Völker, hört die Signale …

„Dies war für den Aufstieg im Apparat ebenso entscheidend: sichtbar zu sein, so zu arbeiten, dass man immer wieder auffiel.“
(Robert Menasse, Die Hauptstadt)

„Wie wollen Sie in Erinnerung bleiben?“ durfte sich Mark Zuckerberg am Dienstag Abend fragen lassen. Oder noch intelligenter: „Ist es Zeit, den Stecker zu ziehen für Facebook?“ (O-Ton Gabi Zimmer – nicht sehr überraschend, die LINKE hat nun mal traditionell ein Faible für chinesische Lösungen). Um viertel vor Acht wurde dann zumindest der Stecker für Frau Zimmer und ihre Kollegen gezogen, dem Himmel sei’s gedankt, sonst hätte vielleicht noch jemand die Internationale angestimmt. Als Zuckerberg sich gestern von seinem PR-Termin in Brüssel verabschiedete, tat er das in der Gewissheit, dort mit der wohl größten Versammlung von Volltrotteln gesprochen zu haben, die ihm in seiner bisherigen Karriere begegnet ist. Ich dachte ja, ich hätte im Zusammenhang mit der medialen Sau namens „Datenskandal“ schon alles an Schwachsinn gehört, was es zu hören gibt. Irrtum, denn wenn das EU-Parlament auftritt, wird es erst richtig unterhaltsam. Ich fasse also noch mal zusammen: Das Geschäftsmodell der Firma Facebook besteht zwar praktisch seit ihrer Gründung im Verkauf von Nutzerdaten – politisch relevant wird das aber erst, wenn eben jene Nutzer anfangen, die falschen Parteien zu wählen. Denn daran muss schließlich irgendjemand Schuld sein, und die Politiker sind es nun ganz gewiss nicht. So wird dann ein Gratis-Schnatter-Portal zur größten Gefahr für unsere Demokratie erklärt, Pöbeleien werden zu Hate Speech und grober Unfug zu Fake News. Neue Begrifflichkeiten erfordern natürlich auch neue Gesetze und Regulierungen, et voilà, schon brummt der Apparat wieder auf Hochtouren. Eins ist klar: die Bürger müssen vor sich selbst beschützt werden … Auf zum letzten Gefecht!

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Deconstructing Meyerhoff

Mögen Sie es gerne drollig? Skurril? Augenzwinkernd? Oder wird Ihnen allein schon beim Lesen solcher Adjektive speiübel? Schon mal was von Joachim Meyerhoff gelesen? Ja, es geht schon wieder um Bücher, diesmal um die vermeintlich lustigen. Gerade erst habe ich diese kleine Video-Reihe mit Nicola Steiner und Philipp Tingler entdeckt. Ich kenne die beiden aus dem Schweizer Literaturclub, den Frau Steiner moderiert und in dem Tingler ab und zu als Gastkritiker Randale macht (u. a.  mit seinem pathologischen Hass auf Juli Zeh, der mittlerweile etwas redundant wirkt, mir aber immer noch sympathisch ist). Daumen hoch, mir gefällt das Format. Apropos drollig, Herr Tingler: T-Shirts mit ironischen Aufdrucken waren mal schwer in Mode, ich weiß – damals, als Sie und ich noch Mitte zwanzig waren und die entsprechende Figur hatten. Grüezi, Bro!

Adressat unbekannt

Am 11. Oktober 1999 habe ich zum ersten Mal bei Amazon eingekauft. Seitdem bin ich diesem kleinen sympathischen Familienunternehmen treu. Ja, mein Amazon-Account ist das älteste Kundenkonto, das ich noch immer unverändert und seit meiner Anmeldung mit dem selben Passwort nutze. Unzählige andere digitale Geschäftspartner kamen und gingen über die Jahre, Amazon blieb. In der Zwischenzeit ist Jeff Bezos, auch mit meiner Hilfe, zum reichsten Menschen dieses Planeten aufgestiegen und befreit nebenbei noch entführte Zwergschnauzer. What a Man!

Beim Stöbern in meinen alten Amazon-Listen bin ich auch auf ein Buch gestoßen, dass ich offenbar Ende 2000 bestellt habe: Adressat unbekannt von Kathrine Kressmann Taylor. Nun grübele ich. Alle anderen Einkäufe kann ich halbwegs zuordnen, nur diesen nicht. Ich besitze das Buch nicht, habe es nie gelesen und kann mich auch beim besten Willen nicht erinnern, wem ich es (sehr wahrscheinlich zu Weihnachten im Jahr 2000) geschenkt haben könnte. Sollte die oder der Beschenkte hier zufällig mitlesen, bitte ich um ein Lebenszeichen. Adressat unbekannt scheint mir jedenfalls ein ebenso knappes wie beeindruckendes Buch zu sein. Es geht darin um eine sich auflösende Freundschaft während der Zeit von Hitlers Machtübernahme, dokumentiert in einem Briefwechsel. „Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen“, wird Elke Heidenreich dazu zitiert. Meine Frage: Haben Sie sich selbst schon mal von einem guten Freund aus politischen Gründen entfremdet? Vielleicht gehen Sie auch nur auf Distanz zu alten Bekannten, weil die ständig bei Amazon einkaufen und Sie doch überzeugt davon sind, dass das nicht in Ordnung ist – wegen der Umwelt, den Rückenschmerzen der Lagerarbeiter, der Globalisierung und überhaupt? Dann ist dieses Buch wohlmöglich das Richtige für Sie. Ich mache hiermit jedenfalls aus meinem vergessenen Einkauf eine verspätete Literatur-Empfehlung für mich selbst und meine Leser. Sie dürfen es sich natürlich gerne auch direkt beim Verlag bestellen. Kunden, denen dieser Blog-Beitrag gefällt, mochten übrigens auch … (Bitte selbst ausfüllen!)

Another one bites the dust

Wussten Sie schon: Alle zwölf Minuten stirbt ein Blogger. Allein während der dreitägigen re:publica 2018 haben also rund 360 Blogger ins Gras gebissen. Langeweile, Depression, Datenstau oder einfach eine Überdosis Club-Mate – die Todesursachen sind vielfältig. Die Behörden ermitteln, die Politik ist besorgt und die Getränke sind alle. Ich selbst erfreue mich übrigens immer noch bester Gesundheit und werde wohl auch in Zukunft diesem als Konferenz getarnten Kindergeburtstag fernbleiben. Ich habe nämlich bereits vor Jahren meine sämtlichen Biodaten digitalisiert und bearbeite diesen Blog seitdem nur noch von der Datenwolke Sieben aus. Sicher ist sicher. Sollten Sie diesbezüglich Fragen, Anregungen oder Kommentare zum Thema Datenschutz haben, so wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an erzähl@mirnix.org. Nacktfotos bitte separat und nur verschlüsselt einsenden. Danke.

kingkong

 

Dufte! (Tabula Rasa in der Echokammer)

Gerade war er noch der Aufreger der Saison, schon ist er aussortiert, wegen mangelnder Nachfrage. Was soll man auch mit einem Preis anfangen, den niemand mehr haben will? „Die Marke Echo sei infolge der jüngsten Preisverleihung so stark beschädigt worden, dass „ein vollständiger Neuanfang notwendig sei, findet der BVMI“. Mit anderen Worten: der ganze Quatsch wird demnächst unter neuem Namen wiederauferstehen. Im Marketing nennt man so etwas Rebranding. Danach wird sicher alles besser, sauberer und transparenter werden. Die Liste der Nominierten wird jedes Jahr vom Ethikrat abgesegnet und auf dem Roten Teppich herrscht Kippa-Zwang. Alles wird gut, liebe Musikindustrie! Nehmen Sie sich ein Beispiel am deutschen Filmpreis: seit dem der vom „Bundesfilmpreis“ zur „Lola“ aufgewertet wurde, geht dort politisch korrekt die Post ab und die Oscars können einpacken. Ebenfalls skandalfrei, aber praktisch unbemerkt, verlief in dieser Woche die Verleihung der Duftstars 2018 – vielleicht auch, weil sich die Preisträger danach rechtzeitig genug verduftet haben. Gibt es einen Preis für die Pressemeldung der Woche? Mein Favorit wäre „Schlägerei nach Oralverkehr in der S-Bahn“, dicht gefolgt von den Nachrichten aus Korea und der Meldung, dass die Kanzlerin in Washington zu ihrem Cheeseburger einen Pinot Grigio bestellte. Es ist doch ein seltsamer Planet, auf dem wir leben.

Ein Krampf

Wie war das noch beim alten Weinstein? Je schneller die öffentliche Distanzierung, desto erfolgreicher verlief die Schadensbegrenzung. Was Hollywood sein #MeToo, ist der hiesigen Unterhaltungsbranche nun (nachdem die Akte Wedel ja nicht so richtig in Schwung kam) ihr #NichtMeinEcho. Und ja, ich glaube, ich habe gerade einen neuen Hashtag erfunden, Applaus! Wie gut sich die Verleihung dieses Musikpreises als Bühne für moralisches Schaulaufen eignet, konnte seinerzeit schon beim Eklat um die Gruppe Frei.Wild beobachtet werden. In diesem Jahr ging es also um ein paar erfolgreiche Proll-Rapper und ihre geschmacklose Reime. Wie schockierend oder antisemitisch man die findet, sei jedem selbst überlassen – verboten scheinen sie jedenfalls nicht zu sein, sonst würden sie sich in Deutschland wohl kaum so gut verkaufen. Dafür wird der Echo verliehen: für Verkaufszahlen, nicht für Intelligenz oder edle Gesinnung.

Ist der Parental Advisory-Sticker eigentlich noch im Einsatz? Ursprünglich als Warnung vor jugendgefährdenden Inhalten gedacht, erwies sich dieser schnell als verkaufsfördernde Maßnahme. Ähnlich wird das wohl auch bei der aktuellen Echo-Empörung funktionieren: Mit jedem Politiker, Pianisten oder Punk-Senioren, der sich jetzt öffentlich distanziert, klicken wieder ein paar Jugendliche mehr die Werke von Kollegah und seinen Kollegen an.

Parental_Advisory_label

Distanziert hat sich auch die Stadt Konstanz, und zwar von ihrem eigenen Theater. Dort wird an diesem Freitag, dem 20. April, Georges Taboris „Mein Kampf“ unter der Regie von Serdar Somuncu aufgeführt. Somuncu trägt gerne dick auf, das ist bekannt, diesmal vielleicht zu dick?

Verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer,

Die Aufführung von Mein Kampf beginnt schon mit dem Kartenkauf. Sie können sich entscheiden: Mit dem regulären Erwerb einer Eintrittskarte in der Kategorie ihrer Wahl bieten wir Ihnen an, im Theatersaal einen Davidstern als Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu tragen. Sie haben auch die Möglichkeit kostenlos ins Theater zu gehen: Für eine Freikarte erklären Sie sich bereit, im Theatersaal ein Hakenkreuz-Symbol zu tragen. Die Symbole erhalten Sie vor der Vorstellung am Einlass zum Zuschauerraum. Mit Verlassen des Zuschauerraums sind die Symbole abzugeben.

Die Bloggerin Jennifer Nathalie Pyka hat sich im Zusammenhang mit der Konstanzer Theaterpremiere einige interessante Gedanken zur deutschen Vergangenheitsbewältigung gemacht. Es ist der letzte Text, den ich lese, bevor ich das Büro verlasse. Ein sonniger Frühlingsabend. Ich laufe am Stelenfeld vorbei, in dem sich wie üblich Schulklassen aus aller Welt tummeln. Selfies werden gemacht. An der Ecke sehe ich ein gelbes Schild: „Hitler – wie konnte es geschehen?“, die Werbung für eine Ausstellung im Berlin Story Bunker. Ein Lautsprecher ist zu hören, eine Kundgebung. Am Brandenburger Tor schimpft jemand auf Israel. Alles wie immer.

Kill your Idols!

Oh, I’m so mad I’m getting old
It makes me reckless
(Adele, When we were young)

Nein, es geht hier nicht ums Älter werden, Gott bewahre! Worum geht es dann? Um Theater, ta-dah! Vorhang auf! Gestern wurde in der deutschen Presse feierlich des Attentates auf Rudi Dutschke vor fünfzig Jahren gedacht. Nicht ganz so lange ist es her, dass ich mit „Rocky Dutschke ’68“ mein Schlingensief’sches Erweckungserlebnis in der Berliner Volksbühne hatte. Ein Erweckungserlebnis? Das klingt pathetisch und ist wahrscheinlich maßlos übertrieben, aber auch ich stehe schließlich auf einer Art Bühne und muss darauf achten, dass meine Zuschauer nicht einschlafen. Ich habe immer noch das Programmheft von damals. Die Volksbühne war in den 90er Jahren ein zentraler Teil der Berliner Popkultur und ich war, so oft es ging, mit dabei. Sie haben in diesem Haus praktisch alles angestellt, außer es in die Luft zu sprengen. Ich erinnere mich daran, wie Christoph uns mit seinem Megaphon durch die Zuschauerränge jagte, wie Sophie Rois die Bühne zusammenbrüllte, wie die ehemalige Psychiatrie-Patientin Kerstin ihren erschütternden Monolog hielt zu einer Ballade von Michael Jackson oder wie Bernhard Schütz sich mit der ersten Reihe prügelte, blutige Nasen inklusive. Nie war ich von einer Aufführung so gut unterhalten und gleichzeitig mental durch den Fleischwolf gedreht worden. Vieles mischt sich wahrscheinlich auch mit Erinnerungen an andere Spektakel, an „Rosebud“ oder die „Schlacht um Europa“. Aber das ist egal. Ich muss damit aufhören. Ich wollte doch nie zu einem dieser ergrauten Berufsjugendlichen werden, die einem immer auf die Nerven gehen mit ihren Berichten von der wilden alten Zeit, damals in Woodstock, in New York, London, Westberlin, auf Ibiza oder dem Rosa-Luxemburg-Platz.

Das Ende der Volksbühne, wie wir sie kannten, hat mich letztes Jahr vollkommen kalt gelassen. Immerhin hielt diese Ära ganze 25 Jahre an, ein viertel Jahrhundert. Irgendwann ist alles zu Ende dekonstruiert, ausgekotzt und auf den Kopf gestellt. Es ist nicht so, dass ich jüngeren Generationen solche Erlebnisse nicht gönnen würde, aber diese waren nun mal leider an sehr spezifische Personen und einen Zeitgeist gebunden, der sich nicht ewig konservieren lässt. Die Party ist vorbei, die alten Helden sind tot oder entmystifiziert. Was bleibt, ist ein nostalgisches Kasperle-Theater, ein Spuk. Genau das war es, was Schlingensief uns damals mit seiner Dutschke-Performance vermitteln wollte.