Gucci 2020

Die kleinen Mädchen aus der Vorstadt tragen heute Nasenringe aus Phosphor
Die Lippen sind blau, die Haare grün, Steichholzetiketten am Ohr …
(Extrabreit, Hurra Hurra die Schule brennt, 1980)


Einbrechende Nachrichten aus der Welt der Mode: Lars Eidinger macht Werbung für Luxus-Taschen im ALDI-Design und irgendwelche Leute finden das geschmacklos. So las ich zumindest. Heutzutage werden ja schon drei mürrische Instagram-Kommentare zum Shitstorm hochgeschrieben. Tatü-Tataa, Tatü-Tataa, die Feuerwehr ist auch bald da … Wahrscheinlich war wieder gar nichts. Außerdem hatten wir das doch alles schon bis zum Abwinken: ALDI-Chic, Proleten-Chic, Obdachlosen-Chic, Heroin-Chic, Radical-Chic, künstlicher Dreck, Christiane-F-Glamour, Straßenstrich, RAF-Vintage-Versace-meets-Guerilla-meets-LIDL-meets-Kalaschnikow, Kotze mit Glitter dran für 10.000 Dollar. Was haben Menschen, die sich über so eine langweilige Armuts-Ästhetik angeblich noch aufregen, eigentlich in den 90ern und frühen 2000ern gemacht? Ach richtig, die waren da noch gar nicht geboren. Das vergesse ich manchmal.

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Dabei ging der Trend zum hippen Müll doch schon viel früher los, spätestens mit der alten Tante Punk. Über 40 Jahre ist das nun schon her. Sicherheitsnadeln, Plastiktüten, zerrupfte Lumpen, Opas Wehrmachts-Stiefel, ja sogar Hakenkreuze haben sie im Hause Westwood und McLaren damals getragen. Da würden die dauerempörten Hashtag-Hasis der Generation Z aber mal richtig Schnappatmung bekommen. Irgendwann war dann der Griff in die Altkleidersammlung der heißeste Fashion-Trend. Welcher Teenager mit Hang zur Exzentrik hat sich nicht ein Loch in den Bauch gefreut, wenn er auf Second-Hand-Märkten oder auf der Müllhalde nebenan ein Jacket aus den 50ern oder eine übergroße stinkende Fellmütze aus Stalingrad ergattern konnte! Die Lehrer und die Popper aus der Nachbarklasse rümpften die Nase und man selbst war wenigstens eine Woche lang die coolste Sau auf dem Schulhof. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis die großen Luxusmarken das Zeug nachbasteln würden. Alles schon dagewesen, alles durch. Es ist wirklich lächerlich, sich über so etwas noch aufzuregen. Man kann sich nicht mal mehr darüber lustig machen, denn diese zugekoksten Irren aus der Modeindustrie haben längst jeden Witz tausendmal durchgespielt und recycelt. Jeden Trend, jedes Jahrzehnt, jeden hotten Vintage-Mist, jede Unterhose und Zwangsjacke haben sie durch den Fleischwolf gedreht, mit Graffiti besprüht, Diamanten drauf geklebt und über den Laufsteg gejagt. Und jetzt? Jetzt kommt Alessandro Michele, der aktuelle Meister der internationalen Müllhalden, und lässt für Gucci einen Haufen androgyner Roboter um ein riesiges Pendel in Mailand marschieren … Das ist neu, das ist neu, Hurra Hurra die Schule brennt!

Same Same But Different

Kinder, ich fand Trumps Vorgänger ja auch sympathischer, aber die Liste der Drohnentoten unter Obamas Befehlsgewalt ist länger als das Miles-&-More-Konto von Luisa Neubauer. Das ist bekannt, oder? Egal, den #DrittenWeltkrieg gibt es natürlich nur unter dem bösen Donald. Und bevor der dann wirklich ausbricht, hat Ricky Gervais schon mal Hollywood bombardiert. Zum wiederholten Male durfte der britische Hofnarr den versammelten Botox-Visagen ihre Verlogenheit vor die Füße kotzen, sozusagen als Drohne des kleinen Mannes. Es ist längst ein Ritual, eine Art Ablasshandel für eine Branche, die sich gegenseitig tränenreich goldene Kugeln verleiht und so tut, als würde sie damit den Planeten retten. Ricky Gervais ist wahrscheinlich der einzige Grund, warum ihnen dabei überhaupt noch jemand zuschaut. Also lassen sie sich von ihm beschimpfen, lächeln professionell und ziehen weiter zu ihren VIP-Partys, während der gemeine Pöbel im Internet seinen Helden feiern darf. Eigentlich auch nichts neues, aber es ist 2020, also kreischen wir noch etwas hysterischer, drehen noch etwas schneller am Rad und lügen uns noch mehr gefühlte Wahrheiten in die Tasche. Das Jahr ist noch lang, da geht noch was.

How to be somebody in a century of nobodies

I have gazed into the abyss and the abyss has gazed into me.
And neither of us liked what we saw.
(Brother Theodore)

Haben Sie nicht auch langsam die Schnauze voll von all den nervtötenden Predigern des Guten, Wahren und Gerechten? Gehen sie Ihnen auch so auf die Nerven, diese selbstgerechten Nebelkrähen und bigotten Krawallschachteln, Oberlehrer, Pfaffen und Aktivisten, die tagein, tagaus die Kanäle mit ihren sinnlosen Mahnungen und Belehrungen verstopfen? Dann wird es jetzt wohl Zeit für den Auftritt von Bruder Theodor, dem einzigen Mahner und Propheten, dem Sie auf diesem lächerlichen Planeten noch ihr Ohr leihen sollten. Bruder Theodor spricht aus dem Grab zu Ihnen, denn seine sterbliche Hülle ist leider schon von uns gegangen. Seine Botschaft aber lebt weiter, sie kündet von düsteren Verschwörungen und Verschwurbelungen, von der Nutzlosigkeit menschlicher Existenz und von den Vorteilen, auf allen vieren zu laufen. Wenn Sie Bruder Theodor für einen Freak, eine Lachnummer oder eine tragische Gestalt halten, verkennen Sie sein dunkles Genie. Der Freak sind Sie selbst. Und der Bewusstseinsstrom, den Bruder Theodor Ihnen entgegen sprudelt, ist nichts anderes als Ihre eigene innere Stimme. Es ist der Wahnsinn, der Schwachsinn, Ihre wahre Natur, die Sie mühselig in Zaum zu halten versuchen. Ja, lachen Sie nur, Sie armer Irrer!

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„His appearance and demeanor are those of a frenzied Fuehrer … a magical messiah … a rabble rouser without a cause – unless his cause is to promote the power of negative thinking and the glorification of anguish and despair.“ (Village Voice, 1956)

Theodor Gottlieb, geboren 1906 als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Unternehmer-Familie in Düsseldorf, schleppte eine ebenso grausame wie bunte Biographie mit sich herum. Als Emigrant und einziger Holocaust-Überlebender seiner Familie erfand er sich in Amerika nach Jahren der Armut als Theater-Attraktion neu. In den 50er Jahren saß unter anderem ein junger Woody Allen im Publikum, wenn Brother Theodore seine bizarren und absurden Predigten auf den Off-Off-Bühnen des Greenwich Village hielt. Talkshow-Auftritte und kleinere Filmrollen verhalfen ihm später auch zu einer landesweiten Berühmtheit. Ich selbst stieß erst vor wenigen Jahren auf seinen Namen und seine Geschichte, den unendlichen Archiven des Internets sei’s gedankt. Wenn Sie für das Überleben im kommenden Jahrzehnt noch einen kleinen Motivations-Schub brauchen oder einfach nur eine langweilige Silvesterparty ein wenig aufmischen wollen, dann lernen Sie von dem großen Brother Theodore und sprechen Sie mir nun laut und deutlich nach: I’m a somebody in a century of nobodies, I’ve always known it, and now I said it, and now you know it too!


Zum Nachlesen und Nachhören:

Stand-Up Tragedy (Zum Tod von Brother Theodore, 2001)
To My Great Chagrin (Teaser zur gleichnamigen Dokumentation)
Quadrupedism (Zurück auf alle Viere!)
The Secret Noodle Ring in Minnesota (Auftritt bei David Letterman)

Play that funky Music Rammstein

Die Kunst des musikalischen Mashups besteht bekanntlich darin, populäre Songs unterschiedlichster Herkunft zu einem möglichst harmonischen Brei zusammenzurühren. Der überraschte Hörer erlebt dabei unerwartete rhythmische und melodische Gemeinsamkeiten. Das ist nichts für zarte Puristen-Seelen, aber genau das Richtige für mein dunkles hedonistisches Party-Herz. Sehr erfreut war ich daher, diese Perle entdeckt zu haben. Lieber DJ Cummerbund, Sie sind ein gottverdammtes Genie! Ich zitiere einen der Youtube-Kommentatoren: This is why the internet was invented …

Tatsächlich ist das Internet bis zum Rand gefüllt mit Mashups aller Art und Qualitäten. Beispiele gefällig? Nicht ganz so unterhaltsam wie Play that Funky Music Rammstein, aber eine hübsche Alternative zur aktuellen Weihnachtsbeschallung ist dieser Brei aus Marilyn Manson und Mariah Carey. Old School Madonna geht ja auch immer – z.B. mit nicht weniger als 15 anderen Popsongs zusammen ins Bett. Und kurz vorm Weltuntergang tanzen meine letzten drei Gehirnzellen ganz sicher zu diesem Prachtstück. Ach, Sie glauben, eine minderjährige Sandra mit Schulterpolstern verträgt sich nicht mit Kurt Cobain? Sie haben ja keine Ahnung, unter der Discokugel sind wir alle gleich. In diesem Sinne: Frohes Fest!

Alles Banane (Vermischtes)

Schon gehört? Auf der Art Basel Miami hat ein Künstler eine Banane an die Wand geklebt. Das Werk wurde für 120.000 Dollar verkauft. Ein anderer Künstler verspeiste daraufhin die Banane und erklärte dies spontan zu einem Happening – Publikum und Presse waren entzückt. Irgendwann hätte man das matschige Ding sowieso ersetzen müssen, nehme ich an. Wer eine Banane an der Wand für 120.000 Dollar kauft, ist ja weniger am Nährwert als am Marktwert der Frucht interessiert. Inzwischen hat jemand „Epstein didn’t kill himself“ an die Wand gepinselt. Was kommt danach? Ein mexikanischer Kinderchor, der „Ok, Boomer!“ singt? Kunst ist das, was Sie dazu erklären und entsprechend verkaufen können. So war es immer, so wird es immer sein. Alles andere ist Banane. Was gibt es zum Jahresende sonst noch interessantes anzumerken? Wer über vierzig ist und sich in Berlin mal wieder richtig alt fühlen will (Ok, Generation X), der geht früh morgens in den Magendoktor am S-Bahnhof Wedding. Dort trinken junge Hipster ironisch Bier und tanzen zu NDW-Hits aus der Jukebox, der Musik ihrer Eltern. Vielleicht eine Empfehlung für den nächsten Horrortrip des Pestarztes (falls er nicht schon längst dort gewesen ist), er hat sicher schon Schlimmeres erlebt. Ganz schlimm war aber offenbar das gesamte Jahr 2019. Vor allem in Deutschland herrschte große Not: Klimanotstand in Sindelfingen, Nazinotstand in Dresden, Wohnungsnotstand in Berlin und Dauernotstand bei der SPD. German Angst, next Level. Lesen Sie dazu den aktuellen Megaseller Der ganz große Bumms“. Wer jetzt immer noch nicht durchdreht, geht nicht mit der Zeit!

Beton

Sandton im Norden von Johannesburg gilt als „Africa’s Richest Square Mile“. Wirklich nachprüfen kann ich das nicht, denn ich kenne leider nicht jede Quadratmeile in Afrika. Was ich aber bestätigen kann: Irgendetwas boomt hier, etwas mit viel Geld. Die Glastürme und Luxushotels schießen aus dem Boden, fantasievoll und protzig. Hier wird geklotzt, nicht gekleckert. Sandton City, die Mega Mall im Zentrum wirbt mit dem Slogan „We are Sandton, we are globally yours!“ Das muss ich in meine E-Mail-Signatur übernehmen: globally yours. In den benachbarten Vororten wird zwar mittlerweile von allen Hautfarben, aber weiterhin hinter reichlich Mauern und Stacheldraht gewohnt. Jedes Grundstück seine eigene DDR, ein kleines Stammheim oder Guantanamo. Vielleicht ist es in Wirklichkeit die Alarmanlagen-Industrie, die dieser Gegend zu ihrem Wohlstand verholfen hat. Hinter den Mauern kläffen die Hunde, immer wieder sind Sirenen zu hören, in den meisten Fällen falscher Alarm, manchmal aber auch nicht. Lebensumstände. Komisches Wort. Hier und im fernen Kapstadt habe ich die letzten drei Wochen verbracht, und auf den Landstraßen und den Weingütern dazwischen. Das Reise- oder Food-Geblogge liegt mir aber nicht so sehr. Architektur schon eher, also ran an den Beton!

ZeitzMOCAA

Während Berlin weiterhin vor allem mit protestantischer Knast-Architektur zugebaut wird, ist man in anderen Teilen der Welt zum Glück etwas mutiger. Bleiben wir gleich in der schon erwähnten Boomtown Sandton. Dort wird mit dem Leonardo gerade das demnächst höchste Gebäude Südafrikas fertiggestellt. An der Seite wurde eine beleuchtete Nadel dran gepappt, um noch etwas mehr Höhe zu schinden. Man kennt solche Tricks vom Berliner Fernsehturm oder dem Burj Khalifa in Dubai. Das Leonardo ist architektonisch eigentlich gar nicht interessant, ich wollte es hier dennoch schon mal erwähnt haben, damit Sie dann nach der Eröffnung stolz verkünden können „Das habe ich doch letztes Jahr schon im Internet gelesen, ja, ja!“ Bereits in Betrieb und sehr beeindruckend anzuschauen sind dagegen die Türme der Kanzlei Norton Rose Fulbright, deren grafisch kreativ aufgebrezelte Fassaden wahrscheinlich in starkem Kontrast zu den drögen Tätigkeiten in ihrem Inneren stehen. Freunde der brutalistischen Bauweise sollten auf dem Weg nach Kapstadt unbedingt einen Abstecher zum Weingut Waterkloof machen. Um in dessen Restaurant die Aussicht auf den Ozean sowie die Kreationen des preisgekrönten Hipsterkochs zu genießen, muss man ausreichend Zeit und ein entsprechendes Budget einplanen. Aber auch von außen lohnt es sich. Glas und Beton – selten sieht man beide Materialien so puristisch und konsequent miteinander vereint. Die Landschaft tut ihr übriges. Eine noch interessantere Vereinigung lässt sich im neuen Zeitz MOCAA, dem Museum for Contemporary Art Africa mitten im Toutisten-Mekka von Kapstadt bewundern. Hier wurde ein riesiger ehemaliger Getreidesilo aufgebohrt und was sie daraus gemacht haben, ist atemberaubend. Das Atrium ist eine Mischung aus postmoderner Kathedrale, versteinertem Bienenstock und romulanischem Raumschiff. Das müssen Sie sehen. Also hören Sie auf zu kleckern und klotzen Sie sich mal wieder dorthin, wo die wahren Klötze dieser Welt stehen. Auf geht’s!


Abbildung: Im Untergschoss des Zeitz MOCAA, Quelle: Iwan Baan 

 

Ich habe 160.000 Menschen geseh’n, die sangen so schön …

Im Musikvideo war zuerst eine US-Flagge zu sehen, vielleicht war das der Fehler. Und dann dieser Refrain … Als Bruce Springsteen damals sein wütendes Lied über einen gescheiterten Vietnam-Veteranen veröffentlichte, schuf er damit eher unfreiwillig einen patriotischen Monsterhit, der die eigene Botschaft unter einem unwiderstehlichen Stampf-Rhythmus begrub. Und als die Jungs von Sandow ihr Born in the GDR als sarkastischen Kommentar zum Springsteen-Konzert 1988 in Weißensee rausrotzten, war es wohl auch unvermeidlich, dass die Nummer spätestens nach der Wende bei vielen als alternative Ost-Nationalhymne im Gedächtnis kleben blieb. Schrei den Leuten entgegen, wo sie geboren wurden, egal wie wütend oder wie spöttisch, und sie schreien zurück „Ja, das sind wir!“, auch wenn es gar nicht stimmt. Geboren, geboren, irgendwo sind wir geboren … Dagegen kommt man nicht an, erst recht nicht, wenn man solche Refrains schreibt. Selbst schuld. Am besten man ergibt sich der Masse, gibt ihnen, was sie zum Schreien, zum Stampfen und zum Fäuste recken braucht, legt noch eine Schippe oben drauf und peitscht sie richtig ein. Ich habe 160.000 Menschen geseh’n, die sangen so schön, so schön … Warum spielen Springsteen und Sandow nicht endlich gemeinsam in Berlin und schreien ihr Publikum auf die alten Tage noch mal so richtig in Grund und Boden? Als Zugabe tanzt dann David Hasselhoff mit Katarina Witt zu Dancing in the Dark.

AR-Penck_Zukunft

Hunderttausend Jahre Mauer weg, yeah – fällt mir dazu überhaupt noch etwas ein? Ja, das noch: Es war ein überraschend kurzer Fußmarsch über die Oberbaumbrücke. Ich wollte damals nur raus, zusammen mit allen anderen, die noch nicht abgehauen waren. Endlich das große unbekannte Disneyland mit eigenen Augen erleben, das eigentlich nur am anderen Ende der Straße lag, am gegenüberliegenden Ufer, und von dem meine Mutter immer meinte, dass das doch alles zusammengehöre und eines Tages auch wieder … Wirklich, Mutter, wirklich? Wie denn und wann denn? Und dann ging plötzlich alles wie von selbst. Zaun auf und einfach rüber auf die andere Seite gelaufen. Goodbye Genosse Oberstleutnant „Wir meinen es doch nur gut mit euch“ vom Ministry of Love, ich schaue jetzt selber mal nach. Ganz herzlichen Dank auch noch für euren schönen „Schutzwall“ und euren Scheiß „Klassenkampf“, war eine lehrreiche Erfahrung, ja wirklich, aber jetzt reicht es auch mal. Der Rest steht hier.


Abbildung: A. R. Penck, „Die Zukunft der Emigranten“, 1983