Zlatko

Schreib doch mal was über Promi Big Brother, nervt mich meine innere Stimme (wie die alkoholabhängige Pastewka-Agentin), scheiß auf’s Niveau, einfach mal rausholzen den ganzen Mist, dann stimmt auch wieder die Quote! Also bitte sehr: Zlatko ist wieder auferstanden und ich werde jetzt erklären (wie so eine Mate-abhängige Zeitgeist-Redakteuse mit Hipsterdutt), warum das, wenigstens restrospektiv-ironisch, sehr bedeutend ist. Oder auch nicht. Die erste Big-Brother-Staffel vor knapp 20 Jahren haben alle geschaut, selbst die Berliner Agenturblase. Ja, das war natürlich alles ganz furchtbar, so ein Trash, haha, wie kann man nur, aber haste die gesehen, alter Falter, Hilfe, noch mal fünf Sekt auf Eis hier auf halb acht, Luigi … bevor wa’s dem Insolvenzverwalter schenken, hahaha! Tatsächlich kann ich mich noch an Zlatko erinnern, den Quoten-Proll, der nicht wusste, wer Shakespeare ist. Mit so vielen Jahren Abstand erscheint es fast rührend, dass der mal als dümmster Mensch im deutschen Fernsehen galt. Zlatko könnte heute SPD-Vorsitzender werden, das würde niemand merken. Heute haben sich die Zlatkos und Veronas, die Ochsenknechts und Gina-Lisas längst in die Tausende multipliziert, weshalb vor jedes ihrer neuen Bums-Formate ein „Promi-“ geklebt werden muss, damit da überhaupt noch jemand zuschaut. Ich spare mir jetzt mal die übliche Litanei darüber, wie unprominent diese „Promis“ eigentlich sind. Natürlich kennt die niemand, es sei denn man glotzt 24 Stunden am Tag Bauer-Sucht-Zombie-Blas-den-Bachelor-am-Ballermann, und selbst dann hat man diese ganzen tätowierten Porno-Hackfressen doch gleich wieder vergessen. Aber, und das ist ein gewaltiges ABER, Hand auf’s Herz zum heiligen Schwur: wir haben doch alle unsere Guilty Pleasures, irgendeinen Müll, den wir gerne schauen, wenn das Hirn auf Sparflamme köchelt und wir nur noch möglichst schnell und fettig unterhalten werden wollen. Ich zum Beispiel schaue gerne mal auf TLC oder ähnlichen Reality-Kanälen Mein Leben mit 300 Kilo oder Man vs. Food (quasi als inhaltliche Symbiose), die Real Housewives im Internet, Germany’s Next Topfdeckel sowieso oder eine dieser Sendungen, in denen Putzfanatikerinnen mit Gummihandschuhen zugesiffte Messi-Höhlen reinigen müssen. Sollte die mal jemand alle zusammen in einen Container stopfen und die Kamera draufhalten, würde ich mir das wahrscheinlich auch anschauen. Was das nun alles mit Zlatko zu tun hat? Keine Ahnung. Lassen Sie mich doch in Ruhe und lesen Sie ein Shakespeare-Sonett (oder den neuesten Hit aus meiner Grabbelkiste) …

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Schrödingers Nachrichten

Wer mit Nachrichten sein Geld verdient, hat immer wieder die selbe hastige Entscheidung zu treffen: berichten oder nicht berichten? Die dpa bzw. der Nachrichten-Dealer eigener Wahl kippt einem unermüdlich frische dampfende Haufen auf den Schreibtisch, die es auszusieben gilt. Viel Zeit bleibt dafür nicht, weshalb 99 Prozent der Top-Meldungen, inkl. fertiger Textbausteine, sofort weitergereicht werden +++ Trump +++ Terror +++ Heidi Klum ++++ zack-zack-zack ++++ die Maschine will gefüttert werden. Übrig bleibt ein kleineres Häuflein an Vermischtem, Speziellem und Obskurem, aus dem das Meiste im Papierkorb oder landet oder an die Lokalredaktionen geht. Für den ganz heißen Scheiß werden noch flott ein paar Betroffene, Kommentatoren und Experten vor’s Mikrofon gezerrt, die Moderatoren ziehen an den entscheidenden Stellen die Mundwinkel nach unten oder nach oben, und fertig ist der aktuelle News-Salat, Ablaufdatum: fünf Minuten später. Sehr selten geschieht es aber, dass über eine Nachricht gleichzeitig berichtet und nicht berichtet wird. Dieses journalistische Kunststück hat nun der Deutschlandfunk geschafft: „Wir berichten, warum wir nicht berichten“. Über so viel feinfühlige Moral-Akrobatik freut sich bestimmt auch Susanne Wagner (48, aus Leipzig, zwei Kinder, Hilfsprojekt in Simbabwe … die kennen Sie ja schon). Und jetzt das Wetter.

Mutanten! (Warum ein Buch schreiben?)

Aus der unregelmäßigen Reihe „Bücher, die noch nicht erscheinen durften“ präsentiere ich Ihnen heute voller Stolz:

Cover

Im Erfinden von Buchtiteln (vor allem von ausgeborgten) bin ich ziemlich fix. Knackige erste Sätze* fallen mir leicht, letzte Sätze ebenso. Nur die paar hundert Seiten dazwischen bereiten mir noch Probleme. Ich sammle Ideen, Notizen, Zitate, ich kreiere Überschriften und Konzepte. Nur die Inhalte fehlen. Ich bin wohl zu zerstreut, mit einer Million Sachen auf einmal beschäftigt, mir fehlt die Ausdauer, ich schiebe auf, ich lebe, ich saufe, ich produziere CO2. Warum überhaupt ein Buch schreiben? Ich könnte doch auch einfach weiter das Internet volltexten anstatt über große Literatur zu fantasieren. Einsame Schubladen-Genies gibt es wahrlich genug. Aber ach, der Mensch braucht Herausforderungen, und zum Bergsteigen oder Schnapps brennen bin ich erst recht zu faul. Also zurück an die Tastatur, du Loser! Deutlich professioneller betreibt der Kollege Oliver Driesen vom Zeilensturm-Blog die Schreiberei, dem ich hiermit zur Veröffentlichung seines neuen Romans „Schalttagskind“ gratulieren möchte! Es sieht ganz so aus, als hätten sich die zehn Jahren beschwerlicher Ackerei, die er in dieses Buch investiert hat, gelohnt. „Auf meine Augen war immer Verlass“ – was kann nach so einem ersten Satz schon schiefgehen?


* „Diane von Fürstenberg staunte nicht schlecht, als sie eines schönen Morgens an genau der Stelle stand, wo sich tags zuvor noch ihr legendäres Büro in den New Yorker Himmel erhob, und nichts als einen gigantischen Haufen Asche vorfand.“ Diesen schönen ersten Satz schenke ich dem Herrn Driesen sowie dem Rest der schreibenden Menschheit. Sie dürfen daraus gerne einen ganzen Roman machen, ich selbst habe dafür keine Verwendung mehr. Eine kleine Widmung in meine Richtung wäre natürlich nett. Tatsächlich wird mein Opus Magnum nämlich mit dem Wort „Mutanten!“ beginnen, also freuen Sie sich schon mal mächtig drauf.

Waschtag

Im Waschsalon hat jemand ein englisch-russisches Wörterbuch neben einer angefangenen Packung Trocknertücher liegengelassen. Ich sehe dies als hilfreiche Fügung. Nein, meine Russischkenntnisse möchte ich gerade nicht auffrischen, aber ich muss jetzt unbedingt mal eines dieser dünnen Tücher der Marke Lenor Aprilfrisch ausprobieren, für mich eine Premiere. Also rein mit dem Teil in den Trockner – wenn das Universum Anweisungen erteilt, darf ich nicht lange zögern! Den Rest der Packung hinterlasse ich der schlecht duftenden Nachwelt, Sharing is caring, in mir schlummert vielleicht doch noch ein Kommunist, Дружба, товарищи! Die Wartezeit verbringe ich im Café nebenan. Keine zwei Minuten vergehen und es passiert, was passieren muss: eine lippengepiercte Ökoschlunze jenseits der vierzig führt direkt vor mir eine öffentliche Erziehungs-Performance auf. „Kilian-Alexander, wir hatten doch eine Vereinbarung!“ ruft sie ihrem etwa 2-jährigen Sohn energisch zu, der nur orientierunglos in die Gegend grinst. Welche Vereinbarung er offenbar gerade nicht eingehalten hat, ist weder mir als Zuschauer noch dem Kleinen selbst klar. Wer weiß, wie viele er schon eingehen musste, alle notariell beglaubigt und wahlweise mit Nabelschnurblut oder veganen Fingermalfarben unterschrieben, da kann man schon mal durcheinander kommen. Ich denke kurz darüber nach, der nervigen Mutter eines der aprilfrischen Trocknertücher in den Mund zu stopfen, da sehe ich ein Buch aus ihrem Rucksack ragen, „Schmerzen verstehen“, und schon tut sie mir wieder ein ganz klein wenig leid. Am Nachbartisch sitzen zwei Experten vom Typ gescheiteter Startup und reden unbeirrt über den nächsten Finanzcrash. Der wird uns wohl spätestens Ende 2020 in den Abgrund reißen. Vielleicht auch erst 2021 oder 2022, die Beiden sind sich noch nicht ganz einig. Auf jeden Fall stehen die Zwanziger Jahre wieder vor der Tür und wer schlau ist, investiert jetzt noch schnell in Gold, ausländische Währungen oder in ein Ticket für Elon Musks Weltraum-Taxi. Denn im All gibt es keine faulen Kredite und keine EZB. Noch nicht. Vielleicht wird Kilian-Alexander ja eines Tages Hedgefont-Manager auf dem Mars – das wäre doch eine schöne Alternative zu dem ihm vorgezeichneten Weg (Erasmus-Studium, Fair-Trade-Praktika, Ödipus-Komplex) … Der wertvollste Finanztipp, den ich je erhalten habe, lautete übrigens: Warum versuchen Sie etwas zu sparen, das andere jederzeit nachdrucken können? Kurz darauf sitze ich schon wieder daheim, schnuppere an meiner tatsächlich dezent frühlingsfrischen Wäsche, höre dazu Musik und kippe meine schmutzigen Gedanken ins Internet. Das ist hier ja auch nichts anderes als eine mentale Waschmaschine im permanenten Schleudergang.

Umvolkung 3000

Die Zeit läuft ab. Doch noch ist es nicht zu spät, noch können wir handeln. Die neue Ordnung hat sich nicht ausgezahlt, es gilt das schädliche System zu überwinden! Schon viel zu lange hat man uns mit falschen Versprechungen den Kopf verdreht, hat uns mit den Verlockungen eines besseren Lebens geblendet, mit goldenen Autos, supersoftem Klopapier, Plastikbrüsten und Pauschalreisen. Aber der faulige Pesthauch falscher Werte kann uns nicht mehr nähren, nein es macht uns ein Geschwätz nicht satt, es reicht! Jetzt nehmen wir unsere Zukunft in die eigenen Hände! Steht auf und wehrt euch, zieht den Trennungsstrich, jede Minute! Bildet Banden, kauft nicht beim Aldi! Der brüllende, stöhnende Schlachtabfall des Feindes gehört in den Sondermüll der Geschichte. Und wer den Müll nicht trennt, der brennt! Der Feind ist das Schwein und das Schwein muss sterben! Wir kennen jetzt kein Erbarmen mehr. Wir fackeln nicht mehr lange, wir fackeln ab! Es geht um unsere Kinder! Das Ziel ist klar: der Osten wird bis zum Jahr 2020 wieder wessifrei! Leipzig den Leipzigern, Prenzlauer Berg den Prenzlauern! Das ist wahrer Umweltschutz! Zu den Kettensägen, Genossen!

 

Tropicalismo (É Proibido Proíbír)

Heute brennt die Sonne ganz erbarmungslos, in der Hölle ist die Hitze halb so groß! Diese Zeilen habe ich mir aus dem schaurig-schönen DDR-Musikfilm „Heißer Sommer“ geborgt. Wenn’s passt, dann passt’s. Vor knapp 30 Jahren, um die Wendezeit herum, ritt der Film auf der ersten großen Ostalgie-Welle durchs Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz. Es gab dort damals diese Kult-Vorführungen a’la Rocky Horror Picture Show, die Leute rasteten aus, sangen mit und schmissen Dederon-Badehosen auf die Leinwand – so wurde es mir zumindest erzählt, denn selbst war ich nie dabei. Kurz nach dem Mauerfall stand mir noch nicht der Sinn nach DDR-Kitsch. Für einen Kultur-hungrigen Heranwachsenden gab es in dieser Zeit einiges in der Welt zu entdecken – Frank Schöbel und Chris Doerk beim Gummi-Twist an der Ostsee gehörten für mich nicht unbedingt dazu. Heute aber ist der Abstand groß genug, und wie gesagt: wenn’s passt, dann passt’s. 

 

swim-trunks

Zum Einstieg in den Berliner Tropensommer habe ich mir gestern Abend Caetano Veloso im Tempodrom angeschaut. Der Altmeister des Tropicalismo ist derzeit mit seinen drei Söhnen auf Tournee. Ein sehr schönes Konzert war das, mit genau der richtigen Mischung aus Poesie, Entspannung und südamerikanischer Party-Stimmung (mit Badehosen wurde nicht geworfen). Auch wenn es auf der Bühne nicht wirklich Thema war, ist die Politik seines Heimatlandes von der Biographie Caetano Velosos nicht zu trennen. Sein Lied É Proibido Proíbír (Es ist verboten, zu verbieten) führte 1968 dazu, dass er zusammen mit Gilberto Gil inhaftiert wurde und später für einige Jahre ins Exil ging. Die aktuelle politische Situation in Brasilien bereitet Veloso also verständlicherweise auch entsprechende Sorgen. Und ich denke daran, dass hier mittlerweile ein Teil des Landes mal wieder vom Sozialismus träumt (die wievielte Ostalgie-Welle wäre das jetzt?), ein anderer Teil vom Nationalsozialismus und daran, wie die grüne Mitte den Weltuntergang immer hitziger von der Kanzel predigt. Mit Verboten würden die alle gerne arbeiten. Die neue, gerechte Welt soll möglichst streng herbei reguliert werden. So sieht er dann wohl aus, der Sommer 2019: alle bekloppt, zu viel Dampf unter der Mütze. Ja, in der Hölle ist die Hitze halb so groß! Das liegt wohl leider nicht nur am Wetter. Es wird Zeit, die Koffer zu packen.

Nein, ich möchte Ihre Vagina jetzt nicht sehen!

Auf dem evangelischen Kirchentag gab es einen Vulven-Mal-Workshop, der für reichlich Wirbel bzw. Spott sorgte. Den christlichen Malerinnen wurde sozusagen die Scham geshamet. Ulf Poschardt findet das nicht gut, also das Geshame, denn das begleitende Zitat „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ sei doch ein wunderbarer Satz. Poschardt mag eigentlich alles, in dem das Wort „Freiheit“ vorkommt, vielleicht findet er aber auch einfach nur Vaginas wunderbar, oder Christus, das sei ihm gegönnt. Muschis für Jesus! Auch ich bin ein Freund der Freiheit, aber die eigenen Geschlechtsteile kann man ruhig mal für sich behalten. Mit anderen Worten: Nein, ich möchte Ihre Vagina jetzt nicht sehen, Schwester, weder live noch gemalt, lassen Sie’s mal gut sein. Zeitgleich werde ich medial auch immer öfter mit weiblichen Ausscheidungen konfrontiert, denn, so hört man, Tampons seien viel zu hoch besteuert, die Menstruation ist schließlich kein Luxus. Vielleicht habe ich ja etwas verpasst. Gab es in letzter Zeit eine Art Gender-Untenrum-Gap, also ein Überangebot an öffentlicher Penis-Kunst oder aggressive Forderungen nach billigeren Kondomen? Verhütung ist nämlich auch kein Luxus, ohne macht es deutlich mehr Spaß, glauben Sie mir. Ist die aktuelle Vulven-Attacke also nur eine fällige Ausgleichsmaßnahme in Sinne der Geschlechter-Gerechtigkeit? Falls ja, dann wären ja jetzt wieder die Herren am Zuge. Ich mache schon mal Vorschläge: