho?

Meine zwei Cent zur Causa Özil hatte ich bereits vor mehr als einem Jahr in weiser Voraussicht an dieser Stelle abgegeben, man nennt mich nicht umsonst das Medium der neuen Zeit (Sabine Sangitar, eat your heart out!). Was ich dagegen vom Phänomen des Hashtag-Aktivismus halte, hatte ich am Beispiel von Weinstein und Co. durchblicken lassen. Die Auslöser von #Metoo und #MeTwo waren die denkbar ungünstigsten – erst der Skandal um einen amerikanischen Filmproduzenten, der von der eigenen Branche nach Jahrzehnten der Komplizenschaft zum Abschuss freigegeben wurde, dann ein beleidigter deutscher Fußballmillionär und Erdogan-Fanboy. Wer die damit verknüpften Themen schon vorher nicht ernst nahm, durfte sich durch diese Konstellationen nun erst recht bestätigt fühlen. Wie hoch ist überhaupt die Zahl der Beteiligten an diesen immer wieder zu mächtigen gesellschaftlichen Debatten hochgeschriebenen Twitter-Battles? Und wie vielen geht das Ganze am Allerwertesten vorbei? Ich selbst bin jedenfalls nicht bereit, mich an einem identitären Opfer-Täter-Bullshit-Bingo zu beteiligen, das aus mir wahlweise ein CIS, PoC, LGBTTQ oder wasweißich für eine Abkürzung macht. Ähnlich geht es wohl auch der Amerikanerin Candace Owens, obwohl die gerade ihre eigene, ganz spezielle #MeTwo-Geschichte erzählen könnte. Frau Owens (deren Ansichten ich übrigens nicht unbedingt teile, anders als sie bin ich z.B. der Meinung, dass es in den USA durchaus rassistisch motivierte Polizeigewalt gibt) hat ein Problem: sie ist eine konservative Trump-Anhängerin, hat dafür aber offensichtlich die falsche Hautfarbe. Im Weltbild linker Identity Politics dürfte sie also gar nicht vorkommen, weshalb sie sich von dieser Seite dann auch immer wieder die üblichen Stempel und Beschimpfungen abholen darf, frei nach dem Motto: wer Opfer ist, das bestimmen wir! Das nimmt dann mitunter absurde Auswüchse an. So durfte sie sich gestern von einer Gruppe besonders aufgekratzter Aktivisten aus einem Café brüllen lassen. Die selben Leute, die immer wieder lautstark vor dem Aufkommen eines neuen Faschismus warnen, lauerten hier also einer Frau auf, weil die eine ihnen nicht genehme Meinung vertritt. Vor der Tür wurde Candace Owens dann von der ganzen munteren Truppe empfangen: weiße Studenten, rosa gefärbt, die eine schwarze Frau aus einem Laden jagen, „Fuck White Supremacy!“ kreischen und sich dabei mit Smartphones abfilmen. Das hätte sich nicht einmal Monty Python ausdenken können. Hashtag Klapsmühle.